Warum mir der Film so gefallen hat? Vielleicht weil das Hochzeitsthema mehr ein vordergründiger Aufhänger denn Thema selbst ist. Bei „Fremd Fischen“ beispielsweise, einer typischen Boulevard-Hochzeitskomödie, da geht’s simpel darum, kriegt die Braut am Schluss den Richtigen. Das ist in etwa so spannend, aber auch nicht weniger, wie beim Dart oder beim Golf, trifft der Pfeil in die Mitte, trifft der Ball ins Loch, kommen zwei Dinge, die zusammen gehören auch zusammen oder wie beim Rangieren mit einem Eisenbahnzug, kann der Wagen oder die Lok angehängt werden oder gibt es davor noch eine Menge Komplikationen zu bewältigen. Das bleibt also alles meist beim Oberflächlich-Funktionalen.

Hier fängt es mit einer gezielten Oberflächlichkeit an. Annie, Kristen Wiig, die auch am Drehbuch beteiligt ist, ist in sportlichen Sexübungen mit einem Macker zugange, Stellung um Stellung wird abgearbeitet und am Morgen schmeißt er sie zeitig und ziemlich cool raus. Dabei sind die beiden Figuren einsam geblieben. Null Erotik. Null Zärtlichkeit. Sex als Leistungssport. Damit ist bereits das Thema umrissen, das in diesem Film interessiert, nicht ob die Hochzeit von Annies bester Freundin Lilian, sie kennen sich schon von Kindsbeinen an, gelingt oder ob noch etwas dazwischen kommt, ist das Thema. Hier geht es um menschliche Einsamkeit und den Umgang des Menschen damit, was bisweilen zu abgrundtief komischen Situationen führen kann. Mit solchen ist dieser Film gut gesegnet.

Schon vor der Hochzeit passiert etwas völlig Unerwartetes. Zwischen zweien der Brautjungfern, denn zwischen die Busenfreundschaft von Annie und Lilian drängt sich mit Macht die auch extrem einsame Helen, die aus superreichem Hause kommt (damit für filmisch ergiebige Sujets sorgen wird). Sie ist eine neuere Freundin von Lilian, nimmt diese aber voll in Beschlag wie ein Eigentum, überrumpelt sie förmlich und treibt damit einen Keil zwischen die alte und scheinbar unverbrüchliche Herzensfreundschaft von Annie und Lilian.

Der Streit um die Freundin – und damit der Streit gegen die Einsamkeit der beiden Damen – nimmt schon bei der ersten Begegnung herrlich absurde Züge an. Es ist das Willkommenstreffen aller Brautjungfern. Erst sagt Annie was ins Mikro. Dann Helen. Oder umgekehrt. Und immer wenn die eine das Mikro abgegeben hat, nimmts die andre nochmal in die Hand, um noch eins drauf zu setzen. Incredible, wozu sich einsame Menschen, die um den Verlust ihres vertrautesten Menschen bangen, hinreißen lassen! Eine kleine buhlende Rhethorikschlacht, todtraurig und saukomisch zugleich.

Helen hat Annie gegenüber gleich einen arroganten Ton drauf und macht sie klein wo und wann immer das geht. Brutale Überfahrkiste. Das setzt sich fort bei der Auswahl fürs Brautkleid. Dann wollen die Brautjungfern eine Art Junggesellinenabschied feiern und sie fliegen dem Wunsch von Helen gemäss nach Las Vegas.

