Inhaltlich ist der Film leider kaum mehr als ein Studentenulk, statt „Warten auf Godot“ heißt es „Warten auf den ADAC“ (erstens kommt er dann und zweitens ist es der AGB); der Kommentar „nobody ist perfect“ gilt nicht einem delikaten Thema wie der Schwulität (wie bei Billy Wilder), sondern lediglich dem Polizistenberuf und bevor sich der Witz vollkommen erschöpft, wird der Zauberer von Oz noch schnell zum Scharlatan relativiert.

Sonst ist es großes Startheater – umso schader um die Müh! – den Stars wird ihr Startum gelassen, sie werden von der Regie pfleglich behandelt, von der Maske fast undurchlässig geschminkt (es bleiben kaum sichtbare Schminkspuren am Hemd des weißen Kragens von Robert Stadlober, dem Protagonisten in der Rolle des Julian, dem Mann, der über Autos sprang); sie werden ins rechte Licht gerückt und kommen so oft in Großaufnahme vor, damit dem Zuschauer ja nichts von der Mimik, dem Lachen oder der Verlegenheit oder auch mal der Wut entgeht; dadurch aber geht der kaum vorhandene und außerdem rückwärts gesponnene Faden der Geschichte gänzlich verloren. (Wobei zu fragen ist, ob hier nicht ein Startum gepflegt wird, das doch sehr altmodisch anmutet).

Die Idee zum Faden einer Geschichte ist durchaus da: es ist eine Art Pilgerreise zu Fuß von Berlin bis zum Schwarzwald mit dem Zwecke, durch die Energie des Gehens dem herzkranken Vater eines Freundes zu helfen; der Faden wird aber so verzwickt gelegt, dass man so gut wie nie den Eindruck bekommt, der Pilger und seine wechselnden Begleitungen würden sich auch nur 100 Meter vom Fleck bewegen, umso mehr, als in der zirkulären Bewegung auch immer wieder dieselben Figuren auftauchen, allen voran Jessica Schwarz, eine Ärztin, der Julian immer wieder begegnet und die dann schon wieder da ist, wo er erst hinkommt (so gings auch dem Hasen mit dem Igel) obwohl er sie erst gerade hinter sich gelassen hat.

Die Kamera verzichtet auf Sprünge, sie verzichtet darauf den Protagonisten am einen Ort aus der Kamera laufen zu lassen, um ihn dann unsichtbar zu überholen und am nächsten Ort schon auf ihn zu warten; somit entsteht im Zuschauer gerade nicht der Eindruck, Julian sei in einer Vorwärtsbewegung.

Der Pilgerweg als Stationenweg. Die Stationen, das sind Begegnungen mit anderen Menschen, auf die die metaphysische Idee hinter diesem Gewaltsmarsch von Julian einen positiven Einfluss haben soll. Er ist für diese Unternehmung aus einer Berliner Nervenklink abgehauen. Für ihn ist der Marsch allerdings nicht nur guter Zweck für den Vater des Freundes, sondern das näher liegende Motiv scheint die Buße zu sein, die er tun will, dafür, dass er sich am Tod seines Freundes (dessen Vater er eben besuchen will) schuldig fühlt. Dieses Motiv wird nicht von Anfang an klipp und klar eingeführt, sondern es wird wie ein Geheimnis erst nach und nach preisgegeben; das dürfte der größte dramaturgische Lapsus an diesem Film sein, der ihm den weiteren Weg schwer machen wird und der sich vor allem an der Kinokasse negativ bemerkbar machen wird. Der Lapsus hat meiner Meinung nach die Qualität, wie wenn ein Bergsteiger nach Erklimmen eines schwierigen Aufstieges am Gipfel als Lohn das Steigeisen bekommt, das für den Aufstieg unentbehrlich gewesen wäre. Zu diesem Zeitpunkt nützt es ihm allerdings nichts mehr.

Das Theoretische ist plausibel. Ein Mensch, der seine ganzen Energien auf etwas lenkt, was nicht seinem Egoismus oder seiner Karriere dient, dürfte auf andere Menschen zumindest keinen negativen Einfluss haben, weil er die Energie nicht gegen die anderen Menschen lenkt, wobei hinzuzufügen ist, dass Julian auch über hellseherische Fähigkeiten verfügt, Menschen, denen er zum ersten Mal begegnet, kann er ihren Namen auf den Kopf zu sagen.

Aber: dieses Psyhafte und Religiös-Trancehafte kommt theoretisch daher. Praktisch reicht es meiner Meinung nach allerdings nicht, Alltagssätze – und im Besonderen die Alltagssätze aus deutschen Filmen – bedeutungsvoll zu sprechen, um ihnen metaphysisches Gewicht zu geben. Das ist jedoch ein Merkmal der Inszenierung, dass es prinzipiell nur bedeutungsvoll gesagte Sätze gibt, ob der Polizist schimpft „Idiot“, weil ihm einer die Vorfahrt im Niemandsland nimmt, oder die üblichen TV-Fragen, was denn hier los sei, wo er denn herkomme, aber auch solche über das Dunkel, das Licht oder die Angst vorm Menschsein und weitere theoretische Sätze, die jedoch dem Film alle keine intellektuelle Substanz verschaffen können noch die Handlung vorwärts treiben oder spannend machen.

Beispiele von Sätzen: Ich muss weiter. So ein Zufall. Es gibt keinen Zufall. Zeig mal, was? Was ist denn das für eine Narbe? Hat jemand ein Handy dabei? Kann mal bittschön jemand das Licht anmachen? Schwimmt da einer? Scheiße, wo steckt dieser Wixer. Kann ich Euch ein Stück begleiten? Wieviele Kilometer schaffst Du? Wo kommst du denn eigentlich her. Mir fehlt mein Herz, ich hab kein Herz.

Dass Julian aus der Klinik ausgebrochen ist, gibt dem Storytelling Anlass für eine kleine Kriminalgeschichte; Julian wird von einem Bullen verfolgt, auch nicht ganz realistisch, eher klamottig. Genres zu mixen steht einem jeden frei. Wenn denn was Genießbares rauskommt.

Beispiele von Stationen auf diesem Stationenweg. Unfall mit einem Pferd, das davon läuft. Oder: Julian kommt an einem Hof vorbei, pflückt eine Pflaume, der Bauer erscheint und fragt ihn bedeutungsvoll, ob ihm die Pflaume gehöre. Oder der Bauer mit den zwei Hunden, der eine heißt Ossi, der andre Wessi, wobei Ossi der größere von beiden ist.

Der Film fängt an mit einer Voice-over, die sich mit der Entwicklung des Menschen als Konkretisierung der Energie als Geist befasst. Das geht von der Glühbirne über das Nichts zur Energie zum Universum und dann zum Geist, DER GEIST KANN ALLES, Pennälerwissen, aber ob es ausreicht einen gscheiten Film zu machen? Will der Filmer ein Gefühl der Alleskönnerschaft transportieren? Der Film erteilt sich selbst damit höhere geistige Weihen, die er im weiteren Verlauf nicht einlösen kann. Nick Barker Monteys heißt der ambitionierte Filmer, der uns mit diesem thematischen Chaos auf der Leinwand allein lässt aber immerhin glaubhaft andeutet, dass sein Wunsch wäre, die Leinwand mit geistigem Input attraktiv zu machen.

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