Mount St. Elias

„Wann er di holen will, dann holt er di“, das ist das Credo dieser österreichischen Extremsportler, die mit dem Mount St. Elias in Alaska einen Berg gefunden haben, von dem mit Skiern abzufahren ein heutzutage hoffentlich auch über das Kino vermarktbares, bisher nicht gelungenes Abenteuer bieten würde. Denn der Gletscher reicht vom Gipfel mit 5489 Metern bis hinab zum Meer. Diese Abfahrt habe noch keiner vor ihnen erfolgreich bewältigt. Um zu belegen, wie gefährlich das ist, werden immer wieder sensationshascherisch Bilder mit dem Absturz eines Bergsteigers der misslungenen Expedition von 2002 eingeblendet.

Trotzdem: für Extremsportfans garantiert ein Muss.

Wie sieht es für den Cineasten aus? Hält der Film dem Vergleich mit Arnold Fanck stand, der mit seinen Bergfilmen in der Filmgeschichte nach wie vor als einsamer Solitär dastehen dürfte? Auf jeden Fall hinsichtlich atemberaubender Szenen von Lawinenabgängen, Steinschlag, Abstieg im Nebel, Abfahrten über steilste, eisharte Gletschertäler oder Freischaufeln einer Nothöhle im Schnee gegen den Schneesturm, einem Kampf auf Leben und Tod, braucht sich dieser Film nicht zu verstecken. Dagegen verblassen neuere Bergfilme wie Nordwand oder Nanga Parbat ganz schnell.

Was aber fehlt, ist eine Geschichte, die diese Abfahrt auch noch in einen spannenden Zusammenhang stellt. Hier scheint die einzige Story-Line die der Dokumentierung und damit der Vermarktung des riskanten Unternehmens zu sein; das belegt schon ein Konsumartikelname im Vorspann.

Die Behauptung des eines Bergsteigers aber, „das ist echt, das ist ned Hollywood, da bist Du allein, des is Wilderness“ steht in merkwürdigem Gegensatz zur Allpräsenz der Dokumentationsmaschinerie von Kameras und Mikros, von Flugzeugen, die mit Kameras um den Berg kreisen, von Funkverkehr und immer wieder dazwischen geschnittenen Interviews aus der behaglichen Basis und lässt dieses Gefühl des einsamen Kampfes  nur bedingt nachvollziehbar entstehen. Dazu hätte es wohl doch einer Prise mehr Hollywood im Sinne des Story-Telling bedurft.

6 Gedanken zu „Mount St. Elias“

  1. Lieber Stefe!

    Schade dass du deine journalistische Arbeit leider nur ungenügend erledigst. Hättest du recherchiert würdest du erkennen müssen, dass diese Produktion kameratechnisch gesehen von zwei Leuten hergestellt wurde. Dies passierte auf einem Berg,
    welcher in einem Gebiet liegt, dass flächenmäßig so groß wie die Schweiz ist, wo jedoch maximal 100 Menschen wohnen,
    weil es eine einzige Eiswüste ist. Mit dem Helikopter im Nationalpark Mount St. Elias ist verboten. D.h. eine Stunde Abflug und eine Stunde Abflug. In Summe maximal eine bis zwei Filmstunden pro Tag per Helikopter. Insgesamt waren es sechs. Zusätzlich wäre eine Rettung per Helikopter aussichtslos gewesen, weil dort wo die Bergsteiger hinauf und als Skifahrer hinunter sind,
    ist es einfach zu steil zum Landen. Ein Absturz in diesen Steilzonen wäre wahrscheinlich sowieso fatal. Einen Verletzten dort abzutransportieren wäre entweder eine übermenschliche Leistung oder Selbstmord. Jetzt erklärst du mir bitte wo all die Kameras und Mikrofone waren die du da beschreibst? Dann noch die Kleinigkeit, die auch Hollywood noch nicht gelöst hat: Wie kann man Gedanken aufzeichnen, sodass sie für jeden hörbar werden? Gott sei Dank gibt es aber auch noch Menschen
    die eine wahre Geschichte und ein echtes Erlebnis erfundenen Hollywood FAKES den Vorzug geben! Aber vielleicht machst du dir doch einmal die Mühe und liest etwas über die Dreharbeiten auf unserer Webpage. Würde ich dir dringend empfehlen.
    Gerald Salmina, Regisseur Mount St. Elias

