Sommer in Orange

Viel Lebendigkeit ist in diesem Film. Zwei nicht vereinbare Welten werden aufeinander losgelassen, so wie Tal und Bichl, Tal und Hügel sich ausschliessende Begriffe sind, so dürften Sannyasins und bayerische Dörfler sich ausschliessende Welten sein (was zwar noch der genaueren Untersuchung bedürfte, vielleicht sind die gar nicht so verschieden). Wenn die nun in nächster Nachbarschaft zusammen leben müssen, weil einige Bhagwan-Anhäger von Berlin ins oberbayerische Talbichl ziehen, so dürfte für Konfliktstoff gesorgt sein. Das müsste beim Zuschauer das Interesse wecken, das sich einstellt, wenn der Lehrer im Chemieunterricht zwei unverträgliche Elemente in einem Gefäss zusammen und zur Reaktion bringt. Nun, die chemischen Elemente gehorchen streng naturwissenschaftlichen Gesetzen und deslhalb verfolgt der Zuschauer ganz gebannt einen solchen Vorgang, weil er sich davon überzeugen will, ob das vom Menschen behauptete Gesetz auch stimmt und die erwartbare Reaktion sich einstellt.

Das Kino nun, das Marcus H. Rosenmüller macht, ist natürlich kein naturwissenschaftliches. Es will von Menschen berichten, von unterschiedlichen Lebensentwürfen und will diese miteinander konfrontieren. Allerdings versucht Rosenmüller gar nicht erst den Eindruck von Wissenschaftlichkeit, sei es Natur- oder Humanwissenschaft, zu erwecken. Er gibt gar nicht erst vor, mit scharf beobachtendem und analytischem Blick an sein Thema heranzugehen. Und damit erweckt er auch nicht die Hoffnung, Tiefschürfendes oder Überraschendes an den Tag zu bringen.

Zur Verteidigung von Rosenmüller muss hier allerdings angeführt werden, dass er für die Dramaturgie gar nicht zuständig ist, er ist hier in der bequemen Lage, dass er ein Buch von Ursula Gruber verfilmen kann.

Es stellt sich also die Frage, wo setzt man an, wenn man die Eindrücke dieses Filmes ordnen und formulieren möchte.

Für die Dramaturgie, also für das Konstrukt, was für die Spannung und geistige Erhellung, die ein Film liefern soll, zuständig ist, muss Verdienst und Verantwortung Frau Gruber zugewiesen werden. Rosenmüller war lediglich am Set vor Ort verantwortlich dafür, dass zum einen der Drehplan eingehalten, das Drehpensum erfüllt wird und zum anderen, dass die Schauspieler die vorgegebenen Texte und Dialoge mit viel Lebendigkeit, wie eingangs konstatiert, vortragen.

Der Grund dafür, warum ich trotz aller schauspielerischer Lebendigkeit das Kino unbefriedigt verlassen habe, dürfte also viel mehr darin zu suchen sein, wie uns dieses Experiment der Konfrontation von bayerischen Dörflern und Bhagwan-Anhängern erzählt wird.

Mein Eindruck ist der, dass Frau Gruber sich nicht genügend darum gekümmert hat, wie ein solche Geschichte spannend erzählt werden kann. Mein Eindruck ist viel eher der, dass sie die beiden Welten fast wie auf einem Flohmarkttisch einigermassen beliebig, wenn auch nett arrangiert, nebeneinander präsentiert hat, durch welche Nachbarschaft sich ein ganze Menge von Pointen und Witzen herstellen liess, aber zu echter Komik, zu einer universellen Erzählung, die dann auf der ganzen Welt weitherum verkauft werden könnte, reicht die Struktur nicht aus, da ist sie einfach zu beliebig, zu gefällig, zu nettig, vielleicht einfach auch zu unbedarft.

