Meine zwei Cent zu Hartz IV

Schon öfter habe ich meinen Filmblog dazu missbraucht, meine persönlichen politischen und gesellschaftstheoretischen Gedanken zu publizieren. Ich denke, dass das niemanden ernsthaft stören sollte, denn zum einen muss das ja niemand lesen und zum anderen hat ein Blog lange nicht so eine stark geprägte fachliche Ausrichtung wie eine papierne Publikation, zumidest nicht gezwungenermaßen.

Grundsätzlich ist der Menschen ein soziales Wesen. Er betreibt Brutpflege im unschlagbaren Ausmaß (was an seinem großen Gehirn liegt, denn die Gehirnentwicklung kann im Körper der Mutter nicht abgeschlossen werden, sonst würde der Kopf bei der Geburt die Mutter sprengen. Daher muss der Mensch nach der Geburt überdurchschnittlich lang versorgt werden), er ist vernunftbegabt, kann also vorausplanen (zum Beispiel eine Mammutjagd nahe einer Klippe veranstalten oder Vorräte für den Winter anlegen), und er ist grundsätzlich friedliebend. Solange es ihm gut geht zumindest.

Geht es dem Mensch nicht gut, kann er auch zu extremen Mitteln greifen. Der einzelne wird rabiat (von Notwehr bis Amok), Gruppen werden gefährlich (aus dem Ruder gelaufene Demonstrationen), Massen unbeherrschbar (Französische Revolution, Montagsdemonstrationen). Menschen, denen es nicht schlecht genug geht, um zum Berserker zu werden, verkümmern. Zunächst seelisch, dann auch körperlich. Dies ist vielfach zu beobachten, sei es bei Menschen, deren Lebensplanung danebengeht, die gemobbt werden, die eine schlimme Krankheit im Umfeld durchleben oder gar bei sich selbst diagnostiziert bekommen, oder auch bei existenzieller Not. Sie werden zu den sprichwörtlichen „Verbrauchern“, antriebslos, uninformiert, auf Autopilot.

Geht es dem Mensch gut, wird er gemütlich, baut ein Nest, kümmert sich um seine Hobbies und sieht zu, dass er einen zufriedenstellenden, nicht zu fordernden Tagesablauf hat. Hält die Phase der Sicherheit an, beginnt der Mensch, sich zu verwirklichen, er blüht auf. Er baut eines seiner Hobbies zu „mehr“ aus, er versucht, „ein gutes Leben“ zu führen, manche bringen sich sogar gemeinnützig durch Ehrenämter ein. Ob das Hobby nun das Sammeln von Playmobil ist oder das Bergsteigen, ist hierbei völlig egal. Fakt ist: Der Mensch, der sich in gesicherten Umständen bewegt, führt ein gutes Leben und tut, was ihm passt. Im Idealfall entwickelt er ein Interesse an höheren Genüssen wie Bildung und Kunst.

Nun gab es in früheren Zeiten die Notwendigkeit, für harte Zeiten vorzusorgen. Jeder hamsterte also, wo er konnte (Steinzeit), und wer sozial hoch genug stand, ließ hamstern (alle folgenden Zeiten). Sprich: Beutete aus. Es entstanden Stände, Klassen, Hierarchien. Mit ihnen enstanden nach und nach die modernen Wertesysteme: Freiheit, Pflicht, Staaten, Gesellschaften. Mit ihnen kamen unter anderem auch die Steuern, eine grundsätzlich gute Idee für die Finanzierung des Gemeinguts wie Straßen, Bahnlinien, Wasser- und Stromversorgung zum Beispiel. Oder auch die Menschenrechte, die Grundrechte. Abschaffung der Kinderarbeit, Schulpflicht, Wahlrecht auch für Frauen. Wir haben es weit gebracht, vom täglichen Überlebenskampf ein paar kleiner Stämme in der Olduvai-Schlucht bis zur überaus komplexen Gesellschaft heute, verteilt über den gesamten Erdball und aufgespalten in verschiedenste Gesellschaften und Sozialstrukturen. Noch sind wir alle miteinander verwandt, die nördlichste Inuit kann vom südlichsten Maori genauso schwanger werden wie die eigene Nachbarin von einem selbst.

Das soziale Verhalten war schon immer ein großer Teil des Fundaments, auf dem homo sapiens seine Gesellschaft aufbaute. Zahnlose, schwache Omas werden schon lange nicht mehr in der Wildnis zurückgelassen, genausowenig werden behinderte oder schwache Neugeborene von der Klippe geworfen. Dass sich das nicht gehört, ist für nahezu jeden Menschen fundamentalstes Selbstverständnis.

Irgendwann wurden die Versicherungen erfunden, und zwar als eine Art Negativ-Lotterie. Jeder zahlte ein, und die, die dann tatsächlich vom Schicksal getroffen wurden, bekamen ihren Schaden ersetzt. Diese Versicherungen gibt es in privatwirtschaftlicher Form (Hausrat und so weiter) sowie in staatlicher Form, was einem Grundrecht gleichkommt (Krankenversicherung, Rentenversicherung, Sozialversicherung oder auch das römische Bürgerrecht in der Antike). Eine feine Idee, solange man kein (übermäßiges) Geschäft daraus macht. Tut man das, pervertiert man die Grundidee, wie man ja bei den US-Krankenversicherungen vor deren Reform sehen konnte: Bereits Erkrankte wurden erst gar nicht aufgenommen, weil man mit ihnen keinen Gewinn mehr machen konnte, und anstatt dass die gesammelten Gelder die Heilung von möglichst vielen Leuten ermöglichen sollten, wurden private Inhaber und Teilhaber der Versicherung immer reicher, während Zahlungen versagt wurden. Dies ist nicht im Sinne des Erfinders und auch nicht im Sinne einer sozialen Absicherung der Bevölkerung, insbesondere dem Garantieren von Sicherheit.

Nun hatten wir in Deutschland ein recht gutes Wirtschafts- und Sozialsystem, bis die Spekuliererei im großen Stil angefangen hat. Alle möglichen Strukturen wurden privatisiert, um sie effektiver zu machen (ob diese nun effektiver sind, steht übrigens noch zu beweisen). Man verkaufte zum Beispiel dem Volk die Bahn, obwohl ihm diese jedoch schon immer gehört hatte. Dann legte man „unrentable“ Strecken still, um den Verkehr zwischen den Großstädten zu intensivieren. Dasselbe passiert(e) mit der Post, der Wasserversorgnung, den Kraftwerken, den Krankenhäusern, der Telekommunikation und anderen Dingen, bei denen es höchst fraglich ist, ob es deren Hauptzweck ist, Gewinne für Inhaber und Shareholder einzufahren.

Schließlich folgte der Sozialabbau. Nach über 100 Jahren Industrialisierung, begleitet von der Bildung von Gewerkschaften und dem ewigen Kampf selbiger um Rechte (also dem Sozialaufbau), hatte man endlich – zumindest in Deutschland – ein Niveau erreicht, auf dem man noch Mensch bleiben konnte, wenn man seinen Lohn verdiente, und auch, wenn man durch die Maschen rutschte. Doch die Entwicklung ging weiter. Immer mehr Arbeitsplätze wurden und werden abgebaut, die Leute ersetzt durch Maschinen oder deren Jobs ins billige Ausland abgegeben.

Und nun haben wir eine Situation, die sich die Wirtschaft schon immer gewünscht hat:

  • Eine hohe Kapaizität, Produkte von höchster Qualität herzustellen
  • Hochspezialisierte Fachleute aus aller Welt in Forschung und Entwicklung
  • Die geringstmögliche Zahl von Arbeitnehmern in Festanstellung
  • Leiharbeiter mit geringen Kosten für das Auffangen von Auslastungsspitzen, diese sind leicht wieder abzubauen
  • Erschlossene Märkte in anderen Ländern
  • nach unten offene Gehälter, da es in kaum einer Branche Mindestlöhne gibt
  • eine hohe Arbeitslosigkeit und damit eine gute Argumentationsgrundlage für das Drücken von Gehältern in Verhandlungen. Denn es sind ja genug andere da, die den Job wollen würden
  • Eine völlig desinformierte Bevölkerung, die glaubt, einen Job zu haben, sei das wichtigste (egal, wie schlecht dieser Job bezahlt ist) und die bereit ist, für die eigene Karriere über Leichen zu gehen
  • Einen kuschenden Staat, der zu niedrige Löhne einfach aus dem Steuersäckel auffüllt, weil er so nett ist.

Nun hat gestern die gegenwärtige Bundesministerin für Arbeit und Soziales, Ursula von der Leyen (CDU), die Reaktion der Regierung auf die Beanstandung der Berechnung des Satzes von Hartz IV (so der Rufname des Arbeitslosengeldes 2 (für Langzeitarbeitslose), das mit der Sozialhilfe zusammengelegt wurde, bei der Gelegenheit auch gleich auf einem Niveau unterhalb der bisherigen Sozialhilfe) durch das Bundesverfassungsgericht bekanntgegeben. Die Geldmenge, die Hartz IV-Empfängern monatlich zum Lebensunterhalt zugestanden wird, wird um ganze € 5 erhöht. Monatlich darf ein Mensch ohne weiteres Einkommen also € 364 ausgeben, und das für all seine Belange.

Ich habe heute in der Zeitung eine Aufstellung der Posten der Neuberechnung gefunden, und dies ist der Grund für diesen Blogpost: Mir ist einfach der Hut hochgegangen bei einer dermaßen sinnfreien Milchmädchenrechnung.

