Der ganz große Traum des Konrad Koch

Wie der Fußball nach Deutschland gekommen ist, soll nacherzählt werden, „frei nach wahren Begebenheiten“ und mitproduziert von Degeto.

Die schlimmsten Befürchtungen, die die zwei erwähnten Rahmenbedinungen erwecken, werden erst mal besänftigt, indem in griffigen Szenen und Dialogen die Ankunft des Lehrers Daniel Brühl alias Konrad Koch im Braunschweig des Jahres 1874 geschildert wird. Koch hatte in Oxford studiert und dort den Fußball kennegelernt. Zu sehen ist, wie Schule im wilhelminischen Deutschland preußisch gehandhabt worden ist mit Tatzen und Strammstehen, mit Sprechen nur nach Aufruf mit anschließendem Aufstehen. Wie in dieser Schule die Weltsicht zelebriert wurde, dass England ein Feind sei, eine Kolonialmacht, alles Englische suspekt. Trotzdem soll versuchsweise an dieser Schule Englisch unterrichtet werden.

Auch die Darsteller vermögen erst mal zu überzeugen. Daniel Brühl als Lehrer in kariert englischer Kleidung mit einem in Papier eingeschlagenen Fußball im Gepäck, Burghart Klaussner als Schuldirektor. Es gibt auch da und dort was zum Lachen, allerdings nicht so fundamental, dass es berichtenswert wäre, und das englische th zu sprechen ist eh schwierig.

Doch das Glück, über einen möglicherweise gelungenen deutschen Kinofilm sich freuen zu können, dauert nicht lange. Je weiter die Exposition fortschreitet, desto deutlicher wird die Moral, die doch recht betuliche, behagliche Sofamoral, die unterscheidet zwischen den Guten, dem Lehrer mit den neuen Ideen, dem Direktor der das fördert, dem guten, begabten Proletarierjungen und den Bösen, dem Verhinderer, dem Fabrikanten, Geldgeber und Vorsitzenden des Fördervereins der Schule und seinem nicht top-intelligenten, verwöhnten Sohn, der dem Proletarierjungen eine Säge in den Schulranzen packt, damit der Verdacht, den Rohrstock entzwei gesägt zu haben, auf diesen fällt.

Ein kleiner Witz ist der, dass der Lehrer in der ehemaligen Hausmeisterwohnung Logis bezieht und dort alles so lottrig und verkommen ist, dass schon beim Koffer auf den Tisch Wuchten das Kaiserportrait von der Wand herunter fällt. Später dann, Koch ist gerade nackt, sucht die Mutter des Proletarier-Kindes, die wegen der Säge zum Direktor zitiert worden ist und die, das ist schon an den Haaren herbeigezogen, wie sie die Schule verlässt, eine Haarsprange verliert, die in den Gulli vor der Hausmeisterwohnung fällt und die sie nicht rausfingern kann und darum den Hausmeister sucht und da klingelt wo Hausmeister steht, aber ein nackter Lehrer drin ist, der die Tür öffnet, sie sieht den nackten Daniel Brühl, stösst einen Schrei aus, er hält das Wilhelmportrait vor seine Blöße und sie sagt, sie möchte den Kaiser sprechen, na ja, so witzig ist das auch wieder nicht (dieser kleine Gag, der auch mit dem vorgeblichen Thema des Filmes nicht das geringste zu tun hat, wird so aufwändig eingeführt, dass man das am ehesten noch hinnehmen könnte als Ulk zum Selbstzweck in einem ersten Übungsfilm eines Studenten. Besser hätte man eine Szene eingefügt, die uns den Lehrer etwas näher gebracht hätte, wie Koch in England gelebt hat, wie ihn Fußball getroffen und fasziniert hat, warum ihm das so wichtig wurde, Fußball nach Deutschland zu bringen).

Bald darauf sind wir in der Fabrik, wo die alleinerziehende Proletariermutter arbeitet, der gerüffelte Sohn ist bei ihr und da hebt zum ersten Mal so richtig deplaziert und störend diese bauchig-leer-voluminöse Degetomusik an, die uns je dürftiger die Geschichte fortgesponnen wird und je weniger die Autoren ihr trauen, desto pompöser um die Ohren geschüttet wird.

Um die Story abzukürzen, eine Moral der Geschichte scheint im Satz von Koch aufzuleuchten „Ich habe meine Fähigkeiten überschätzt und den deutschen Starrsinn unterschätzt“. Es wird also nicht leicht, den Fußball in Deutschland einzuführen. Das war ja wohl zu erwarten.

