Buchtipp: Das finstere Tal

Man sagt ja, in Los Angeles habe jeder Kellner ein Drehbuch in der Schublade, falls mal ein wichtiger Produzent zu Besuch kommt. Man sagt auch, dass Filmkritiker gescheiterte Filmemacher seien, Eunuchen gewissermaßen, die genau wissen, wie es geht, es aber nie selbst tun werden.

Nun hat unser Filmkritikerkollege Thomas Willmann, der für die Münchner tz, den Münchner Merkur und nicht zuletzt für artechock.de schreibt, seiner Vorstellung davon, wie eine gute Geschichte auszusehen hat, Luft gemacht und ein Buch geschrieben. Der ultimative Traum wohl jedes Journalisten, denn in ein Buch wickelt man am nächsten Tag nicht den Fisch ein, ein Buch bleibt.

Ich habe im Sommer vom Erscheinen von Das finstere Tal erfahren, als ich in meinem Stammcafé hier über der Straße gemütlich die tz durchblätterte. Mit einer ganzseitigen Anzeige ehrte das Blatt den Buch-Start eines der ihren, und ich war gelinde gesagt schwer geschockt, denn ich hatte nichts dergleichen kommen sehen. Ich holte mir das Buch, wollte es in Dänemark beim Filmfest von Odense lesen, kam aber einfach nicht dazu. Vor ungefähr drei Wochen habe ich es dann endlich entblättert, aus seiner zarten Schutzfolie befreit, mich zur stillen Nacht ins Bett fallen lassen und die erste Seite aufgeschlagen.

Und dann begann ein Film in meinem Kopf.

Die Handlung beginnt mit einem Reiter, der knapp vor Wintereinbruch in einem abgelegenen, kleinen Bergdorf der wohl bayerischen Alpen Quartier für die kalte Jahreszeit sucht. Die eingeschworene, autarke Gemeinschaft lässt dies zögerlich zu, weist ihn aber darauf hin, dass keine Abreise aus dem Hochtal mehr möglich sein wird, sobald der Schnee zu fallen beginnt. Der Mann, ein Maler, ist darauf vorbereitet und richtet sich im Hof einer Witwe und deren Tochter ein.

Nach und nach lernt der Leser die Dorfgemeinschaft kennen, versteht aber längst nicht alles, wird gezielt im Unklaren gelassen. Nur langsam wird klar, dass im Dorf längst kein Friede herrscht, sondern dass Rechnungen offen sind, gewaltige Rechnungen sogar. An dieser Stelle verlasse ich die Inhaltsbeschreibung, und wer noch keine anderen Besprechnungen dieses Buches gelesen hat und dies auch so lassen kann, wird ein königliches Lesevergnügen haben.

Der Autor baut seinen Debutroman nach dem klassischen Konstruktionsplan des Westerns auf, dem Fremdling über die Schulter geblickt. Diese Erzählperspektive hat den Vorteil, dass sie der Ich-Erzählung ähnelt, der Leser jedoch mehr erfahren kann, da die Erzählung von der Person des Fremdlings abweichen kann, denn der Erzähler ist allwissend. So ist maximale Spannung garantiert, wenn es nach ausgiebiger (aber nie langweiliger) Vorbereitung daran geht, besagte Rechnungen zu begleichen.

Das alpine Setting dahingegen verleiht der Geschichte eine gewagte Exotik. Selten sieht man seine eigene Heimat in so einem Lichte. Dieses Aufpropfen eines Genres auf ein anderes hätte misslingen können, doch führt der Autor den Leser derart gekonnt über jedes noch so kleine Detail der sicht- und fühlbaren Welt, dass der Leser sich vorkommt, als stünde er selbst frierend an einem Ort wie dem kleinen Ahornboden, den festgetretenen Schnee des Fußweges knirschend unter den Sohlen fühlend, die keinen Dampfwölkchen seiner Atemluft beobachtend, wie sie in der Morgensonne glitzern, während sie so schnell vergehen, wie sie entstanden sind.

