Afrika ist für die Westler, genauer: für die Europäer, nach wie vor ein harter Brocken. Das belegt auch der Film von Ulrich Köhler. Und nicht nur muss der Weiße aufpassen, dass er sich am Schwarzen Kontinent nicht übernimmt, auch vor Nilfpferden sollte er sich tunlichst in Acht nehmen.

Mit diesen einleitenden Sätzen habe ich nicht nur versucht, die Quintessenz aus dem Film zu formulieren, sondern auch die mich faszinierende Haltung, die Ulrich Köhler mit seinem Afrika-Film an den Tag legt, zu treffen. Das ist mir jedoch erst im letzten Bild schlagartig bewusst geworden und hat den Film in ein für einen Afrika-Film ziemlich ungewöhnliches Licht getaucht.

Es geht darin um zwei Phasen im Leben von Ebbo Velten, einem europäischen Arzt, der gleichermaßen gut deutsch und französisch spricht, und der sich seit 20 Jahren in verschiedenen afrikanischen Ländern einem Schlafkrankheitsprojekt widmet. Seine Frau lebt zu Anfang des Filmes noch bei ihm.

Die erste dieser Phasen im Film schildert einen Besuch der Tochter, die in Deutschland studiert. Dann fliegen Mutter und Tochter zurück nach Europa. Für seine Frau gab das Leben in Afrika wenig mehr Inhalt her. Ab hier ist Ebbo Velten allein.

Die zweite Phas des Filmes setzt drei Jahre später ein. Sie handelt davon, dass eine schwarze Bettgenossin von Velten hochschwanger ist und vor einer schweren Geburt steht. Zweitens bekommt Velten Besuch eines von der WHO abgeordneten schwarzen Arztes, der Franzose ist, Dr. Nzila. Der soll einen Bericht über die Verwendung der Gelder, die seit Jahren in Dr. Veltens Schlafkrankheitsprojekt gesteckt werden, anfertigen. Damit wird dem Film ein dramaturgtisches Spannungselement beigefügt.

In der ersten Phase werden ausgiebig die Verhältnisse in Afrika geschildert, so rückständig, wie wir sie in Europa gerne sehen; das ist nicht in jedem Moment spannungserzeugend, aber es erweckt einen realistischen Eindruck, resp. bestätigt unser voreingenommenes Bild der Rückständigkeit des Kontinents.

Der Film fängt an mit einem Blick aus dem Fond eines Autos auf einer nächtliche Straße mit nach hinten sausenden Mittelstreifen und Lastern auf der Gegenfahrbahn. Eine umständliche Straßen-Sperre der Polizei unterbricht die Fahrt. Dabei ist zu erfahren, dass es die Veltens sind, die dieses Auto fahren und dass sie eben ihre Tochter vom Flughafen abgeholt haben. Dummerweise hat sie keinen Pass dabei (allerdings fragte ich mich im ersten Moment, das müssten doch die afrikaerprobten Eltern gleich bemerkt haben) es gibt also in nächtlichem Schummerlicht von Autoscheinwerfen und Polizeitaschenlampen ein längeres Hin und Her und Beratungen, was zu machen sei und wie das Problem zu lösen sei. Bestechung kommt nicht in Frage, in dieser Hinsicht ist Velten prinzipientreu. Ob er den einen Polizisten ein Stück mitnehmen könne. Kommt auch nicht in Frage. Der Arzt besteht auf seiner Neutralität: keine Uniformen, keine Waffen im Wagen. Wenn der Polizist sich aber auszöge. Kurzer Scherz, ob er nackt mitfahren möchte. Der war zu erwarten. Nein, in Zivil. In der Tasche hat er dann doch die Pistole. Auch die muss raus. Sie sei nicht geladen, behauptet er. So stellen wir uns Afrika vor. Und auch so, wie der Wächter im Haus von Dr. Velten reagiert, wie das Auto sich nähert. Nämlich gar nicht. Erst nach heftigem Pochen ans Tor kommt er schlaftrunken daher. Velten moniert in einem Ton wie Hundehalter ihn ihrem Tier gegenüber anzuwenden pflegen, wenn es nicht gleich pariert, er habe ihn zum Wachen angestellt, kein Wachen, kein Geld. Der Wächter lügt, er sei im Garten gewesen. Genau so stellen wir uns afrikanisches Personal vor. Schläfrig und verlogen. Aber Dr. Velten ist eben schon 20 Jahre in Afrika und hat seinen Modus Vivendi gefunden.