  2. Hallo Gerald Salmina, danke für die Beschäftigung mit meinem Text und ein grosses Kompliment für den Film!
    Es ist ja nicht so, dass ich das über die schwierigen Dreharbeiten nicht gelesen hätte. Aber ich schreibe nicht über die Dreharbeiten. Einen Film drehen ist eines, Montage oder Postproduction ein anderes und den Film schauen ist ein Drittes – letzteres habe ich gemacht. Ich habe mich mit dem Erlebnis im Kino beschäftigt. Sicher würde ich den Film anders sehen, wenn ich bei den Dreharbeiten dabei gewesen wäre, wenn ich Kälte, dünne Luft, Eis, Schnee, Sturm, Lawinen, Absturzgefahr hautnah erlebt hätte. Als Nicht-Insider jedoch und als Stadtmensch gehe ich in Stadtschuhen ins Kino und jahreszeitlich vielleicht sogar leicht bekleidet, einen Drink in der Hand und vielleicht eine Tüte Popcorn dazu, fleze mich in den Kinosessel und lasse mich auf das ein, was der Filmemacher aus seinem Drehmaterial für einen Streifen zusammengestellt hat. Daraus entwickeln sich in meinem Kopf die Geschichte und die Gefühle und das Erlebnis dazu. Aus dieser Position heraus ist mir die Diskrepanz aufgefallen zwischen dem zitierten Satz von der Wilderness einerseits und meinem Kinoerlebnis andererseits, wo dieses Gefühl von Wilderness immer wieder unterbrochen worden ist von Flugaufnahmen und Interviews aus der sicheren Basis und sich dadurch der Eindruck einer „Allpräsenz der Dokumentationsmaschinerie“ einstellte und nicht der der Wilderness, des Alleinseins. Das dürfte primär ein Problem der Montage und nicht mangelnder Recherche meinerseits sein, also nicht an der Anzahl Kameras und Mikros liegen, sondern an den Schnitten. Möglicherweise war aber auch die Entscheidung für das Thema des Projektes nicht ganz eindeutig, nämlich entweder diesen Extremsport-Rekord zu dokumentieren, das ist fabelhaft gelungen (bleibt aber als solches eher eine Spezialität für besonders Interessierte, für die sogar ein „Muss“, wie ich geschrieben habe), oder eben dem Zuschauer das Erlebnis eines vielleicht letzten noch möglichen Abenteuers, des Alleinseins in einer übermächtigen Natur als spannende nicht-fiktionale Story zu erzählen. Ich meine, Wahrheit im Kino entsteht nicht dadurch, dass das was abgefilmt und montiert worden ist, „echt“ ist, Wahrheit im Kino entsteht vielmehr dadurch, dass die Montage egal welchen Materials in meinem Kopf eine Welt entstehen lässt, die in sich schlüssig ist, die für mich glaubwürdig ist, die mich gebannt folgen und eine mir bis anhin unbekannte Dimension entdecken lässt oder mir eine Welt, gerne auch Traumwelt (von Glück oder Horror) eröffnet, die ich schon als vorhanden und wirksam gespürt habe, aber so noch nicht formuliert gefunden habe. Der „ehrliche“ dokumentarische Ansatz kann sich also durchaus mit dem des Storytelling beissen.

  3. Ich kann den Konflikt, den Stefe empfindet, gut verstehen: Mit nur minimaler technischer Ausstattung (was man halt mitschleppen kann, plus Hubschrauberkamera) ist es gelungen, im Kino eine Wirkung zu erzielen, die aussieht wie eine Produktion von hundert oder mehr Leuten. Rein vom Blickpunkt des Filmemachens aus eine hochprofessionelle, absolut gigantische Leistung, mit vergleichsweise wenig personellem und technischem Aufwand ähnliche Bilder hinzubekommen wie aus dem Herrn der Ringe.

    Doch auf der Zuschauerseite wird ohne dieses Hintergrundwissen gar nicht groß darüber nachgedacht, dass ebendiese Bilder nicht gestellt sind, dass die Lebensgefahr tatsächlich omnipräsent ist und nicht nur dramaturgisch, dass da ein Grüppchen von wenigen Leuten an einer Bergflanke mit Kameras und Mikros hantiert, während um sie herum der Wind pfeift, unter ihnen sich der Abgrund auftut und sie auf schrägen Eisflächen stehen – und dennoch: nicht eine Schneeflocke auf der Linse.

    Man darf fragen: „Wäre weniger mehr gewesen?“, und das tut Stefe. Doch hätte man mit weniger Aufwand gedreht, sozusagen optisch noch „näher dran“ als jetzt, hätten die Zuschauer gemault und gelästert und sich über die Technik beschwert. Nur Kritiker und echte Cineasten hätten das Genie einer solch minimalen Ausstattung und ihrer dramaturgischen Wirkung wirklich erkennen können, der Rest wäre einfach nicht ins Kino gegangen.

