Pepe Danquart richtet dem janusköpfigen Joschka/HerrFischer ein biedermeierliches DokuPopArt-Mausoleum ein.
Der Titel zeigt es an, denn wir wissen bei den beiden Personen Joschka und Herr Fischer handelt es sich um ein und dieselbe Person: diese eine Person wird hier als zwei Personen vorgestellt, als Januskopf quasi. Vom cineastischen Standpunkt aus stellt sich gleich die Frage, ob das als Film trägt, eine Person in der einen Variante sich betrachtend als in der anderen Variante gewesen seiend. So wie Danquart das inszeniert, ergibt das zwar Kommentar aber keine Interaktion, somit noch keine Garantie für Kinospannung. Was der Zeitgenosse allerdings nur schwer ausblenden kann, wie er auf diesen Film reagieren würde, wenn er keinen Bezug zu den Ereignissen hätte, ob er den Film dann auch interessant oder gar für vollkommen belanglos halten würde. Der Zeitgenosse jedoch kann sich dieser Installation um die Person Fischer nicht entziehen.
Danquart hat fleissig Bildmaterial über den grünen Politiker Joschka Fischer gesichtet und sichten lassen, ausserdem lässt er in eigens als solche ausgewiesenen “Side-Stories“ eine ganze Reihe prominenter Zeitgenossen zu Wort kommen von Katharina Thalbach bis Daniel Cohn-Bendit. Erfahrungsgemäss, und das ist hier nicht anders, sind solche Statements oft nicht allzu ergiebig. Füllmaterial für Mausoleumsrundgangspausen. In solchen Momenten der Geschwätzigkeit sehnt man sich nach dem wohltuend nüchternen WER WENN NICHT WIR von Andreas Veiel zurück. Erfahrungsgemäss sind in solchen Filmen die Archivaufnahmen das spannendste, besonders in diesem Film, der unsere jüngere und jüngste Geschichte behandelt, in der Joschka Fischer ein ungewöhnlich mitbestimmender Faktor war.
Das Gesicht oder den Kopf von Fischer, den Danquart also Joschka nennt, den präsentiert er uns in einer Halle in einer Art moderner musealer Installation. Auf verschiedenen sich im Raum befindlichen Glasflächen laufen in etwa 3-minütigen Endlos-Schleifen Szenen aus dem bewegten politischen Leben nebst raren Privataufnahmen von Joschka Fischer ab. Zum Beispiel ist mehrfach zu sehen, wie Joschka beim Einzug der Grünen in den Bundestag dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl einen grünen Tannenzweig überreicht. Doku-Pop-Art fällt mir dazu ein, sogar Portraits von Andy Warhol. Dies als Hinweis, in welcher Richtung diese Dokumentation zu schubladisieren wäre. Ikonenbildung als moderner Dokupop und das sogar vorm Hintergrund der entsprechenden Musik; oder: eines Zeitgenossen Gang durch sein eigenes Museum. Oder auch die andere Schlagseite: eine Art Superillu zwecks Legendenbildung. Ein bisschen biedermeierhaft kommt diese Filmkunst daher – das Erscheinungsbild des Herrn Fischer löst in mir diese Suggestion aus. Mit dem merkwürdigen Geruch eines Mausoleums behaftet. Herr Fischer auf dem Wege, einbalsamiert zu werden.
Der JOSCHKA ist derjenige, der einst Steine auf Polizisten geworfen hatte, der dann der erste grüne Minister in der Bundesrepublik überhaupt wurde, der zur Vereidigung als Minister in Hessen mit Turnschuhen angetreten war, der im Bundestag den Bundestagspräsidenten ein Arschloch genannt hatte, der dann in der rot-grünen Bundesregierung Vizekanzler und Aussenminister wurde. Dieser Joschka war, das erinnern uns die Bilder, ein bis zum Anschlag kämpferischer, unkonventioneller, gewitzter Typ, ein ungewöhnlich faszinierender und oft auch polarisierender Politmensch, immer im Einsatz mit dem unbändigen Willen zur Macht, die Stimme nicht schonend, ein Faszinosum und Anziehungspunkt weit über die Partei hinaus. Er war aber auch einer der ersten Deutschen, die nach dem zweiten Weltkrieg anlässlich des Jugoslawien-Einsatzes in Deutschland den Satz salonfähig machte, dass man in manchen Fällen das Völkerrecht brechen müsse, um es durchzusetzen. Darauf kommt er in seiner Betrachtung ausdrücklich zu sprechen. Krieg als traurige Errungenschaft. Leider war er auch einer der entscheidenden Bundesminister, der den inzwischen über zehn Jahre andauernden, quälenden Afghanistan-Einsatz mitbeschlossen hat. Dieser Fakt, der bis heute fortwirkt, und den nach wie vor keiner rational erklären kann, wird im Film ausgeblendet, das interpretiere ich so, dass hier Monument-Buildung und nicht Geschichtserforschung betrieben werden soll. Hier verschont Herr Fischer sich und die Zuschauer vor einer der gravierendsten und bis heute wirksamen (problematischen) Folgen seines politischen Handelns.
Der HERR FISCHER nun ist ein grauhaariger, netter älterer Herr mit Brille im freundlich gesättigten Gesicht, mit weissem Unterhemd unterm krawattenlosen hellblauen Hemd und dezentem Jackett, die Hände immer schön artig gefaltet oder verschränkt vor der Brust, nie unter der Gürtellinie, nie in den Hosentaschen versenkt, vielleicht hat ihm das Herr Danquart gesagt damit die Pfötchen mit der verspielten Fantasiegestik nicht aus dem Frame springen, einer merkwürdig verkniffenen Gestik, die zu lesen und zu interpretieren dem geschulten Psychologen vermutlich seitenlange Abhandlungen entlocken könnte.
