Hier geht es um einen schier unlösbaren Konflikt, einen Konflikt, dessen Beendigung in den Momenten größten Hasses nur mittels Tötung denkbar scheint, den Konflikt zwischen dem Narzissmus einer Mutter und ihres Muttermechanismus und dem erblühenden Narzissmus des heranwachsenden schwulen Sohnes.
Xavier Dolan hat diese selbst erlebten Dinge in einem extrem hellsichtigen Moment seiner Jugend und bereits mit einem klaren Bewusstsein für den Unterschied von privatem Erleben und filmischem Erzählen – mit dem Haupakteur im Film macht Xavier Dolan die Distanz zu sich selbst kenntlich, indem er ihn Hubert nennt – frontal und spannend auf die Leinwand gefetzt, denn in filmischen Dingen war er mit seinen zwanzig Jahren und bereits mehreren Rollen als Schauspieler kein Grünschnabel mehr.
Zur Begründung der Behauptung, es handle sich um den Widerstreit zweier sich ausschließender Narzissmen, man könnte sicher im weiteren Sinne auch von Egoismen sprechen, würde ich für die Mutter anführen, dass sie die Liebe, die Hubert unter ihren Augen zu seinem Freund entwickelt, überhaupt nicht bemerkt, so ist sie mit dem Bedienen ihres Muttermechanismus narzisstischerweise beschäftigt, und weshalb sie es überhaupt nicht haben kann, dass ihr Sohn auch ein Eigenleben entwickelt, Liebe entwickelt und seine Existenz nicht nur in der ständigen Artikulation von Dankbarkeit der Mutter gegenüber begründet sehen kann (sie rastet schnell aus, wenn sie sich klar macht, was sie alles für ihn getan habe). Den Narzissmus des Sohnes hingegen spricht sein Freund an, wie er ihn aus dem Internat, in das Hubert aus lauter Verzweiflung der Mutter gesteckt worden ist und wo es ihn auch nicht hält, abholt und dann bemerkt, er komme sich vor wie die Magd, die Nutte – nicht gerade ein Hinweis auf eine gleichberechtigte, respektvolle Liebe.
Mutternarzissmus: Die Wohnung der Mutter, geschmückt und dekoriert fast wie eine Grabkammer mit lauter toten Gegenständen und Schmetterlingen und schweren Blumen und Vorhängen. Und ihre Ich-Ausbreitung, wie sie schmatzt beim Essen, wie sie krümelt um den Mund, wie sie mit vollem Mund spricht, wie es knackt, wenn sie kaut. Diese ganze Fraulichkeit und Weiblichkeit, die sich selbst so wichtig ist und sich rücksichtslos Raum nimmt und dem Jungen schier den Atem raubt.
Sohnemannnarzissmus: Er ist künstlerisch begabt. Er macht nebst der Schule noch einen Malkurs. Da lassen sie, das ist ein schöner Filmeffekt, Farbe wie bei Pollock einfach en masse die Leinwand runter rinnen. Er ist auch literarisch talentiert und die Lehrerin will Aufsätze von ihm bei einem Wettbewerb einreichen. Wie Xavier Dolan Hubert darstellt im Film, oft mit nacktem Oberkörper, dem sinnlichen Mund, den ruhigen Augen, der schnellen Sprache, der schwarzen Locke, das ist Narzissmus pur und wenn er dann gar mit seinem Freund zusammen ist, wie erotisch, schon schwülstig-schön schwul, erst recht beim Seitensprung mit dem Jungen im Internat.
Das finde ich das Krasse an diesem Film, dass Dolan beiden Narzissmen ihr Recht und ihren Raum gibt; wobei es jedes Mal unweigerlich kracht, wenn sie sich zu nahe kommen. Diese Härte federt er geschickt ab mit sehr malerischen Bildern dazwischen.
Angesichts des Schlusstableaus, wo Mutter und Sohn am Wasser vor dem „Royaume“ des Sohnes sitzen, eines Wochenendhauses, das dem Vater gehört, der sich schon lange von der Familie abgesetzt hat, das der Sohn aber als ein Rückzugsgebiet benutzen kann, und wie also Sohn und Mutter so da sitzen, nachdenklich, bleibt es dem Zuschauer überlassen, ob und wie eine Versöhnung und eine Art Miteinander dieser beiden Personen mit ihren liebeswidersprüchichen Mechanismen überhaupt möglich und denkbar ist. Das Laub der Bäume hinter ihnen ist schon herbstlich gefärbt.