Egal, wie logisch die ganze Berechnung aus irgendwelchen Daten von 2003 (kurz nach der Euro-Einführung und lange vor der aktuellen Finanzkrise) sein mag: Der finanzielle Bedarf eines Menschen für eine menschenwürdige Existenz kann keinesfalls genormt werden, denn dazu sind die Menschen zu verschieden. Man kann jedoch einen Komprimissbetrag errechnen, mit dem allen geholfen ist. Dieser kann jedoch logischerweise kein Durchschnittswert, sondern muss ein Schwellenwert sein. Die Berechnung des Hartz IV-Satzes erfolgte rückwirkend und bezog sich auf die untersten 15% der Bevölkerung (nach Einkommen, Quelle: tz München vom 28.9.2010), ungenehme Ausgaben wie Tabak oder Alkohol wurden herausgerechnet.

Ich möchte nun mit meinen persönlichen Erfahrungen auf die Einzelposten eingehen, um darzulegen, wie sinnfrei diese willkürliche Berechnung doch ist. Alle Posten werden pro Person pro Monat gerechnet, der Einfachkeit halber für 30 Tage (was obendrein bedeutet, pro Jahr müssen mal eben 5 Tage ohne Geld überbrückt werden)

  1. Nahrungsmittel: € 112,12. Das ergibt € 3,74 pro Tag, pro Mahlzeit also € 1,25. Wenn ich in der Früh zwei Semmeln kaufe und auf jede ein Radl Wurst lege (von Butter mal ganz zu schweigen), reicht das Geld knapp. Schwieriger wird es schon beim Mittag- und Abendessen. Kaufen kann ich mir von € 1,25 höchstens eine Beilagenänderung, und kochen kann man damit vielleicht Reis, ein paar Kartoffeln oder Nudeln, dazu Tomatensauce. Tagein, tagaus. Selbst die Fertigwürzung für ein Gericht kostet um die 79 Cent, also mehr als die Hälfte des Budgets pro Mahlzeit. Wer nicht kochen kann, und das sparsam, hat schon verloren.
  2. alkoholfreie Getränke: € 13,35. Das ergibt € 0,45 pro Tag, also eine 0,5-Liter-Flasche Billigspezi oder zwei Flaschen Billigwasser pro Tag. Drei Tage muss man für eine Flasche Saft sparen. Für eine Flasche alkoholfreies Bier muss man zwei Tage sparen, sofern man den Typen vom Getränkemarkt überreden kann, einem das Pfand zu stunden. Ich persönlich trinke über den Tag hinweg sicher deutlich mehr als für € 0,45, und das empfinde ich durchaus als sparsam – denn ich gehe ja aus Sparsamkeit so gut wie nie in die Kneipe, wo man ja eigentlich Sozialkontakte knüpfen sollte. Würde ich doch in die Kneipe gehen (wofür dieser Posten ja nicht gedacht ist), käme ich in München gerade mal auf drei Bier plus Trinkgeld, und das einmal im Monat. Auf dem Oktoberfest bekomme ich für dieses Geld eine Maß Bier, für eine Breze reicht das Restgeld nicht.
  3. Bekleidung für Herren ab 14: € 4,42. Hochgerechnet auf das Jahr sind das € 53,04. Bei Neckermann, wo ich meine John-F.-Gee-Billigjeans in Übergröße zu bestellen gezwungen bin, kostet der Jeans-Doppelpack € 40, plus knapp € 6 Versandkosten. Den scheuere ich locker in 8 Monaten durch, und zwar beide Hosen. Brauche ich noch Socken und Unterhosen, ein T-Shirt, Hemd, Jacke oder auch nur einen Schlafanzug, hat sich das Thema Kleidung bereits erledigt. Die Summe für Bekleidung reicht definitiv nicht, auch nicht für den sparsamsten.
  4. Bekleidung für Damen ab 14: € 14,81. Im Jahr sind das € 177,72. Zunächst einmal die Frage: Wieso bekommen Frauen dreieinhalbmal soviel Geld für Kleidung wie die Männer? Nicht, dass ich ihnen die lächerlichen € 15 nicht gönnen würde, aber was ist der Grund dafür? Die allgemeine Stadtverschönerung? Abgesehen davon reicht auch diese Summe nicht wirklich aus. Man kriegt nicht mal einen kompletten Satz Bekleidung für diese Jahressumme, und die Freiheit, nicht bei Kik und anderen Kinder-Ausbeutern zu kaufen, muss auch der Hartz IV-Empfänger haben. Oder sollte der Staat damit etwa indirekt Kinderarbeit fördern wollen?
  5. Bekleidung für Kinder unter 12: € 0,46. Logisch, die wachsen ja auch nicht oder machen mal was kaputt, da reichen € 5,52 im Jahr dicke.
  6. Strümpfe: € 1,28. Ich nehme alles zurück (sofern mit Strümpfen auch Socken gemeint sind). Für die € 15,36 im Jahr bekomme ich glatt 5 Paar Socken, das könnte tatsächlich funktionieren. Wenn ich alle zwei Tage wasche, natürlich nur.
  7. Schuhe für Herren ab 14: € 1,81. Ein Paar Schuhe kostet für mich, wenn ich im Timberland-Outlet fündig werde (Übergröße), ungefähr € 75. Ich müsste also 42 Monate sparen, das sind dreieinhalb Jahre. Gleichzeitig erwartet das Arbeitsamt aber, dass die Arbeitslosen sich die Hacken ablaufen, um entweder an Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen oder präsentabel  von einer Bewerbung zur nächsten schlendern. Ist der Arbeitslose weniger als dreieinhalb Jahre arbeitslos, kann er nur hoffen, dass die Schuhe, die er schon hat, noch halten. Zum Glück schneit es ja auch nicht in Deutschland, so dass undichte Schuhe auch im Winter getragen werden können.
  8. Schuhe für Damen ab 14: € 5,12. Wieso bekommen Frauen 4,34 mal mehr Geld für Schuhe als Männer (aber immer noch zuwenig)? Und wieso bekommen Kinder gar keine Schuhe?
  9. Chemische Reinigung, Waschen: € 0,69. Ein billiges Colorwaschmittel kostet € 3 für 36 Tabs. Wohnt man in einer Gegend mit hartem Wasser, braucht man 2 Tabs pro Waschgang. Muss man jeden zweiten Tag waschen (wegen der 5 Paar Socken, die man sich im Jahr kaufen kann), reicht eine Packung Waschmittel für anderthalb Monate. Man braucht also in drei Monaten zwei Packungen Waschmittel, die € 6 kosten. Das Budget, um diese € 6 zu bezahlen, ist € 2,07. Wie soll das funktionieren? Und mit der chemischen Reinigung brauch ich gar nicht anfangen, wenn da die Reinigung von einem vollgesauten Hemd € 6,90 kostet, dann muss der Arbeitslose dafür 10 Monate sparen. Solange kann er das Hemd nicht Tragen und der Fleck geht sicher auch super raus, nach fast einem Jahr. Und regulär waschen kann er solange auch nicht. Was denkt sich die Regierung?
  10. Strom: € 30,64. Das kann ich nicht einschätzen. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass man billigsten Strom, womöglich aus Temelin, kaufen muss. Lichtblick zum Beispiel veranschlagt € 36,43 pro Monat für einen Single-Haushalt (bei ¢ 21,99 pro kWh). Der angeblich billige Anbieter Yello Strom verlangt pro Kilowattstunde mehr, nämlich ¢ 22,87. (Ein nicht ganz uninteressanter Aspekt, hätte ich nicht gedacht!) Jedenfalls bekommt man bei Lichtblick ganze 1182 Kilowattstunden pro Jahr für das Geld, das Hartz IV für Strom zugesteht. Ein (neuer) Gefrierschrank mit Energieeffizienzklasse A+, bei Amazon angeguckt, braucht im Jahr 189 kWh, also 15% des Gesamtstroms. Die durchschnittliche (neue) Waschmaschine scheint um 1 kWh pro Waschgang zu verbrauchen, bei 183 Wäschen im Jahr (wegen der Socken) sind das weitere rund 15% des Gesamtbudgets. Fast ein Drittel des Geldes ist schon weg, und noch ist nichtmal der Wecker eingesteckt. Ich denke, der Strom ist sehr knapp bemessen für einen Singlehaushalt. Paare und Familien kommen hier besser weg, denn die teilen sich ja das Licht, die Waschmaschine und den Gefrierschrank. (Wenn nun einer argumentieren mag, wieso Arbeitslose einen Gefrierschrank brauchen, bitte: Sie hatten ihn schon vorher und benutzen ihn einfach weiter, was nur natürlich ist.)
  11. Gas: € 14,70. Wenn man kein Gas hat, wird einem das Geld dann abgezogen?
  12. Haushaltsgeräte und -gegenstände: € 29,36. Was sind Haushaltsgegenstände? Und wieso bekommt man 6,64 mal soviel Geld dafür wie für Kleidung? Ist damit Toilettenpapier gemeint? Wie auch immer, für € 29,36 kommt man bestimmt nicht weit, diese Summe erreicht man doch mit einem halbvollen Einkaufswagen voller nötiger Dinge zweimal.
  13. Möbel und Einrichtungsgegenstände: € 10,11. Ich brauche eine neue Matratze. Meine Matratze ist über 20 Jahre alt. Ich brauche Übergröße und bin etwas schwerer als der Durchschnittsmensch. Wenn ich bei betten.de die Matratze Sumo XXL in meiner Bettgröße und Härtegrad 5 kaufe, kostet diese € 309 (inkl. Versand). Ein Arbeitsloser muss auf diese Matratze zweieinhalb Jahre sparen, in dieser Zeit darf er aber kein einziges Möbelstück kaufen und auch keinen Einrichtungsgegenstand. Wenn auch nur eine Glühbirne kaputtgeht in dieser Zeit, ist der Plan dahin und der Bandscheibenvorfall vorprogrammiert.
  14. Tischdecken, Bettwäsche, Gardinen: € 2,35. Ein Satz Bettwäsche kostet ca. € 20, man kann also einen pro Jahr kaufen. Entweder hat man keinen Sex, furzt und schwitzt nicht in seinem Bett, oder man spart ein Jahr (und lebt dabei zölibatär) und kauft sich dann einen zweiten, damit man immer einen waschen kann, während man den anderen benutzt. Lächerlich.
  15. Glaswaren, Geschirr: € 2,04. Beim Metro in der Gastronomieabteilung gibt es billige Kölsch-Flöten, die könnte man sich glatt leisten mit dem Budget. Solange man kein Geschirr zerdeppert, könnte das hinkommen. Leider gibt’s die Kölsch-Flöten nur im Dutzend, daher muss man entweder aus der hohlen Hand trinken (Flaschen kann sich der Arbeitslose ja auch kaum leisten), bis man sich nach vier Monaten die ca. € 8 zusammengespart hat, oder man sieht zu, dass man einen günstigen Plastiknapf bekommt, vielleicht sogar gebraucht. Doch was rede ich, wie soll denn ein Arbeitsloser an einen Metro-Ausweis kommen?
  16. Gartengeräte (ohne Motor): € 0,20. Wenn man einen Garten hat, dann braucht man wenigstens einen Rasenmäher. Unserer hat nach 10 Jahren nun endlich den Geist aufgegeben, daher haben wir einen neuen gekauft, der hat € 129 gekostet (runtergesetzt von € 229). Bei diesem Budget hätte der Arbeitslose 645 Monate eisern auf den Mäher sparen müssen (fast 54 Jahre). Der Rasenmäher wäre dann aber aller Wahrscheinlichkeit nach an den Bäumen gescheitert, die in dieser Zeit sicherlich in der Wiese gewachsen wären. Nimmt man einen Hand-Rasenmäher („ohne Motor“) wie den von Einhell bei Amazon, derzeit im Angebot für € 49,98, dann muss man nur 21 Jahre sparen. Ich bezweifle, dass Amazon den Finanzkauf mit einer Rate von ¢ 20 im Angebot hat, daher wird der Arbeitslose das Angebot wohl fahren lassen müssen. Ich habe wirklich keine Ahnung, wer diesen Schwachsinn ausgerechnet hat.
  17. Cremes, Zahnpasta etc.: € 10,66. Für dieses Geld bekommt der Arbeitslose 21 Tuben Zahnpaste (dm, Eigenmarke) im Monat. Ich denke, die Zähne sind gerettet, sofern man nicht zum Zahnarzt muss. Okay, Frauen brauchen Unmengen an Cremes und Lotionen und so weiter (oder glauben wenigstens, dies zu brauchen), daher ist das wohl okay, wenn man günstige Produkte nimmt. Im Gegensatz zu Politikern gebe ich aber zu, dass ich das nicht einschätzen kann.
