Die Ostsee hat sich dieses Jahr bislang nicht als Glücksfall fürs deutsche Kino erwiesen. Von „Poll“ über „Das Blaue vom Himmel“ bis jetzt „4 Tage im Mai“: immer die schönen Bilder, die deutschen Filmer können sich am Strand und den Dünen offenbar nicht satt sehen und vergessen prompt und konsequent, wie man eine Geschichte im Kino spannend erzählen sollte (meine alte Leier ich weiß, aber vielleicht kapiert es irgendwann doch wer). Sie berauschen sich an der Ostsee, hängen Kriegszeiten nach, vergessen prompt den Zuschauer.
Hier geht’s um einen 13 jährigen Jungen und um ein Waisenhaus mit zwei oder drei Frauen, die sich um ein gutes Dutzend Waisenmädchen kümmern und um einen kleinen sowjetischen Trupp, der sich im Waisenhaus verschanzt und um eine größere Wehrmachtseinheit, die am Strand hockt und um den Versuch nach Dänemark überzusetzen und um vier Tage im Mai vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Junge, der wechselt zwischen allen Seiten hin und her, denn er will den Sieg der Deutschen. Nun, das ist alles ein bisschen viel. Vielleicht ist die Frage leichter zu beantworten, worum geht es hier nicht, via Negationis villeicht die Frage auf die Antwort zu finden, worum es hier gehe. Es geht vielleicht um eine Gesamtsituation, um eine viertägige Gesamtsituation kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges. Worum es auf keinen Fall gehen kann, das sind die Mädchen vom Waisenhaus, denn die spielen praktisch, nun, nicht mal eine Statistenrolle, sie spielen eine Dekorationsrolle um den Begriff Waisenhaus zu illustrieren.
Worum geht es denn oder was passiert in dem Film?
Der 8. Mai 1945 ist das Datum des Endes des Zweiten Weltkrieges. Mit diesem Datum fängt der Film an. Menschen sind mit Karren und vielen Dingen an einem Ostsee-Strand. Ein Schiff wartet darauf, sie aufzunehmen. Schnitt. 4 Tage zuvor. Über diese vier Tage will der Film nun und über diesen Ort berichten. Über die vier Tage vorm Ende des Zweiten Weltkrieges. Der Regisseur Achim von Borries, der auch der Autor ist, möchte diese vier Tage benutzen, um mittels der erwähnten Menschengruppierungen also des Knaben, der Waisenhausfrauen und der Mädchen, der sowjetischen Soldaten und der Wehrmachtsmänner aufzuzeigen, uns die Message zukommen zu lassen, dass es sich hier bei allen um Menschen handelt. Menschen mit kleinen Sehnsüchten. Denn oft wird im Dialog die Frage aufgeworfen, was man nach dem Krieg vorhabe. Menschen aber auch, die uns hier ein bisschen einen Krieg vorspielen in Uniformen und auch mal mit einer Schießerei, wie es die Amerikaner inzwischen in speziell dafür eingerichteten Freizeitcamps machen. Das ist jedenfalls meine Vermutung. Durch die viele Natur, und da der Regisseur die Menschen relaxt und nicht verbissen und bis auf den Tod kämpfen zeigt, entsteht in dem Film eine angenehme Freizeitstimmung, denn wenn der Tod kommt, dann kommt er schnell.
Es wird nicht klar, warum man sich als heutiger Mensch diesen Film anschauen soll.
Es fängt mit den ersten Bildern hoffnungsvoll an. Hat das deutsche Kino vielleicht gelernt, denke ich mir. Kann es sich endlich herablassen, sich auf eine Hauptfigur zu einigen, statt wie häufig zu stolz dazu zu sein und lieber mit einer illustrierten Thematisierung den Flop an der Kasse in Kauf zu nehmen, statt eine Hauptfigur zu etablieren, mit der man Empathie empfinden könnte und also die Geschichte aus dieser Perspektive, aber auch aus dieser Dringlichkeit, der Überlebensdringlichkeit der Figur heraus zu erzählen und damit die Message quasi subkutan dem Zuschauer zu verabreichen. So dass sie möglicherweise jucken wird. So jedenfalls juckt sie nicht.
Der Junge, der könnte was hergeben für so eine Hauptfigur. Aus seiner Perspektive erzählt, wie er hin- und hergerissen ist zwischen deutschem Patriotismus (er spricht einwandfreies Hannoveraner-Synchron-Hochdeutsch), aus seiner Perspektive zu vermitteln, dass alle Soldaten nur Menschen sind, die doch gar nicht das Böse wollen. Das wäre allerdings viel Drehbucharbeit und unendlich viel Drehbuchschweiß gewesen, den Stoff daraufhin zu bearbeiten und zu prüfen. Verdammt viel und langwierige Drehbucharbeit. Diese ganzen Sichtweisen des Jungen zu transportieren, die Figuren drum herum aus seiner Sicht zu sehen und agieren zu lassen. Es wäre eben besonders viel Arbeit gewesen, um nicht in irgend ein rührseliges Klischee zu verfallen, sondern Krieg frisch, aus frischen, unverdorbenen Kinderaugen, einen Kriegen in den letzten Zügen noch dazu, zu beschreiben, um es auch heute unter die Haut gehen zu lassen.
