Kecke Behauptung: Hans W. Geissendörfer, der durchaus ein Name ist als Filmemacher, hat 30 Jahre im Koma gelegen (also ich meine, hat sich dreißig Jahre in der Lindenstraße vom Kino verabsentiert), ist wieder aufgewacht, zu sich gekommen, ah, ich bin Filmemacher, ich möchte wieder Kino machen. Und knüpfte nahtlos dort an, wo er vor Jahrzehnten aufgehört hat, da wo der sogenannte Neue Deutsche Film schon in den letzten Zügen lag.
Beim Neuen Deutschen Film galt, wie grob erinnerlich: nicht die Zuschauerzahlen zählen, nur kein Opakino, nur keine Unterhaltung, keine konventionelle Erzählweise und keine konventionelle Kinospannung, all das, was auf Erfolg deutete, war verräterisch. Aber sozial-gesellschaftliches Engagement muss von der Leinwand herabsprechen. Geissendörfer hat das bis heute verinnerlicht, wie dieser neue Film von ihm zeigt.
Man ist sozial interessiert und engagiert. Ein junges Pärchen aus bürgerlichem Milieu, Eva und Jo, Anna-Maria Mühe und Max von Thun, ist im Drogenmilieu gelandet und will im fernen Neuseeland ein neues Leben und clean anfangen. Es fehlt jedoch das Geld dazu. Das soll mit einem Überfall auf ein Antiquariat beschafft werden. Der Überfall geht schief. Der Antiquar stirbt. Max landet im Knast und Anna muss untertauchen. Dabei nimmt sie einen Altphilologen als Geisel, Axel Prahl. Eva ist außerdem schwanger.
Ein bürgerliches Trauerspiel und Romantik. Gediegen-kulturelles Kleinstadtmilieu und die Abgründe.
Die Drogenmenschen sind musisch. Der Titel des Filmes ist nicht etwa einer Sonntagspredigt entnommen, sondern ist der Titel einer Bachkantate. Kirchlich-feierliches Kino. Wenn Eva ihren Altphilologen gefesselt hat und der auf dem Boden hockt, so spielt sie Klavier, Schubert. Insomnia Drei wird dann später zum Passwort. Plattenauflegen für die Geisel. Gespräch mit der Geisel über Liebe und das Verhältnis zu Vater und Mutter.
Die Geiselnehmerin zelebriert mitten in der Geiselnahme ein Geburtstagsfest mit Kerzen.
Dann isst sie mit der Geisel Pizza wie sonst nur Verliebte es tun, von zwei Enden her abbeissen, bis die Köpfe sich berühren – Schlaraffenland-Pizza (und die Geisel fragt: Lieben Sie Ihren Vater?).
Wenn Jo im Knast sitzt, spielt er ganz musisch Gitarre, klimpert, zeigt Begabung und Musikalität. Dazwischen Krämpfe und Embryonalhaltung.
Bilder, die aus der deutschen Romantik stammen könnten, wie von David Caspar Friedrich, verbinden die verschiedenen musischen Szenen in diesem Drogenkrimi miteinander. Baum über Bamberg.
Der Vater von Eva ist Pfarrer und Domkapellmeister, Hanns Zischler.
Zur Geldbeschaffung sucht man sich ein Antiquariat aus und nicht etwa eine Bank – und erschlägt dann, weils schief läuft, den Antiquar. In einem solchen Film erschlägt man einen Antiquar nicht mit einer Buchstütze, nein, das muss die Büste eines Musikers sein, sonst würde jede Symbolik fehlen. Man tötet im vertrauten Milieu, da wo man sich auskennt, im Kulturbereich. Wie symbolhaft.
Eva ist in einer schwierig zu spielenden Situation: Entzug, Mord, Schuldgefühle, Stöhnen, Flucht, Untertauchen und das Elend rausheulen und noch Schwangerschaft dazu. Zwischendrin spaziert sie aber, als ob all das nicht da wäre, in Klamotten der Gattin des gefangenen Altphilologen durch die fränkische Kleinstadt, als ob sie für eine Modezeitung catwalke.
Jo dagegen muss die Krämpfe des Entzuges mit mordsschauspielerischer Anstrengung spielen. Überhaupt scheint Geissendörfer viel Regiezeit darauf verwendet zu haben, seine Schauspieler beim Spielen von Emotionen anzustacheln. Man ist ja im Kino: Kino ist Emotion: Wut, Traurigkeit, Schmerz, Entzug, Krämpfe. Denn sie sollen Mitleid, Mitgefühl beim Zuschauer erregen. Man könnte sich vorstellen, dass am Set ein richtiger Wettbewerb unter den Schauspielern geherrscht hat, wer den schönsten Gefühlsausbruch hinkriege. Hier sollen die Darsteller und nicht die Zuschauer die Gefühle kriegen.