  18. orthopädische Schuhe: € 0,40. Das gleiche Spielchen wie mit dem Rasenmäher. Der Schuster hier vor Ort verlangt mindestens € 1000 für ein Paar von ihm geschusterte Schuhe. Das rechne ich erst gar nicht aus, selbst Jesus hätte sich auf diese Weise noch keine Schuhe zusammengespart. Sollte damit eine Zuzahlung gemeint sein, dann könnte ich mir vorstellen, dass das ausreicht, wenn man ein Paar Einlagen im Jahr benötigt und diese nur € 5 Zuzahlung kosten. Wobei, € 5 in 12 Monaten wären 41,66 Cent pro Monat, hier fehlt also noch ein bisschen – sofern die Zuzahlung nur € 5 beträgt, wohlgemerkt.
  19. Zahnersatz (Materialkosten): € 2,70. Ich glaub, ich spinne. Klar, Keramik gibts im Volumentarif bei Ikea günstiger als beim Zahnarzt, aber ich denke, die tatsächlichen Kosten beim Zahnersatz sind deutlich höher, und das gerechtfertigterweise. Kostet eine Krone € 500, dann…
  20. Arzneien mit Rezept (nur Eigenanteil): € 3,47. Wenn eine Frau die Pille nimmt, reicht das doch bereits nicht mehr. Wenn man dauerhaft ein Mittel gegen erhöhtgen Blutdruck nehmen muss, dann reicht das doch auch nicht.
  21. Arzneien ohne Rezept: € 5,07. Was soll man davon kaufen? Iodid 200 kostet € 3,89 für 50 Tabletten, zwei Packungen reichen also drei Monate. Wer sich jetzt noch einen Fußpilz holt, hat verschissen.
  22. Praxisgebühren: € 2,64. Ich verstehe diese Summe nicht. Die Praxisgebühr kostet € 10 für das Quartal, also € 3,33 im Monat. Geht man auch noch zum Zahnarzt alle halbe Jahr, kommen weitere € 1,66 pro Monat hinzu. Ende der Rechnung. Mit € 2,64 im Monat kann man zwar dreimal im Jahr zum Arzt gehen, doch ist mir nicht nachvollziehbar, wie diese krumme Summe errechnet wurde. Das erste Mal, wo sich ein Vielfaches von € 2,64 und € 10 treffen, ist bei € 330, also bei 125 Monatszahlungen. 33 bezahlte Quartale in 41,66 verstrichenen Quartalen (also über 10 Jahren), wer kommt auf solche Zahlen? Ich weiß natürlich, wie das entstanden ist, aber das ist mein ganz großer Kritikpunkt, und auf den komme ich nachher. Ich bin jedenfalls der Ansicht, dass kein Arbeitsloser am Arztbesuch gehindert werden darf, also müssen € 20 pro Quartal (10 für den Hausarzt, 10 für den Zahnarzt) sein.
  23. Zahnersatzleistungen (Eigenanteil): € 4,13. Witz lass nach, Du bist umzingelt. Für das Geld bekommt man eine Handvoll Kies zum Schlucken, dann kann man die Nahrung im Magen zerkleinern, wie die Tauben es auch machen. Zahnersatz gibt es dafür jedoch sicher nicht.
  24. Bahn und Nahverkehr: € 18,40. In München kostet die billige Monatskarte (ab 9 Uhr) € 47,10. Der Arbeitslose macht also € 28,70 Schulden im Monat, wenn er sich bewegt. Das Geld reicht nichtmal für einen Tag Bayernticket.
  25. Benzin und Öl fürs Auto: € 18,95. Ergibt 13 Liter Benzin bei € 1,45 pro Liter. Man kann also im Monat 200 km weit fahren, wenn man vorsichtig und effizient im niedrigen Drehzahlbereich fährt. Wohnt man nur ein bisschen auswärts, reicht das Geld nicht mehr.
  26. Telefon- oder Handy-Kauf: € 1,17. Wenn ein Handy realistische € 100 kostet (zumal der Arbeitslose sicher auch Prepaid-Tarife bevorzugen soll), dann spart der Arbeitslose 86 Monate lang auf das Gerät, das sind über 7 Jahre. Ich wüsste kein Handy, das so lange durchhält, ohne wenigstens repariert werden zu müssen oder ohne einen neuen Akku zu brauchen. Dumm auch, wenn der Arbeitslose Festnetz und Handy hat, weil er das ja letzte Woche noch beides brauchte in seinem ach so sicheren Job.
  27. Handygebühren (auch Flatrate): € 9,30. Meine monatliche Handyrechnung liegt zwischen € 60 und € 80. Ich weiß nicht, was man mit € 9,30 anfangen soll. Schon gar nicht, wenn man sich eifrig bewerben soll.
  28. Internetgebühren (auch Flatrate): € 2,26. Zeigt mir eine Internet-Flatrate für € 2,26. Zeigt sie mir! DSL natürlich, an analog braucht man wegen dem ganzen Ballast auf allen Webseiten gar nicht mehr denken. Die Startseite der Arbeitsagentur hat 17,54 KB, die von YouTube 24,12 KB, also nur rund ein Drittel mehr. Man kann also auch nicht argumentieren, dass Jobsuchen-Surfen über Dialup leichter sei als Spaß-Surfen. Oder Bewerbungen per e-Mail schicken, so ein pdf mit Foto, uiuiui..
  29. Telefon, Fax, Telegramme: € 14,12. Telegramme? TELEGRAMME? Abgesehen davon, dass es das Telegramm tatsächlich noch gibt, kostet es stolze € 15,20 für bis zu zehn Wörter. Jetzt sehe ich das Ministerium mit den ganzen (bestens bezahlten) „Fachleuten“ ganz klar vor mir: Da sitzen total verkalkte, muffig-staubige Korinthenkacker und Bürohengste aus dem vorletzten Jahrhundert (sie haben von der Industrialsierung noch nichts mitbekommen) im Ministerium für Arbeit und Soziales, und die beiden Praktikanten müssen allen beim SMS-Schreiben helfen und den Doppelklick jeden Tag aufs Neue erklären. Ich bin sprachlos.
  30. Computer einschließlich Software: € 3,44. Ja genau. Muahaha. Ich arbeite an einem Mac, wenn ich heute den QuadCore-iMac kaufe, um HD-Videos ruckelfrei schneiden zu können (was zu meinem Berufsbild gehört), dann kostet der in der Grundausstattung € 1999, ohne weitere Software als der beiliegenden. Nach 582 Monaten (etwas über 48 Jahre) kann der Arbeitslose also endlich zuschlagen und seine kleine Film- und Fotoschmiede starten. Sofern ihm einer seinen Fotoapparat leiht. Kauft der Arbeitslose dahingegen das billigste Netbook bei Amazon für € 249, kann er schon nach 73 Monaten (6 Jahren) loslegen. Nur kann er mit dem Netbook halt nicht alles machen, was er vielleicht müsste, und Bewerbungen drucken kann keiner von beiden, denn ein Drucker kostet ja auch nochmal Geld. Selbst auf einen USB-Stick, mit dem man die Bewerbung zum Copyshop zum Ausdrucken tragen könnte, muss der Arbeitslose 3 Monate sparen.
  31. CD, DVD, Downloads: € 2,59. Ja mei, bei den Budgetierungen ist man von staatlicher Seite ja förmlich zur Piraterie gezwungen.
  32. Ausrüstung für Kultur, Sport, Camping: € 1,43. Ich plane, Bergschuhe zu kaufen. Die kosten ca. € 250. Der Arbeitslose muss 175 Monate sparen, das sind in etwa 14 Jahre. In dieser Zeit wachsen sogar die Alpen um fast 2 cm.
  33. Spielwaren (PC-Spiele, Hobbies): € 1,21. Interessant, dass Hobbies als Spielwaren gelten. Hilft ein Arzt bei Ärzte ohne Grenzen in seinem Jahresurlaub aus, dann ist das ja wohl ein Hobby. Und sein Operationsbesteck sind ergo Spielsachen. Hat man andere Hobbies, dann kann man so ziemlich alles außer Klebstoffschnüffeln und Schattenwerfen vergessen.
  34. Blumen: € 4,73. Eine Rose im Monat kann der Arbeitslose verschenken, damit ein anderer Arbeitsloser so überrumpelt ist, dass er glatt seine Armut vergisst. Toller Plan.
  35. Haustiere einschl. Tierarztkosten: € 5,07. Dies ist der Punkt, über den ich mich am meisten aufrege. Zum einen frisst ein Haustier (Hund, Katze, Vogel, Fisch) deutlich mehr als für 5 Euro im Monat (Polizeihunde werden mit € 6,80 am Tag veranschlagt, das unterscheidet sich also schonmal um den Faktor 40 stimmt wohl nicht, aber sie bekommen immer noch deutlich mehr als € 5,07 im Monat), zum anderen kostet ein Tieraztbesuch locker € 50, wenn nicht mehr. Wenn ein Arbeitsloser gezwungen ist, sein Tier aus Geldmangel leiden, hungern oder gar sterben zu lassen, ist das unverantwortlich, und das von Seiten des Staates. Auch hier ist der völlig hirnrissige Rechenweg offensichtlich, darauf gehe ich später ein.
  36. Freizeit- und Kulturdienstleistungen: € 25,27. Was ist denn eine Kulturdienstleistung? Weiter unten kommt die Kulturveranstaltung, aber was ist eine Dienstleistung? Wenn ich für ein Fest eine Band bestelle? Und eine Freizeitdienstleistung? Das einzige, was mir hierzu einfällt, ist die Prostituierte, bei der man allerdings für € 25 sicher nicht weit kommt. Oder soll damit der Zoobesuch gemeint sein? Ich kann leider nicht einschätzen, wie sehr man es dann mit den tollen € 25 krachen lassen kann.
  37. Hobby-Kurse (VHS etc.): € 1,61. Man zeige mir einen eizigen VHS-Kurs, der maximal € 1,61 im Monat kostet. Einen einzigen.
  38. Besuch von Sport- / Kulturveranstaltungen: € 3,16. Ich war auf dem U2-Konzert am 15. September. Die Karte hat € 70 gekostet, das Bier um die € 8 pro Liter, die Bratwurst um die € 5. Alles in allem hat mich der Abend € 100 gekostet und war jeden Cent wert. Der Arbeitslose muss darauf zweieinhalb Jahre sparen. So früh wussten ja noch nichtmal U2 selbst, dass sie das Konzert geben würden.
  39. Bücher: € 5,14. Wenn man nur John Sinclair liest, und zwar ganz langsam, dann geht das. Fast.
  40. Zeitungen, Zeitschriften: € 9,37. Mit diesem Geld soll sich der Arbeitslose dann die BILD kaufen, in der er beschimpft und verhöhnt wird.
  41. Pauschalreisen: € 10,14. Ich weiß, dass Pauschalreisen billig sind, neulich habe ich am Flughafen ein Angebot von 2 Wochen Ägypten für € 499 gesehen. Für diese Reise hätte der Arbeitslose 50 Monate sparen müssen (über 4 Jahre), dann aber trotzdem nicht fahren können, weil Einzelzimmer bei Pauschalreisen so gut wie nicht existieren, außer, man zahlt praktisch das Doppelte. Außerdem darf der Arbeitslose nur mit Erlaubnis der Agentur für Arbeit in den Urlaub fahren. Ich sehe ziemlich schwarz für Arbeitslose, überhaupt für ein paar Tage aus ihrem tristen Leben rauszukommen.
  42. Speisen in Gaststätten, Imbiss, Café: € 21. Also, einmal essen gehen im Monat, ohne Vorspeise oder Espresso und nur ein Getränk. Oder zweimal bei unserem wirklich billigen Italiener hier, aber mehr ist auch nicht drin. Ist natürlich richtig so, denn der Arbeitslose muss von der Gesellschaft ja bestraft werden für sein Versagen und seine unsägliche Faulheit. Aber im Ernst: Soziale Teilhabe ist für € 21 im Monat einfach nicht drin.
  43. Friseur: € 6,81. Mein Friseur (in einem Kaufhaus) kostet mich als Mann € 23 für Schneiden und Waschen. Ohne Waschen geht’s nicht, denn sonst jucken mich die abgeschnittenen Haarstücke den ganzen restlichen Tag. Ein Arbeitsloser kann also alle dreieinhalb Monate zum Frisör, also mit Glück vier Mal im Jahr. Macht bestimmt einen guten Eindruck bei den ganzen Bewerbungsgesprächen.

Ich sehe einige massive Fehler in der Berechnung dieser Sätze. Sicher stimmen die Zahlen, wenn man im Nachhinein den Durschnitt aus einer Gruppe von Leuten bildet und dann alles abzieht, was nicht zum nackten Überleben absolut nötig ist. Nur:

Gerade Singles (einzelne Arbeitslose) brauchen natürlich mehr Geld als ein halbes Paar. Sie müssen ihre Wohnung alleine heizen, für sich alleine den Ofen anschmeißen, für sich alleine Lebensmittel(packungen), eine Bettdecke, CD bzw. einen Computer kaufen, den Telefonanschluss alleine bezahlen und so weiter. Wenn sie in den Urlaub fahren, dann sind sie noch stärker im Nachteil, denn sie müssen den Einzelzimmerzuschlag bezahlen, können sich im Restaurant nicht die Flasche Wein oder die Vorspeise teilen und und und. Gerade für Singles ist es so gut wie unmöglich, mit diesem Geld über die Runden zu kommen. (Und keine einzige Versicherung kann bezahlt werden, ebensowenig alles, was noch mit dem Auto zu tun hat!)

Besonders armeslig halte ich die Berechnung von gewissen Einzelkosten über den Durchschnitt. Wenn zum Beispiel jeder zehnte Mensch aus der Gruppe, deren Verbrauch zur Berechnung von Hartz IV herangezogen wurde, ein Haustier hat und für dieses Haustier € 50 im Monat ausgibt, dann ist logisch, dass im Schnitt jeder € 5 im Monat für ein Haustier ausgibt. Hat nun jeder zehnte Arbeitslose ein Haustier, reichen ihm die zugestandenen, durch die Statistik verwässerten € 5 jedoch für gar nichts, und die anderen 9 können das Geld, das eigentlich dem Haustier des zehnten zusteht, anderweitig ausgeben. Dies gilt natürlich für alle Posten, die so bescheuert errechnet wurden, zum Beispiel auch die Gartengeräte, und für die Praxisgebühr beim Arzt, denn jeder Arbeitslose muss natülrich die Freiheit haben, jedes Quartal zum Arzt und zum Zahnarzt gehen zu können. Man kann nicht jeden Rechenweg in beide Richtungen gehen, das lernt man schon in der ersten Schulwoche! (Zumindest kann man aus dem Ergebnis nicht eindeutig auf die Faktoren rückschließen, soviel ist sicher. 6+4=10, schon klar aber 10 ist ja auch mit 2×5 zu erreichen oder 3×3+1. Klar, oder?

Dass Alkohol und Tabak erlaubt sind und verkauft werden dürfen, dann aber nicht in Hartz IV einfließen, ist unlogisch. Das ist so, als würde man Salz nicht mitbezahlen, weil das den Blutdruck heben könnte. Was der Arbeitslose konsumiert, geht das Ministerium grad mal gar nichts an.

Außerdem halte ich es grundsätzlich für falsch, die ärmsten 15% der Bevölkerung als Maßstab für das Überleben der Arbeitslosen heranzuziehen. Denn der Arbeitslose soll ja wieder durchstarten, dafür braucht er Investitionen! Vom Porto für Bewerbungen bis zum Anzug für das Vorstellungsgespräch. Oder, sofern selbständig, berufsbedingte Materialien, bzw. einen Gründerkredit. Die Ärmsten 15%, eine Gruppe, deren individuelle Mitglieder natürlich fluktuieren, je nachdem, wer es schafft, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen, werden jedoch immer die Ärmsten 15% bleiben. Sie vegetieren und haben gar keine Chance, sich zu verbessern, daher ist es wenig sinnvoll, den Arbeitslosen unterhalb dieses Niveaus anzusetzen. Überhalb wäre ebenfalls problematisch, würde es doch die Arbeitsmoral besagter Armen („working poor“) zerfetzen, also bleibt als logischer Schluss ja nur der Mindestlohn in allen Branchen. Ich verstehe gar nicht, was man daran nicht verstehen kann.

Ich frage mich wirklich, womit wir eine dermaßen menschenverachtende und noch dazu de facto unfähige Regierung verdient haben. Die machen den Kniefall vor der Atomlobby, knicken vor den Pharmakonzernen ein, schaffen den Zivildienst ab und verarschen die Armen in ihrem Staat, während sie den Bankern Milliarden von Euro von unserem Geld in den Arsch blasen, woraufhin die sich gegenseitig Boni in Millionenhöhe auszahlen. (Das hatte ich ähnlich hier schonmal geäußert.) Es ist schlicht und einfach zum Heulen. Diese Regierung sollte geschlossen zurücktreten, wegen grober Volksverarschung und allgemeinen Versagens. Ich glaube, das kann man auch als grobe Misshandlung von Schutzbefohlenen bezeichnen.

-Dieser Blogpost ist noch in Arbeit und kann sich daher noch ändern.-

23 Gedanken zu „Meine zwei Cent zu Hartz IV“

  1. Schön und gut, das Leben mit Hartz IV ist kein Zuckerschlecken. Das im Billiglohnsektor aber auch nicht. Und der, der arbeitet, sollte nun mal mehr haben, als der, der nicht arbeitet. Für Singles ist es natürliclh deutlich härter, mit Hartz IV zu leben, aber vierköpfige Familien stehen oftmals nicht schlechter da als Familien, deren Ernährer einen normalen Job hat.

  2. @Pete

    Der Billiglohnsektor ist, wie ich ja geschrieben habe, eine menschenunwürdige Angelegenheit. Denn es geht bei einem Menschenleben ja nicht darum, Arbeit zu haben, sondern Geld zum Leben zu haben. Dieses bekommt man durch Arbeit, schon klar, aber eben nur durch Arbeit, die entsprechend bezahlt wird. Billiglohnjobs sind Ausbeutung, deren Entgelt nicht für ein menschenwürdiges Leben ausreichen, und sollten verboten werden (Mindestlohn, Grundeinkommen). Daher sehe ich keinerlei Anhaltspunkt für die Regierung, ihre Berechnung von Hartz IV ausgerechnet an diesen abscheulichen Arbeitsverhältnissen festzumachen. Hier habe ich mich genauer dazu geäußert.

  3. Klasse geschrieben. Bin voll deiner Meinung. Wunder mich über Geld für Benzin und Motoröl, da ich kein Geld für KFZ-Versicherung, KFZ-Steuer, TÜV und Reparaturen bekomme. Bin hier auf dem Land aufs Auto angewiesen aber kanns mir eigentlich nicht leisten. Das Geld fehlt nun beim Essensgeld.20 Euro im Monat für Versicherung, über 200 im Jahr für Steuer + Reparaturen und TÜV. Ich zahl 85 Euro im Monat für Strom wegen Durchlauferhitzer, Lüften statt Fenster im Bad, Waschmaschine, Kühlschrank, Herd, etc. Meine Waschmaschine ist kaputt und weiß nicht wie ich eine neue bezahlen soll. Hätte ich ein Kind, würde das Amt die neue Waschmaschine zahlen, Singles haben keinen Anspruch – Menschenverachtend ist das alles. Neue Jeans hab ich auch kein Geld für. Genau wie für neue gute Schuhe nicht. Wie sieht das wohl beim Vorstellungsgespräch aus, wenn ich mit alter, kaputter und dreckiger Kleidung da ankomme und bald ohne PKW? Wie soll ich so jemals aus Hartz IV raus kommen? Für die 5 Euro mehr kann ich mir immerhin bald nen Strick leisten und all dem ein Ende bereiten.

  4. 6,9 Millionen HartzIV-Empfänger, wenn ich das richtig gelesen habe. Da das Geld definitiv nicht für ein menschenwürdiges Leben reicht – Julian belegt das eindrücklich! -, wundere ich mich, warum die nicht alle auf die Strasse gehen. 6,9 Millionen Demonstranten, das müsste man sich mal vorstellen. Wie schnell die Kanzlerin da in die Knie gehen würde, denn 6,9 Millionen Demonstranten, das wäre bedeutend machtvoller als eine Anzeigenkampagne der Atomindustrie. Ich kann mir das nur so erklären, dass diese 6,9 Millionen HartzIV-Bezüger gezwungenermassen dabei sind, eine riesige Schattenwirtschaft abseits des Staates aufzubauen – viele davon gehen nämlich auch nicht wählen. Die Politiker betrügen also mit den kümmerlichen Statistiken sich selbst und untergraben ihre eigene Einfluss-Sphäre. In Städten wie Berlin soll es bereits ganze Strassenzüge geben, wo die Staatsmacht lieber nicht auftaucht.

  5. Durch Google hier gelandet und den Artikel gelesen. Er ist Klasse geschrieben, sagt aber eigentlich nur, was alle wissen, aber nicht wissen wollen. Ein Aspekt habe ich dennoch in der hier rein wirtschaftlichen Betrachtung vermisst und zwar die menschliche Seite der Medaile. Einige Freunde und ich haben den bisher erfolgreichen Versuch unternommen einen obdachlosen jungen Mann auf die Beine zu helfen. Unser bisheriges Fazit, die Schikanen und die berufliche Dummheit der kleinen Angestellten hinterm Thresen bei den Jobcentern ist viel schlimmer zu ertragen als der Überlebensversuch mit den paar Kröten Staatshilfe.
    Bernd Wohlers

  6. Christian Rach sagte bei Frau Maischberger in der Sendung zum Thema Hartz 4 den entscheidenden Satz: Die Würde des Menschen liegt nicht in 5 Euro sondern in seiner Arbeit begründet (vorausgesetzt natürlich er befindet sich in einem arbeitsfähigen Zustand).
    Damit der Mensch Arbeit bekommt, muss die Wirtschaft stark sein, um Arbeitsplätze schaffen und auch halten zu können. Ja, damit einher gehen auch sicher für den „armen Bürger“ ungerecht wirkende Maßnahmen, die den Eindruck vermitteln können, dass „den Reichen“ Geld in den Arsch geblasen wird und die „Armen“ bekommen soooo wenig Hartz 4.

    Fakt ist aber: Man versetze sich mal in die Lage eines großen Konzerns, der das Potenzial hätte, 10.000 Arbeitsstellen zu schaffen – aber wegen Steuern, Lohnzugaben und extrem hohen Produktionskosten (da ist Deutschland numal teurer als Polen oder Rumänien) nur 7.000 Stellen schafft.
    Die Euro, die der Konzern evtl. an staatlichen Erleichterungen bekommt, zahlen ja nicht DIE HARTZ 4 EMPFÄNGER, sondern die Leute, die arbeiten und Steuern zahlen. Damit wiederum Arbeitslose – unter vielen anderen Dingen – auch die Chance auf einen neuen Arbeitsplatz bekommen.

    Man kann doch nicht immer diesen sinnlosen Reichen-Hass schüren, anstatt mal logisch nachzudenken: Kaum ein anderes Land hat derart großzügige Sozialabgaben wie Deutschland. Freuen wir uns doch, dass soziale Leistungen stabil bleiben und nicht komplett einknicken. Wie es übrigens unter der rot-grünen Regierung der Fall war – man erinnere sich mal zurück!!!

    Wer gesund ist und arbeiten kann, hat meiner Ansicht nach auch die Pflicht, genau das zu tun. Wer sich selbst verwirklichen will, soll das bitte nicht auf Kosten des Staates tun. Es gibt so viele Langzeit-Hartz4-Empfänger. Mir tut es von Herzen leid, wenn eine Familie in einen Teufelskreislauf gerät und über Jahre hinweg auf keinen grünen Zweig kommt. Aber es ist ja nicht so, als würden diese Menschen komplett auf der Straße landen!

    Wer hingegen Single ist und – sagen wir mal über 3 Jahre hinweg – keine Anstellung in seinem Wunsch-Beruf findet – der muss (sorry, wenn das hart klingen mag) leider nach beruflichen Alternativen suchen.

    Das ist im Grunde eine andere Debatte – was ich eigentlich sagen will ist: Wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, geht es dem Arbeitsmarkt schlecht und damit sinken automatisch die sozialen Leistungen. Also nicht immer auf die „reichen Konzerne“ schimpfen, sondern lieber mal kurz nachdenken. Die Wirtschaft muss gestärkt werden, auch wenn das teilweise unfair erscheint. Aber nur so können wir den hohen Standard in Deutschland halten. Und nur so können wir die Tausenden von Hartz-4-Empfängern durchfüttern.

    Leider gibt es viel zu viele Sozial-Schmarotzer. Leider gibt es viel zu viele Leute, die auf der anderen Seite hart arbeiten und am Ende kaum mehr als ein Hartz-4-Empfänger verdienen.
    Wer arbeitet, muss dafür belohnt werden. Wer Arbeit sucht, muss welche finden können. Wer aus Hartz4 ein Wunschkonzert machen will, soll in ein anderes Land gehen – und wird sich dann gehörig wundern, wie gut es ihm in Deutschland ging.
    Wer auf die Regierung schimpfen will, sie blase „den Großen“ Geld in den Arsch, der soll sich mal überlegen, ob er als Arbietgeber ernsthaft Arbeitsplätze schaffen würde oder Investitionen tätigen würde (von denen auf lange Sicht ALLE Bürger profitieren), wenn er im Gegenzug nicht auch die eine oder andere Erleichterung dafür bekommt. Warum sollte ein Arbeitgeber sich bemühen, wenn er in Polen alles billiger haben kann?!!!

    Die DDR ist das beste Beispiel für gescheiterten Sozialidealismus. Da haben zwar die Bürger alles vom Staat fein vorgekaut serviert bekommen (als mündiger Bürger möchte ich eine zu große Abhängigkeit vom Staat ja lieber vermeiden…. aber das ist ein anderes Thema) – mit der Folge, dass man am Ende komplett verschuldet war.

    Fakt ist: So gut wie jetzt standen wir finanziell schon lange nicht mehr da. Wir müssen sanieren, wir müssen alle sparen udn wir müssen uns vor allem zu allererst mal alle darum bemühen, Arbeit zu finden und in den Staatstopf miteinzahlen.
    DANN kann man von Gerechtigkeit sprechen.

  7. @CommanderGna

    „Christian Rach sagte bei Frau Maischberger in der Sendung zum Thema Hartz 4 den entscheidenden Satz: Die Würde des Menschen liegt nicht in 5 Euro sondern in seiner Arbeit begründet (vorausgesetzt natürlich er befindet sich in einem arbeitsfähigen Zustand).“ – Die Würde des Menschen liegt in Arbeit begründet? Ergo ist jeder, der nicht arbeitet, würdelos und darf auch so behandelt werden? Was ist denn das für ein Quatsch? Nein, das Problem ist folgendes: Der Mensch braucht zum Leben Geld, denn damit kauft er sich Waren und Dienstleistungen anderer, die sein Überleben sichern, vom Heizöl bis zur Zucchini. Dieses Geld erwirtschaftet er sich durch Arbeit (oder Heirat, Vermietung von Besitz, Zinsen seines Reichtums usw.)…, also, bleiben wir mal bei der Arbeit. Der Mensch erwirtschaftet sein Überlebenskapital durch Arbeit. Doch diese Arbeit muss ihm die Erwirtschaftung des genannten Kapitals auch ermöglichen. Irgendein Job zu irgendeinem Lohn ist noch lange keine Garantie dafür, dass das mit dem Überleben klappt. Und hier ist auch der Hund begraben: Der Mensch braucht Geld, nicht Arbeit. Wenn er arbeitet, dann zu Konditionen, die ihm das Überleben ermöglichen. Arbeitet er für weniger Geld, dann spart er Schulden an, weil er weniger einnimmt als ausgibt. Also nehmen sich Billiglohn-Jobs ja von selbst aus.

    Natürlich ist es nicht grundsätzlich besser, nicht zu arbeiten. Doch es muss etwas am Arbeitssystem und am Sozialsystem geändert werden: Es darf keine Jobs mehr geben, die so schlecht bezahlt sind, dass die Vollzeitbeschäftigung nicht das Überleben sichert. Und die Stellschraube dafür ist nicht die Definition von „Überleben“ (wie es die Regierung ja gerade munter umdefiniert), sondern schlicht und einfach der Lohn, den man dafür erhält. Ein Arbeitsplatz, bei dem man € 2,50, € 4,50 oder € 6,50 bekommt, ist kein wirklicher „Arbeitsplatz“. Man hat Arbeit, ja, aber das Geld reicht nicht. Das Geschäftsmodell des Arbeitgebers funktioniert offenbar nicht, wenn er nicht mehr zahlen kann (oder ist ausbeuterisch, wenn er nicht mehr zahlen will). Ich hab auch genug Arbeit zu vergeben. Ich könnte einen Diener/Koch gebrauchen, und dem zahle ich gern 1 Cent die Stunde. Der Diener/Koch hätte dann einen Vollzeitarbeitsplatz, doch Leben könnte er nicht von den 40 Cent in der Woche. Also ist doch ganz offensichtlich, dass Arbeit allein das Kraut nicht fett macht. Es geht also um das Geld, nicht um die Arbeit.

    Im nächsten Absatz behauptest Du, die Wirtschaft müsse stark sein, um Arbeitsplätze schaffen und halten zu können. Das ist auch ein Irrglaube. Natürlich funktioniert das derzeit so, doch macht dieses System nur dann Sinn, wenn Vollbeschäftigung zu würdigen Löhnen erreicht werden kann und unbegrenztes Wachstum möglich ist. Beides ist nicht der Fall, und daher ist dieses System auf Sand gebaut. In einer Zeit, in der Maschinen Menschen ersetzen (und das zu Recht, ich bin voller Befürworter der Automatisierung, weil es keinen Sinn macht, Leute irgendwie zu beschäftigen, Hauptsache, sie haben was zu tun – wie im Kindergarten), ist die Vollbeschäftigung einfach undenkbar. Ewiges Wachstum hat schon der Club of Rome ausgeschlossen, also müssen wir die Idee der sich zu 100% selbstregulierenden Wirtschaft, die ALLEN nützt, wohl begraben.

    Du bittest mich, mich in die Lage eines Konzerns zu versetzen, der 10.000 Stellen schaffen könnte, aber nur 7.000 schafft. Schön und gut. Nur, wieso sollte er das tun? Zum einen sind 7.000 Stellen bei 7.000.000 Arbeitslosen ein Tropfen auf dem heißen Stein (0,1%, um genau zu sein, es bräuchte also 1000 derart boomende Konzerne – illusorisch), zum anderen ist der Markt dafür gar nicht da. Denn der Rest der Welt kauft uns die massenhaft produzierten Güter oder Dienstleistungen sicher nicht ab, wenn sie sie billiger im eigenen Land herstellen können, denn dort haben sie dieselbe Situation. Es bräuchte also einen Wachstumsschub, den es gar nicht geben kann, wenn man sich das mal vor Augen führt. Und das Geld, das an staatlichen Erleichterungen zur Verfügung gestellt wird, hat sehr wohl eine Verbindung zu Hartz IV-Empfängern: Ein Teil von ihnen hat dieses Geld in der Vergangenheit miterwirtschaftet, und jeder einzelne von ihnen ist dadurch betroffen, dass das Geld, das der Wirtschaft in den Arsch geblasen wird, nicht mehr für soziale Zwecke zur Verfügung stehen kann – wie die HartzIV-Empfänger ja gerade am eigenen Leib merken.

    Dass die Leute arbeiten und Steuern zahlen, um Arbeitsplätze für die armen Arbeitslosen zu schaffen, ist eine leere Behauptung. 7 Millionen würdig bezahlte Arbeitsplätze zu schaffen (und gleichzeitig die Billiglöhne auf ein würdiges Niveau anzuheben) ist einfach nicht möglich. Die Billiglöhne beizubehalten, ist menschenunwürdig. Also bleibt nur noch, ein System zu schaffen, in dem nicht alle arbeiten, weil das gar nicht geht, und in dem alle Leben können. Man muss von dem Gedankengang abkommen, dass die Arbeitenden die nicht-Arbeitenden finanzieren, weil das im Umkehrschluss bedeutet, dass mehr Geld für die Arbeitenden übrig bliebe, wenn man es den nicht-Arbeitenden vorenthalten würde. Doch das stimmt nicht, da es immer irgendeinen Grund geben wird, warum Dein Lohn nicht angehoben wird oder Deine Steuern nicht gesenkt werden, also kannst Du genausogut bei uns mitziehen.

    Es mag stimmen, dass Deutschland vergleichsweise gute Sozialabgaben bezahlt. Doch das steht auf einem völlig anderen Blatt als die Frage, ob diese Sozialabgaben gut genug sind. Unter den Blinden mag der Einäugige König sein, doch er ist immer noch stark sehbehindert.

    „Wer gesund ist und arbeiten kann, hat meiner Ansicht nach auch die Pflicht, genau das zu tun.“ – Das ist eine Mentalität aus grauer Vorzeit, als noch jede Hand im Dorf gebraucht wurde, um alle durch den Winter zu bringen. Dem kann ich ganz simpel entgegnen: Es gibt nicht mehr genug zu tun! Die Städte sind wieder aufgebaut, das Straßennetz ist komplett, jeder hat Strom, Wasser usw., Nahrungsmittel werden im Überfluss produziert… Was also ist denn noch zu tun? Welche wirkliche „Arbeit“ ist noch nötig? Sollen jetzt 7 Millionen Leute Versicherungen verkaufen? Oder 3,5 Millionen schaufeln Sand und Kies auf die eine Seite, die anderen 3,5 Millionen schaufeln sie dann wieder zurück? Sieh doch bitte ein, dass es keine Vollbeschäftigung geben kann! Selbst wenn wir 6 Millionen in würdige Arbeit bringen, haben wir immer noch die Frage, wie man 1 Million Arbeitslose versorgt. Solange noch ein einziger Mensch erwerbslos ist (arbeitslos ist ein unpassendes Wort, geldlos wäre ideal), muss die Frage seiner würdigen Existenz geklärt sein. Und da es nicht genug zu tun gibt, wird es immer Erwerbslose geben.

    „Wer sich selbst verwirklichen will, soll das bitte nicht auf Kosten des Staates tun.“ Das ist nicht ganz einfach: Was ist zum Beispiel mit den Künstlern? Die einen sind schwerreich, die anderen sind bettelarm, und der Wert deren Arbeit ist nicht neutral messbar. (In Richtung „entartete Kunst“ wollen wir beide nicht diskutieren, denke ich) Beide verwirklichen sich, und beide Berufe sind nicht nötig für das biologische Überleben der Art. Sind die Berufe aber gesellschaftlich nötig (was ja anerkannt ist) und der Wert nicht messbar (was ebenso anerkannt ist), dann ist offenbar, dass es ein System geben muss, diejenigen, die sich nicht so gut verkaufen (warum auch immer), aufzufangen. Also kann Dein Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Manch einer wird sich immer auf Kosten des Staates verwirklichen können, und das ist auch gut so, denn es geht gar nicht anders. Und wieviele Künstler sind erst nach ihrem Tod in Armut berühmt geworden?

