Confessions – Geständnisse (Filmfest München)

Da ist es wieder einmal, das gelegentliche Rezeptionsproblem mit asiatischen Filmen. Zum einen sprechen die Leute oft sehr schnell und deutsche Übersetzungen, sprich Untertitelungen können sehr lange sein und nur kurz zu sehen. Dieses Problem ist hier prima gelöst, sowohl was die Sichtbarkeit als auch Verständlichkeit der Untertitel anlangt.

Das andere Problem ist das der Physiognomie. Für mich jedenfalls ist es immer schwierig, die einzelnen Figuren zu unterscheiden, und auch noch die Namen, die sich für uns doch alle sehr ähnlich anhören: Moriguchi, Watanabe, Naoki Shimomura – also bei genauem Hinschauen sind die schon sehr verschieden, aber mir fehlen dann vielleicht die Eselsbrücken, sie zu merken.

Mit den Gesichtern habe ich das Problem, besonders wenn es sich um junge Darsteller handelt und erst recht, wenn sie alle noch ähnliche Frisuren haben, lange oder kürzere grade schwarze Haare und wenn die Kids dann noch wie hier meist Schulunfiormen tragen. Nur das Opfer, das Mädchen das kleine ist durch ein kitschiges Requisit, ein Handtäschchen, charakterisiert.

Aber das Mädchen sehen wir vor allem tot im Teich. Um diesen Tod geht es im Film. Genauer gesagt, um die Rachefantasien, in die sich die Beteiligten hineinsteigern.

Das erste Opfer ist die Lehrerin, die Mutter des Kindes, das zwei ihrer Schüler umgebracht haben.

Zur Erzähl-Methode von Tetsuya Nakashima muss noch erwähnt werden, dass sie sich streng nach dem Titel richtet. Der Film ist in Kapitel eingeteilt. Ein jedes ist das Geständnis der Rachefantasie eines der Beteiligten. Die Geständisse sind sehr innerlich, sehr reflexiv gesprochene Monolge, sei es der Lehrerin, oder der mörderischen Schüler, die auf die perfide Rachefantasie der Lehrerin mit noch perfideren Rachefantasien reagieren. Jedes Kapitel hat eine angenehm unaufgeregte, besonnene Voic-Over der jeweiligen Hauptperson.

Anfangen tut es mit dem Geständnis der Rachefantasie der Lehrerin. Wie allerdings bereits die Schulklasse geschildert wird, dieser Lärm, dieses explosive, schier nicht zu bändigende Leben, dieser ständige Aufruhr und Pegel, allein das ist schon geniales Regiewerk. Und wie anfangs die Milchtüten überall da sind, durch die Luft fliegen, wie sie auskippen – und immer wenn eine Bewegung oder ein Unfall spannend wird, dann geht die Kamera nah ran, verlangsamt die Aufnahme und bewirkt so die irrsinnigsten Effekt, die noch dazu immer grandios ineinander geschnitten sind, die Effekte, der Tumult in der Schule, die Rückblenden auf das Vebrechen und der Lehrerin sanfte Voice-Over.

So geht es in allen Kapiteln. Jedenfalls gibt die Lehrerin Ende der Stunde bekannt, dass sie den beiden Tätern, die sie kenne, Schulmilch zugesteckt habe, die mit dem Aids-Virus infiziert seien und sie sagt es ganz drastisch und direkt, wie lange die Inkubationszeit laufe und wie die Krankheit dann verlaufe und ende.

Im Gegenzug zu dieser Rache entwickelt der eine der Mörder, ein wie es heisst hochbegabter Schüler, was später auch wieder in Zweifel gezogen wird, eine böse Bombe, die er bei seiner Dankesrede für einen Preis, den er erhält, unterm Rednerpult versteckt hat und mit dem Handy zur Explosion bringen lassen will. Je intelligenter einer ist, desto raffiniertere Tötfantasien kann er entwicklen. (Kim Ki-duk wird sich in seinem Film ARIRANG, der auch am Filmfest läuft, wunderbar aufregen darüber, wie leicht es sei, das Böse im Film darzustellen).

Jedenfalls wird der Auftritt gezeigt. Der Schüler steht am Rednerpult, sehr diszipliniert bejubelt vom grossen Auditorium. Er steht vorn, streckt einen Arm in die Höhe, mit der anderen Hand versucht er mit dem Handy die Bombe, die eine ungeheure Zestörungskraft hätte, zur Explosion zu bringen. Aber nichts rührt sich. Er schaut nach. Die Bombe ist entfernt worden. Nun bringt ihm die Lehrerin, die alles vorhergesehen hat, die Auflösung, und sie selbst hat die Bombe, die wohl dieletanttischst gebastelt worden sei (also nix da mit superintelligent) und leicht zu entschärfen, mit einem Knipser mit der Drahtschere unschädlich hat.

Es geht dann um Relief, um Erleichterung
Dabei hatte der böse Schüler noch Raskolnikov zitiert mit dem Satz vom Recht auf das Töten. Spätestens mit dem Anruf der Lehrerin nach der nicht statt gefundenen Bombenexplosion wird klar, dass es sich hier nicht um einen Revenge-Streifen der üblichen Art handelt, sondern viel mehr um ein Spiel mit Rachefantasien; es kommt auch kurz die Psychologie ins Spiel: die Lehrerin hat beim bösen Schüler wunderbar seine Einsamkeit als Schwachstelle analysiert. Darüber wir ein Lied eingespielt, dessen Text fragt, erinnerst Du Dich an den Pfad, auf dem wir uns trafen, lang, lang, lang ists her.

Rachefantasien sind menschlich, aber für die Realisierung ungeeignet. Das ist die hier in cineastisch brilliant bebilderter Atemlosigkeit vorgetragene These. Drum kann am Ende auch das Wort vorkommen, es sei ja alles nur ein Witz gewesen.

Als kurze Gedankenpausen in den Monologen, die diese GESTÄNDNISSE aussprechen, gibt’s immer wieder den Blick auf einen malerischen Wolkenhimmel, Wolken, die in gewittrigen-giftigen Farben drohend leuchten und schnell herbeiziehen.

Dass es sch vielleicht doch um einen augenzwinkernden Witz über Rachefantasien gehandelt haben könnte, zeigt erst das allerletzte dieser Wolkenbilder, welches schon weit zwischen den Titeln im Abspann platziert ist: da lugt zum ersten Mal die Sonne kurz hervor! Das Augenzwinkern des Himmels.

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