Klitschko

Irgendwann mag man sie nicht mehr sehen, diese Dokumentationen über Stars. Es ist immer dasselbe Schema. Einserseits muss ihr Aufstieg dokumentiert werden. Das heisst: Ausschnitte aus Fussballspielen, Autorennen, politischen Kämpfen oder wie hier aus Boxkämpfen, die alle schon durch die Medien gegangen sind und alle bekannt sein dürften. Dann muss in den Archiven der Promis gewühlt werden, Jugendfotos, Jugendvideos, erste Auftritte, Interviews, das Elternhaus, Aufstieg, Rivalitäten, Niederlagen, Rückschläge und am Schluss müssen sie sich irgendwie wieder fangen oder gefangen haben. Und sind alles Gladiatoren, Heroen unserer Zeit, mit kleinen Abweichungen, Kino beschränkt aufs Ikonenbuildung. Und dann noch ein frisch erzeugter Interviewstrang.

Das ist hier nicht viel anders. Wohltuend allerdings vor allem der erste Teil. Der Filmemacher geht an die Orte der Jugend der beiden Boxkämpfer Gebrüder Vitali und Vladimir Klitschko.

Da ihr Vater im Militär war, ein Offizier, ging ihre Jugend mit ständigen Umzügen durch die ganze frühere Sowjetunion. Man besichtigt Ruinen, Bauten, ein leeres Wohnhaus, wo die Familie zu fünft oder sechst zwei Jahre lang in einem einzigen Zimmer hauste. Kein fliessend Wasser. Bad draußen.

Zu sehen sind Bilder von der ersten Arbeiten nach dem Unglück von Tschernobyl, weil der Vater der beiden Boxer einen Aufräum-Trupp anführte. Er selbst hat sich Schäden zugezogen. Scheint aber gut medizinisch versorgt.

Die Klitschkos werden als kleine Familie mit einem festen Zusammenhalt vorgestellt. Das kam durch die dauernden Versetzungen des Vaters. Und diese führten auch dazu, dass sie an ihren jeweils neuen Orten angefeindet wurden und sich durchsetzen mussten. Es wird eine Anekdote berichtet, wie eine Mutter eines Schulkameraden zur Mutter Klitschkos kam, weil Vitali diesem das Nasenbein gebrochen hatte. Aber das war gerecht, meint er noch heute, denn der andere hatte ihm die Mütze in die Pfütze geworfen. Und das haben sie vom Vater gelernt, dass sie kämpfen müssen und zwar bis zum Sieg.

Das schien mir der interessantere Teil des Filmes, der weniger bekannte Background der Familie inklusive der Tschernobyl-Bilder. Die Hilfsflüge für Tschernobyl und die Katastrophenbekämpfung, die sind von einem Flugplatz direkt bei Klitschkos gestartet und dort wurden auch die Flieger und Autos und alles mit Wasser gereinigt und in diesem Wasser hat Vitali Papierschiffe fahren lassen. Er erzählt dann noch von den Fliegern, die Blei über der Unglücksstelle abgeworfen hätten.

Aber je länger der Film fortschreitet, je grösser der Erfolg wird, desto mehr Gewicht erhalten die Kämpfe, die Erfolge.

Zumindest für den geübten Fernsehzuschauer dürfte hier nicht mehr viel Unbekanntes dabei sein. Mancher  Kommentator, speziell Bernd Bönte mit dem Bambi neben sich auf dem Kaminsims, wird dann dorch arg penetrant und geschwätzig. Hier hätten dem Film einige Kürzungen wohl getan.

Fast wie aus einem Hollywood-Streifen muten die saukomischen Versteckt-Kamera-Bilder vom Treffen mit Don King an, kaum zu glauben, dass es wirklich so zugeht.

Dem Filmemacher Dehnhardt kann man zugute halten, dass er trotzdem immer wieder versucht hat, einen Kinofilm zu machen, mit schönen, atomosphärischen Städtebildern, Strandbildern dazwischen und die alle gut aufgenommen sind und auch immer wieder kinofreundliche Details: Aufnahmen vom Aufbau einer Boxarena, vom Pflaster auf dem Zeh, das Einbandagieren der Hände, das Anziehen der engen Boxhandschuhe, der Tunnelblick des Boxers vor dem Kampf, Anfruf an Mamma vom Bruder nach einem Kampf in der Sekunde des Sieges.

Die Eltern haben nie einen Kampf gesehen, Mama geht derweil allein spazieren. Charakterisierungen: Vitali sei aus Stein, der muss geschliffen werden und das hält, während Vladimir aus Ton sei, leichter formbar, der schneller bröselt. Vitali kann Kritik ertragen, er braucht sie auch zum Weiterkommen, Vladimir mag keine Kritik. Schönes Filmrequisit: der Lada, den sie in der SU hatten in der damals hippen Farbe „nasser Asphalt“, das heutige im Film dominierende Requisit: ein T-Shirt mit der Aufschrift „fit und geimpft“.

Was auch bleibt, ist der Eindruck einer starken physischen wie geistigen Präsenz der beiden Brüder. Dass der Film dort aufhört, wo beide Brüder zwei Weltmeistergürtel in der Hand halten, ist ihm nicht zu verdenken. Es gab noch ein kurzes Zwischenspiel von Vitali in Kiew in der Politik, aber dann hat er wieder gekämpft. Ab da hatte der Film sein Tempo praktisch auf Overdrive gestellt.

Maxime: Wenn Du gar nichts mehr hast, dann kannst Du boxen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert