Orly

Das ist ein richtig nettes Gebastel und in jeder Sekunde als Gebastel erkennbar. Für diese Erkennbarkeit sorgen die realen Menschen auf dem Flughafen oder auf den Straßen von Paris.

„Mich faszinieren Menschen am Flughafen und das Gewusel. Da ich mit Marseille einen Treffer gelandet habe und jetzt Filmemacherin bin, muss ich wohl weiter Filme machen und mir was einfallen lassen. Jetzt habe ich auch Zugang zu den Fördertöpfen. Die Flughafenatmosphäre, die den Menschen anonymisisert, die beschäftigt mich. Denn ich bin jetzt oft mit dem Flugzeug unterwegs. Ich bin eine wache Beobachterin. Ich möchte mit meinem Film zeigen, dass hinter jedem Menschen ein Individuum steckt.“ In etwa so oder ähnlich dürfte die Regisseurin, die auch Schauspielerin ist, gedacht haben; ihr Familiennamen prangt jetzt ganz gross wie CHANEL oder CHANNEL nämlich SCHANELEC und ohne Vornamen im Vorspann. Neues Markenzeichen. Aber wofür steht dieses?

Im vorliegenden Falle für folgenden Vorgang. Die S. stellt einen Cast zusammen oder lässt ihn sich zusammen stellen (darüber wäre bestimmt ein spannenderer Film zu machen). Dann gibt sie diesen Darstellern einige Biographiepunkte zu den Figuren, die sie spielen sollen und probt in einem Probenraum die Szenen, in erster Linie Wartesituationen und Begegnungen am Flughafen. Der Dreh selbst findet dann unter Realbedingungen am titelgebenden Flughafen OR LY statt, d.h. ohne Absperrungen, ohne Lichtsetzungen, mit Mikroports statt Tonangel, mit quasi versteckter Kamera und bei laufendem Flughafen-Betrieb. Diese Ton- und Bildstrecke bildet das Rohmaterial für die Montage.

Wobei hinzuzufügen ist, dass Recherche und Begründung der Biographien der Figuren, den Eindruck erweckt jedenfalls der Film, sehr oberflächlich und wenig fundiert passiert sind. Denn schon die erste Begegnung einer der Hauptschaupielerinnen mit einer Passantin beim Überqueren eines Zebrastreifens in Paris zeigt den gewaltigen Unterschied zwischen Schauspielerei, der das nötige Need fehlt, und einer realen Figur, einer älteren Frau, die sich verwundert umdreht nach diesem Fremdkörper von Person, die spielt, dass sie einen Zebrastreifen überquert. Das ist auch noch im Film drin gelassen worden. Schwer vorstellbar, dass es inszeniert war.

Dasselbe passiert dann andauernd auf dem Flughafen, wenn die Darsteller mitten im Normalbetrieb ihre eingeübten Dialoge mit sichtbarer Kunstanstrengung vortragen und des Zuschauers Auge sich viel mehr von den Passanten im Hintergrund faszinieren lässt, weil dort ein jeder ein Stück Weges in einem oft brenzligen Lebens-Zusammenhang geht (Trennung von lieben Mitmenschen, Ortsveränderung, Angst vorm Flug oder vorm möglichen Verpassen desselben), während im Vordergrund in Spielszenen ein Lebenszusammenhang vorgeführt wird, der vermutlich das Leben spiegeln sollte, dies aber, wie der Hintergrund beweist, nicht mal in Ansätzen zu leisten vermag, weil der Lebenszusammenhang der einzelnen Figuren nicht plausibel genug studiert worden ist. Es wird aber auch nicht klar, was in der Kunst möglich und erlaubt wäre, was statt dessen erzählt werden soll. Die Grundaussage, Frau Schanelec ist jetzt eine große Filmemacherin?

So bleibt der Film ein wenig aussagekräftiges, steifes Come-Together at the Airport und nicht halb so lustig wie ein Flash-Mob. Korrekterweise sollte der staatliche Zuschuss zu dieser Bemühung allerdings unter „Beschäftigungstherapie“ und nicht unter  „Filmförderung“ verbucht werden.

Ein weiterer Beitrag zur Pathologie des deutschen Filmes.

(Wie ein spannendes Kino mit hochmotiviertem Erzähldruck aussehen kann, zeigt Olivier Assayas im gleichzeitig anlaufenden CARLOS, der zum Teil auch in Paris spielt).

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