I’m Still Here

Befreiung aus dem schauspielerischen Untertanentum eines Hollywood-Industrieschauspielers verstanden als „die Sau raus lassen“. Ein eher beschränkter Freiheitsbegriff, der hier demonstriert wird. Aber ein ehrenwerter Versuch des Aufstandes und der Befreiung.

Auch ein bisschen ein Hollywood-Insider Promi- und Promo-Auftritt. Was fasziniert den Schauspieler Joaquin Phoenix, der das mitgeschrieben und die Hauptrolle gespielt hat, so an diesem in Fake-Doku-Manier präsentierten negativen Typen, den er hier spielt, diesem abgefuckten Mann, der tut als ob er Koks nehme. Was fasziniert ihn an der Darstellung des kaputten Schauspielers, der von Hollywood und vom Drehen die Nase voll hat und der jetzt eine Hip-Hop-Karriere hinlegen will. Irgendwie scheint Phoenix aus den Fängen Hollywoods nicht so richtig rauszukommen. Die Fänge Hollywoods, das sind die Träume aller dieser Darsteller, in die grossen Shows zu kommen, in die Schlagzeilen, auf die roten Teppiche, vor die Fotografenmeuten, zu den Interviews mit den bekanntesten Magazinen und Zeitungen, Einladungen in die berühmtesten Shows. Der Show-Master übrigens, der hat seinen Fake-Show-Auftritt in diesem Film wirklich cool hingelegt.

Der Scherz war nicht übel, wie Phoenix zu besagtem Showmaster sagte, er bereite sich gerade auf eine Hip-Hop-Geschichte vor und der Showmaster antwortete, das könne er sich nicht vorstellen, oder das würde man ihm nicht geben.

Ich verstehe nicht, was Phoenix an diesem kaputten Typen so fasziniert, der manchmal so undeutlich spricht, dass Untertitel nötig werden, soll wohl Persiflage sein. Vor allem, was will er uns damit erzählen. Denn die Voraussetzung für das Need im Movie ist denkbar schlecht. Er behauptet einfach er sei „fucked up“ mit dem Drehbetrieb. Frustriert zu sein ist nicht unbedingt die beste Motivation. Es sei zwar noch ein Film mit Gwyneth Paltrow im Kasten und für den solle er noch auf Promo-Tour gehen, wozu er jedenfalls keine Lust habe.

Der Film fängt an mit Kindheits-Homevideos aus Panama, wie der kleine Phoenix an einem Wassserfall die Felsen hochsteigt und nach langem Zögern runterspringt. Er dürfte zu dem Zeitpunkt, es war 1981, 7 Jahre alt gewesen sein.

Dann ist die Familie in die USA gezogen. Es gibt ein kurzes Homevideo von der Phoenix-Family, wie sie Strassenmusik machen und die Kids wie wild rumhopsen. Ganz am Ende des Filmes fliegt er mit dem Privatjet nach Panama zurück. Er watet im Fluss mit langer Hose und nacktem Oberkörper in Richtung Wasserfall. Eine sehr lange Einstellung, die den Eindruck einer Gedankenfülle erwecken soll, die so im Film kaum eruierbar war.

Schöne illustrierende Symbolhandlung: die Befreiung eines Vogels aus einer Garage. Phoenix hat die Nase voll vom Untertanentum eines Schauspielerstars, der genau auf Position zu gehen oder zu stehen hat, der einen fixen vorgelernten Text sagen muss. Er möchte eigenen Text bringen, den eigenen Film machen. Doch ist im Film leider kaum Inhalt zu finden, als dass er nach wie vor massiv in den Fängen der Hollywoodschen Scheinwelt gefangen ist, nur dass er sie anpisst, so wie sein Freund und Assistent sich einmal im Bett über ihn hockt und so tut, als scheisse er auf ihn. Vermutlich hat er nur gefurzt. Und dann spielt Phoenix wieder einen viel zu übertriebenen Ausbruch. Alles Scheiße finden ist eben nicht sehr viel. Das wäre vielleicht ein Anfang. Und der Hip-Hop, den er von sich gibt, ist auch nicht gerade berauschend, nicht berauschend für den schwarzen Studioboss, der schnell abwinkt. Er solle lieber was anderes machen.

