The Roommate

Das ist eine ganz furchtbare Sache, wenn ein Mensch versucht, einen anderen Menschen ganz für sich zu haben, ihn von den Mitmenschen zu isolieren, ihn zu beherrschen, wenn ein Mensch versucht, dem Mitbewohner oder der Mitbewohnerin die sozialen Kontakte zu kappen und dem dazu die miesesten und hässlichsten Mittel vom Anfauchen übers Denunzieren und Intrigieren bis hin zum Mord grad gut genug sind.

Um einen solchen Fall handelt es sich beim amerikanischen Film The Roommate. Psychisch restlos gestörte junge Frau aus superreichem Hause und abhängig von Psychopharmaka, will die Kommilitonin, mit der sie das Zimmer teilt, einem Landei aus Des Moines, neu in der Stadt, neugierig, weltoffen und erlebnishungrig, immer enger in ihr Spinnennetz einweben. Beide studieren Mode-Design in L.A.

Die Macher dieses Filmes exerzieren uns diesen Casus nun mit schier wissenschaftlich-analytischer Präzision physisch auf die Leinwand: jede Geste, jeder Blick, jede Bewegung hält der Nachfrage nach Absicht, Ziel und Motivation stand. Die Intentionen von Hoffnung, Neid, Eifersucht, Verliebtheit, Abenteuerlust, Bestrafung und Verbot sind jeweils eindeutig. Subtilitäten, Zwischentöne, Aufscheinen von Verletzlichkeit sind bei dieser Methode nicht gefragt.

Die Macher dieses Filmes haben sich entschieden, den Casus als Casus vorzuführen, gewissermassen die Mechanik einer solchen Besitznahme nachzuzeichnen. Dieser Methode zuliebe verzichten sie darauf, sich für eine der beiden Protagonistinnen als subjektivem Erzählstandpunkt zu entscheiden, was den Zuschauer in eine sachlich distanzierte und nicht in eine emphatische Position bringt. Sie verzichten damit auf den psychologischen Thrill.

Dieser Entscheid des Verzichtes auf einen subjektiven Erzählstandpunkt hat zur Folge, dass beim Zuschauer der Eindruck entsteht, die beiden Protagonistinnen betreten ihr Zimmer und damit ihr Leben als Zimmergenossinnen (Roommates) quasi als eine Bühne, um uns dort die Entwicklung dieser Inbesitznahme vorzuspielen und zwar step-by step, Szene um Szene.

Die Macher des Filmes verzichten durch den Entscheid für diese Methode auf die Spannung, die entstehen würde, wenn sie eine Exposition der Figuren, zumindest der einen der beiden, vornehmen würden. Zum Beispiel von Sara, die aus der Provinz kommt, was ihre Erwartungen, ihre Hoffnung, ihre Ängste sind, auch ihre Verletzlichkeit, ihre Anfälligkeit für eine Figur wie Rebecca. Nichts davon hier; Sara lernen wir kennen, wie sie im Studentenheim eincheckt als ob das nichts besonderes wäre, als ob sie nicht erste wichtige Schritte in ein Leben fern vom schützenden Zuhause, fern der Provinz unternimmt.

Es fehlt dem Zuschauer auch die Information darüber, dass so eine Besitznahme eben nicht zwischen zwei x-beliebigen Menschen passieren kann; dass dazu wohl eine Art Wahlverwandtschaft gehört. Wenn der Zuschauer eine solche Information hätte, würde er bestimmt ganz anders mitfiebern, wie weit und ob überhaupt Sara nun in die Rebecca-Falle läuft, resp. wie weit es Rebeccas Mechanismus gelingen wird, Sara zu verschlingen. Nichts davon in The Roommate.

Der Entscheid für die analytische Vorführmethode hat auch zur Konsequenz, dass als Protagonistinnen zwei junge Darstellerinnen gebucht werden konnten, die nicht durch Eigenwilligkeiten wie krumme Nasen oder unebenmäßige oder dünne Lippen auffielen, deren Gesichtszüge weg von der Individualität in Richtung eines modischen Schönheitsideals verändert worden sein dürften. Der Zuschauer soll auf Distanz gehalten werden. Dadurch tut ihm die Geschichte auch nicht sonderlich weh. Er erfährt halt, zu welcher Perfidie Menschen fähig sind. Die Horrorszenen gegen Ende des Filmes wirken dadurch nicht bedrohlich, eben aus dem Grunde, weil auf eine fundierte Exposition der Figuren verzichtet worden ist. Ob sich die Macher durch solche Entscheidungen einen größeren Erfolg versprechen?

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