Was will uns Chris Kraus erzählen?
Grund oder Anlass für diesen Film war folgender: der heutige Filmemacher Kraus ist bei seinem Germanistikstudium auf die Schriftstellerin Oda Schaefer gestoßen und hat überraschenderweise festgestellt, dass sie eine Kraus war und mit ihm verwandt. In ihren Memoiren schilderte sie einen Kindheitsbesuch in der Ostseeprovinz Estland.
Diese Memoiren gingen also Kraus nicht mehr aus dem Kopf. Und er entwickelte und erfand und es entwickelten sich in ihm Bilder, so als ob er auf einem verstaubten Dachboden Kisten alter Dias gefunden hätte von einem Sommer auf einem Gutshof und nun baute er Szenen drum herum. Das Problem dabei ist, dass Szenen allein noch keine Geschichte, keine Kinogeschichte ergeben. So wie Kraus sie uns präsentiert, erinnern die Szenen einen leider an einen dieser naserümpfend ertragenen Dia-Abende, wenn einem Freunde ihre Urlaubsbilder zeigten und es von Bild zu Bild mühsamer wurde das Gähnen zu unterdrücken und die Diashow kein Ende nahm. Denn meist erzählten diese Bekannten eben keine spannende Geschichte. Bei Kraus sind es jedoch keine Dias, die aneinander gereiht werden, bei ihm sind es die bewegten Illustrationen dazu. Am Prinzip ändert das nichts. Insoweit ein rein privates Movie.
Der Rahmen und die Bühne, die sind klar definiert.
Ort der Handlung ist der Gutshof Poll in der russischen Ostseeprovinz Estland. Zeit der Handlung ist der Sommer 1914, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Zentrale Figur ist Oda von Siering, 14, die später eine berühmte Dichterin wurde mit Gedichten wie „Haselnuss und Apfelblüten“. Sie verbringt den Sommer auf dem Gutshof. Anlass der Reise dorthin ist der Tod ihrer Mutter. Diese ist in Berlin gestorben und Oda bringt die sterblichen Überreste aufs Adels-Familiengut. Für die notorische Liebesgeschichte sorgt ein angeschossener Este, der aus politischen Gründen versteckt werden muss.
Allein, ein Rahmen und eine Bühne machen noch keine Geschichte. Da haperts, an der Kinobearbeitung des Buches. Kraus war vielleicht vor lauter Begeisterung über den seltenen historischen Fund, darüber, eine geschichtliche Ecke aufgetan zu haben und auf die Leinwand bringen zu können, die dort noch nicht allzu verbraucht ist, außerdem seine Begeisterung über den familiären Bezug, den er zur der Angelegenheit hatte, so aus dem Häuschen, dass er ganz vergessen hat, dass der Zuschauer im Gegensatz zu ihm erst mal nur unbeteiligten Zugang haben dürfte. Dass man ihn erst gewinnen muss, ihn abholen muss, ihn reinholen muss, dass ohne einen Fokus auf eine Person und deren Sicht auf die Story, wenn ohne einen ganz klaren Konflikt erzählt wird, sie kaum stärker wirkt als ein erklärender Film im Bildungskanal. Mithin hat Kraus die stärkste Möglichkeit des Kinos vertan, die des Angelns des subjektiven Interesses des Zuschauers. Er verschenkt den Empathie-Faktor. Vielleicht auch aus der Überambition heraus, so viel wie möglich von der historischen Situation „zeigen“, „vermitteln“ zu wollen, wodurch der Film ganz schnell in die Nähe von Lehrstoff, Erklärstoff, Illustrationsmaterial, Museumsbestandteil rückt.
Was ist also herausgekommen?
Ein weiterer deutscher Versuch, großes Kino zu machen: die breite Leinwand, die Zupf- und Streichermusik, die man allmählich leid ist, weiblicher Sphärengesang, großartige Bilder, großartige Kostüme mit netten Schauspielern drin (nett sind sie, weil das Buch das für sie dringend nötige dramaturgische Konzept nicht bereit gestellt hat, an dem sie sich hätten hochranken können), großartige Location, schöne alte Uniformen, die Ostsee, eine Pfahlbauvilla, Pferde, ein ehemaliges Sägewerk, das ein Laboratorium und eine Sammlung mit in Formalin eingelegten Schädeln und Missgeburten beherbergt und last but not least: eine wirklich suggestive, allerdings konventionelle Inszenierung. Aber exakt auf das, was großes Kino ausmacht, ist verzichtet worden, nämlich die Geschichte kinospannend zu erzählen. So ist Kino nicht viel mehr als eine schöne Mumie. Das wird die Lebend-Toten alleweil begeistern.
You know what, I’m very much icinlned to agree.
Dankeschön!