Herzensbrecher

Improvisationen und Impressionen zum Musset-Satz „Nichts ist wahrer als die Unvernunft der Liebe“ anhand der Verliebtheit von Francis und Marie in den blonden Engel Nicolas, der, das zeigt eine Überblendung in einer Trance-Sequenz, nach dem David vom Michelangelo kommt.

Von der Machart her von Godard inspiriert, nebst einer sehr freien Montage gibt es Literaturzitate, was es allerdings bei Xavier Dolan im Gegensatz zu Godard nicht gibt, das ist eine im Leben fundierte Rahmenhandlung. Mit anderen Worten, ein Konflikt der gelöst werden müsste oder der zumindest über allem schwebt, wie es beim ersten Film von Dolan „I killed my mother“ noch der Fall war: der Konflikt zwischen schwulem Sohn und alleinerziehender Mutter.

Da ein Handlungsskelett praktisch fehlt, würde ich von einem Molluskenfilm sprechen. Film ohne Skelett. Die Montage reiht aneinander und zwischeneinander Interviews frontal zur Kamera mit jungen Menschen, die über ihre unglücklichen Verliebtheiten sprechen. Diese Interviews sind mit Kameraspielereien versehen, immer mitten im Text die Nähe neu justieren oder bei Spielszenen gibt es impulsive schnelle Schwenks zu den Füssen oder zum Nachbarn. Auch Spielereien mit Farbfiltern, Liebesszenen in rot und grün, Bettszenen von Frau und Mann und Mann und Mann, immer sehr zart und erotisch oder auch weniger erotisch.

Die Männerliebe verklärter gezeichnet. Es geht um eine Ménage à trois. Marie und Francis entdecken auf einer Party Nico und verlieben sich in der Sekunde in ihn oder vielleicht sollte man eher so formulieren, in das Schönheitsdeal von Mann, das er verkörpert. Das ist der Spannungsreiz des Filmes, ob Nico sich für Marie oder für Francis entscheiden wird, wessen Verlockungen er erliegen würde, wenn und ob überhaupt.

Die Auflösung der Geschichte ganz am Schluss, die ist hart und überraschend und macht mir deutlich, dass dieser Film vielleicht in der Arbeit von Xavier Dolan ein Zwischenfilm bleiben wird (es war auch ein Verlegenheitsfilm für Zwischendrin, weil sein nächster Film nicht wie geplant voran kam) zwischen I KILLED MY MOTHER und einem allfälligen Film, der womöglich genau dieses Schlusstableau, das die Veränderung von Marie und Francis krass zeigt – nachdem ihr Engel sich für fast ein Jahr nach Australien abgemeldet hat und wieder auftaucht – zum thesenhaften Ausgangspunkt haben könnte, diesmal geballt mit Konflikten. Herzensbrecher als das Weichstück dazwischen.

In loser Reihenfolge werden verschiedene Begegnungs-Szenen aneinandergeschnitten.

Zu Dritt liegen sie im Bett. Erst will keiner in der Mitte schlafen. Dann opfert sich Nico, der nicht durchblicken lässt, was er will, er hat vorher beide geküsst und geherzt und sagt er liebe sie, aber das klingt schablonenhaft, formelhaft, das macht vielleicht den Reiz seiner leeren Schönheit aus und die Kamera schwenkt zu den Männerfüssen, die sich zart berühren.

Sie haben die Idee eines Wochenendes zu Dritt im Haus der Tante am Meer. Dort dreht Marie fast durch, wie Nico sich Francis zuwendet. Oder es gibt eine Einladung zum Essen, man trifft sich verabredet, man trifft sich zufällig. Man beobachtet sich gegenseitig mit Argusaugen. Man spricht auch über Style und Kleidung. Man geht zu Parties. Aufs Land fahren sie zu Dritt im Auto.

Einmal kommt die Mutter von Nico zu Besuch, bringt einige Infos über ihn in den Film; sie ist eine eher exzentrische Figur. Dann ist wieder Francis allein, hockt in Embryonlastellung am Boden, ist betrübt, verzweifelt, oder hat sich ein Poloshirt von Nico geschnappt, riecht daran und holt sich an der Schmerz-Lustgrenze einen runter.

So plätschert die Beziehung dahin ohne Höhepunkte, immer nur aus neuen Perspektiven, in wieder anderen Gruppierungen. Aber aus Nico ist nichts rauszukriegen. Selbst wie Francis ihm wörtlich die Liebe erklärt, nimmt Nico das scheinbar vollkommen verwundert zur Kenntnis, fragt ihn warum er glaube, er sei schwul. Francis erzählt ihm darauf von seiner Statistik an der Badezimmerwand, in welchen Farben er Striche für welche Antworten auf diese Frage mache. Die Strichliste hat man vorher schon mehrfach gesehen.

Im Interviewzyklus werden verschiedene Varianten der Schwulität benannt, ganz schwul, teil, homo-hetero etc..

Eine schöne Szene, eine der ersten Begegnunen der drei ist eine Szene im Café. Cerise oder chocolat, Kirsche oder Schockolade, das ist hier die Frage und ganz spontan füttert Nico Francis mit einer Kirsche; später wird das mit Marshmellows wiederholt: Francis nimmt das todernst, für Nico ist es ein Spiel. Einmal kauft sich Francis in der Einsamkeit eine ganz Packung Marshmellows.

Oder es gibt die Geschichte mit dem lapin blanc, mit dem weißen Hasen. .

Xavier Dolan schöpft in der Schilderung schwuler Welten aus dem Vollen und geizt nicht damit; die Dinge schauen immer sehr glaubwürdig aus und die Darsteller spielen gut; ein zusätzlicher Reiz geht von diesem schrägen kanadischen Französisch aus, was die Darsteller sprechen und einen nicht zu vernachlässigenden Teil des Charmes des Filmes ausmacht.
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Der Contents sind viele, über die geredet wird, über ein Theaterstück mit dem Titel „SCHMERZ MIGRÄNE & SOLDAT“, über Wildbeere und Sodomie, über die biologische Uhr, den Briefwechsel von Musset und George Sande, Audrey Hepburn wird zitiert, man schwelgt in Kunst- und Filmvorbildern, die Musik könnte aus der Plattensammlung eines Menschen stammen, der besonders populäre, bekannte anspruchsvollere Werke sammelt. Io spero. Oder die Frage, was ist der Traumtyp. Es gibt schöne schwule Zärtlichkeiten zwischen zwei Freunden. Bang Bang song. Ein Strohhut als Geschenk auf der Party. Die Idee My Fair Lady zu schauen.

Und immer wieder suhlt Dolan sich in schwülstiger Malerei, in Bildern schwuler Sehnsucht, schöne Männerkörper oder nur der Bauch. Schwelgen in Jugend und Schönheit. Insofern wohl doch eher ein Zielpublikumsfilm.

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