Win Win

Was hier alles ins Kino kommen soll. An und für sich, für das was es ist oder sein soll, ist es geschmeidig, gekonnt gemacht. Was aber ist das, was soll es sein? Es ist eine amerikanische Geschichte vom Lande, aus New Jersey. Es ist das Lob des amerikanischen Provinzlebens in weißen Häuschen mit großzügigen Veranden in angenehmen Wohngegenden, mit einem Gericht und Sportanlagen und, ja, noch einem Supermarkt. Und dem Fernsehen. Sport ist wichtig. Hier wird gewrestlet.

Die Hauptfigur Mike Flaherty ist einer der Bewohner eines solchen Häuschens. Wie die Welt in Amerika vor der Immobilienblase noch intakt war. Die Menschen machen zwar Fehler, aber die Gesellschaft kann die auch wieder ausbügeln. Er ist Anwalt, eher dritter Klasse oder winkelig, er hat sein Büro in einem Keller, der sieht sehr feucht aus, da ist alles voller Akten von ihm und seinem Compagnon, so einem Kopf mit einem Hängemaul, unangenehmer Sportfunktionär nebenher und Coach, wie Flaherty auch, der selbst ein kleiner rundlicher Typ ist, ein beliebter Komiker in Amerika, wie jedes Land und jedes Stadttheater einen hat, Menschen an denen die Welt einigermassen abprallt und die sich zurechtzuwuseln wissen.

So ganz großartig kann das Geschäft nicht laufen. Der Spengler ist auch ständig zugange und ein Heiz- oder Wasserkessel soll ausgetauscht werden. Man hört, das ist das einzig utopistische oder absurde Moment in dem eher biederen Movie, die Röhre donnern wie aus dem Jenseits oder aus einer großen Industrieanlage.

Flaherty ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er ist gerade mit dem Fall eines älteren Herren befasst, der ins Heim gegeben werden soll. Flaherty aber setzt durch, dass er selbst die Aufsicht über ihn übernimmt. Das zahlt sich nämlich aus, dafür kriegt er 1500 Dollar im Monat. Aber statt den Alten in seinem Haus zu lassen und sich um ihn zu kümmern, steckt er ihn in die Altersresidenz Oak Knoll senior care. Das ist seine Sünde, die das Thema dieses Filmes ist, denn er kümmert sich einen Dreck um den Alten. Ihn interessiert nur das Geld, weil er es braucht für Haus und Frau und Kinder. Eine Sünde für einen guten Zweck.

Die Sünde bringt ihm gleich ein Geschenk. Der Enkel des Alten sitzt plötzlich bei diesem vor der Tür. Er ist abgehauen, weil auch er eine Sünde begangen hat, nämlich ein Auto geklaut und ist dann ohne Führerschein gefahren. Der Rest ist absehbar. Denn er ist ein erstklassiger Wrestler. Wird in die Anwaltsfamilie aufgenommen und bringt das Wrestling Team seiner Altergruppe nach vorn. Er ist ein auffälliger, verschlossener Blondschopf. Amerikanische Provinzidylle, sie lebe hoch, hoch, hoch. Irgendwann taucht auch die Mutter auf. Sie ist drogenabhängig. Sie kommt dahinter, was Papa Flaherty mit dem Alten organisiert hat. Da ist was zu holen.

Um zu einem Ende zu kommen: irgendwann gibt’s eine gewonnene Meisterschaft und die drogenabhängige Mutter bekommt die 1500 Dollar Aufwandsentschädigung, die Flaherty zu unrecht kassiert und der Blondschopf kann seine Schule zu Ende machen. Ende gut, alles gut. Amerikanische Provinz, die heile Welt. Es hat kein 9/11 gegeben, keine Immobilienblase, keinen Finanzcrash, keinen Irak- und keinen Afghanistankrieg, kein Guantanamo; die amerikanische Provinz ist das Glück auf Erden, mit Menschen, die ein bisschen menscheln, aber alles wieder geordnet hinkriegen. Unsere kleine Stadt. Der Film als Beruhigungspille angesichts des wahnwitzigen, unversöhnlichen Pokers, den die Republikaner in Washington zur Zeit mit Obama spielen und damit Amerika an den Rand treiben.

4 Gedanken zu „Win Win“

  1. Mal ganz platt: wer sagt denn, dass Kinofilme realistisch (sofern es Realismus wirklich gibt) sind?
    andererseits: man könnte es auch als Kritik am amerikanischen Vormundschaftsrecht sehen, da passt so was lautes wie ein Krieg nicht hinein, er würde das übertönen.
    oder so: das Bedürfnis der Amerkaner, dass sich Missstände durch Einsicht sozusagen selber regeln?
    oder noch dies: auch ein Jugentlicher mit schlechtem Start kann was schaffen und muss nicht zwangsläufig für immer abstürzen.
    oder….

    Liebe Grüße

    Ursula

  2. Verzeihung, Ursula Reeber-Isariuk, habe ich was von Realismus geschrieben?
    Und falls es um das amerikanische Vormundschaftsrecht geht, so ist doch fraglich,
    wie weit das die Europäer im Kino interessieren wird.
    Oder wollen Sie einfach ein bisschen Werbung machen für den Film?

  3. Der Film war für Europäer gemacht?

    Nein, ich mache keine Werbung für den Film, auch nicht ein bisschen.

    Wollte einfach nur darstellen, dass nicht jeder Film einen 9/11, Immobilienblase, Finanzcrash, Irak- und Afghanistankrieg und Guantanamo haben muss.

  4. Das war genau genommen nicht meine Aussage, dass diese Dinge (9/11, Immobilienblase..) in einem heutigen Film drin sein müssen; diese Dinge haben aber unsere Sicht auf die Welt verändert, sie doch etwas skeptischer gemacht; davon habe ich in Win Win so gar nichts gespürt.

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