Sprachlich schreibt Thomas Willmann auf hohem Niveau. Nur vier bis sechs Sätze braucht er, um eine Seite zu füllen. Dieses Buch ist keines, das man nebenher in der U-Bahn lesen kann oder in der Mittagspause. Im Gegenteil, das finstere Tal zwingt einen geradezu, sich in die Leseecke, den Ohrenbackensessel vor dem offenen Kamin zurückzuziehen und die heiße Schokolade auf dem kleinen Ablagetisch zu vergessen, während draußen sanft der Schnee fällt. Im Gegenzug belohnt es einen mit einer fesselnden, an atmosphärischer Dichte kaum zu überbietenden Erzählung, die alle Fasern der Seele zum Schwingen bringt.

Natürlich klingt es so, als lobte ich Thomas Willmann über den grünen Klee. Doch ich bräuchte auch gar nichts bloggen zu seinem Debutroman, das wäre der einfachste Ausweg, wäre ich mit dem Buch nicht zufrieden. Nun verhält es sich aber so, dass das Buch wirklich das mit Abstand beste ist, dass ich im letzten halben Jahr gelesen habe – mindestens. Es ist kein zeitloser Klassiker, es ist kein Buch für die Ewigkeit, aber es ist – noch dazu für ein Erstlingswerk – eine absolut runde Sache, ein mustergültiges Lehrstück. Es lässt keine offenen Fragen, es gibt keine nennenswerte Abweichungen von den Entscheidungen, wie man sie selbst gefällt hätte, befände man sich in so einer Situation, es kitzelt die Seele beim Lesen, und vor allem hängt es die Messlatte für Debutromane verdammt hoch.

Ich kann mir gut vorstellen, was für eine schwere Geburt dieses Buch gewesen sein muss. Die Entscheidung für genau diese Geschichte. Die Arbeit, alle Motivationen aller Personen zu jedem Zeitpunkt des Handlungszeitraums zu definieren und auf Realitätsnähe zu trimmen. Der Mut, sich hinzusetzen und die ersten Worte niederzuschreiben. Der noch größere Mut, diese, aber auch vielleicht ganze Handlungsstränge, Kapitel, Personen wieder zu kippen, zu entfernen, zu vernichten, herausnzunehmen. Die Erzählung zu verdichten, immer wieder, so lange, bis ein dramaturgisches Destillat höchster Güte übrigbleibt. Die zahllosen Nächte dazwischen, in denen die Fragen an einem nagen, ob diese oder jene Entscheidung nun die richtige gewesen sei, von der Erzählperspektive bis zu noch so kleinen Details der Handlung oder auch nur der Beschreibung, wie Sonnenlicht in der Ferne über ein Gipfelkreuz flutet. Und dann auch noch einen Verlag zu finden.

Irgendeine Story niederzuschreiben, in einer Folge von schwallenden Schüben von Logorrhoe, das können viele. Text schinden, um auf möglichst viele Seiten zu kommen, damit das Buch nur dicker wird, das wird schamlos durchgezogen. Ich selbst bin auch so ein Kandidat, fürchte ich. Sollte ich jemals selbst etwas zu Papier bringen wollen, wird das meine größte Schwierigkeit sein: Das Weglassen. Nun, Thomas Willmann hat dies wirklich drauf. Das Nötige erzählt er, das Unwichtige lässt er weg, der Rest erklärt sich von selbst. Und herausgekommen ist nicht, wie so oft, ein weiteres Stück trivialer Prosa, sondern Literatur, und das auf einer Qualitätsebene, die sich sehen lassen kann. Zu Recht schreien die Leute nach mehr, denn Leseerlebnisse dieser Intensität, dieser Qualität sind selten wie guter Whisky. Den Film kann ich kaum erwarten. Schade, dass Sergio Leone nicht mehr ist, das wäre ein Stoff für ihn gewesen.

Wer Das finstere Tal zu Weihnachten verschenkt, der tut seinem Beschenkten einen großen Gefallen. Dieses Buch kann in puncto Leselust Tote aufwecken.

6 Gedanken zu „Buchtipp: Das finstere Tal“

  1. Danke für den Buchtipp. Klingt wirklich interessant. Nach den ersten Amazon Kundenrezensionen, die ich durchgeflogen bin, macht mich das ganze noch neugieriger! Kommt definitiv auf die Wishlist 😉

  2. Bevor ich WIEDER vergesse zu erwähnen: Ein wirklich starkes Buch, großartig! Jetzt muss nur noch verhindert werden, dass es von Joseph Vilsmaier verfilmt wird!

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