Das alte Übel: da es an einem zwingenden Handlungsfaden fehlt, muss ersatzweise viel diskutiert und die Lebensentwürfe informativ geschildert werden. Im fiktionalen Kino sind bekanntermaßen Erklärungen und Sach-Informationen der Tod der Spannung.

Einschub zum Handlungsfaden: dieser besteht hier lediglich darin, dass Berliner Sannyasins in ein bayerisches Dorf umsiedeln und dadurch in Kontakt und Konflikt mit der Dorfbevölkerung geraten: im Lebensmittelladen, in der Schule, in der Kirche, beim Dorffest und mit der Lokalbehörde wegen eines nicht genehmigten Umbaus. Das ist im Grunde genommen keine Geschichte, sondern nur eine Grundsituation. Darüber lassen sich nun beliebig viele Szenen erfinden, denen aber wie hier, immer die unangenehme Unschärfe der Beliebigkeit anhaftet.

Der Mangel an Handlungsfaden muss also kompensiert werden. Dazu bedient man sich der „Einfälle“. Oder die Wirklichkeit wird komischer dargestellt, als sie in Wirklichkeit ist, aber eben leider nicht abgrundtief komisch durch ganz genaue Beobachtung, sondern nur halbkomisch mit dem Ziele, dem Zuschauer einen Lacher abzugewinnen.

Flohmärkte sind meist erfolgreich, meist jedoch nur lokal oder maximal regional von Bedeutung. Man könnte auch von Flohmarkt-Dramaturgie der Frau Gruber sprechen.

Ein schönes Beispiel für diese Art von kompensatorischen Erfindungen ist die Figur der Frau Hase. Die prototypisch und klischeehaft neugierige Nachbarin und Tratsche. Klischee um des Klischees willen. Vermutlich inspiriert durch viele solcher Bauerntheater- und Bauernkabarett-Schenkelklopffiguren, die immer leicht dümmlich sind. Hier wird sie zu einem tragikomischen Höhepunkt getrieben, wenn sie vor lauter Neugier über den Balkonrand zu Tode stürzt. Leider vernichtet der Pfarrer bei ihrer Beerdigung die ganze Figur durch entlarvend sein wollende Erklärungen. Das ist, würde ich mir erlauben zu sagen, Autorendilettantismus pur und Rosenmüllers Regie-Zugriff war nicht stark genug, zu retten.

FERNSEHBEHAGLICHE INSZENIERUNG UND FERNSEHBEHAGLICHES DREHBUCH. Es wird keine Spannung erzeugt, die es unmöglich machen würde, zwischendrin nicht mal zum Pieseln zu gehen oder Crackers zu holen, man verpasst das eine oder andere Witzchen, von Bonmots zu sprechen verbietet sich. Seichtes TV-Unterhaltungsgetue, es ist doch so billig, sich über Sannyassins und erstarrte Bayern lustig zu machen.

Man gibt vor, die Geschichte aus der Sicht von Lili zu erzählen, denn es fängt mit einem Voice-Over von Lili an „Das bin ich Lili am 12. Geburtstag in Berlin“ Dann gibt’s ein paar geschilderte Informationen über das Leben, die glückliche Zeit, dass Mama sich selbst retten wollte in Kreuzberg, Berlin 1980, das war die schönste Zeit, meint Lili, aber dann hatte die Mama die Idee, in den bayerischen Bergen ein Thearpiezentrum zu errrichten; es folgt noch ein Wust an Informationen, wer die Mitglieder der Kommune sind anhand von Fotos, die alle ganz klein auf der Leinwand erscheinen. Wer sich das alles merken kann, Hut ab!

Also bis jetzt wissen wir kaum mehr, als wer in diesem Film mitspielen wird, mindestens auf der Seite der Sannyasins, von Konflikten, die die Handlung vorwärtstreiben, nicht die Spur, theoretisch wissen wir zwar, dass das Mädchen die schönste Zeit jetzt hinter sich lässt, aber was für Erwartungen sie hat, auch was genau sie hinter sich lässt, welch emotionale Bindungen, welche Kinderfreundschaften, welche Lieblingsplätze, nichts davon. Insofern gibt es im Moment auch keine Erwartungshaltung, kein Absehen von Unglück, dieses Stadtkind auf dem Land, denn es ist uns praktisch noch gar nicht vorgestellt worden.

