Midnight in Paris

Woody Allen rettet uns das alte Europa. Nun, nicht jenes alte Europa, das der damalige amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld so verächtlich abgetan hat, als die Europäer sich weigerten in den sinnlosen Irakkrieg einzutreten. Nein, Woody Allen rettet uns jenes Europa und bereitet es uns auf zu einem wahren Hochgenuss, zu einer Sause im künstlerischen Salon, das wir zu Bildungszeiten auch sehr gemocht haben, dasjenige vom Paris der Belle Epoque. Woody Allen rettet uns das Post- und Kunstkartenparis.

Hier ist alles vom Feinsten, vom Erlesensten, so kostbar wie Fayencenmalerei, ein Kunststück von der Art, wenns denn kein Film wäre, das auf Auktionen sicher einen guten Preis erzielen würde. Die Auswahl der Schauspieler, die Regie, die Settings der Belle Epoque, Schnitt und Ton und Kamera, die Dialoge alles geführt von meisterlich-stilistisch sicherer Hand.

Woody Allen schwimmt in seinem Kunstbiotop wie der Fisch im Wasser. Sein Kunstbiotop ist das einer begüterten, gebildeten bürgerlichen Schicht, die die Künstler der Belle Epoque verehrt, Bücher und Bildbände von ihnen zuhause hat, die die Museen besucht.

Gil ist unser Protagonist und Zeitreisender. Er verbringt einige Tage mit seiner Verlobten in Paris. Auch deren Eltern, vermögende Geschäftsleute, halten sich hier auf. Er ist fasziniert von Paris und gerät, wie er es auf eigene Faust erkundet und sich müde auf einer Treppenstufe niederhockt, mittels Peugot-Luxus-Zeitsprung-Limousine in die Belle Epoque. Die fröhlichen Herrschaften in der Limousine nehmen ihn mit und führen ihn in die besten Kreise der Belle Epoque ein. Hier trifft er auf Ernest Hemingway, auf Getrude Stein, Cole Porter und Joséphine Baker, F. Scott Fitzgerald, T.S. Eliot, Henri Matisse, Henri de Toulouse-Lautrec, Pablo Picasso, Salvador Dali, Luis Bunuel, Man Ray, Edgar Degas, Paul Gaugin.

So ein Ausflug in eine andere, traumhafte Zeit, will wiederholt werden. Das führt zu Spannungen zwischen ihm und seiner Braut, vor allem mit deren Eltern. Gil gibt vor, Schriftsteller zu sein. Er hat auch ein Manuskript in Arbeit. Er geht also jeden Abend los und um genau Mitternacht erscheint bei jener Treppe der Peugeot. So verbringt er die Abende im illustren Kreis der verblichenen Künstler. Der Schwiegervater wird misstrauisch und schickt ihm einen Detektiv hinterher. Der verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Time-Channel. Der Schwiegervater weiss nicht wo. Aber der Zuschauer wird aufgeklärt, der Detektiv landet in den Intimräumen des französischen Königs. Dieser schreit: qu’on lui coupe la tête!

Der Film fängt an mit minutenlangen Impressionen aus dem heutigen Paris, wobei aber nur architektonische Bestandteile gezeigt werden, die heute noch Zeugen aus dem Paris der Belle Epoque sind. Ein richtig schöner Reiseführer über jener Zeit, die noch im heutigen Paris zu besichtigen ist. Die Impressionen fangen am Morgen an und gehen über den ganzen Tag hinweg bis zum Abend, bis zur Nacht. Dazu wird eine passende Jazzmusik aufgelegt.

Die ersten Auftritte von Gil mit seiner Braut und den Brauteltern sind von einer umwerfenden inszenatorischen Leichtigkeit. Dieses gehobene Milieu, das ist die Welt von Woody Allen, da kennt er sich aus. Es gibt schnelle Wortabtäusche und einige Pointen, die ich mir aber nicht merken konnte, die auch eine gewisse Distanz zum Milieu, immerhin eine beobachtende Distanz erkennen lassen. Es geht um die Rede von James Joyce und Sauerkraut und dass man Versailles besichtigen möchte. Man kommt am Denker von Rodin vorbei, man hat einen weiblichen Tourist-Guide und man schaut die Seerosen, die meditativen, von Monet im Musée de l’Orangerie an. Bildungstouristen in Paris.

Auch Samll talk durchaus mit Esprit zu schreiben und zu inszenieren, eben den der bestimmten Gesellschaftsklasse, das beherrscht Woody Allen aus dem Effeff. Gils Freundin heisst Carol, deren Eltern John und Helen. Carol ist bildhübsch und ein schieres Wunder auf der Leinwand, so leicht.

Woody Allen beschwört die Geister der Belle Epoque von Paris, lässt sie oszillieren wie auf einer Seifenblase, die am Ende des Filmes einfach platzt. Ein Amerikaner in Paris.

Woody Allen macht einen grandiosen Trip in Nostalgie. Gil würde gern einen solchen Laden aufmachen. Nostalgia Shop. Woody Allen wird zum europäischen Hofmaler.
Amerikanische Sehnsucht nach europäischer Kultur kongenial verfilmt.

Party in der Belle Epoque in einem Raum mit ausgestopften Tieren.
Das Maxim mit Can-Can Nummern darf auch nicht fehlen. Wenn das nicht mal ein Tropfen zuviel ist.
Die Goldene Zeit.
Welches ist die Goldene Zeit. Auch die Frage wird gestellt. Ob man nicht die eigene Zeit auch als eine Goldene Zeit wahrnehmen könne, ob es sich also bei der Schwärmerei für die Belle Epoque nicht um eine reine Schwärmerei handelt, das quasi als Absicherung.

Woody Allen als Kulturpublikumsseelenschmeichler.

Gil ist ein Schauspieler, der ein bisschen einen Klotz darstellt, vermutlich eine gezielte Besetzung, nicht der smarte Kulturmensch. Er redet immer, wie wenn er eine unsichtbare Kugel im Munde hätte. Der Repräsentant eines weniger kultivierten Amerikas. Wäre noch zu vertiefen der Gedanke.

Im Amerika ist der Film ein überraschend grosser Erfolg geworden. Die Magie der fernen Kultur des fernen Europa? Ob die Europäer das auch so sehen? Immerhin, spannend wäre eine Fortsetzung: unsere heutige Zeit, die vor lauter Jammern über Währungen und Schulden und Rettungsschirme und Angst um Besitzverlust und davor, mit dem Rest der Welt teilen zu müssen, vollkommen übersieht, was wir an Kunst und Schönheit geschaffen und zur Verfügung haben. Das „Belle“ an unserer Epoque zu sehen.

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