    Wer Single ist und keine Anstellung in seinem Wunschberuf findet, sollte nach beruflichen Alternativen suchen, schreibst Du. Ja, das sehe ich ein, aber das ist eine freiwillige Angelegenheit. Wer das nicht will (Freiheit der Berufswahl usw.), der sollte nicht gezwungen werden können, zumal alle anfallenden Aufgaben ohnehin schon erledigt werden. Er wird also nicht dringend gebraucht, sondern soll nur an einer skurrilen Scharade teilnehmen.

    „Wenn es der Wirtschaft nicht gut geht, geht es dem Arbeitsmarkt schlecht und damit sinken automatisch die sozialen Leistungen. Also nicht immer auf die “reichen Konzerne” schimpfen, sondern lieber mal kurz nachdenken. Die Wirtschaft muss gestärkt werden, auch wenn das teilweise unfair erscheint. Aber nur so können wir den hohen Standard in Deutschland halten. Und nur so können wir die Tausenden von Hartz-4-Empfängern durchfüttern.“ – Sorry, aber auch hier muss ich widersprechen. Nachdem die Wirtschaft nur gut funktionieren kann, wenn sie einen Absatzmarkt hat (Leute mit Geld) ist es ja nur im Interesse aller, wenn so viele Leute wie möglich so viel Geld wie möglich haben. Man könnte das System von einer lose-lose-Abhängigkeit in eine win-win-Situation umkehren (Grundeinkommen). Nachdem ich ja schon ausgeführt habe, dass Vollbeschäftigung nicht möglich ist, ist es unfair, die Wirtschaft zu fördern und den Bodensatz der Erwerbslosen mit so wenig Mitteln wie möglich gezwungenermaßen auszuhalten. „Durchfüttern“ ist übrigens sehr herablassend, finde ich. Und Deutschland hat m.E. keinen so hohen Standard, denn wo man nur für € 13,35 Getränke im Monat kaufen darf, kann man nicht von einem hohen Standard sprechen. Die Wirtschaft hat entschieden, mehr Geld abzuschöpfen und dazu Leute auszustellen. So entstehen Inselgesellschaften, „Firmenfamilien“, in einem Meer der Armut. Wer drin ist, hat gewonnen, wer draußen ist, ist der Feind. Das darf nicht passieren, entweder wir haben alle was davon oder eben keiner. Ich hab nichts dagegen, wenn Unternehmen Gewinne machen (Apple), aber ich habe was dagegen, wenn sie Gewinne auf Kosten der Menschen im Land machen (Bahn, Atomlobby, Banken, die mit unserem Geld arbeiten usw.) und uns dann die Teilhabe vorenthalten.

    „Leider gibt es viel zu viele Sozial-Schmarotzer. Leider gibt es viel zu viele Leute, die auf der anderen Seite hart arbeiten und am Ende kaum mehr als ein Hartz-4-Empfänger verdienen.“ Jemand, der keinen Job hat, ist nicht automatisch Sozialschmarotzer. Jemand, der von Hartz IV lebt und keine Ambitionen hat, sich zu verbessern, ist in meinen Augen immer noch kein Sozialschmarotzer. Ein Sozialschmarotzer ist jemand, der auf Kosten anderer übermäßig gut lebt (Swimming Pool und eigenes Segelflugzeug aufwärts), also jemand, der Steuern hinterzieht oder einen übertriebenen Bankerbonus einschiebt. Ein Sozialschmarotzer kann auch jemand sein, der eine Behinderung heuchelt, um mehr Geld aus dem System zu holen, als ihm zusteht. Doch wenn jemand das, was ihm zusteht, nimmt, dann ist das kein Sozialschmarotzertum. Und die Sache mit den Billiglohn-Jobs, für die manch ehrliche Haut so „hart“ arbeitet und dennoch reicht es nicht: So einen Job würde ich nie annehmen, weil es eben Ausbeutung ist. Wenn die Summe am Schluss nicht stimmt, dann gibt’s auch keine Arbeitskraft, soll Kik doch pleite gehen, mir egal.

    „Wer aus Hartz4 ein Wunschkonzert machen will, soll in ein anderes Land gehen – und wird sich dann gehörig wundern, wie gut es ihm in Deutschland ging.“ Das ist unfair. Nur weil es uns so gut geht wie kaum einem anderen Land, heißt das noch lange nicht, dass das System gerecht ist.

    „Wer auf die Regierung schimpfen will, sie blase “den Großen” Geld in den Arsch, der soll sich mal überlegen, ob er als Arbietgeber ernsthaft Arbeitsplätze schaffen würde oder Investitionen tätigen würde (von denen auf lange Sicht ALLE Bürger profitieren), wenn er im Gegenzug nicht auch die eine oder andere Erleichterung dafür bekommt. Warum sollte ein Arbeitgeber sich bemühen, wenn er in Polen alles billiger haben kann?!!!“ Es geht nicht darum, Arbeitsplätze zu schaffen. Es geht darum, würdige Arbeitsplätze zu schaffen. Und wenn 6.999.999 Arbeitsplätze geschaffen worden sind, dann ist das immer noch nicht genug, wenn 1 Erwerbsloser übrig bleibt. Außerdem diskutieren wir hier mittlerweile zwei Themen: Unser System der „sozialen“ (muahaha) Marktwirtschaft sowie das Niveau und die Zusammensetzung on Hartz IV. Auch Dir empfehle ich diesen Blogpost zum Grundeinkommen. Und überhaupt: Welche Investition eines Privatunternehmens ist denn bitteschön schon ALLEN Bürgern zugute gekommen, auch auf lange Sicht? Hast Du da ein Beispiel? Ich rede nicht von Erfindungen, wohlgemerkt, sondern von den von Dir so hoch gelobten Investitionen.

    Die DDR hier anzubringen, ist völlig fehl am Platze. Denn die DDR war ja keine Marktwirtschaft, sondern eine Planwirtschaft. Ich dahingegen bin für die Marktwirtschaft, allerdings mit etwas mehr Plan als zur Zeit. Das macht daraus aber noch lange keine Planwirtschaft.

    Zum Abschluss nochmal: Solange keine Vollbeschäftigung möglich ist, brauchen wir auch nicht glauben, dass jeder tapfer Arbeit suchen und finden kann und dann eifrig in den Staatstopf einzahlen kann. Es wird IMMER Erwerbslose geben, und unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis (Moral, Ethik, Menschenwürde) nach sind wir verpflichtet, diesen eine menschenwürdige Existenz mit sozialer Teilhabe zu ermöglichen. Alles andere verdient die Bezeichnung „Staat“ bzw. „Gesellschaft“ nicht.

  8. Mich würde mal interessieren, wie lange du schon auf Staatskosten lebst? Ich finde es einfach unglaublich, dass genau die, die NICHTS in den Sozialtopf einzahlen, immer am lautesten jammern. Meinst du ICH gehe gerne arbeiten, verwirkliche mich jeden Tag und mache meinen Traumjob? Nein, tue ich nicht. Aber ich käme im Traum nicht drauf, Hartz 4 zu beziehen – es sei denn, ich wäre wirklich nicht der Lage zu arbeiten.
    Die Denkweise, dass man erst mal die Arbeitslosen versorgen muss und die armen armen Arbeiter ist völliger Schwachsinn. Schau dir mal Bayern an – ein seit Jahrzehnten CSU-regiertes Land. Ich bin KEIN CSU Wähler. Aber ich muss leider neidlos feststellen: Keinem anderen Bundesland geht es besser. Was Finanzen, Umwelt, Arbeitsplätze usw. betrifft.
    Dann schau dir mal alle Bundesländer an, die Jahrzehnte lang rot regiert wurden: Da herrscht Verschuldung, es ist kein Geld für Umweltpolitik da und es gibt weniger Arbeitsplätze.
    Das mag nun sehr schwarz-weiß formuliert sein – und soll beileibe kein Loblied auf die CSU sein. Ich will nur mal relativieren. Weil es mich total nervt, dass immer so getan wird, als sei die SPD oder die Linke oder die Grünen die „bessere Partei“. Und als seien die konservativen Partein, weil sie enger mit der Wirtschaft zusammen arbeiten, die „Bösen“.

    Fakt ist: Wer der Ansicht ist, dass er ein Recht auf seinen Traumjob in seiner Wahlstadt hat, der soll das bitte bitte nicht auf Kosten der Steuerzahler machen. Denn die gehen jeden Tag zur Arbeit, um solche unverschämten Träume zu finanzieren.

  9. Ich habe mit keinem Wort gesagt, ob ich HartzIV-Bezieher bin oder nicht. Von Beruf bin ich Freier Journalist und selbständig, daher habe ich bisweilen auch tagsüber Zeit.