Achim von Borries hat sich statt dessen dafür entschieden, eine Reihenfolge von schönen Bildern eines Abenteuerurlaubes an der Ostsee in Kriegskostümen zu einem Film zusammenzuschneiden oder eher noch: an einer sehr locker gespannten Wäscheleine nebeneinander aufzuhängen. Eines dieser Bilder, eine dieser Szenen zeigt zum Beispiel den Soldaten Trubizin schön Klavier spielen, Schumann für Anna. Eine ad hoc, eine offenbar zu diesem Behufe inszenierte Szene, ohne jeden Geschichtszusammenhang.
Die kleine Vorgeschichte zwischen 8. Mai 1945, 4 Tage zuvor und dem Titel „4 Tage im Mai“, die geht von dem Jungen aus, der das Militär beobachtet, allerdings hat man über ihn nicht die leiseste Info, wer er ist, woher er kommt, wieso und warum er da ist, worunter er leidet, was sein Problem sei. Nichts ist geklärt. Er beobachtet aus dem Gebüsch, aus dem Versteck die Soldaten, schnappt sich von einem Toten die Militärjacke und das Gewehr und die Mütze. Dann taucht er im Waisenhaus auf, wie die Sowjet-Truppe dieses requirieren will. Er vertritt die deutsche Position, aber das ist irgendwie schon lächerlich, weil man nicht weiß wieso und was er sich davon verspricht. Die Sowjets überwältigen ihn. Er sagt, er sei Soldat, übrigens ist er bilingue, spricht das erwähnte Hannoveraner Deutsch und ein angelerntes Russisch. Er bekommt eine Ohrfeige und ihr Knall lockt den Filmtitel herbei. Titel auf Knall. Dann kommen Panzerkolonnen wie bei einer Demo im Militärmuseum.
Es folgen Szenen von hüben und drüben ohne großen Handlungszusammenhang, im Grunde ist die Szenerie statisch, denn die einen haben sich verschanzt und die anderen wollen nicht so richtig kämpfen, nur der Bub, der will noch den Endsieg.
Der Bub jedenfalls entwickelt sich zum Doppelagenten. Aber das wird nicht mehr aus seiner Perspektive erzählt. Das hat dann mehr was von einem Storyboard-Entwurf vielleicht. Er informiert die Deutschen über die Pläne der Russen. Freundet sich an mit dem russischen Hauptmann. Das bleibt aber alles fotoalbumhaft und im Grunde bräuchte man eine Erzählerstimme, die uns mehr über den Jungen verrät. So aber, als privatistisches Fotoalbum präsentiert, ist die Gefahr, dass das Zuschauerinteresse abdriftet, einfach zu groß. Spannung kann man nur aus einem Bogen erzeugen.
Der Junge beobachtet einen russischen Soldaten auf dem Dachboden, wie er Anna küsst. Der Soldat wird dann, das ist auch komisch abstrakt, vor ein Militärgericht gestellt. Wegen Vergewaltigung.
Es gibt Szenen mit dem Klavierspiel (ja, ja, auch Soldaten sind Menschen und dieser spielt Tschaikowsky und war am Konservatorium, er war ein künstlerischer Mensch, der noch dazu beim Klavierspielen Cigaretten raucht – dicker Auftragen geht nicht für die Sonntagsmatinee-Message, dass Soldaten Menschen sind). Es gibt auch Szenen, wo die Frauen vom Waisenhaus den Militärmännern die Wäsche machen (ja, ja, auch Frauen sind Menschen, die Botschaft hören wir nicht zum ersten Mal). Zu solch erfundenen Szenen, weil sie nicht in einem Handlungs- und Spannungszusammenhang stehen, man könnte die Soldaten genau so gut beim Latrinenbau zeigen, was soll man da auch für sinnige Texte dazu erfinden? Hier sind es jedenfalls keine, die man sich merken kann; sie schildern den Alltag des Wäschewaschens. In für unsereins nicht ganz alltäglicher Umgebung.
Es gibt eine Szene vom Jungen mit Anna am Wasser. Da geht es ums Ausziehen, er mustert sie in ihrer Unterwäsche. Dann liegen sie im Gras. Mei, so ganz ohne Handlungszusammenhang ist das, zwar schön schon, nicht aber sehr ergiebig. Die Soldaten schicken ihn zum Fischen. Soll da Nebenkriegspoesie erzeugt werden?
Sätze: Ich kann vielleicht helfen, Herr Oberstleutnant.
Deine Meldung wäre wichtig, Junge, lass Dich nicht erwischen.
Wenzel, das Boot kann kommen.
Ein Vater hat keinen Einfluss auf das Schicksal (wie der Sohn stirbt).
Er ist ein Mann, Du nicht.
He Junge, was war los
Die haben unser Boot zerstört.
Warum habt Ihr nicht angegriffen.
Los raus hier, bevor die Russen wieder kommen.
Mir kommt dieser Film vor wie das boutiquenschöne Produkt eines weltfremden künstlerisch-intellektuellen Romantizismus, der sich vor der Folie des Grauens des Krieges zu formulieren versucht. (wobei das Wort weltfremd auch hinsichtlich der Realitäten des Kinomarktes gelten dürfte).