Humor ist, wenn man trotzdem lacht?

Zur Verleihung der Golden Globes 2011 lud die Hollywood Foreign Press Association HFPA ein zweites Mal den britischen Komiker, Schauspieler und Regisseur Ricky Gervais ein, durch den Abend zu führen.

Dies hat Gervais am vergangenen Sonntag in Los Angeles getan, und zwar mit ungewohnt spitzer Zunge. Seine Scherze und Anspielungen auf Benehmen, Befindlichkeiten oder auch nur das Alter der Anmoderierten unterschieden sich deutlich von den weichgespülten Floskeln, die meist bei der Oscarverleihung zu vernehmen sind. Ganz in der Tradition des bisweilen kruden, aber immer mit einem Augenzwinkern versehenen, schwärzestmöglichen britischen Humors (den das deutsche Publikum, das vorwiegend nach dem im Stechschritt organisierten Schenkelklopfhumor des närrischen Rheinlands zu ticken scheint, wohl erst durch die Monty Pythons flächendeckend kennenlernte, sich aber davon nicht weiter beeindrucken ließ), lieferte Gervais einen Hieb unter der Gürtellinie nach dem anderen ab.

Nun regt sich scheinbar die ganze Welt über Gervais‘ Gags auf. Auf YouTube gibt es Videokommentare, bei Twitter und Facebook gingen entsprechende Sprüche über den Äther, und die Presse sprang bereitwillig auf den „Bandwagon“ auf (1, 2, 3). Ich verstehe das nicht.

Zum einen ist der rabenschwarze britische Humor ja ein altbewährtes Mittel zum Lockern selbst maximalzementierter Zwerchfelle, zum anderen ließ die HFPA den netten Herrn aus England ihre Verleihung ja bereits im letzten Jahr moderieren und kann nun nicht behaupten, die Katze im Sack gekauft zu haben. Außerdem ist Gervais und sein bissiger Humor durchaus allgemein bekannt (hier ein Auftritt aus einem seiner Kabarettprogramme). Und obendrein waren die Gags offenbar abgesprochen, denn bei Conan O’Brien erzählte Gervais (vor der Globes-Verleihung!) einen geplanten Eröffnungsgag, der es dann doch nicht in die Verleihung geschafft hat.

Meine persönliche Erkenntnis aus dieser Sache: Die ganze Aufregung ist weitgehend gespielt und von den Medien überproportional aufgeblasen wurden. Dass Gervais sich nun selbst äußern muss (zu welchen Vorwürfen, bitteschön?), ist geradezu lächerliches Schmierentheater (4, 5). Schade, dass die Presse da mitspielt. Denn dass Ricky Gervais bei der Verleihung bestens ankam, hört man eindeutig an der Reaktion des Publikums. Und dass es nicht wenige überempfindliche, weltfremde, chronisch beleidigte und streckenweise besonders klagefreudige Menschen in den Staaten gibt, ist ja auch bekannt. Doch Rückhalt erhält Gervais aus den Reihen der Kollegen, also ist alles dann doch gut ausgegangen.

Hier die Gags von der Verleihung, der „banned“ Gag bei Conan und die Reaktion der Zuschauer bzw. Betroffenen:

Nachtrag: Hier ein längeres Interview mit Ricky Gervais bei Piers Morgan Tonight mit einer sehr gut formulierten Erklärung, worüber man Witze machen darf und worüber nicht:

2 Gedanken zu „Humor ist, wenn man trotzdem lacht?“

  1. Ich LIEBE Ricky Gervais und fand seine Moderation des letztjährigen Golden Globes grandios. Geradezu diebisch gefreut habe ich mich, dass er der prüden Hollywood-Welt mal ein paar ordentlich gepfefferte Witze darbot.

    In diesem Jahr war ich aber etwas enttäuscht. Gags über das Alter von Cher und Hugh Hefner? Über Charlie Sheens Sex-Eskapaden? Oh Mann, das fand ich schlichtweg platt. Gervais hat doch wirklich MEHR drauf. Ich hätte mir mehr Tiefsinn, mehr Rafinesse gewünscht.

    Außerdem: Wie oft zieht der bitte seine Nase hoch oder fummelt an selbiger? Das lässt leider stark auf Koks verdächtigen – fänd ich doof 🙁

  2. Ich bin in diesem Punkt sehr nah bei ’sistawista‘:
    Nicht die Boshaftigkeit oder der Grad der Grenzüberschreitung war für mich bemerkenswert, sondern einfach, was für einfache Ziele, was für voraussehbare Pointen sich Gervais aussuchte.
    Das war weder Gervais‘ noch der aktuellen britischen Comedy/Satire* würdig. Das hatte kein Format. Die Witze waren auf dem Level dessen, was auch in den Eröffnungen von LateNightTalks zu Tode gekaut wurde.

    Ein klein wenig von dem, was Gervais ist und kann schimmerte auf, wenn er improvisierte. Etwa beim „Pacman“-Gag.

    (*Könntet Ihr Euch vorstellen, dass in der Tagesshow gesagt würde „Wollen wir nicht vergessen: nicht alle katholischen Geistlichen sind pädophil. Die zwei, die es nicht sind, sind frigide. Und beachten wir, dass ja auch der Papst selbst unter vielen jungen Männern in der Hitlerjugend geprägt wurde“. In Deutschland: Krisensitzung aller Landesmedienanstalten. Hier in der Schweiz sofort ein Anlass für die SVP, wieder mal nach Rücktritten zu schreien … damit man die Sessel gleich mit eigenen Leuten besetzen kann — In England ein ganz normaler Freitagabend bei 10 o’clock live auf BBC3 )

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