Wer wenn nicht wir

Der Filmemacher als Ausstellungsmacher.
Andres Veiel führt die Kinogänger über zwei Stunden lang durch eine aufwändig recherchierte und sorgfältig gehängte Ausstellung, halt im Kino als Kino, zum Thema „Kinder der Nazigeneration, die was tun wollten für eine bessere Welt“ am Beispiel von Bernward Vesper, Gudrun Ensslin und Andreas Baader.

Das ist sehr anstrengend, über zwei Stunden eine so konzentrierte Ausstellung zu schauen ohne ausruhen zu können, noch dazu als Bebilderung eines schwierigen Kapitels der jüngeren Geschichte, was hier sehr dicht dargestellt wird.

Die Bilder dieser Ausstellung sind selbstverständlich bewegte Bilder, Movies, inszenierte Bilder und auch immer wieder Archivmaterial von wichtigen historischen Ereignissen dazwischen, Atomversuche, Kuba-Krise, Kennedy und Adenauer, Kennedy ist ein Berliner, Eichmann-Prozess, Vietnambomberpilot, dem es Spaß macht, Vietcong zu jagen, Schah-Besuch in Berlin, Benno Ohnesorg, Dutschke niedergeschossen, Vereidigung von Bundeskanzler Georg Kiesinger, Anschläge auf Warenhaus in Frankfurt.

Über diese historischen Wegmarkierungen durch seine Ausstellung legt Veiel gerne leichtere Trendmusik der Zeit, zum Beispiel Rockn Roll.

Als Rahmen hat er sich für eine symbolische Geschichte entschieden, eine Tiergeschichte, Vogelnest und eine Katze, fressen oder gefressen werden, nun ja, als Thema doch etwas sehr allgemein und dick symbolisch aufgetragen.

Zwischen die historischen Bilder entwickelt er skizzenhaft die Wege
a) von Bernward Vesper, der erst die Bücher seines angebräunten Poeten-Vaters herausbringen will, dann einen modernen Verlag gründet, Gudrun Ensslin begegnet, mit ihr nach Berlin geht, den Verlag aufbaut, ein Kind zeugt und der schliesslich psychisch krank wird, verzweifelt, weil Gudrun mit Andreas Baader untertaucht,
b) von Gudrun Ensslin, ihre Geschichte fängt erst später an, ihr Background, den Pfarrhaushalt lernt man erst kennen, wenn sie Vesper getroffen hat und sie sich lieben, es gibt dann auch eine feierliche Verlobung,
c) von Andreas Baader, der erst sehr spät und eher als periphere Figur ins Spiel kommt.

Die Schauspieler sind sorgfältig ausgewählt. Sie spielen durchs Band ausgezeichnet und glaubwürdig, das liegt zum einen gewiss an der Regie von Andres Veiel, der als Dokumentarist das Beobachten gelernt hat, zum anderen sicherlich auch daran, dass sie so gut wie keine bescheuerten Texte wie „was ist denn hier los“, keine TV-Erklär-Dialoge sprechen und spielen müssen, sondern dass viele brennende Themen besprochen, diskutiert werden, über Literatur wird disputiert, die Verarbeitung und Verdrängung der Nazizeit, die modernen Entwicklungen, die Veränderung Amerikas mit Vietnam, die Atombombe, was tun gegen den latenten Faschismus, die Black Panther in Amerika und hin und wieder über die Liebe, die gerne mal eine Liebe zu dritt sein mag, Gudrun mit einer anderen Frau im Bett oder Vesper, der so seine Seitensprungverhältnisse hat oder eben Gudrun, die dann auf Andreas Baader trifft. Wobei vermutlich vornehmlich begabtere Zuschauer diese Fülle an Thesen und Themen auf einmal aufnehmen und verdauen und rekapitulieren können.

Fazit: sorgfältig, ansprechend und didaktisch plausibel arrangiert, aber es fehlt der Katalog zum Film.

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