Another Year

Mike Leigh schaut ganz genau hin aufs Leben, auf die Menschen, wie sie umgehen miteinander, wie sie sich ihr Glück stricken. Drum ist sein Film so lebendig, drum kann man darin soviel aus eigenen Beobachtungen wiedererkennen. Drum kann man was anfangen mit diesem Film. Und ein Vergnügen ist es auch noch, denn Mike Leigh besetzt und führt seine Schauspieler hervorragend!

Das Gliederungsmuster ist simpel und vertraut, denn wir alle strukturieren unser Jahr auch darnach, nämlich nach den Jahreszeiten. Im Frühling werden wir hier als erstes Zeuge einer Blutdruckmessung. Eine Schwarze stellt die Fragen an die Patientin, eine sehr unglücklich dreinschauende und abgearbeitete Frau, die auch noch Schlafstörungen hat, die sich sowieso schlecht ausdrücken kann über ihr Glück oder Unglück. Aber es gibt andere, die können das: Tom und Gerri Heppel, die beladen als erstes ihren Kombi mit Gartenwerkzeug. Sie verlassen ihr Reihenhaus und fahren in ihren Schrebergarten, dessen Lob sie ausdrücklich aussprechen; ob man das so hundertprozentig glauben soll, ist eine andere Frage. Sie sprechen es am deutlichsten aus, wie glücklich sie sind, wie es anfängt zu regnen und sie bei offenen Türen hinten in ihrem Kombi sitzen. Ein glückliches Paar, sich seines Glückes bewusst (und das ist das Perfide an diesem Glück, das Mike Leigh uns vorführt, dass es nur allzugerne sich eines Unglückes anderer bedient; gleich mehr davon).

Jetzt bringt uns Leigh den Ehemann Tom näher; er ist Geologe; wir begegnen ihm auf einer Baustelle, auf der mit Rohren Tiefbohrungen durchgeführt werden; dann sehen wir ihn in einer Lagerhalle den dunklen Glimmer betrachten, den das Bohrrohr freigegeben hat.

Als nächstes sind wir bei Gerri, wie sie sich als Sozialarbeiterin mit der Frau beschäftigt, die wir vorher beim Blutdruckmessen gesehen haben und die so schlecht über ihr Glück reden konnte. Im Hintergrund taucht schon kurz die Sekretärin auf, es ist Mary, von der bald klar wird, dass ihr der Film gewidmet ist, dass sie im Glück des geschilderten Ehepaares eine ganz bestimmte Funktion ausübt. Sie ist mit ihrer Brille und ihren nervösen Bewegungen und dem hochaufstrebenden Haar gleich auffällig.

Tom und Gerri kochen; es gibt Arrabbiata. Gespräche über den Tag. Zufriedenheit. Glück.

Als nächstes stellt uns Leigh den Sohn der beiden vor; er heisst Joe und ist Anwalt für Flüchtlinge, es geht hier um Mister Gupta und um viel Schriftverkehr. Joe vertritt Gupta vor Gericht. Er ist Law Officer.

Jetzt folgt die Höhepunkt-Szene des Frühlings: die Single-Sekretärin Mary ist bei Heppels eingeladen. Das ist eine Szene, die sollte jeder deutsche Drehbuchautor ganz besonders gründlich studieren. Wie sie geschrieben und inszeniert ist. Wie Mary überschwenglich ihr Unglück verbreitend hier eintrifft; wie die Dialoge von der Anfahrt übers Essen übers Glück und Campieren, über Ferien und Urlaub und Geld, was man zur Verfügung hat, mit sprunghaften Themenwechseln aufgebaut sind, das ist grandios. Was man da schon alles über Mary erfährt, ihre Konfusionen, dass sie nicht so ganz mit dem Leben zurecht kommt, wie sie nach reichlichem Alkoholgenuss nur noch ein heulendes Elend im eigenen Unglück zu zerfliessen droht; wie Heppels sie überreden, doch im Zimmer des Sohnes zu schlafen und ein T-Shirt hätte sie auch noch, meint Gerri.

Im Laufe der weiteren Jahreszeiten wird immer klarer, dass Mary von Tom und Gerri lediglich (bis sich Besseres bietet, ein Enkel zum Beispiel) zur Verdeutlichung ihres eigenen Glückes benutzt wird – das ist vielleicht der grösste Schmerzpunkt dieser Geschichte.

Die Figurzeichnung von Mary ist grandios. Wie sie immer alle Gefühle abwehrt mit einer sonderbaren Aufgeregtheit; wie sie sich selbst – gar nicht so bewusst; eher aus Einsamkeit – immer gleich mit ihren Problemen in den Mittelpunkt stellt. Wie sie emotional unsicher ist, sich im Suff an Gerri hängt oder auch in der Euphorie, das kommentiert dann Tom. Sie küsse à la Festland (also zweimal!); wie sie dadurch die Mitmenschen eher abstößt als anzieht. Wie sie selbst wiederum sehr mäkelig ist und schon gar nicht mit dem schwerfälligen Ken (einer weiteren Figur, die im Sommer ins Spiel kommt) zusammen sein will, den sie zum Bahnhof fährt (das wäre doch eine Gelegenheit!) und wie er emotional anzudocken versucht und sie ihn deutlich abfahren lässt. Tja, was man haben könnte. Und wie sie sich andererseits (vollkommen irrealistische) Hoffnungen auf Joe macht, den sie schon von Kindsbeinen an kennt.

So kann Marys Welt untergehen, das Ehepaar Tom und Gerri, die sitzen immer da als diejenigen, die keine Probleme haben, die sich aber nicht ohne Appetit auf die Probleme anderer stürzen, und davon sind sie in ihrer Umgebung reichlich gesegnet, denn ihr Glück, das haben sie gemacht. So ein Glück zu haben im richtig possessiven Sinne, ja, das ist schon ein Besitz und armselig, wer nicht hat. Bitter. Bitter. Immerhin, diesen Film anzuschauen, das ist wiederum ein Glück, eines für die Kinogehersorte von Mensch.

Bei BLACK SWAN schien mir das Kino wegen der Unglaubwürdigkeit der Story als (Horror)Illusions-Maschinerie; trotzdem würde ich bei Mike Leigh nicht von einer Desillusionsmaschinerie sprechen, sondern eher vom Kino als einer riesigen Lupe, die hält Leigh auf die feinen Verästelungen des Gewirkes, was die Menschen als das Arrangement ihre Glückes (oder auch ihres Unglückes) fertigen.

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