Schon sitzt die Familie im Citroen in Richtung Berge. Es gibt eine Diskussion wegen Bayern. Irgendwie muss so eine Autofahrt gefüllt werden.

Überigens der GRUND für die ganze Chose und den ganzen Umzug scheint einzig der zu sein, dass die einen Hof in Talbichl geerbt haben. Von der vorgeblichen Hauptfigur Lili her gibt es also überhaupt keinen Grund, von Berlin wegzuziehen, sie müsste wohl schon den ganzen Weg protestieren, denn sie sagt ja, Berlin war die schönste Zeit, da kann was nicht stimmen, sie hat gar nicht besonders gelitten in Bayern, aber das scheint eh ein Problem der Erzählperspektive zu sein. Um eine Filmhandlung spannend zu machen muss es einen Grund geben. Zum Beispiel Konflikte in der Gruppe in Berlin, so dass ein Teil froh ist, ausweichen zu können und zu glauben, sie können mit dem Umzug den Konflikten ausweichen. Um dann beispielsweise zu erzählen, dass man vor seinen Konflikten nicht weglaufen kann. Dazu aber müsste der Erzähler erst mal eine genaue Konfliktanalyse vornehmen. Diese Aufgabe scheint hier nicht gemacht worden zu sein (ob sich das aufs Honorar auswirkt? ). Was zum einem Abfall von Spannung führt, resp. gar nicht erst eine richtige Spannung aufbauen kann.

Für mich kam das erste Mal Spannung auf, wie die Mutter wirklich in Konflikt gerät, mit Prem nach Colorado zu gehen und ihre Kinder Lili und Fabian hinter sich zu lassen oder sich für die Kinder zu entscheiden. Das war Konflikt. Aber wie gesagt, eine Viertel Stunde vor Schluss reichlich spät. Vor allem war es dann der Konflikt der Mutter. Das Mädchen ist aber als Hauptperson eingeführt worden. Immer wieder fetzige Musik kann das nicht vertuschen.

Auch der Jubel der ankommenden Sanyassins ist wenig verständlich; wenn sie jetzt eine Leidenszeit hinter sich hätten und endlich ihr Paradies gefunden, aber Lili fand ja Berlin die schönste Zeit, das müsste also Lili ziemlich verstören, dieser Jubel, tut es aber nicht. Schlecht durchdacht das Ganze. Die Geschichte wird nicht kinoprofessionell erzählt. Denn das Kino erzählt in einer zeitlichen Reihenfolge. Es muss also sehr genau achten, welche Grundsteine es legt, auf welche es den Zuschauer stellt, damit der mitkommt und nicht irgendwann in die Bredouille gerät.

Darum ist Lilis Eintritt in die SCHULE auch so vorhersehbar. Der bayerische Bub Max ist allerdings beim ersten Schwenk über die Klasse sofort als pfiffiger lustiger Knabe zu erkennen. Der Rest der Reaktionen sind schnell hingedrehtes Klischee (wie man kinomässig eine Schulklasse aufregend drehen kann, hat eben der Japaner Tetsuya Nakashima mit CONFESSIONS gezeigt). Mag fürs Fernsehen genügen. Die Lehrerin erklärt ihre Regeln, das ist eine schöne Szene, zum Beleg, wie in diesem Film gearbeitet wird, und dann erklärt Lili ihre Regeln der anitautoritären Autonomie. Die sind so und die anderen sind anders. (Das ist das Prinzip, worin sich auch Alamanya verlustierte). „Unser Opa, war Guru, der hat Kräfte wie Obelix.“
Lili sucht auf der Landkarte Oregon. (weil die Mutter mit Prem ins grosse Zentrum ziehen will, was die Sannyassins dort bauen).