Anfangs trägt Phoenix einen Pullover mit der Inschrift DEFIANT BULLDOGGS.
Er wolle keine fucking puppet mehr in Hollywood sein, kein Doll.
Aber was tut er stattdessen? Er treibt Kindereien mit seinem Partner, lässt Blondinen vor ihm und sich defilieren. Oder sein Partner ist nackt und sie machen Kinderspiele, der eine versucht den anderen zu hauen und zu foppen. Nichts gegen Kindereien. Mir ist es jedoch etwas überambitioniert, das schon als die Befreiung aus dem Hollywoodschen Untertanentum auszugeben.

Die Sau rauslassen mag zwar als Ventilfunktion taugen, aber zu einer Veränderung der Verhältnisse, zu einem Abbau des Untertanentums reicht es nie und nimmer, wenn es denn überhaupt ein erster Schritt dazu ist. Die Sau raus lassen ist ja für die Untertanen in vielen Kulturen sogar institutionalisiert, Raunächte und Fasching sind solche Beispiele. Der Fasching des Joaquin Phoenix. Diese Ventilbräuche dienen letztlich aber nur der Zementierung der vorhandenen Herrschaftsverhältnissel, gegen die Phoenix sich angeblich auflehnen möchte.

Sie blödeln also oft, hocken in Hotelzimmern rum. Es scheinen Menschen zu sein, denen viel zufliegt, die aber überhaupt nicht wissen, was sie wollen. Wahrscheinlich wollen sie mit diesem Negativ-Film Erfolg haben. Mehr als einen bescheidenen Festivalerfolg kann ich mir nicht vorstellen. Da gibt es auf Youtube viel geilere Fakes und Selbstbefreiungs- und Selbstdarstellungsfilmchens, wenn auch nicht unbedingt von Schauspielern. Hier humpelt, möchte man sagen, Hollywood Youtube hinterher.

Dramaturgisch besehen ist die Situation des beeing fucked-off ohne Spannkraft. Es gibt keinerlei Hindernisse, an denen er sich abarbeiten muss, er muss nicht vorsprechen, er ist schon berühmt und seiner Ansicht nach so berühmt, dass egal, was er macht, die Medien sich auf ihn stürzen. Drum lässt er jede Menge Promis, die immer nur die Selbt-Promo im Auge haben, mit Cameo-Auftritten erscheinen. Auch die machen das nicht alle so richtig gut, spannend ist bei einigen einzig, wie unwohl sie sich fühlen, in so einer Fake-Geschichte mitzumachen. Aber der Promo-Trieb ist stärker als das Ehrgefühl.

Bericht über ein unausgefülltes Leben mit viel Brancheninsidergewäsch. Zwischen Verscheißern und Kritik ist ein gravierender Unterschied.

Aus der Prämisse to feel beeing mediocre und something special sein zu wollen ist, wie der Film beweist, keine richtige Spannung zu erzeugen.

Geradezu rührend naiv wirkt der Versuch, politisch zu werden, wenn Phoenix ein Kinderbilderbuch durchblättert und Kriegsbilder mit Soldaten dazwischen schneidet. Der Film eher als ein Beweis für die Unfähigkeit eines Hollywoodstars sich zu befreien und ein politisches Statement abzugeben. Haben sie ja auch nie gelernt.

Immerhin scheint der Film die Sehnsucht nach einem nicht nur künstlerisch sondern auch politisch selbstbewussten Schauspieler- und Startum zu formulieren. Vielleicht wird er somit zu einem Stein des Anstoßes für eine Veränderung der Verhältnisse, die zur Zeit nur und krass vom Geld bestimmt werden.

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