Diese Dokumentation ist interessant, weil sie aus einem immer noch nur schwer zugänglichen Land und einer totalitären Diktatur mit einem fast gottgleichen Führer berichtet, aus Nordkorea. Aus einem Land, in dem  Menschen hungern, davon kann selbstverständlich in einem solchen Film nicht die Rede sein, denn dafür hätte es keine Drehgenehmigung gegeben, aber für Stars der weiblichen Fussballnationalmannschaft, die bei verschiedenen Tournieren international Aufsehen errregt haben, und die also auch ins Ausland reisen konnten, die selber in Nordkorea privilegiert leben, nämlich in Wohnungen, die ihnen der General oder der Führer zur Verfügung gestellt hat und die bei der Essensration, die monatlich einmal eingekauft werden kann, Extras erhalten, die zu filmen schien nach langer Anlaufszeit und verschiedenen Treffen auf Tournieren ausserhalb von Nordkorea dann doch möglich.

Und nur ganz am Rande, als Schnittmaterial sozusagen, konnte die Regisseurin Brigitte Weich Bilder einfügen, die einen Hauch von einer Idee der Stimmung in diesem für uns abgeschlossenen, menschenfeindlichen Lande geben.

Unser Bild von Nordkorea ist ein Nicht-Bild, wie vielleicht früher vom Eisernen Vorhang; den Subtext der westlichen Propaganda empfinde ich immer so, als wolle er uns suggerieren, dort lebten gar keine Menschen, sondern Ungeheur, unterdrückende und unterdrückte. Nur Zombies. So überraschen mich dann eher die Gemeinsamkeiten mit unserer Gesellschaft, die sich in einer solchen Dokumentation finden, denn die Unterschiede.

Pokale sammeln und in einem Schränkchen zuhause ausstellen, das tun Sportler in Nordorea wie in Deutschland. Sich geehrt fühlen wenn politische Grössen einen auszeichnen, das tun Sportler in Nordkorea wie in Deutschland. Privilegien geniessen, das tun Sportler in Nordkorea wie in Deutschland. Die Mannschaft wird in Nordkorea bejubelt, wenn sie im Ausland einen Sieg holt, so geht es einer deutschen Mannschaft in Deutschland auch. Und nordkoreanische Sportlerinnen reden im Interview nicht anders als deutsche. Die Amerikaner für Zombies halten, das tun die Nordkorener genauso wie wir, wie schon erwähnt, die Koreaner für Zombies halten. Den sportlichen Erfolg wollen, das tun die vier hier portraitierten nordkoreanischen Fussballerinnen genau so wie deutsche Fussballerinnen. Jene kämpfen für Nordkorea. Unsere kämpfen für Deutschland. Das war jetzt gewissermasen ein Extempore zu dem was im Film zu sehen ist, der sich um die nordkoreanische Frauenfussballnationalmannschaft kümmert.

Es gibt Bilder, die man schon kennt von Nordkorea: vom grossen Denkmal für den grossen Führer und die heroisierenden Wandgemälde, die leeren Prunkstrassen, prachtvolle U-Bahnhöe, Wolkenkratzer, Menschen in Gruppen und in Uniformen; oder die Stars, Menschen, die auch nicht aus ihrer Haut raus können, die alles fürs Vaterland und den Führer tun, die als Sportler Karriere machen und dann vom General einen Brief kriegen, der ihnen ganz kostbar ist.

Die vier Sportlerinnen, die sich die Regisseurin für diese Dokumentation ausgesucht hat, die in Aktion zu sehen, wie diese eher kleinen Frauen, gelegentlich fast Bällen gleich über den Rasen schiessen, das ist schon beeindruckend. Es sind vife junge Frauen. Die Regisseurin hat Material aus ihrer aktiven Zeit mit grossen internationalen sportlichen Erfolgen und jetzt einige Jahre später nach dem Ende ihrer sportlichen Karriere in diesem Film zusammengestellt.

Dem Film voran setzt Brigitte Weich ein Zitat von Kim Jong II (das dürfte auch der Gastfreundschaft geschuldet sein): Grosse Ideologie schafft grosse Zeiten. Dann folgt ein Zitat von Simone de Beauvoir: Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.
Damit dürfte Weich den ideologischen Spagat eines solchen Filmes elegant gelöst haben, ohne sich selbst zu verraten. Dann spielt sie einen koreanischen Song über Frauen ein: Frauen sind Blumen, Frauen sind die Blumen des Landes.