Auch die erste Szene im LEBENSMITTELGESCHÄFT, die ist ohne weitere Hintergründe sehr oberflächlich, die ausgestellten Dorfratschen sind billigstes Klischee – ich hatte bei mehreren Szenen den Eindruck, dass Rosenmüller irgendwie müde sei oder einfach in der Aufmerksamkeit nachgelassen hat. Sorry, diese ersten Begegnungen von Zuoagroasten und Einheimischen, ich finde, die sind nicht sorgfältig gearbeitet. Die haben sichs ein bisschen leicht gemacht. Das sind halt die erwartbaren Missverständnisse, das sind Kabarettsituationen bestenfalls, oder immerhin.

Parallel üben die Sannyassins den URSCHREI.
Es folgt ein Gottesdienst in der Kirche, auch nicht besonders inspiriert.
Es geht halt um die Erzeugung von Lachern übers Anderssein.

Die Mama geht zu einem Workshop nach München mit dem Guru Prem.
Frage: was passiert mit den Kindern. Erziehungsfragen, die diskutiert werden. Das ist vielleicht ein Problem für die anderen, nicht aber für Lili, die Hauptfigur, für deren Probleme wir uns eigentlich interessieren sollten. Also dramaturgisch wackelig, nur Vorzeigefilm, schaut mal, die machens so, anders als wir. Das ist aber nicht die Perspektive von Lilli. Dass die anderen ein Problem damit haben, wäre für Lili und die Lili-Perspektive nur von Interesse, wenn es sie in einen Konflikt stürzen würde; tut es aber nicht, sie hat die fixe Antwort parat.

DRAMATURGISCHE ANKÜNDIGUNGEN. Das war jetzt an der Zeit, weil bis jetzt noch kein Ziel für Lili erkennbar war, wenigstens die dramaturgische Ankündigung der 350-Jahr-Feier von Talbichl (es sind bereits 20 Filmminuten vorbei und man weiß immer noch nicht so recht, wohin das alles driften soll).
Eine weitere Ankündigung ist  der Bau der Buddha-Halle. In vier Wochen sei es so weit (hier kommt dann statt dessen die Polizei, die den unangemeldeten Schwarzbau mit einem Traktor, ziemlich läppisch muss ich sagen, abreißen soll). Vielleicht interessiert Rosenmüller gar nicht die Glaubwürdigkeit der Story. Es soll halt lustig sein.
Die dritte dramaturgische Ankündigung, die die nichtvorhandene Spannung aufpeppen soll, ist die Geburtstagseinladung, die Lili an ihre Mitschüler auspricht, vor allem an Max.

Die INHOMOGENITÄT der Sannyassin-Gruppe. Wenn Menschen länger in einer Gruppe zusammenleben – und diese Sannyassin-Gruppe besteht zum Teil schon seit über zehn Jahren, nämlich bestimmt so lange wie Lili schon auf der Welt ist, gleichen sie sich in Habitus und der Sprache einander an. Bis auf die Schwäbin, die ein Neuzugang ist, da passt es, dass sie vollkommen rausfällt. Aber Oliver Korittke als der Vater, der dieses heimatlose Fernsehhochdeutsch spricht und das noch sehr hackig, passt allein von daher überhaupt nicht in die Gruppe, die mir soviewo merkwürdig unpassend zusammengecastet vorkommt. Auch die Mutter von Lili und Fabian, die blonde Amrita, die spielt mir zwar überzeugend die Bhagwan-Anhängerin, aber in der Gruppe kommt sie mir auch isoliert vor. Korittkes Sprache und Stimme sind einfach zu hart, so als ob er ignoriere, dass er Teil einer Gruppe ist; das ist aber weiter nicht bewusst als Eigenart von seiner Figuranlage her charakterisiert. Oder das Gruppenmitglied mit dem dreckigen österreichischen Dialekt.