Der Herr Fischer wird nun von Herrn Danquart durch das Museum seiner eigenen Historie geführt, genauer gesagt vor die Glasflächen mit den Clips aus den Endlos-Schleifen postiert und Herr Fischer darf plaudern dazu, darf den verschmitzten Opa und Schnurrenerzähler geben. Er erweckt den Eindruck eines wohlsituierten, wohlernährten Privatiers, der aber in jeder Sekunde darauf bedacht ist, sich gut darzustellen. Inklusive Ansätzen von Selbstkritik und das ist wirklich köstlich, wenn er von seinen ersten Stunden und Tagen als Minister in Wiesbaden erzählt, er, der ehemalige Strassenkämpfer und Taxifahrer, wenn man die Bilder sieht nach dem Sensationsgier-Pressetross, der Joschka nach der Wahl zu seinem kleinen Büro begleitet und dann sitzt er vor diesem Pult mit den Aktenbergen und der Herr Fischer erzählt, dass er wirklich keine Ahnung hatte, was damit anzustellen sei, und dass er anfänglich ungefähr alles falsch gemacht habe, was man irgend falsch machen konnte. Später wird er aber erwähnen, dass er gelernt habe, dass es immer um Zuständigkeiten gehe, dass das Hin- und Herschieben von Zuständigkeiten nichts bringe.
Mein Eindruck von diesem Herrn Fischer ist aber auch der, dass er als Privatier nicht allzuviel mit sich anfangen kann, dass ihn politische Visionen schon gar nicht mehr umtreiben, er orientiert sich mit seinem heutigen Leben an seinem früheren Leben, sagt er, muss aber zugeben, dass ihm jenes (aus der musealen Distanz verklärt erscheinende) Spontileben von damals heute nicht mehr so recht gelingen will, das sei eine Illusion mit 60; mir scheint das weniger das Alter zu sein, als die Last der eigenen Geschichte und vor allem die des Geldverdienens; oder wie mir fast noch eher scheint, der Mangel an politischer Vision, für die sich einzusetzen für ihn heute noch lohnt. Denn wenn wie bei Fischer die politische Vision einzig die der Machterlangung war, was er ja angepeilt und geschafft hatte, er erklärt das an einer Stelle auch: zu den etwas kindischen Aufnahmen im Zeitraffer von Frankfurt und wie er da über seine Zeit als Taxifahrer reflektiert und erzählt, die habe aus ihm den Realo gemacht, was dann sein Erfolgsprinzip wurde; was bleibt ihm noch, wenn er die Macht hinter sich hat und keine erlangbare Macht mehr vor sich sieht, das mit Europa hat nicht geklappt, wie er sagt und aktuelle Versuche, ihn in den Medien als grünen Kanzlerkandidaten zu lancieren, stossen nicht gerade auf ein ermutigendes Echo, was bleibt so einem Mann noch, der aufgrund seiner Geschichte in die Etage des Wohlstandes übergesiedelt ist?
Das ist die Frage, die mich nach dem Film am meisten beschäftigt, besonders aufgrund Fischers abschätziger Bemerkungen über die Partei, ohne welche er niemals seine politische Karriere hätte machen können, die ihm natürlich auch viel zu verdanken hat, aber ohne welche er den Zustand seines jetzigen Wohlstandes und der Geldeinnahmen durch seine Bekanntheit auch vermutlich nie hätte erreichen können; ging es ihm letztlich auch nur darum, sich ein schönes Plätzchen zu suchen; denn wenn er noch politische Visionen hätte, dann hätte er auch die Chance, die ihm diese Doku bietet, doch bestimmt dafür genutzt. Hat er aber nicht. Also doch: Biedermeier, janusköpfig.
Dieser Tage war im Zusammenhang mit dem 100.sten Geburtstag von Max Frisch des Öfteren der Begriff „Citoyen“ zu lesen, also die des engagierten Bürgers, wie ich ihn interpretiere. Von einem solchen Citoyen ist bei Fischer nun beim besten Willen nichts zu spüren. Eher schon denkt man an Brecht: „nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm“. Aber wie wenig Fischer hier Vorbild einer neuen Elite sein möchte oder kann, zeigt sich auch darin, dass das Thema Geldverdienen ausgespart wird. Eine offene Elite könnte doch auch hier einen offeneren Umgang zeigen; warum sagt er nicht, wie verrückt das ist, dass er heute für einen einzigen Vortrag Zehntausende von Euro verdient. Das ist doch die Frucht seiner politischen Laufbahn, wieso muss er die verstecken.
Insgesamt ist für mich der Eindruck der Person Fischer aus dieser Dokumentation doch recht ernüchternd.
Ich habe von Danquart nur einen richtig guten Film gesehen. Das ist bald 20 Jahre her. Der Fim war kurz, bekam einen Oscar und – naturalmente – er hieß Schwarzfahrer.
Danach fand ich „HHeimspiel“ überbewertet und „Am Limit“ zäh.
Zudem wüsste ich so gar keinen Grund mir einen Film über Joschka Fischer im Kino anzusehen.
Für eine Sonntagsmatinee ist er doch alleweil heilig genug; man sollte allerdings seinen frischen, kritischen Verstand mitbringen, um nicht in die oelige Verehrungsfalle zu gleiten und das Kino mit einem ungut-mulmig-gestrigen Gefühl verlassen zu müssen.
1. wurde Herr Fischer in Turnschuhen vereidigt und 2. beleidigte er den Bundestagspräsidenten.
Danke für die Präzisierungen!
Ich habe die Korrekturen jetzt auch im Text vorgenommen.