Volker Sattel hat seine Bilder gut unter Kontrolle.
Er hat sein Thema genau definiert und die Kamera gezielt darauf gerichtet: der Tanz des Menschen mit seiner Technik um das Goldene Kalb der vorgeblich preisgünstigen Gewinnung von Atomenergie.
Energie, die der Mensch braucht, um seinen Kaffee zu kochen, den Sonntagsbraten zu garen, nicht eiskalt duschen zu müssen noch zu frieren im Winter, um sich fortzubewegen und zu produzieren, um ins Internet zu gehen, um sich Luxus zu leisten; das sind Dinge, die im Film gar nicht vorkommen. Aber es sind die Motive, die hinter dem Aufwand stecken, den der Mensch betreibt, um an die Energie ranzukommen.
Sattel fotografiert nur diesen Aufwand, eingegrenzt auf den Bereich der Gewinnung von Atomenergie. Er reiht die Bilder in der Art ruhiger Sachfotografie aneinander. Atomanlagen, die nie fertig gestellt worden sind und vor sich hinrosten oder die, wie in Zwentendorf in Oesterreich jetzt für Schulungszwecke für das Atomgeschäft umfunktioniert worden sind. Meiler, die abgeschaltet und ausgeschlachtet worden sind. Ein Schneller Brüter, der gar nicht erst in Betrieb genommen worden ist und und in dessen Kühlturmmantel jetzt ein Kettenkarussell seine vergnügten Runden in die Höhe schraubt. Das Atomkraftwerk der Ex-DDR in Stendal, das längst abgeschaltet ist und sich auf das Ausschlachten und Zurückbauen von anderen ausrangierten Meilern spezialisert hat. Forschungsreaktoren, die versuchen alle möglichen Fehlerquellen im Umgang mit der Gewinnung von Atomkraft zu eruieren, im Hinblick darauf, dass die menschlichen Fehler, die in der Bedienung der Anlagen immer wieder vorkommen, keine verheerenden Folgen zeitigen. Dazwischen Eindrücke aus einer Siedlung beim Forschungsreaktor Garching bei München, Strassenschilder mit den Namen von Atomphysikern.
Die Reihe dieser Objektfotografien wird aufgelockert mit Bildern von Führungen und Reparaturarbeiten, aus Schaltzentralen, aus einer Übungszentrale mit Mannschaftsbesprechung, Aufnahmen eines Festaktes in einem Atomkraftwerk mit eleganter Gesellschaft, schönen Reden und einem klassischen Orchester. Es gibt Details von eisernen Krallen an der Einfahrt eines Werkes. Man sieht Arbeiter, die in Mondkostümen stecken, um Reparaturarbeiten auszuführen und wie gründlich diese Kleidung nachher gewaschen wird. Und zur Abwechslung: idyllische Landschaftsbilder mit eingebetteten Atommeilern, Zwischenlager und Endlager. Man erfährt dass die Kosten einer Atomruine, die nie in Betrieb gegangen ist, 9 Milliarden DM betrugen und dass es Simulatoren zur Simulation von Unglücken gibt.
Volker Sattel verzichtet weitgehend auf die Unsitte oberflächlicher Interviews; es gibt nur einige sparsame Kommentare von Technikern, Ingenieuren oder Ruinenwärtern.
Die Bilder sind angenehm konsumierbar hintereinander geschnitten. Die Aussage des Filmes ist propagandistisch eindeutig: schaut her, was die Menschen für einen Aufwand betreiben und welch hohes Risiko sie eingehen, um die angeblich billige Atomenergie zu gewinnen.
Dokumentarfilm als Propagandaplakat, das sich als Sachfotografie ausgibt; als Aussage für einen ganzen Dokumentarfilm ist das doch eher dünn und inzwischen ist die Haltung praktisch gesellschaftlicher Konsens geworden bis in die Spitzen der CSU; ein Film, der kritisch sein wollte und von der Entwicklung der Verhältnisse überrollt zum Konsens-Film geworden ist. Der Cineast geht mit nicht mehr als Wandkalenderbildern im Kopf nach Hause; so kann man denn den Entscheid des Münchner Dokumentarfilmfestivals, diesen Film als Eröffnungsfilm zu zeigen, nur so interpretieren, dass es ein Zeichen setzen wollte gegen die Atomkraft, was ja lobenswert ist; leider setzte es damit noch kein Zeichen für den nicht nur schönen sondern auch anspruchsvollen Dokumentarfilm.