Eine weitere dieser schwachbrüstigen deutschen Komödien, die vermutlich der Fernsehdenke voll Genüge tun, die aber im Kino nichts zu suchen haben. Insofern muss ein Film mit dem Titel ARSCHKALT den Kommentar „am Arsch vorbei“ aushalten können. (Mit Fernsehdenke meine ich: um eine Idee herum eine Story konstruieren ohne Analyse des Grundkonfliktes der Hauptfigur und Einsatz dieses Konfliktes zur Erzeugung dramatischer Spannung, und zwar unabhängig vom Genre).
Hinzu kommt bei André Erkau, dass er vermutlich geglaubt hat, wenn er Sprüche sammelt, googelt oder recherchiert und diese auf die verschiedenen Figuren verteilt, dass er dann schon eine Komödie vor sich habe. Es gibt der Sprüche viele; viele, aber nicht mal alle, haben mit Kälte, aber keiner mit Arscheskälte zu tun.
„Ich denke im Leben ist alles ein Frage der richtigen Temperatur“
„Dass nicht die Kälte des Eiswürfels in den Wodka übergeht, sondern die Wärme des Wodkas in den Eiswürfel. – Das ist romantisch. – Nein, das ist Physik.“
„Sein Vater hat Malaria Endstadium, Blutspucken, Eiterbeulen, das volle Programm.“
„Junge, wir hätten mehr Segeln sollen.“
„Ich zieh Sie vors Gericht (Kunde) – Vors Fischgericht?“ (Ausfahrer).
„Brot ist wie das Leben, früher oder später wird es hart.“ (zu googeln bei Rackls Backstuben).
„Es gibt Dinge, die kann man nicht einfrieren. Was sagt uns das? Ist aber auch egal.“
„Sind wird Profis oder sind wir Profis?“
„Für ein Happy End brauchts eben ein bisschen Geduld.“

Die Idee als solche wäre nicht schlecht. Ein einsamer, kalter Mensch, missratener Sohn eines erfolgreichen Fischstäbchenfabrikanten dazu, hat die Fabrik des Vaters längst ruiniert. Jetzt muss er Fischstäbchen ausfahren und an den Haustüren verkaufen. Als Anzulernenden bekommt er einen jungen Schwätzer beigesellt. Dieser soll den Eingefrorenen wieder zur Menschlichkeit auftauen (das ist die Idee des Autors). Das ist human gedacht. Das könnte eine schöne Geschichte werden. Nur ist zwischen Denken und Umsetzen gelegentlich ein langer Weg, den man ackern müsste, und wenn das Anspruchsdenken ans Kino sich darin erschöpft, Sprüche zu sammeln und mit lockerer Hand auf die Figuren verteilen, so kann das Resultat recht unergiebig werden. Wie hier.

Es fängt schon mit der Darstellung von Herbert Knaup als Rainer Berg an, dem missratenen Fabrikantensohn. Behauptet wird, er sei eiskalt. Aber er spielt den Typen cholerisch. Das ist zwar lustig, ergibt aber wenig Sinn. Ein Choleriker muss nicht aufgetaut werden.

Dieser Rainer Berg meint, manchmal wünsche er sich, er wäre ein Fischstäbchen. Er fährt dann fort über Temperaturen und die Zeit im Allgemeinen und die Haltbarkeit von Fischstäbchen im Besondern zu philosophieren. Leider setzt dies keine Filmkomödie in Gang. Solche Sätze erscheinen, wenn sie nicht an einen dramaturgisch etablierten Konflikt der Hauptperson angeheftet werden, selber wie Fischstäbchen ohne Teller in der freien Luft und ohne Beilagen und ohne Mayo oder Ketchup.

Die Gesichter waren dick geschminkt, aber weder dies noch der Dreitagesbart von Herbert Knaup können gegen die gefühlten Minustemperaturen dieser deutschen Komödie, die sich noch den Gefrierpunkt zum Thema macht, ankommen.