Es wird noch VIELE DISKUSSIONEN geben, die immer Bremsklötze für eine spannende Handlung sind, oder die vielleicht erst ein ausgewiesener Drehuchautor zu vermeiden versteht. Es gibt Diskussionen über Demos und das Leben, ideologische Diskussionen.
Diskuission mit dem Briefträger darüber, was normal sei.
Diskussionen über Energie.
Dass Lili ein ganze besonderes Mädel mit einer ganz besonderen Energie sei.
(alles keine handlungsförderlichen Texte).
Diskussion über den Stein, den verschwundenen Stein.
Dann Diskussion mit dem Bürgermeister über die Genehmigungspflicht von Anbauten, wie der Buddha-Halle der Sannyassin, Bauordnungsdiskussion – habe wir hier ein Gemeinderatsprotokoll zugrunde liegen, wir dachten doch, wir seien im Kino, dort würde scharf an den Dialogen geschliffen, damit sie kurz und aussagekräftig seien, wir sind doch nicht auf einer Amststube und kümmern uns um Papierkram.
Stubendiskussion über die Liebe. Multipler Orgasmus. Ja, zum Lustigmachen vielleicht ok.
„Jetzt beginnt der spirituelle Verfall, jetzt wo der grosse Prem kommt“.
Beim Dorffest dann die Mutter-Tochter-Diskussion.
Diskussion über die Polizeirazzia bei den Sannyassins. Lili entschuldigt sich.

Ein INHOMOGENES WERK mit deutlichen Qualitätsunterschieden in den verschiedenen Departments. Hervorragend scheinen mir die Bilder, die Musikuntermalung und der Schnitt. Regie, Buch, Buch, Buch, Casting, fallen dagegen für mich ab. Dialogregie praktisch nicht vorhanden. Muss auch nicht. Aber dann sollten die Dialoge wenigsten filmprofessionell geschrieben sein.
Sowas kann vorkommen in Talbichl, da geht auch nichts zusammen, aber da bin ich mir nicht so sicher, insofern vielleicht doch lebensnah realistisch, aber eben nicht unbedingt gekonntes Filmemachen. Gelebte bayerisch-filmische Anarchie?

ÜBERFLÜSSIGE SZENEN, die nur illustrieren und die Handlung keinesfalls vorwärts bringen. Das Hören der Stimme Bhagwans. Vollkommen überflüssig, falls die Geschichte wirklich aus der Perspektive von Lili erzählt werden soll, sind die Seminarszenen mit dem Guru in München. Die sind dann wirklich nur als „Sannyassin-Ploitation“-Szenen gedacht, damit das werte Kabarett-Publikum was zum Lachen bekommt, das Kinopbulikum fragt sich, wozu. (wenn sie dann wenigstens besonders ungewöhnlich geschrieben, inszeniert und gefilmt worden wären, sind sie aber nicht). Es wird der Versuch gemacht, das irgendwie exzessiv zu übertreiben.
Die Suche nach dem verschwundenen Stein mit der Wünschelrute. Mei, sieht lustig aus, wieso ist er verschwunden, was hat das mit dem vermutlich anvisierten Grundkoflikt von Sannyassins mit den Bayern zu tun?

Der Schulabwart mit seinem eigenartigen Akzent. „Keine Ahnung, alles Scheiße. Musst du kennen lernen die Leute, sonst weiss Du nicht, ob alles Scheiße“ und Lili wird den Satz später als den von einem Guru zitieren. Wozu?

Gut, so ein Stein der Erleuchtung, das könnte ein Requisit sein, um das herum sich Geschichten synthetisieren lassen, wird hier lediglich für illustrierende und parodierende Sannyassin-Szenen benutzt, ohne der Geschichte vorwärts zu helfen.
Die Sache mit dem schiefen Empfangsbanner WILLKOMMEN PREM. Grosse Aktion, das Banner gerade zu spannen. So ein Banner zu spannen erfordert Geschick. Will erzählen: Sannyassins sind ungeschickt. Was hat das mit der Problematik von Lili zu tun?

