Ein Autoritratto, ein Selbstportrait des Filmers und Schauspielers Gianni di Gregorio in Form eines liebenswürdigen Filmes über Gianni und die Frauen. Die erste Frau im Leben eines Mannes ist seine Mutter. Die wird hier gespielt, wie schon im „Festmahl im August“, dem vorherigen Film von Gianni di Gregorio, von Valeria di Franciscis. Sie hat so ein zerfurchtes Gesicht, dass sie wirklich weit im Greisenalter sich befinden muss. Aber sie trägt das überhaupt nicht als Leiden vor sich her. Sie hockt fest im Sattel, wenn man so will oder in ihrer Villa und sie hat ihren Sohn, der selber schon im Rentenalter ist, fest im Griff. Dank der segensreichen Erfindung des Handys.
Die Story selbst ist nur vordergründig wichtig und wird quasi zur Lokalisierung des Geschehens leicht anskizziert. Denn für ein Selbstportrait ist die Story nicht so wichtig. Es fängt aber als Story an. Gianni ist mit seinem Freund Alfonso beim Advokaten und will, dass die Mutter ein Dokument unterschreibt, was das Erbe für ihn, den Sohn, sichern soll, ihm den Zugriff darauf ermöglichen. Man könnte nicht sagen, dass es sich um eine Entmüdigung handelt, aber so eine Vorstufe davon scheint mir das zu sein, was hier abläuft. Doch der gute Sohn, der von der Mutter vielleicht ein klein wenig in Richtung Trottel erzogen worden ist, hat sich gründlich verrechnet.
Die Familie wurde bereits im „Festmahl im August“ vorgestellt, Gianni war da schon der Sohn derselben Mutter. Aber ich würde nicht sagen, dass diese Geschichte hier fortgeschrieben wird. Die Mamma wohnt diesmal sehr reich. Und sie hat eine Betreuerin beschäftigt, die bald schon ihre eigene Familie aus dem Osten nachziehen will.
Zurück zum Notar-Termin. Mama riecht den Braten und unterschreibt nicht. Furchtbare Pleite für den Sohnemann. Dafür wird er von seinem Freund auch noch gescholten. Er darf Mama wieder nachhause fahren. Dort hält sie gerne mit einer kleinen Runde von wundervollen alten Damen Spielnachmittage ab.
In einer Szene erzählt die Hilfe dem Gianni treuherzig, wie die alte Dame sie gut behandelt und den Lohn tüchtig erhöht hat, wie sie ihr teure Klamotten kauft. Gianni sieht seine Felle davonschwimmen.
Der Porträtierte ist, man könnte direkt von einem fein ironischen Selbstporträt sprechen, ein Mann, der nicht zum Handeln kommt. Der den Frauen sofort anheim fällt. Er zeichnet sich selbst als umgeben von einer Frauensammlung à la Fellini im Miniformat. Er ist verheiratet. Er hat eine gerade erwachsene Tochter. Er bandelt mit der Tochter von Lilia, einer der Freundinnen seiner Mutter an und zwar, weil die Mutter ihn gebeten hat, Lilia nach Hause zu fahren. Dort hat er deren Tochter Gabriella getroffen und ein Date verabredet. Gabriella ist auch nicht mehr ganz jung, übt nichtsdestotrotz unverdrossen das Singen. Wie Gianni zum Date erscheint, hat sie gerade ihren Korrepetitor bei sich, einen gut aussehenden jungen Mann. Gianni muss sich gedulden.
Auf der Straße dreht Gianni sich nach jedem Weibsbild um. Aber er wird von den Frauen wiederum nur benutzt. Seine Mutter ruft zu jeder Tag- und Nachtzeit an, es sei „una cosa grave“, eine schwerwiegende Sache passiert und er müsse sofort kommen. So kann er es bei keiner Frau genießen, selbst wenn er nicht ans Handy ran geht oder dieses sogar abstellt. Einmal, weil er sich gerade wieder verliebt hat, hat er sich einen neuen Anzug gekauft. Oder er und sein Kumpel Alfonso haben sich von zwei Blondinen anlachen lassen. Alfonso schneidet bei denen auf, Gianni hätte ein Weingut mit biologischem Wein. 270 Euro kostet ihn das Essen mit den beiden Damen und sie verabschieden sich artig. Gianni ist kein Weiberheld, eher ein Weibertrottel. Er ist ein vollkommen unpolitischer Mensch. Er hat seine Rente und hofft auf das Erbe der Mutter, solange zumindest, bis sie ihm sagt, sie habe jetzt ihr Haus verkauft für einen wohltätigen Zweck. Nicht mal zum Erben taugt Gianni.
Sein Töchterlein heißt Teresa und hat einen hübschen Liebhaber Michelangelo. Papa ist nicht erbaut, dass er bei ihr übernachtet. Was man sich selbst gerne gönnt, muss man anderen nicht unbedingt auch gönnen.
Oft sieht man Gianni einfach irgendwo sitzen und nachdenken; dann erweckt er den Eindruck, dass er selbst über sich verwundert sei und eigentlich nicht so recht wisse, wie ihm geschehe. Sein Töchterchen Teresa ist „il tesoro mio“, sein Schatz. Aber die Szenen mit ihr zeigen nicht unbedingt große väterliche Zuneigung.
Gianni hat nur die Frauen im Kopf. Die Frauen sind in seinem Kopf. Sie sitzen in seinem Kopf. Manchmal hat er Kopfweh.
Dann gibt’s noch die Nachbarin Christina, deren großen Hund er mit seinem kleinen Hund spazieren führt und die er auch herzlich umarmt. Dazu einige ko-illustrierende Männerfiguren, es gibt den Aufschneidertypen mit dem breitkrempigen Hut und dem toupierten weißen Pudel, über den er sich erst amüsiert und am Schluss vom Film ist er so weit, dass er es zulässt, dass dieser sich neben ihn auf die Bank setzt. Für Gianni eine ziemlich revolutionäre Entwicklung. Oder die drei Rentner, die immer auf den Stühlen auf dem Gehweg sitzen, über die Gianni auch nur lästert und am Schluss setzt er sich dazu. Oder Maurizio, der in seinem blauen Trainingsanzug die Sportlichkeit mimt.
So scheint sich bei Gianni im Laufe des Filmes die Erkenntnis durchzusetzen, dass er auch nicht mehr und besser sei, als jene Männer, die auf den Stühlen vor den Häusern dämmern. Nun, nicht ganz, denn wie er bei Valeria kochen soll und feststellt, wie vernachlässigt dieser Haushalt ist und wie sich nichts Brauchbares in Küche und Kühlschrank findet, kann er nicht umhin festzustellen, Kochen, das könne er. Leider mag Mamma keine „Melanzane“, keine Auberginen.