    Daher kann ich die Entscheidung, den Film auf ein von der Allgemeinheit als kinowürdig erachtetes technisches Niveau zu heben, durchaus nachvollziehen. Dies kostet Nähe, bringt aber gerade optisch ein dickes Plus. Und deswegen assoziiert man natürlich, dass der Berg von einem großen Filmteam überrannt wurde, was ja gar nicht stimmt. Eine Meinungsfrage, würde ich sagen.

  4. Danke Stefe, danke Julian. Wie ihr seht, beschäftigt mich der Film emotional auch noch drei Jahre nach den Dreharbeiten (2007). Es war ein Himmelfahrtskommando gegen jede Vernunft. Die Skibergsteiger waren mit dem Berg mehr als gefordert und konnten keine Rücksicht auf die Filmproduktion nehmen. So hatten wir nur eine Chance für jede Aufnahme. Aber das wussten wir ja vorher schon. Wir hatten einfach die Idee eine Dokumentation über diesen Rekord herzustellen, aber von Anfang an alles wie in einem Spielfilm zu erzälen. D.h. eine ungeschminkte Handlung im Hier und Jetzt. Wenn jedoch etwas verpasst wurde, ging es für immer verloren. D.h. wir wollten die Dokumentarschiene aufbrechen und somit was Neues schaffen. Die absolute Herausforderung dabei war, dass die Aufnahmen nur bei Schönwetter einen Sinn machten. D.h. die Skibergsteiger hätten ja auch bei schlechten Wetter abfahren können, nur dann hätte der Film seine Wirkung verloren. Trotzdem war das Schwierigste zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Wir hatten aber einfach viel Erfahrung was passieren konnte und waren auf die Momente auf dies es ankommt mit der Kamera in der Hand vorbereitet. Günther Göberl, der Kameramann am Berg war mein verlängerter Arm und lieferte eine unglaubliche Arbeit ab. Mit dem Helikopter war es teilweise schwierig überhaupt aufzusteigen weil es am Meer (Icy Bay) warm war und beim Durchstoßen der Wolkendecke passieren konnte dass die Rotorblätter einfrieren konnten, was zu einem Absturz führen kann. Der Film in seiner Dramaturgie, die Produktion und vor allem die sportliche Leistung … alles ein Experiment, welches auch leicht nach hinten hätte losgehen können. Glaubt mir, da oben auf diesem Berg bist du allein. Da kann dich einfach keiner rausholen. Das Flugzeug war das Ticket hinein und wieder raus. Mit dem Helikopter hätte man nur in Notfällen in diesem Gebiet landen können, was in den steilen Wänden und mit diesem Wind sowieso aussichtslos war. Aus diesem Grund gibt es von meiner Seite nur Dankbarkeit, dass wir das alle gemeinsam zu Ende bringen durften. Wenn einem was passiert wäre, hätten wir die Aktion und den Film abgebrochen. Aufgebrochen sind wir aber, weil wir das Verhältnis Mensch zu Berg zeigen.
    Wenn wir Euch in diese Welt ein wenig mitnehmen konnten, dann sind wir eigentlich schon dort, wo wir mit dem Film hin wollten. Erklären warum manche Menschen auf so einen extremen Berg gehen, und warum manche unbedingt einen Film gegen jede Chance herstellen, kann man meiner Meinung nach nicht endgültig, aber wenigsten ein bisschen Verständnis schaffen warum dieses ausgesetzt sein so fasziniert …..

  5. Wenn die hiesigen Filmemacher auch nur zehn Prozent von Ihrem Mumm hätten, Gerald Salmina, dann wären uns Apparatschik-Schauder-Filme wie “Nordwand“ und “Nanga Parbat“ vermutlich erspart geblieben (auf welche der Tobias-Kniebe-Satz aus der heutigen SZ anlässlich des 80. Geburtstages von Jean-Luc Godard voll zutrifft: „“Es herrscht ein Terror des Sich-Identifizieren-Müssens, eine Wut, selbst die grössten Gechichten in das eigene, streng begrenzte Weltbild zu pressen“

  6. Ich sehe es ähnlich: Die Leistung der Bergsteiger wie des Filmteams ist gewaltig, geht an die Grenzen des menschlich machbaren. Die Öffentlichkeit, von Hollywood perfekt verdorben, sieht das zum größten Teil gar nicht mehr.

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