Genauso: Schauspielerworkshopszene: Jo in der Zelle umarmt den Papierkorb, steht an der Wand, lamentiert, spielt, overacted den ganzen deutschen Weltschmerz eines deutschen Filmintellektuellen – Selbstzweckkino?
Dialoge.
Dialog unterm David-Caspar-Friedrich-Baum über Bamberg: „Du liebst mich nicht, Du missbrauchst meine Seele“ „ In 12 Stunden geht der Flieger und wir haben immer noch kein Geld.“
Bedröppelt nach dem Überfall. „Ich weiß seit gestern, dass zwei Herzen in mir pochen, ich bin schwanger.“ Geheule und Emotion. „Dass Du mir vertraust; ich bin so ein kaputter Mensch“.
Die am Boden gefesselte Geisel ist ein bekümmerter Mitmensch und fragt die Geiselnehmerin „wieso sind Sie süchtig geworden?“.
Der Gefängniswärter ist ein bekümmerter Mitmensch, bittet den nächtlichen Klimperer Jo aufzuhören mit der Begründung „die anderen wollen auch was von der Nachtruhe“.
Wenn Eva, modisch aufgebrezelt und ihre übrige Spielsituation vergessend, auf dem Rummel ihren Bruder trifft, reagiert dieser mit einem dieser typischen TV-Erklärsätze, resp. Erklär-Fragen „Wie siehst Du denn aus“ – das ist nicht nur an Witz und Humor, das ist auch an Geist und geistiger Durchdringung der Situation gespart.
Weiterer Fernsehrealismus-Dialog, wenn die Gattin des Altphilologen nach Hause kommt und ihr Mann Paul schon gefesselt am Boden liegt „Paul, bist Du da? Paul, was ist denn passiert, sind hier Einbrecher?“ (für die Zuschauer, die vor lauter kulturellem Austausch zwischen Geisel und Geiselnehmerin die Geiselnahme noch nicht kapiert haben?).
Sprache
Der Film spielt identifizierbar in Bamberg, denn Eva informiert sich am Computer zwecks Befreiung ihres Freundes aus dem Gefängnis, in welches er nach dem missglückten Überfall gesteckt wurde: es ist die Jugendvollzugsanstalt Bamberg. Aber alle sprechen sie dieses nicht verwurzelte TV-deutsch (das Wort „hoch“ lassen wir vorsichtshalber weg). Nicht verwurzelte Kulturmenschen, auch sonderbar. Und trotzdem Kleinstädter. Vielleicht liegt da einer der vielen Hunde begraben.
Der Vater von Eva ist sprachlich der Entwurzeltste. Emotion spielen (beim Dirigieren des Jugendblasorchesters in der prächtigen Barockkirche – auf dieses Sujet wollen wir nicht verzichten in einem kulturell-intellektuell anspruchsvollen Film – oder ist das gar ironisch gemeint?) jedoch eine merkwürdig emotions- und heimatlose Sprache sprechen – oder ist das TV die Heimat?
Der Altphilologe stottert so ein merkwürdiges Stotter-Hochdeutsch, das wohl durch das Gestottere eher Spontaneität signalisieren soll als einen Altphilologen charakterisieren und dann noch TV-Banalsätze dazu, wenn er am Boden liegt und stöhnt „Vorsicht, mein Gelenk“ – fürs Gichtpublikum.
Dann noch die Spieluhr.
Dick aufgetragenes und sich immer wiederholendes Symbol: die Spieluhr. Irgendwie typisch alter neuer deutscher Film: sie spielt Oh, Du Fröhliche und der Tannenbaum dreht sich dazu, der Filmemacher ist schließlich ein kritischer Zeitgenosse und hat ein scharfes Auge für Kitsch.
Wie schwerblütig bedeutsam kommt das alles daher, wenn man an Godard denkt, wie spielerisch und geistreich der mit den kulturellen Versatzstücken umgeht, wie leicht er damit jongliert!
Anlass also, mehr über die Verschnarchtheit des deutschen Intellektualismus nachzudenken als über provinzielles Kleinbürgertum, auf welches hier mit dickem Finger verwiesen wird. Wobei die erzprovinzielle Posse um den Plagiator von Verteidigungsminister und wie anerkannte Politiker den Betrüger noch schützen, immerhin einen Teil des akademischen Intellektualismus im Lande aufgeweckt zu haben scheint (die Filmmenschen wohl eher nicht).