Buchtipp: Der Wildbach Toni

Der Wildbach Toni ist ein ganz ein zacher Hund. Geboren in einem kalten Wildbach in den Bergen, musste er sich sein Leben lang gegen die unbarmherzige Natur behaupten. Und weil er das bis jetzt auch geschafft hat, hat er natürlich das Recht, uns Stodterern zu stecken, dass er was kann und wir nicht. Auch wenn er gern a bisserl übertreibt, der Toni.

Bekannt ist der Toni zumindest den Titanic-Fans, denn er hat jede Menge Überlebenstipps für die Berge als eine Serie von Videos bereitgestellt. Diese gibt’s gesammelt auch bei der Süddeutschen Zeitung, hier die erste Folge. Auch über Tonis ureigenste Webseite wildbachtoni.de lassen sich die Filme finden, leider aber nur auf Sevenload, was sehr unübersichtlich ist. Bei YouTube gibt’s die Folgen ebenso, denn hier lässt Titanic Videos hosten. [Ich glaube, ich mal mal ’ne Playlist, das ist ja schrecklich unübersichtlich so.]

Und jetzt hat der Toni ein Buch geschrieben. Darin erzählt er, wie sein Heimatdorf in den Bergen (irgendwo zwischen Watzmann und Garmisch gelegen) beinahe in eine schlimme Katastrophe geschlittert wäre, und wie er selbst, zusammen mit einigen ungewöhnlichen Helfern, diese Katastrophe heldenhaft abwenden konnte. Und übertreibt natürlich kein bisschen dabei.

Der Wildbach Toni ist eine fiktive Gestalt aus dem Kopf von Moses Wolff, einem nicht unbekannten Münchner Kabarettisten und Künstler. Mit jeder Menge Herz hat sein Erfinder den Toni ausgestattet, einem absolut ungetrübten Selbstbewusstsein, mit Abenteuerlust, normaler Lust und natürlich der Liebe zu unseren schönen Bergen und der dort traditionellen, langsamen, bedachten Lebensweise, eingebettet in wunderbare Traditionen, aber mit genug Raum für lauter kleine Schelmereien.

Der Roman dreht sich darum, dass das glücksbringende Zacherl, eine antike Fahne, vom Dorfplatz entwendet wurde. Seit nun fast einem Jahr hängt der Dorfsegen schief, die Leute sind weit aggressiver und angespannter als sonst. Der Toni arbeitet als Bergführer, seine aktuelle Gruppe ist nur vier Mann stark, und die Kirchweih steht an. Wenn zu dieser das Zacherl nicht wieder aufgetaucht ist, und dennoch jede Menge Gäste und Händler ins Dorf kommen, wird es kein gutes Ende nehmen. Doch da das Zacherl schon so lange verschwunden ist, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich noch neue Spuren auftun. Der Wildbach Toni und die anderen Dorfbewohner können also nicht anders, als darauf zu hoffen, dass ein Wunder geschieht.

Stilistisch ist der Roman in simpler Umgangssprache gehalten. Besonders urig finde ich, dass der Autor entschieden hat, den halb tirolerischen, halb bairischen Dialekt, der in diesem fiktiven Dorf gesprochen wird, auch so niederzuschreiben. „Seas“ für „Servus“, „zwider“ für „zornig“ (zuwider) und jede Menge anderer Ausdrücke finden sich im Text, und wer nicht in Bayern aufgewachsen ist, findet Übersetzungen für die arg unverständlichen Formulierungen in jeder Menge Fußnoten. Diese erklären zwar den Sinn der jeweiligen Formulierung, aber die Mentalität des Sprechers geht natürlich in der Übersetzung verloren. „Jemandem eine runterhauen“ ist halt was ganz was anderes als „jemandem eine einschenken“.

Die nahezu übermenschlichen Fähigkeiten und Qualitäten des Wildbach Toni werden im Roman herrlich gebrochen durch Begegnungen mit jemandem, dem der Kragen platzt, der ihm einmal so richtig die Meinung sagt, doch die Gewichtung ist meines Erachtens nicht perfket: Zuviel positive Eigenschaften des Wildbach Toni werden beleuchtet, zu wenig Reflexion findet statt. Doch wenn man sich dann ins Bewusstsein ruft, dass nicht Moses Wolff da erzählt, sondern der Wildbach Toni selbst, ist alles wieder in Ordnung. Er ist halt schon a bisserl a Angeber, der Wildbach Toni.

Der Wildbach Toni ist eine leichte, aber sehr unterhaltsame Lektüre zum Schmunzeln. Dramaturgisch springt der Autor (ob Wolff oder Wildbach) ein wenig abrupt zwischen den Genres, vor allem gegen Ende, aber das macht nichts. Richtig verstehen kann man den Toni nämlich nur, wenn man selbst mit der Welt ab 1000 Meter über Null vertraut ist. Eine Karte für die Seilbahn, eine Brettljause und ein Skiwasser machen noch keinen zum Bergfex.

Sollte es einen Film geben, und das kann ich mir sehr gut vorstellen, dann hoffe ich, dass natürlich Moses Wolff den Wildbach Toni spielen wird. Und ich hätte gern eine winzige Neben- oder Statistenrolle, so gern wäre ich dabei.

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