Es gibt weitere Schilderungen dieses Arztlebens, Budgetbesprechungen in der Klinik, Probleme beim Parkplatz, eine zwielichtige Gestalt möchte ihm seinen Wagen abkaufen und die taucht später unangemeldet und bei ihm zuhause auf und behauptet dem Wächter gegenüber, er habe den Wagen gekauft. Dr. Velten hört sich das aus dem Hintergrund an, wo er auch feige bleibt. Irgendwie haben wir uns Menschenfreunde – und Ärzte, die in Afrika helfen, die gehören in diese Kategorie – anders vorgestellt.

Sein Freund Gaspard möchte ihn zum Plantagenkauf überreden, das sei doch viel interessanter. Gaspard glaubt an die afrikanische Frau und umgibt sich mit jugendlichen, schwarzen Schönheiten, die garantiert keine Nutten seien. Gaspard lebt das süße Leben des Weißen in Afrika wie wir es uns in Kolonialzeiten vorgestellt haben. Das vermittelt der Darsteller Hippolyte Girardot als Gaspard überzeugend mit seinen wenigen Auftritten. Gut gecastet und gespielt. Das Kompliment kann auf die anderen Darsteller ausgedehnt werden. Die eine der jungen Damen möchte in Deutschland studieren. Inzwischen sind übrigens Mutter und Tochter von Velten bereits nach Deutschland zurückgeflogen. Seine Frau befindet sich jetzt in Wetzlar

Bis hierher würde ich von additivem Kino sprechen, was die Szenen ohne großen Handlungsfaden aneinander reiht und zwischenzeitlich den Eindruck bestärkt, aha, hier hat einer ein Thema gesucht und das will er jetzt illustrieren; ein Fehlschluss, wie sich herausstellen wird.

Drei Jahre später.
Eine Konferenz über Entwicklungshilfe. Hier spricht ein Schwarzer darüber, dass 500 Milliarden Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten Afrika gar nichts gebracht hätten, dass sich nichts geändert habe; im Gegenteil, diese Hilfe habe sich als obstacle majeur pour le developpement herausgestellt, als ein schweres Entwicklungshindernis; Handelsmöglichkeiten, die nämlich würden die Impulse geben.

Es gibt ein Medizinergespräch über ein Mittel gegen die Malaria, das Depression als Nebenwirkung habe. Hier entsteht kurz der Eindruck eines Aufklärungsfilmes.

Jetzt kommt Dr. Alex Nzila an, ein Abgeordneter der Weltgesundheitsorganisation, der prüfen soll, was mit den ganzen Geldern für das Schlafkranhkeitsprojekt von Dr. Velten geschieht. Die Recherche von Dr. Nzila gestaltet sich von Anfang an nicht leicht. Schon mit dem Fahrer, den ihm die Krankenstation geschickt hat, ist er nicht zufrieden, ja er weigert sich mit dieser Kiste 500 Kilometer über afrikanische Piste zu fahren und fordert seinen Koffer wieder raus. So kommt er vom Regen in die Traufe. Transport und Übernachtung gestalten sich abenteuerlich, zum Beispiel die Szene mit dem Nachtquartier, wo der „Portier“ ihn mit einer Taschenlampe in den stockfinsteren Wald hinausführt, sich von ihm verabschiedet mit den Worten, jetzt müsse er nur noch wenige Meter gehen in der Dunkelheit und dann sei er da. Was Dr. Nzila dann findet spottet jeder Beschreibung. Es gibt immerhin Sicherheitsschlösser vor den Holzverschlägen.

Die weitere Handlung besteht nun in der Recherche von Dr. Nzila, der an einer Stelle bemerkt, er sei schwul. Und an anderer, er sei Franzose (er wird gefragt, warum ein Schwarzer diese Inspektion durchführen soll) auch sein Vater sei schon in Frankreich geboren, aber die Vorfahren stammten aus dem Kongo. Auf seine Art eine einsame Figur in Afrika.

Zwischendrin muss Dr. Nzila, der längst kein praktizierender Arzt mehr ist, der von Dr. Velten Geschwängerten mittels Kaiserschnitt, wozu er die Anleitung übers Handy erhält, zur Geburt des Kindes verhelfen. Nachdem Dr. Velten endlich auftaucht, verabredet man sich zu einem nächtlichen Jagdausflug. Das ist der Moment, an den Humor eines Curt Goetz zu denken, bei dem Jagdausflüge eine reizvolle Funktion im zwischenmenschlichen Gemenge einnehmen und gelegentlich tödlich enden.

Ein Afrika-Film der ungewöhnlicheren Sorte.

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