Ob das im Kino funktionieren wird, zwei Protagonisten, Olli Dittrich und Katja Riemann, in je fünf verschiedenen Rollen als Protagonisten von sich berührenden Liebesgeschichten? Ich habe meine Zweifel.
Der Titel verspricht grosse theoretische Fundierung, grossen theoretischen Überbau. Darin ist im Film nicht viel zu merken in den wohl eher erfundenen denn nach der Realität kreierten Charakteren, so da sind, Olli Dittrich als Taxifahrer, libanesischer Imbissbudenbetreiber, der die Dame vom Gesundheitsamt bezirzt, Guru, Werbefuzzi, der Nürnberger Würstchen gegen Hambuger promoten soll, Fahrschüler und Katja Riemann als esoterische Gattin des Werbefuzzis, als spanische Gattin des Fahrlehrers und Mutter der Schauspielerin, die einen Samenspender sucht und den Fahrschüler findet, als Beamtin vom Gesundheitsamt und als Galeriebesitzerin, die ein Verhältnis mit ihrem Schwager hat, wenn ich das richtig zusammenaddiert habe.
Das sind alles nett erfundene Paarungen, so wie sich ein Werbetreibender vielleicht seine Kundschaft vorstellt und mit denen sich nette Sketche, wo es irgendwann dann immer mal um die Liebe geht, inszenieren lassen.
Ob das kinointelligent genug ist?
Die Schnitte zwischen den Szenen sind hart. Es gibt keine eleganten, sinnlichen Übergänge, die einen Sog entwickeln könnten, es gibt keine Überhänger, die eine Szene nachwirken und die nächste vorbereiten könnten.
Je nach Geschmack gefällt einem, das ist das Problem solcher Angebots-Filme, der eine oder andere Darsteller in der einen oder anderen Rolle besser oder weniger gut. Das dürfte der Grund sein, warum sich das Prinzip der Doppel-Fünffach-Rollen-Besetzung bis jetzt nicht durchsetzen konnte im Kino.
Die beiden Darsteller haben sehr verschiedene Herangehensweisen an ihre Rollen – das wirkt sich aus. Olli Dittrich hat für jede Rolle eine eigene Motorik, einen eigenen Bewegungsablauf, ja sogar die Perzeption der Figuren spielt er verschieden: das macht aus jeder Rolle, nebst den sprachlichen und natürlich den wirklich gut gelösten Maskenproblemen für jede Figur einen sehr prägnanten Typen, der sich deutlich von den anderen abhebt, wenn auch sehr grobstrichig. Während Katja Riemann immer am Rande des Chargierens ist, sehr viel mit Mimik versucht, nebst natürlich auch den Perücken und durchaus auch mal Gesten. Diese Figuren unterscheiden sich für mich nicht so prägnant. Aber vielleicht ist das Geschmackssache.
Es sind lauter nette kleine Geschichten, eher fürs Fernsehen geeignet, ihnen fehlt der grosse Erzählatem des Kinos, ihnen fehlt die genau Analyse der Konflikte; mir kommt das vor wie ein Musterbogen mit möglichen Menschentypen in diversen Situationen aneinandergereiht. Ein Regisseur, Maskenbildner, Darsteller wollen sich empfehlen.
Dieser auf Fernsehintelligenz ausgerichtete Film kommt mir vor wie eine Art Ausbau und Weiterentwicklung der jahrelang berühmten Langnese-Kino-Werbung, vielleicht könnte man vermuten: inspired by Langnese-Werbung.
Es gibt viele liebenswürdige Kleinigkeiten zum Lachen. Den Running Gag mit dem Föhn, den der Fahrleher immer gefährlich nah an die Badewannenkante legt, in der Hoffnung, er würde mal ins Badewasser seiner Frau fallen. Die Esoterikerin, die am Schluss wirklich in die Luft entschwebt nachdem sie vorher im Supermarkt umständlich 96 Kartons mit Milch eingekauft hatte, um anschliessend im weissen Nass zu baden. Am Anrührendsten ist Bustani, der Libanese, der ist so treuherzig auf die unerotisch vertrocknete Mitarbeiterin vom Hygieneamt steht – so ganz zu verstehen ist das nicht.
Der Film fängt an mit einer Szene, wie der halbwüchsige Sohn vom Werbefuzzi mit einer Schrotflinte eine Taube vom Himmel schiesst. Die Spanierin steckt sie in die Tasche und serviert sie später ihrem Mann. Ja, es fehlt dem Film der Lauf, es sind alles, schöne kleine, gut inszenierte Sachen und Sächelchen und wenn auch die Fäden der Geschichte gelegentlich zusammenlaufen, so fehlt eben der Faden der Geschichte, vielleicht auch der alles entwaffnende herzliche Humor.
Das Liebesthema kommt mal vor und dann wieder nicht. Einmal ist die Wohnung des Werbefuzzis voller Tauben, ein schön surreales Bild. Das sind Gags, aber sie helfen der Geschichte wenig. Der Fahrschüler fährt dem Fahrlehrer bei der Prüfung den Wagen kaputt und am Abend erfährt der Fahrlehrer, dass das sein Schwiegersohn wird, mei wie nett.
Aber 90 Minuten Langnese-Werbung, wenn auch mit etwas mehr Geschichte, so klischeehaft wie erfunden, wird kein Hauptprogramm.
Insgesamt fehlts am Kinoschwung, am Kinorhythmus, der einen 90 Minuten fesselt. Oft wirken Szenen etwas bemüht, wegen der Abgrenzung der verschiedenen Figuren und wenn ein Darsteller in verschiedenen Rollen gleich mehrfach im Bild ist, was hintereinander gedreht worden ist, dann geht einer auch mal durch den eigenen Ellenbogen hindurch.
Was wollte Alexander Otto Jahreiss uns erzählen? Dass er einfach Lust hatte, mal wieder Kino zu machen? Und dass ihn dabei kleine Tüfteleien mehr interessieren und mehr begeistern, als das, weswegen der Zuschauer meist ins Kino geht, die Geschichte nämlich?
In einer Szene erklärt der Fahrschüler im Imbiss der Schauspielerin denTitel des Filmes; das steht in diesem Niveau von Theorie einsam da im Film und die Figur des Fahrschülers ist auch keineswegs so intellektuell eingeführt worden, wie sie sich hier gibt.
Man könnte sich zum Schluss die in Fernsehspielen aus Mangel an Konfliktanalyse gerne und inflationär gestellte Frage, die ein Neuankömmling in einer Szene oft stellt, damit dem Zuschauer nochmal erklärt werden kann, worum es geht und die auch hier im Film leider vorkommt, stellen: „was ist denn hier los?“