Bad Boy Kummer

Schade, dass die beiden SZ-Redakteure, die damals wegen des großartigen Real-Fabulierers Tom Kummer den Hut nehmen mussten, weil sie von diesem erfundene Interviews im SZ-Magazin abdruckten – und erstaunlicherweise gefiel es dem Publikum und keiner schöpfte Verdacht – auch heute noch, also Jahre später, nicht dazu Stellung nehmen wollen, wieso sie auf Kummer reingefallen sind und Erfindungen, die zu glauben sie wie ihre Kunden offenbar nur allzu gerne bereit sind, als bare Magazin-Münze weiterverkloppten, wobei diese Magazin-Wahrheit doch eh immer eine sehr gestriegelte und geglättete Wahrheit ist. Die Ex-SZ-Redakteure könnten Größe beweisen, wenn sie heute gestehen würden, hören Sie, bei diesen Beilagen-Magazinen geht es nie um Wahrheit, da geht es um auflagenfördernde Zutat und Ablenkung vom Alltag, die mit einer Wahrheitsgeste an den gläubigen Leser gebracht werden soll. Sie könnten doch gestehen, dass solche Magazine dem Leser ein Wohlgefühl vermitteln wollen, sei es dadurch, dass sie Grausames angenehm lesbar darbieten, sei es dass sie dem Glamour Tiefe zuschreiben (siehe übernächster Abschnitt), kurz, es gehe um das angenehme Massieren des Geistes der von der Wochenarbeit ermüdeten Leserschaft.

Geschichten vom gelungenen Bluff sind für die Gelinkten im Moment der Enthüllung peinlich, für die Nachwelt geben sie herrliche Anekdoten ab, Stoff für Stories, Theaterstücke und Filme, beste Unterhaltung, ob es sich um den Hauptmann von Köpenick handelt oder die gefälschten Hitler-Tagebücher, die die Vorlage für Schtonk lieferten.

Tom Kummer kann sich auch heute noch über die eigene Erfindungsgabe ergötzen, und die ist wirklich herrlich, wie er den schwer kranken Charles Bronson über Orchideen und das Gärtnern philosophieren lässt (Kummer fand die Informationen dazu in Blumenbüchern und Garten-Ratgebern) oder wie er Mike Tyson einen Hang zur Literatur und Philosophie zuschrieb, wie er prinzipiell bei Stars nichtvorhandene Tiefen auszuloten vorgab.

Der Film gibt sich graphisch selbst ein bisschen wie eines dieser Magazine, schon die Titel im Vorspann kommen wie Titelseiten solcher Magazine daher.

Ein Beleg dafür, wie unkritisch die Leserschaft der Magazine ist, ergibt sich daraus, dass offenbar niemand ernsthaft Zweifel an den fingierten Interviews hegte. Verwunderlich ist auch, dass keine von den Agenturen der Stars von diesen Interviews was mitbekommen haben wollen. Entweder ist ihnen die deutsche Presse scheissegal. Oder sie haben sich gesagt, das ist doch geschenkte Werbung, wir wären ja blöd, wenn wir etwas dagegen unternähmen.

Ob der Film fürs Kinonormalprogramm viel taugt, sei dahingestellt (denn das Kinopotential des Tom Kummer scheint mir wenig ausgereizt), aber für alle, die sich mit den Medien und dem Thema Medienwirkung und Wahrhaftigkeit beschäftigen, dürfte viel Anregung zum Nachdenken und zur Diskussion gegeben sein, ein ideales Begleitprogamm für Fachtagungen, Journalismus-Ausbildungen, Medientage, Ethikunterricht.

2 Gedanken zu „Bad Boy Kummer“

  1. Geeesus, nicht böse sein, aber lies dir mal deinen ersten Satz durch: Da fehlen mindestens gefühlte 10 Satz-Endzeichen 🙂 Das ist keen Satz mehr, sondern ein Roman 😉

    Und: Eine WINZIGE Einleitung wäre ebenfalls nett gewesen (Worum gehts eigtl.?). Nicht jeder kann anhand des Filmtitels sofort was mit dem Thema anfangen…

    Sry für die Kritik 😉

  2. Hallo Sistawista,

    hier Nachlieferung der kleinen Einleitung, Einwand vollkommen berechtigt,
    ich habe sie von der Filmwebsite http://www.kummer-film.ch
    „Tom Kummer ist der Star der gefälschten Interviews. Seine Spezialität war Hollywood. Er traf Sharon Stone, Sean Penn oder Bruce Willis zu langen, ernsthaften Gesprächen, die alle erfunden waren. Vier Jahre lang belieferte Kummer seriöse Blätter in Deutschland und der Schweiz, bis er aufflog. Heute arbeitet er als Tennislehrer in Los Angeles. Kummer hat alle über den Tisch gezogen: Die Medien, die Stars, und vielleicht sich selber. Ein Film über das weggeworfene Leben eines grossen Talents. Und über die Frage, was Wahrheit ist.“

    Zum gefühlten Mangel an Satzzeichen im Einleitungssatz würde ich erwidern, das ist genau so wie mit dem Unterschied zwischen gefühlter und realer Temperatur, der kann enorm sein; dass ich Talente zum Romanschriftsteller hätte, das habe ich selbst allerdings zuletzt geglaubt.
    stefe
    mit einem grinsenden Smiley

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