Erfundene Szenen, mei welche Erfindung, dass Lili über die Wiese zu den Nachbarn und das sind genau Bürgermeisters, laufen muss, um Butter und dann auch noch Brot auszuleihen. „Mama muss ihre Kindheit aufarbeiten, das dauert“. Papa ist Oekoaktivist auf der Rainbowarrior. Diese Erklärungen von Lilli kommen auch merkwürdig einstudiert daher, so, als seien die Sätze für ein sich belustigen sollendes Publikum gedacht; die Lili-Figur nicht ernst genommen.

Eine Beispielssezne: Max und Franz besuchen Lili in ihrem Zimmer. Da ist mir der Film “Mischgebiet“ in den Sinn gekommen, bei dem mir zwar die Geschichte zu sehr abwesend war, aber wie sorgfältig der Regisseur an den Dialogen gearbeitet hat, wie sorgfältig er die Figuren besetzt hat und wie sorgfältig er mit ihnen gearbeitet hat. Da war das, was vorhanden war eine Freude, hier ist es eher ein Plage bis eben auf die lacherorientierten Witze und Sich-Lustig-Machereien. Kino mehr als Pointensammlung, als Witzbuch verstanden
.
Und immer noch ist Lili nicht als Protagonistin etabliert oder vom Buch als Hauptcharakter ernst genommen. (wenn ich mich recht erinnere, Wer früher stirb ist länger tot, da war die Besetzung des Buben, also der Hauptfigur, einer der stärksten Punkte des Filmes vom Buch her schon).

Lili soll den Bayerischen Buben ihren Busen zeigen. Das setzt von Seiten Lilis eine so heftie Ohrfeige, dass man denkt, da versucht einer Karatefilme zu toppen, aber bittschön was hat das mit der Grundsituation von Lili zu tun, nichts in ihrem Charakter war bisher andeutet, was eine solche Ohrfeige rechtfertigte, wird doch gerade in ihrer Grossfamilie recht grosszügig mit Sex und Nacktheit umgegangen. Unverständlich. Da reagiert sie ja prüder als ein bayerische Mädel vom Lande. Wurde aber auch in keiner Weise eingeführt. Vielleicht hat sich das Drehteam kaputt gelacht bei der Szene.

Dramatisch für die zuagroasten Kinder KEIN VEREIN WILL UNS.
Bevor das Konfliktpotential dieser Situation für den Film urbar gemacht würde, erbarmt sich der Postbote und will die Kinder in den Musikverein aufnehmen.

Soll lustig sein. Prem geht auf die Bühne des Dorffestes. „love to you“ stimmt Song an. Dann kommt es zu einer durch den bisherigen Verlauf der Geschichte schwer nachvollziehbaren Auseinandersetzung zwischen Lili und ihrer Mutter, und weil die ganze Voraussetzung dafür fehlt, denn die Mutter wurde immer so charakterisiert, dass sie sich nicht allzu sehr um Lili kümmert, sonder mehr mit sich und ihrem Seelenheil beschäftigt war, so ist es vollkommen unlogisch, dass sie wie eine spiessige Hausfrau ihr Töchterchen anschreit, das jetzt plötzlich in bayerischer Tracht in der Menge des Dorffestes auftaucht. Das entbehrt jeder Logik. Vielleicht wird es darum zu laut geschrieen.

Und dann die Fernsehfrage „Lili, was macht ihr hier?“, „Was soll das“. Da komme noch einer mit. Ein so gut wie nicht angelegter Mutter-Tochter-Konflikt, der im Film keine Basis hat, bricht aus, noch dazu in aller Öffentlichkeit (wobei ja nur die Mutter den Konflikt hat, die Tochter hat ihn blendend mit dem Kostümwechsel umgangen),.