Nacheinander folgen kleiner Portraits der vier Sportlerinnen aus ihrer aktiven Zeit, einer Stürmerin, einer Verteidigerin, einer Mittelfeldspielerin und einer Torhüterin; sie erzählen über ihren Einsatz für den grossen Führer, von ihren Privilegien, von ihren Erfahrungen, von Spielen, vom Erfolg, auch von der mühsamen Anerkennung in ihren Familien, die dann erst kam, wie sie am TV zu sehen waren (auch das ist nicht anders als bei uns) und wie der Vater der einen ganz stolz war und in jeder Spielerin im TV seine Tochter zu erkennen glaubte, oder die Mutter, die nicht verstehen kann, dass ihre Prinzessin Fussball spielt; (auch diese Probleme gibt es bei uns haargenau gleich, wenn ein Kind aus dem elterlichen Milieu ausbricht und etwas Exponiertes macht oder werden will, gar ein Medienstar – no difference). Auch die Beeindrucktheit dadurch, dem General Blumen überreichen zu dürfen. Die Verteidigerin philosophiert darüber, wie man aus der Verteidigung heraus den Angriff startet. Dann die Ehrungen Erster Klasse der Nationalflagge. Auch bei uns sind die Leute scharf auf Ehrungen, Sportler des Jahres, eine der Spielerinnen zeigt ihren Glasschrank mit Geschenken und Auszeichnungen drin; sieht bei unseren Sportlern kein Deut anders aus. Oder eben der Stolz über eine handschriftliche Notiz vom General.

Sie erzählen von ihrem Gastspiel in den USA, oder wie sie als Sportlerinnen trotz Nahrungsnot mit genügend Reis versorgt werden. Sie nehmen das auch ganz selbstverständlich an, dieses Privileg. Oder sie erzählen von den negativen Gefühlen gegen die Japaner, weil die Mutter der einen im Krieg noch schlimme Dinge erlebt hatte. Oder dasss die Japaner die Koreaner  schimpften, sie würden nach Knoblauch stinken. (Nun soll also keiner so tun, als kennten wir keine Vorurteile).

2004 kam dann das Ende der Aktivzeit der vier portraitierten Spielerinnen, die Mannschaft wurde radikal umgebaut und erneuert. Eine war immer schon seit den frühen Neunzigern, also praktsich vom Anfang an dabei.

Dann portraitiert die Filmemacherin die vier Frauen auf ihrem weiteren Lebensweg, die eine studierte an der Sportuni und will Torhütertrainerin für Frauenfussbal werden, sie wäre dann erst die zweite im Lande, die andere arbeitet bei einer Firma, die Natursteine bearbeitet; eine sieht man im Sprachlabor Englisch lernen; eine wird Hausfrau werden, also heiraten, sie hat ihren Mann über eine Vermittlung gefunden, sie gehen rudern und der Mann meint, wie die Nadel dem Faden so folge die Frau dem Manne.

Es wird erwähnt, dass der General erwarte, dass man sich fein mache für die Auslandsauftritte, das ist bei uns auch nicht anders, wenn man bedenkt, welch ein Getue herrscht über die Uniformen der nationalen Sportler bei einer Olmypiade oder einer Weltmeisterschaft.

Es gibt einen Blick in einen gut gefüllten Lebensmittelladen, Frauen stehen da und holen ihre monatliche Ration, das wird von Hand in ein Buch eingetragen und hier erfahren wir vom Privileg der Sportlerinnen.

Eine Frau, die bereits ein Kind hat, besucht mit Mutter und Tochter und Kamerateam den Zoo, man sieht einen Berner Sennenhund in einem Raubtierkäfig und einen deutschen Hund und auch Katzen, wie traurig. Man besucht eine Kinderkrippe, wo die Kinder schon von ganz klein auf indoktriniert werden, wer stellt sich vor das Bild und sagt, was drauf ist, das ist unser Führer, wie er jung war; oder sie stehen um das Modell einer exklusiven Villa in einem Walde herum und die Lehrerin erzählt, dass hier der Führer geboren wurde. (Uns bestens bekannt das Getue um die Geburtshäuser von Prominenten). Oder man sieht die Nannies, die Kleinkinder in den Mittagschlaf wiegen.
Eine will gar nicht heiraten, sie trauert der Freundschaft nach, hat vor allem noch mit einer Fussballkollegin Kontakt, aber durch die gemeinsame Zeit werden sie wohl Freundinnen bleiben.

Der Titel Hana Dul Sed, was Eins, Zwei, Drei auf Koreanisch bedeutet, nun, da gabs doch mal, One, Two Three, Billy Wilder, richtig, worum gings da noch, genau: um den Kapitalismus und den Kommunismus. Und worum geht’s bei Brigitte Weichs Hana Dul Sed? Genau, um nichts anderes als um den Kommunismus und den Kapitalismus.

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