Der Vater von Rainer Berg, der mit seinen Fischstäbchen 45 Jahre lang die Nummer Eins war, verbringt seinen Lebensabend in einem luxuriösen Altenheim. Der Sohn gibt vor, er betreibe die Fabrik weiter und sei erfolgreich. Dabei hat er den Betrieb und damit den Erfolg des Vaters längst an die Wand gefahren. Der Alte scheint von all dem nichts mitgekriegt zu haben, wünscht sich, seinen anstehenden Geburtstag in der prima laufenden Fabrik zu feiern.

Dass der Alte, dessen Lebenswerk die Fabrik war, von deren Zusammenbruch rein gar nicht mitgekriegt haben soll, auch dass ihm offenbar entgangen ist, dass sein Sohn mit der Leitung eines solchen Betriebes vollkommen überfordert ist, erscheint mehr als unglaubwürdig. Das müsste, da es gegen jede Lebenserfahrung spricht, im Film wenigstens plausibel begründet werden. So aber ist der ganze Gag mit der fingierten Wiederinbetriebnahme der verrotteten Fabrik eine ziemlich schwerfällige Gagmaschinerie, vollkommen witzlos, da es keinen Grund dafür gibt. Witz um des Witzes willen, wenn er denn wenigstens zum Lachen wäre, dann hätte er immerhin eine Rechtfertigung durch seine originelle Qualität. Hat er aber nicht.

Es verwundert doch, dass einem Herbert Knaup das nicht aufgefallen sein soll bei der Lektüre des Drehbuches. Denn damit agiert auch er auf einem Boden, der nicht trägt.

Also schon mal zwei fundamentale Fehler in der Konstruktion, die das Komödiengefährt daherrumpeln lassen wie ein Auto mit einem platten Reifen.

Statt sich jedoch um die grundlegenden Dinge zu kümmern, nämlich um die Glaubwürdigkeit und damit Stabilität der Komödie, findet es die Regie viel lustiger, bei jeder Fahrt auf das Altenheim zu, die an verschiedenen Tagen statt finden, deutlich zu machen, dass immer dieselbe Gymnastikgruppe auf der Wiese davor die gleichen Übungen macht, als sei nicht eine Sekunde verflossen dazwischen. Ist vermutlich als zusätzliche Illustrierung der Fittness der Alten in diesem Heim gedacht. Alte, die turnen, das ist eine Lustigkeit per se – das glaubt vielleicht der Fernsehredakteur. Drum muss das mehrmals gezeigt werden.

Das Kühlkettenkonstrukt der Firma, in der Rainer Berg arbeitet, bietet Anlass für eine Reihe mehr oder weniger humorergiebiger Verkaufsszenen vor Wohnungen und Häusern, so wie Lieschen Müller sie sich in einem Scriptwriting-Workshop für Jedermann wohl ausdenken würde und der Kursleiter würde schier einen Orgasmus kriegen, wenn Lieschen ihr Script abgibt, so wie vielleicht hier der Filmförderer.

Dann kommt noch ein Geldproblem dazu. Und ein Unterbruch in der Kühlkette führt zu internen Problemen. Das Thema Kühlkette ist vielleicht dramaturgisch etwas plausibler aufbereitet, würde den Anspruch an einen Schulungsfilm eines Fischstäbchenfabrikanten sicher erfüllen, aber das Hauptthema, wenn es denn eines gibt, scheint mir doch die Vater-Sohn-Geschichte. Aber leider wurde diese dramaturgisch, hm, ja, verkackt.

Es gibt Szenen mit einer ganz langsamen Schwebefähre über einen Kanal, so wie sie wunderbar in den „Demoiselles de Rochefort“ zu sehen ist; bei dem Gedanken an Jacques Demy will einem hier schier das Blut gerinnen oder man kriegt Magenkrämpfe angesichts dieser Gefrierkomödie.

Erklärungsversuch, wie es möglich wird, dass solch ein unausgegorener Film überhaupt gemacht, mit öffentlichen Geldern gefördert wird und in die Kinos kommen soll. Vielleicht geht in den Machern und Ermöglichern von solch „netten“, vielleicht gerade mal fernsehnetten „Filmen“ psychologisch folgendes vor sich: die Deutschen können keine Komödie, eine häufig zu hörende Behauptung, und weil sie sie nicht können, können wir sie sowieso nicht und also müssen wir sie so machen, dass wir uns beweisen, dass wir sie nicht können.

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