Lili haut ab. Sie ist auf der Strasse. Die Frau des Bürgermeisters fährt im Auto vorbei. Fragt sie die typische Fernsehfrage „Du Lili, was machst denn du hier“ (Die Darstellerin spricht sehr schön fernsehdeutlich, alles gut gelernt).
Lili sagt, sie fahre nach Hamburg zu ihrem Vater, sie wolle weg.
Dass es bei Bürgermeisters zum Krach kommt, weil die Frau Lili von der Strasse mitbringt hat, das ist so absehbar wie das Amen in der Kirche. Lili will nicht mehr heim. Die sind doch alle kriminell. Da wird der Bürgermeister hellhörig und alarmiert die Polizei, die eine Razzia durchführt.
Dann sind die Sannyassins wieder frei. Im Haus ist alles drunter und drüber gestellt worden. Wo ist Lili.

Therapiesituation. Konfuse Drehbuchsituation. Prem: Ich bin jetzt deine Mutter, ich fühle nix, gar nichts. Diese Therapie der Mutter von Lili, die ist wieder spannend. Denn die Mutter scheint einen Konflikt zu haben, obwohl das Buch doch die Geschichte von Lili erzählen will. Jetzt behandeln Prem und die Gruppe sie mit hartem psychologischem und physischem Zugriff. Das ist spannend, aber es sind bereits neunzig von etwa 110 Filmminuten vorbei. Immerhin eine geschulte Therapeutenszene scheint das, „Ungewolltes Kind“. Jetzt fängt man zum ersten Mal an, mit einer Figur mitzufühlen; es ist jedoch nicht die Hauptfigur. Ob das gut ankommt im Kino. Kabarett gibt’s überall.

Und kaum haben wir uns nach etwa 90 von 110 Filmminuten entschieden, uns doch für die Mutter als Hauptfigur zu interessieren, wegen ihres Konfliktes Kinder oder Guru, da kommt schon die lang ersehnte Abspann-Voice-over – von Lili. Die erzählt, was aus allen geworden ist.

2 Gedanken zu „Sommer in Orange“

  1. Vollkommener schwachsinn, die Handlung ist nicht so schlecht, und auch korritke passt gut, genau wie der ösi. Ich empfehle, sich zuerst einmal den Film anzuschauen statt einer Zusammenfassung auf wikipedia

  2. Vielen Dank für Ihren widersprüchlichen Kommentar, der die Spanne zwischen „Schwachsinn“ und „Wikipedia“ nicht auszuloten vermag. Mein Rat ist immer, die Filme anzuschauen, denn Schauen schult und regt hoffentlich zur Auseinandersetzung an. Den Korittke mag ich übrigens, und ich habe detailliert angeführt, warum er mir hier fehl am Platze vorkommt, wobei das möglicherweise auch ein Regieproblem ist; schauen Sie sich den diese Woche anlaufenden Film MEIN BESTER FEIND von Wolfgang Murnberger an, wie der aus sehr verschiedenen Charakteren durch die Regie vermute ich, den glaubwürdigen Eindruck einer Familie entstehen lässt, also der Familie Kaufmann bestehend aus Udo Samel, Marthe Keller und Moritz Bleibtreu; wobei ich eher dazu tendiere, das als Regieleistung zu sehen, die aber ohne die Besetzungsleistung wohl auch nicht so funktioniert hätte. Diese Glaubwürdigkeit einer Gruppe fehlt mir bei den Sannyassins in SOMMER IN ORANGE, wobei ich hier dazu tendieren würde, die Mängel sowohl bei der Besetzung als auch bei der Regie zu sehen, respektive, dass es der Regie nicht gelungen ist, die Besetzungsmängel auszubügeln (dazu hätten einige Gruppenübungen nur mit den Sannyassins als Vorarbeit bereits ausreichen dürfen oder zumindest vor jedem Dreh – da hätte man mit sehr wenig Aufwand sehr viel zusätzliche Qualität für den Film herausholen können).

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