Arrietty – Die wundersame Welt der Borger

Politisch korrekt ist das nicht so ganz, sich seine lebenswichtigen Güter zu “borgen” ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, sie je wieder zurückzugeben – na, was ist daran unkorrekt, das machen doch die Vereinigten Staaten und Deutschland und Griechenland und Portugal und Irland und alle, alle auch, sie borgen und borgen und borgen. Inzwischen könnte man meinen, auch sie denken nicht daran, das Geld je wieder zurückzuzahlen.

Nun, es gibt dann doch noch Unterschiede zwischen den Staaten und den Borgern aus diesem wunderbaren japanischen Anime. Die Borger, die wir hier kennen lernen, eine Familie bestehend aus Mama, Papa und dem Töchterchen, der wunderbaren Haupt- und Titelfigur Arrietty, Traum einer Animefigur, die machen das anders, denn sie borgen sich von den Menchen nur das Lebensnotwendige und nur soviel, dass die Menschen es nicht merken. Sie erfüllen sich in gewisser Weise den Nischentraum. Wenn die Menschen das allerdings merken oder wenn die Menschen sie gar zu Gesicht bekommen, dann ist Schluss mit dem Traum. Dann müssen die Borger ausziehen und sich eine neue Bleibe suchen.

Dazu muss erwähnt werden, dass die Borger ganz kleine Lebewesen sind, wahre Winzlinge, die sich in minimen Hohlräumen oder exklusiverweise auch mal in einer Puppenstube in der Gerümpelkammer des Hauses, das sie sich als ihr Quartier ausgewählt haben, einnisten. Ihre Ausflüge in die Vorratskammer oder in die Küche ihres Gasthauses, das sind wahre und halsbrecherische Expeditionen durch Leitungsrohre und Hohlräume und Ritzen zwischen Brettern mit waghalsigen Abseilaktionen und Klettereien auf Küchentische und Küchenschränke. Und sie dürfen sich nicht erwischen lassen dabei.

Aber eine schöne Geschichte wäre keine schöne Geschichte, wenn nicht genau das passieren würde, was nicht passieren darf und wenn sich die Dinge dann nicht doch noch zu einem glücklichen Ende entwickelten. Auch darum lieben wir solche Geschichten.

Die Familie des Gasthauses unserer Borger hat nämlich einen kränklichen Sohn, der heisst Sho, und die Familie besteht sowiso nur aus ihm, seiner Mutter und einer alten Haushälterin, die für die Borger bald die Böse wird. Sho bekommt nun Arrietty eines Tages verbotenerweise zu Gesicht und Sho und Arrietty freunden sich an entgegen den Gepflogenheiten der Borger. Allerdings kommt die Haushälterin Haru dahinter und will die Borger vertreiben, sie scheut vor keinen drastischen, ja sadistischen Mitteln zurück, nicht mal davor, den Kammerjäger auf die Borger anzusetzen. Aber weil wir im Märchen sind, nimmt das alles eine gute Wendung. Mehr sei hier von der Geschichte gar nicht ausgeplaudert.

Was mir gefällt an diesen Borgern ist, dass sie sich nur die Dinge borgen, die sie wirklich zum Leben brauchen und nur so, dass niemandem auffällt, dass er einen Schaden hat. Das machen die Staaten schon ziemlich anders. Die borgen Geld um Dinge zu tun, die sie überhaupt nicht bräuchten, um Atomwaffen zu bauen, um Milchprodukte zu subventionieren, die dann in Afrika zu Hunger führen, um für Milliarden Projekte auf die Beine zu stellen, die niemand braucht, um Industrien zu subventionieren, die auch ohne Subvention leben könnten, oder die Waffen herstellen, bei denen Einzelne auf Kosten der Allgemeinheit überproportional viel Geld verdienen und die der Menschheit nichts Gutes tun und sowieso der Allgemeinheit keinen Nutzen bringen. Die Borger beschaffen sich nur, und das in aller Bescheidenheit und ohne jemandem merklich zu schaden, eine Art Grundeinkommen.

Was mich bei Filmen mit Winzlingen auch immer beschäftigt, das ist die Relativität von Grösse, die sie einem bewusst machen. Die kleine Welt der Borger ist eine ganze Welt. Und wie rücksichtslos doch die grosse Welt der Menschen, bis eben auf den sensiblen Sho, mit der für sie kaum wahrnehmbaren Welt der Borger umgeht. Wie beschränkt doch jede Welt auf ihre Grösse ist. Wie leicht sie die absolut setzt. Wie brutal der Zuschauer es empfindet, wenn Haru die Mutter von Arrietty in der Puppenstube entdeckt und sie in ein leeres Marmeladenglas einsperrt. Das tut weh. Und wie man sich vielleicht bewusst wird, wie man selber eine störende Fliege gedankenlos killt.

Solche Klein-Gross-Filme sind immer auch dazu angetan, den Respekt vor anderen Welten einzufordern, den Blick auf die Relativität eigener Grösse zu richten. Das tut dieser Arrietty-Film auf grandiose Weise.

Mein Filmtipp der Woche.

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