Erwägung.
Vielleicht war das Problem der Drehbuchautoren, diese Geschichte „frei nach wahren Begebenheiten“ zu erzählen. Sie sahen sich also zum „Erfinden“ genötigt. Intuitiv haben sie mit Daniel Brühl als dem Lehrer Konrad Koch angefangen und so hatten sie eine Hauptfigur anhand der sie die Geschichte hätten fortspinnen können, was anfangs ja auch geschieht und funktioniert; dann haben sie sich wohl in Erinnerung gerufen, dass sie nicht die Geschichte von Konrad Koch erzählen wollten, sondern wie der Fußball nach Deutschland kam. Und so haben sie zusehends Koch aus den Augen verloren; und der Zuschauer damit die Figur, mit der er er sich in die Geschichte mitnehmen liess – das hat ja opakinomässig auch ganz gut gepasst. (Oder sie sind in die Bredouille gekommen, weil sie den Traum von Koch nicht ernst genug genommen haben, ihn nicht auf seine Begründung und Wichtigkeit hin untersucht haben). Inzwischen scheint den Produzenten oder den Verleihern des Filmes auch gedämmert zu haben, dass da was nicht stimmt, denn der Titel des Filmes wurde revidiert von „Der ganze große Traum“ zu „Der ganz große Traum des Konrad Koch“, was natürlich den brüchig gesponnenen Erzählfaden in keiner Weise verstärkt, was diese Brüchigkeit eher noch deutlicher rausstellt.

Statt dem Traum zu folgen, zeigen die Autoren nun, wie bös die Bösen, wie gut die Guten sind; wie das Fußballspielen, das Brühl erst mit den Schülern treibt, verboten wird, weil nämlich der Lehrkörper bei einem unangemeldeten Besuch die Klasse nicht im Klassenzimmer, sondern in der Turnhalle beim Fußballspielen findet (damit, das war früh im Film eine der schönen Szenen, hat er den Kids auch spielend Englisch beigebracht) und wie die Herren in der Turnhalle auftauchen und ausgerechnet der Proletarierjunge einen gezielten Schuss in das Gemächt einer Knallcharge von Pastor schießt (was später zu der sinnigen Bemerkung führt, der würde wohl eh keine Kinder mehr zeugen) und darum muss dann, wie Kids und Lehrer nach dem Verbot wie zufällig im Park Fußball spielen (natürlich verabredet!), noch eine Szene in einem Kirchenraum reingeschrieben werden mit dem Knabenchor und dem verzückten Pastor, nur um zu zeigen, dass einer der Schüler mitten aus der Chorprobe abhauen muss zum Fußballspielen; das bringt doch die Geschichte nicht weiter; aber solche Dinge passieren eben, wenn man sich sein Thema nicht ganz genau klar gemacht hat. Wenn man diesen Traum  gar nicht erst als Traum vorstellt und auch  keine Begründung dafür hat. Ferner muss, wegen exakt dieser defizitären Bearbeitung des Themas und weil folglich genügend Erzähl-Platz frei bleibt, noch ein Verhältnis vom Industriellen-Söhnchen zum Hausmädchen her. Könnte abgekupfert sein aus einem Ratgeberheft „wie schreibe ich einen Groschenroman“. Was hat das mit dem „ganz großen Traum“ von Koch zu tun? Wo wollen diese Autoren das Drehbuchschreiben gelernt haben, nach welch merkwürdigen Rezepten? Was basteln die uns für Geschichtenkonstrukte vor?

