Der Adler der neunten Legion

Das ist immer schön, zwei römische Reiter im fotografisch ergiebigen, herbstlichen Schottland unterwegs. Sie sind lange unterwegs. Die Fotostrecke ist exzellent. Sie könnte ausreichen für mehrere Jahrgänge großformatiger Wandkalender.

Bis der römischer Krieger und sein Sklave allerdings in Schottland reiten dürfen (sie reiten natürlich nicht, wie es scheint, zu höheren Ehren einer auffällig schönen Fotografie), bedarf es einer Vorgeschichte, die dem Ritt auch ein Ziel gibt.

Zuerst ist nur ein römischer Reiter unterwegs in melancholisch-sanfter schottischer Nebellandschaft und wie zum Zwecke gediegener Werbefotografie, ob für Rasierwasser, Mens-wear oder Hautpflegemittel – egal. (Wer reitet so spät durch Nacht und Wind). Die männlich fotogene Schönheit zählt.

Man sollte jedoch vor lauter Besessenheit für die Fotografie das Geschichtenerzählen nicht vergessen. Das scheint hier ein bisschen passiert zu sein. Nur allmählich erfährt der geneigte Zuschauer, dass der erste Reiter unterwegs ist zu einem römischen Fort in Schottland, Teil des Hadrianswalls, der das römische Reich gegen die Barbaren im Norden abschirmte, und dass er der neue Kommandierende ist.

Er heisst Marcus und hat noch einen natürlichen Gefahreninstinkt. Er kommt an und übernimmt das Kommando. Schon in der ersten Nacht wacht er ahnungsvoll auf, spürt das Herannahen der Barbaren, weckt das Lager – und tatsächlich, die Barbaren sind schon dabei, anzugreifen. Für die Filmer ist das sehr dankbar und gibt schöne Schlachtensujets ab: das Anzünden des mit Holzzacken bestückten und mit Pech beschmierten Schutzwalls rund um das Fort löst einen grellen Feuerball aus, während die Gegener versuchen, hochzukraxeln.

Die erste Abwehr ist gelungen. Aber der Gegener formiert sich neu. Am nächsten Tag befiehlt Marcus einen Ausfall. Es gibt wieder dankbare Kampfsujets für die Fotografie. Wie die Römer sich für den Ausfall zu einem schildbewehrten Haufen wie ein Igel formieren (Testudo-Taktik, Anm. d. Red.). Sie haben aber nicht mit der List der Barbaren gerechnet, die daraufhin Kampfwagen losschicken mit messergespickten Rädern, die alles um sich herum niedermähen. Es kommt zu blutigen Mann-zu-Mann-Kämpfen. Und wenn wir uns bisher gefragt haben, wozu das alles, dann kommt auch die Erkenntnisdämmerung, denn der Filmmemacher schneidet jetzt zwischen die Kampfhandlungen subjektive Erinnerungsbilder von Marcus an seinen Vater, der auch in einen Kampf verwickelt gewesen sein muss.

Schnitt. Marcus wacht bei Donald Sutherland, Onkel Aquila, und weit hinter dem Hadrianswall in Sicherheit auf. Er hat ein Metallstück im Bein. Das gibt dem Fotografen die Gelegenheit, minutiös zu zeigen, wie dieses Stück rausoperiert wird.

Worum geht’s denn jetzt, frage ich mich. Denn als nächstes werden wir Zeuge eines Gladiatorenkampfes, in welchem es nur einen Sieger gibt, nämlich jener, der den Gegner tötet. Und die Gegnerschaft ist fies. Der eine ist ein Gladiator, ausgestattet mit Panzer und Schwert. Gegen ihn muss ein Sklave antreten, lediglich mit einem Beinkleid ausgestattet und unbewaffnet.

Es ist absehbar, wie so ein Kampf ausgehen wird. Wie der Sklave unterm Gladiator liegt, feuert die entfesselte Menge den Gladiator im Blutrausch an, zuzustoßen, hält die Daumen nach unten. Der Sklave heisst Esca. Ja, der wird noch wichtig werden. Und weil er wichtig werden wird, das ist jetzt eher ironische Voraussage von mir, hält Marcus den Daumen nach oben, er solle dem Sklaven das Leben retten. Donald Sutherland schenkt Marcus den Sklaven.

Jetzt erst, es ist schon viel Filmzeit verstrichen, sind wir da angelangt, wo die Geschichte anfangen kann.

Die geht folgendermaßen. Der Römer Marcus macht sich mit dem Sklaven Esca auf den Weg ins wilde Schottland um den Verbleib der verschollenen Neunten Legion zu erforschen. Sein Vater hatte sie angeführt, es gilt also, die Familienehre wiederherzustellen. Dort stoßen sie mit den Robbenmännern, die aussehen wie böse Geister von der schwäbischen Fastnacht, zusammen. Marcus und Esca geraten in Gefahr, machen grausame Entdeckungen und werden, als sie fliehen wollen, erst zur definitiven Schicksalsgemeinschaft.

Warum ich das so ausführlich nachzuvollziehen suche? Weil ich selten einen Film gesehen habe, der so lange braucht, bis er die Schicksalsgemeinschaft, über die er offenbar berichten möchte, zusammengedröselt hat, die eigentlich die Story spannend machen und vorantreiben soll. Denn mit dem Sklaven hat es durchaus eine besondere Bewandtnis. Bis es in diesem Film allerdings so weit ist, ist mehr als eine Stunde vergangen. Eine Stunde allerdings voll wunderschöner Kalenderfotografie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.