Es gibt über Annie sehr viel zu erfahren in diesem Film. Wie sie mit ihrer Schwester, die nur ein Touristenvisum hat und nicht arbeiten darf und ihrem eierköpfigen Bruder zusammenwohnt. Wie sie nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen will. Wie ihre kleine Cup-Bakery pleite gemacht hat. Wie einsam sie ist und wie sehnsüchtig nach Liebe. Die Geschichte mit dem Polizisten Rhodes, den sie kennenlernt, wie sie in Schlangenlinien wie von der Helen-Tarantel gestochen durch die Nacht fährt. Der Polizist hält sie aber an wegen defekter Rücklichter. Später kommt es zu einer sehr grotesken Szene, wie sie ihn nach der ersten Nacht bei ihm einfach verlassen hat und ihm contre coeur, auch das eine Folge der Einsamkeit, einen Korb gegeben hat. Wie sie ihn zurückhaben möchte. Wie sie ihm dann endlich Kuchen gebacken und vor die Tür gelegt hat. Wie er nach der Nacht mit ihr Backzeug besorgt hatte er, damit sie wieder bäckt, welch Liebesbeweis, denn er kannte noch die Kuchen von ihrem Laden. Wie dann Annie, wie Lilian vor der Hochzeit plötzlich verschwunden ist, wie verrückt immer an seinem Streifenwagen vorbei fährt, das ganze Register möglicher Verkehrsverstösse begehend, nur um auf sich aufmerksam zu machen, denn er sollte ihr helfen, Lilian zu finden. Und wie als Tüpfelchen auf dem i ihre Erzrivalin Helen von der selben Angst um den Verlust von Lilian getrieben die ganze Chose auf dem Beifahrersitz auch noch mitmacht – das dürfte an Tragikomik nicht so schnell überboten werden.

Zurück zum Flug der Brautjungern nach Vegas. Annie, bockig wie einsam, weigert sich, sich von Helen die erste Klasse bezahlen zu lasssen und fliegt economy, führt sich dann auf im Flugzeug, auf allen Knigge-Codes des Benimms herumtrampelnd. Herrlich.

Urkomisch auch die Szene mit dem Anprobieren der Brautjungfernkleider, wie sie alle das Kotzen und den Durchfall kriegen.

Annie benimmt sich einfach immer mehr daneben. Am Vorabend der Hochzeit bei der Beschenkung: sie schenkt ihrer alten Freundin Erinnerungsstücke und Lilian sagt ganz gerührt, sie sei die beste Freundin; dann kommt ein Umschlag von Helen mit einer Einladung zu einem Flug nach Paris, um das Hochzeitskleid anzuprobieren; da umarmt Lilian Helen und spricht auch von bester Freundin, obowhl die sich erst seit acht Moanten kennen (später wird Helen dann Lilian ihre Einsamkeit gestehen, dass sie immer alles nur mit Geld machen wollte, sich immer alles kaufen wollte und dass sie sowieso nur sehr einsam zuhause hockt und eben total allein ist); da rastet Annie aus; es kommt zu einem Riesengeschrei und die beiden Frauen schenken sich nichts – wie in der Dreigroschenoper das Eifersuchtsduett.

Annie arbeitet übrigens bei einem Juwelier und lässt an den Kunden ihren ganzen Beziehungs- und Einsamkeitsfrust aus, wenn diese von ewiger Liebe reden. Das ergibt Szenen gegen jeden Verkäuferinnenanstand und das kostet sie den Job. Ihre Geschwister werfen sie darauf hin aus der gemeinsamen Wohnung, die Ärmste kehrt wieder zur Mama zurück, gebeutelt vom Schicksal.

Eine weitere Brautjungfer ist Magen, die korpulente. Sie sitzt im Flugzeug neben einem Macho, den sie für einen typischen Airmarshal hält, den sie ständig darauf anquatscht und der es stets abstreitet, bis dann der Ernstfall eintritt, wenn Annie behauptet, sie sehe auf dem Flügel eine Frau aus der Kolonialzeit. So kommt das ganze Flugzeug in Aufruhr. Der Marshall muss sich outen. Damit kommt eine köstliche Liebesgeschichte in Gang.

Die Einsamkeit einer der weiteren Brautjungfrauen wird übrigens dadruch illustriert, dass sie jede Menge Stiefkinder hat, sie selbst ist blond, und sie regt sich maßlos über die pubertierenden Jungs auf, deren Bettlacken voll mit Sperma seien, so voll, dass sie fest wie Bretter seien.

Ein Dialogstück von Lilian zu Annie: „Du hast es geschafft, jede einzelne Veranstaltung vor meiner Hochzeit zu ruinieren“, nun, des einen Ruin ist des Publikums Freud.

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