Bemerkungen.
Ein moralisch, behagliches Lehrstück für den TV-Furz-Sessel.
In grässlichem TV-Hochdeutsch weggesprochen (gut, Braunschweig ist nicht die Welt und nicht weit von Hannover).
Burghart Klaussner als hellwacher Schuldirektor.
Die alte Pädagogik ist so einseitig negativ dargestellt, dass der Zuschauer kein Problem hat, auf welcher Seite er zu stehen hat (wenn die moderne Pädagogik soviel besser ist, warum klagen dann die Lehrer über frühes Burn-Out-Syndrom?).
Die Geschichte verkommt mit jeder Filmminute mehr zur Schmonzette, wogegen immer dumpfere Degeto-Weichspülermusik auf die Tonspur geknallt wird.
Es ist eines, einzelne Szenen sauber zu arbeiten, ein anderes aus den Szenen erstens einen Bogen zu schaffen, beim Thema zu bleiben und dann noch ein heutiges, waches Kino zustande zu bringen, was hier garantiert nicht gelungen ist.
Dann das naive Weltbild, Fußball als idealistische Weltrettung und Förderer des Fair-Play; was ist heute für ein Millionengeschäft daraus geworden.
Dieses Jahr ist in Deutschland die Frauen-WM. Die Frauen in diesem Film kommen schlecht weg, haben kaum Eigenleben, werden von Drehbuch und Regie vernachlässigt, aber in keiner Weise ist das als kritisch erkennbar.
Weltbild von grosser Schlichtigkeit, fernseheinfältig dargeboten als eine Geschichte, die mit unserer Erfahrungswelt nichts zu tun hat – Filme werden jedoch für die Menschen von heute gemacht und nicht für die Untertanen von Kaiser Wilhelm; dass unter anderem mit öffentlichen Rundfunk-Geldern ein so simplizistisches Menschenbild dargeboten wird, halt ich zumindest für bedenklich, ja geradezu für peinlich. Gebührengelder für die Einfalt – ob das im Sinne der Gebührenerfinder ist?
Klischeesätze: Lehrer Koch „ich wollte immer alles besser machen als mein Vater; nun sehen Sie, was draus geworden ist“ – hängt im luftleeren Raum, das Verhältnis von Koch zu seinem Vater wurde an keiner Stelle thematisiert, vorbereitet; hätte ja eventuell der Knackpunkt für den Film werden können; wenn denn die Autoren ihr Thema ernst genommen hätten und versucht hätten dran zu bleiben, so hätten sie auf die lächerliche Erfindung von Szenen wie oben erwähnt, die nichts mit der Story zu tun haben, verzichten können und statt dessen die Geschichte spannend machen: Fußball als der ganz große Traum eines Mannes, der vielleicht unter einem ungelösten Vater-Sohn-Konflikt leidet oder was auch immer; das hätte die entscheidende Motivation werden können, den Fußball nach Deutschland mitzubringen; das hätte ein Scheitern oder eine Gefährdung des Projektes auf eine existenzielle Ebene gehoben; nichts davon in dieser Seicht-Story! So klein und nebensächlich und in Packpapier eingehüllt wie dieser ganz große Traum in den Film eingeführt wird, so prosaisch wird er auch ausgepackt; um die Spannung für einen Kinofilm zu stemmen muss allerdings ein weit stärkeres Need her, als ein in Packpapier eingewickelter Fußball und ein Lehrer, der aus England kommt und von Fußball und der Idee des Fairplay angetan ist.

4 Gedanken zu „Der ganz große Traum des Konrad Koch“

  1. „Ein kleiner Witz ist der, dass der Lehrer in der ehemaligen Hausmeisterwohnung Logis bezieht und dort alles so lottrig und verkommen ist, dass schon beim Koffer auf den Tisch Wuchten das Kaiserportrait von der Wand herunter fällt. Später dann, Koch ist gerade nackt, sucht die Mutter des Proletarier-Kindes, die wegen der Säge zum Direktor zitiert worden ist und die, das ist schon an den Haaren herbeigezogen, wie sie die Schule verlässt, eine Haarsprange verliert, die in den Gulli vor der Hausmeisterwohnung fällt und die sie nicht rausfingern kann und darum den Hausmeister sucht und da klingelt wo Hausmeister steht, aber ein nackter Lehrer drin ist, der die Tür öffnet, sie sieht den nackten Daniel Brühl, stösst einen Schrei aus, er hält das Wilhelmportrait vor seine Blöße und sie sagt, sie möchte den Kaiser sprechen, na ja, so witzig ist das auch wieder nicht (dieser kleine Gag, der auch mit dem vorgeblichen Thema des Filmes nicht das geringste zu tun hat, wird so aufwändig eingeführt, dass man das am ehesten noch hinnehmen könnte als Ulk zum Selbstzweck in einem ersten Übungsfilm eines Studenten. Besser hätte man eine Szene eingefügt, die uns den Lehrer etwas näher gebracht hätte, wie Koch in England gelebt hat, wie ihn Fußball getroffen und fasziniert hat, warum ihm das so wichtig wurde, Fußball nach Deutschland zu bringen).“

    Wer solche Sätze schreibt, gehört bei lebendigem Leib entgrätet… und zwar durch das Nasenloch…

  2. Ich find’s toll, dass Stefe nicht so ein weichgespülter, gefälliger Mainstream-Autor ist, auf Linie gebürstet. Von-der-Stange-Kritiken gibt’s ja überall (die schreibe ich ja sogar selber nicht anders), da ist Stefes Betrachtungsweise immer wieder eine erfrischende Abwechslung, finde ich. Und wenn ein Satz lang ist, dann ist er eben lang….

  3. Oh, Peroy, ich habe mir tatsächlich ein hübscheres Ende gewünscht! – wobei es sich Hyperventilierer dreimal überlegen sollten einen stefe entgrätet durchs Nasenloch…
    (mit dem gerügten Satz ist es mir doch recht gut gelungen, finde ich, dem Bandwurm-Gag einen adäquaten Bandwurm-Satz beizugesellen)

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