Goethe!

Was der Trailer auf YouTube verspricht, das hält der Film: biederhandwerkliche Inszenierung fürs Stadttheaterabo, aus der Schulweisheit für die Schulweisheit, bestenfalls für die Sonntagsmatinee oder für die Lehrerschaft als bequemer Ersatz für eine Deutschlektion. – Deutschland bräuchte im Kino dringend eine Erneuerung, eine Nouvelle Vague, einen Back-Up, der die ganzen Möglichkeiten des Kinos wieder freilegt und die fördergenmanipulierten Verengungen der künstlerischen Arterien durchputzt.

Wer sich an „Amadeus“ erinnert, Mozart war auch ein Genie, wie Milos Forman dieses Genie energisch und schier platzend vor Leben, wie ein hupfender, verirrter Tennisball am Hofe eingeführt hat, wie hölzern und uninspiriert lässt Stölzl dagegen seinen jungen Goethe auf einem verschneiten Innenhof einen eckigen Tanz aufführen und die restliche Jugend steht als nicht inszenierte Komparserie drum herum wie bestellt und nicht abgeholt.

Wie sich sowieso bei der Besetzung des jungen Goethe, der als Schauspieler zweifellos das Zeugs zum tauglichen Berufsmann hat, fragt, ob im Lande wirklich gründlich nach einem geeigneten Darsteller geforscht worden ist.

Das andere ist eine Frage der Inszenierung. Den Chor und die Schauspieltruppe inszenieren („den Chor führen“ ist eine der landläufigen Defintionen von Regie) wäre schon mal eines, besonders in Deutschland, wo jegliche Figur-Psychologisierung verpönt ist, glaubwürdige Filmfiguren auf die Leinwand zaubern noch ein anderes. Beides scheint das Ding von Herrn Stölzl nicht zu sein.

Wenn Goethe und Lotte sich auf freiem Felde unerwartet begegnen (er zu Pferd, sie in der Kutsche), nachdem sie sich unabgesprochen gegenseitig besuchen wollten, entsteht der Eindruck, der Regisseur habe den jungen Darstellern gesagt „jetzt macht mal“, hat sich das Material dann angeschaut und es irgendwie zusammengeschnitten. So entstehen höchstens durch Zufall spannende, verbindliche Szenen. Hier eher nicht.

Weiter mit den Figuren. Der Kästner von Moritz Bleibtreu, der ist so formlos, so bescheidenen Plis, so unprägnant angelegt, dass er selbst am mittleren Stadttheater damit nicht als premierentauglich durchgehen dürfte. Vater Buff von Burghart Klaußner: wie undeutlich bleibt diese Figur im Gegensatz zum Pastor, den Klaußner im Weissen Band unter Haneke gespielt hat, wie punktgenau hat Haneke ihn dort geführt, wie steht er hier in der Stube, als ob das innere Drahtgestell zur Rolle fehle; warum hat er die Rolle nicht abgesagt? Muss Jersualem stottern, weil er die einzige Figur ist, die natürlich und Empathie ermöglichend rüber kommt?

Es entsteht oft der Eindruck, gerade die jungen Schauspieler spielen nur Karikaturen, die sich über sich selber lustig machen (Regie-Intention möglicherweise: „zeigen“ dass Jugend flachst und albern ist) – viele Szenen kommen dadurch wie gymnasiales Schülertheater rüber („ein Krug für die Tränen!“); so wirkt auch das Liebesgeplänkel zwischen Goethe und Lotte beliebig, austauschbar, und es ist nicht zu verstehen ist, warum Lottes Verlobung mit Kästner den Goethe dermaßen treffen soll.

Das Opernbühnenbild wirkt verschliert und verschleimt, die Retouche von Stadtaufnahmen der Heute-Zeit ins 18. Jahrhundert fordert ihren Preis, sieht aus wie colorierte Fotos aus der Frühzeit der Fotografie – was wollte uns der Bühnenbildner oder die Postproduktion damit sagen?

Damit der letzte im Publikum die Message des Filmes versteht, nämlich dass der  Werther-Roman, dem die unglückliche Liebe zwischen Goethe und Lotte Buff zugrunde liegt, den literarischen Durchbruch für den jungen Goethe bedeutete, darf er im auf alt gemachten Filmfrankfurt auf dem Dach einer Reisekutsche noch Autogramme geben. In etwa so oder ähnlich hat das deutsche Stadt- und Staatstheater vor 30 Jahren versucht, die Klassiker aufzumotzen.

Die Musik soll jene Intensität herstellen helfen, die der physischen Kraft des geschulten Sprechvorganges professioneller Darsteller entspricht, mit der nach alter Mimenregel noch jede mittelprächtige Stadttheateraufführung über die Runden zu retten ist.

Einmal mehr geht ein Kostümfilm den leidigen Weg so vieler Vorläufer, aus dem Fundus für den Fundus, der Staub, nur kurz aufgerührt, setzt sich sogleich wieder.

QUINTESSENZ: Abfilmerei rückständigen Stadttheaters mit Banalaussage (dass Goethe mit dem Werther den literarischen Durchbruch hatte).

Ein Gedanke zu „Goethe!“

  1. Die Geschichte überträgt den Zuschauer in die romantischen Goethe-Zeiten. Dank der verständlich umgesetzten Sprache wird ist der Film leicht verständlich für den Zuschauer. Wer sich nach Romanik und Charme sehnt, soll sich unbedingt den Film anschauen. Den Film bereichert die Nebenrolle von Moritz Bleibtreu.

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