  10. @Julian, nur ein kurzer Kommentar zu dem Satz:

    „Dem kann ich ganz simpel entgegnen: Es gibt nicht mehr genug zu tun! Die Städte sind wieder aufgebaut, das Straßennetz ist komplett, jeder hat Strom, Wasser usw., Nahrungsmittel werden im Überfluss produziert… Was also ist denn noch zu tun?“

    Hast du irgendeine Ahnung, wie UNGLAUBLICH viel Arbeit allein in Deinem schicken iMac steckt? All das was da drin ist, die dafür notwendigen Rohstoffe, die Maschinen zum Abbau der Rohstoffe, die Leute mit der Qualifikation um Computerchips zu entwickeln, das Essen, das die Leute während Ihrer Ausbildung und während der Entwicklung der Computerchips benötigt haben, die Maschinen um dieses Essen anzubauen, zu ernten und zu verarbeiten — das ist ja alles nicht vom Himmel gefallen … das war eine unvorstellbare Menge Arbeit, die letztlich irgendwer erbringen musste, nur damit am Ende ein netter Computer dasteht, auf dem du HD-Filme ruckfrei schneiden kannst.

    All die schönen Dinge, die du auch so gerne benutzt, wachsen nicht auf den Regalen. Irgendein Mechanismus muss letztlich dafür sorgen, dass möglichst diejenigen, die mehr zur Produktion dieser Dinge beitragen, auch mehr von diesen Dingen erhalten können. Sei es, dass sie direkt in der Produktion tätig sind, sei es (etwa als Krankenschwester) durch Unterstützung anderer, die zu dieser Produktion beitragen, sei es (z.B. als Künstler), indem sie etwas tun, das anderen Leuten wiederum so wertvoll erscheint, dass sie im Gegenzug gewissermaßen eine Berechtigung zum Erwerb der erarbeiteten Produkte übertragen. Zurückführen kann man das alles aber immer darauf, dass irgendwer die nötige Arbeit einmal getan haben muss.

  11. @Roland,

    das ist mir schon alles klar, ich hätte mich deutlicher ausdrücken sollen.

    All die Dinge und Dienste, die wir hier und heute haben, gelten für diese Argumentation nicht, da sie ja bereits von Leuten auf Arbeitsplätzen erbracht werden. Die Leute, die meinen, dass Vollbeschäftigung möglich ist, müssen ja 7 Mio. zusätzliche Arbeitsplätze vorweisen.

    Mit meiner Aussage meinte ich, dass es derzeit nichts zu tun gibt, was eine Art Hauruck-Aktion der gesamten Bevölkerung erfordern würde, wie z.B. der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg, also eine Arbeit, die so immens groß ist, dass wirklich jeder Bundesbürger auf Jahre damit beschäftigt werden kann (mal ganz abgesehen von der Frage, wer das bezahlt).

  12. Die Realität ist, ob man sie mag oder nicht, dass manche Jobs nun mal nicht viel wert sind. Das sind i.d.R. Jobs, die jeder machen kann, weil keine besondere Ausbildung oder Bildung vonnöten ist. Da kann man jetzt auch sicherlich Mindestlöhne fordern – sagen wir 12,50 die Stunde? -, aber wer ist denn gewillt, deswegen deutlich höhere Preise für verschiedenste Waren zu bezahlen?

    „Der Mensch braucht Geld, nicht Arbeit. “

    Da täuschst du dich. Warum arbeitest du in dem Beruf, den du gewählt hast? Nur um Kohle zu verdienen? Da gäbe es lukrativere Job-Möglichkeiten denn Freier Journalist zu sein.

    „Jemand, der keinen Job hat, ist nicht automatisch Sozialschmarotzer. Jemand, der von Hartz IV lebt und keine Ambitionen hat, sich zu verbessern, ist in meinen Augen immer noch kein Sozialschmarotzer. Ein Sozialschmarotzer ist jemand, der auf Kosten anderer übermäßig gut lebt (Swimming Pool und eigenes Segelflugzeug aufwärts), also jemand, der Steuern hinterzieht oder einen übertriebenen Bankerbonus einschiebt. Ein Sozialschmarotzer kann auch jemand sein, der eine Behinderung heuchelt, um mehr Geld aus dem System zu holen, als ihm zusteht. Doch wenn jemand das, was ihm zusteht, nimmt, dann ist das kein Sozialschmarotzertum.“

    Es ist in dem Moment Schmarotzertum, wo er einen Job haben könnte, aber entweder besoffen zum Vorstellungsgespräch kommt, gar nicht hingeht, oder dafür sorgt, dass er nach einem Tag wieder gefeuert wird.

    „hat sehr wohl eine Verbindung zu Hartz IV-Empfängern: Ein Teil von ihnen hat dieses Geld in der Vergangenheit miterwirtschaftet,“

    Betonung liegt auf „ein Teil“. Gibt genügend Hartz-Karrieren, die von der Schule direkt in die staatliche Stütze gehen.

    „Wer Single ist und keine Anstellung in seinem Wunschberuf findet, sollte nach beruflichen Alternativen suchen, schreibst Du. Ja, das sehe ich ein, aber das ist eine freiwillige Angelegenheit. “

    Nö, ist keine freiwillige Angelegenheit. Es ist freiwillig, wenn er nicht anderen auf der Tasche liegen will, sondern selbst zusieht, wie er überlebt. Was glaubst du, wie viele von den zig Millionen Arbeitenden da draußen in ihrem Wunschberuf tätig sind, hm?

  13. Ich will von vornherein sagen, daß ich nicht von menschenunwürdigen Löhnen sprechen möchte. Für mich sind stark gedrückte Löhne unanständig und unredlich. Aber nicht unwürdig, denn die Würde des Menschen stammt weder von der Arbeitsstelle, noch vom Einkommen. Die Würde ist dem Menschen angeboren. Aber ich gebe Euch beiden recht, daß die Würde des Menschen angegriffen werden kann, und zwar sowohl durch seine Arbeit, als auch durch zuwenig Einkommen.

    Wann ist eine Arbeit des Menschen unwürdig? Wenn sie wider seine Sitte und seine Moral steht, wenn er nach getaner Arbeit sich nicht selbst im Spiegel ansehen kann. Die Arbeit wird nicht unwürdig, nur weil die Löhne unanständig sind. Anständige Arbeit kann unanständig bezahlt werden, ebenso wie es anständige Gehälter für unanständige Arbeit gibt. Lohn und Würde haben miteinander wenig zu tun. Es gibt nämlich tatsächlich Arbeitsstellen, die nicht produktiv genug sind, um so bezahlt zu werden, daß jemand davon leben kann. In den 60ern und 70ern, den Zeiten der nährungsweisen Vollbeschäftigung, da waren nicht alle hochqualifizierte Fachkräfte, nach denen die Wirtschaft heute schreit. Da wurde auch Hilfsarbeit bezahlt. Wenn jemand den Hof kehrt, hat er damals nicht viel bekommen und wird auch heute nicht viel verdienen. Nehmen wir ein Spitzen-Hofkehrer-Gehalt von 3 Euro an. Davon kann niemand leben. Mehr ist seine einfache Tätigkeit aber auch nicht wert. Wollen wir einen Mindestlohn von 7 Euro für den Hofkehrer einführen? Dann wird bald niemand mehr den Hof kehren.

    Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und stellen uns vor, daß die Sauberkeit von Höfen früher überschätzt wurde und daß niemand mehr heutzutage einen Hofkehrer beschäftigt. Dann ist dieser Hofkehrer dauerhaft arbeitslos. Man wird ihn umschulen wollen, er besteht seine Prüfungen, aber unter Umständen wird er nun mit Bewerben konkurrieren, die bei gleicher Qualifikation nicht den Makel der Arbeitslosigkeit im Lebenslauf haben. Oder der Bewerber ist zu alt und wird nie mehr von irgendjemandem eingestellt werden.

    Ist dieser Mensch würdelos, weil er keine Arbeit hat? Hätte er mehr Würde, wenn er den Hof kehren würde, obwohl das niemand will? Definieren wir die Würde des Menschen über Arbeit, ist dieser Ex-Hofkehrer auf Dauer ausgeschlossen und würdelos. Definieren wir seine Würde über sein Einkommen, so wäre sein Lohn unwürdig. Wir könnten ihn per Mindestlohn zu einem höheren, würdigen Lohn verhelfen. Die Grenze zur Würde wäre dann per Gesetz definiert und sein Lohn bei Null, da seine Stelle nicht nur unrentabel, sondern völlig überzahlt wäre, und sie deshalb abgeschafft wird.

    Die Würde wird dem Menschen immer dann am sichersten genommen, wenn er von der restlichen Gesellschaft nicht als vollwertiges Mitglied erachtet wird. Der Respekt durch die Gesellschaft ist weitaus wichtiger für die Menschenwürde als Arbeit oder Lohn, die von wirtschaftlichen und selten zwischenmenschlichen Faktoren abhängen. Diesen Respekt kann die Gesellschaft mindestens jedem Menschen gegenüber erbringen, der sich um sie bemüht. Gesellschaftliches Bemühen läßt sich aber nunmal nicht in Arbeit oder Lohn aufrechnen. Ein hohes Einkommen hat nichts mit sozialer Rücksicht zu tun und Arbeitslosigkeit nichts mit Schmarotzertum. Wer durch den Staat zu hohen Steuern gezwungen wird, ist noch lange kein Wohltäter. Wer aber gerne Steuern für’s Gemeinwohl zahlt, der ist redlich um die Gesellschaft bemüht. Es ist nicht die Leistungsfähigkeit, Steuerhöhe oder Lohnhöhe, die diese soziale Tugend ausmacht, sondern der Wille zur Gesellschaft. Wird dieser Wille durch ein Ehrenamt nicht oft viel deutlicher ausgedrückt als durch Arbeit, die man nur um des Lohnes willen verrichtet?

    Wir dürfen Menschen, ihre soziale Stellung oder gar ihre Würde nicht nach ihrem Verdienst beurteilen. Das wäre Calvinismus, demzufolge nur der Tugendhafte zu Erfolg und nur der Böswillige zu Armut kommt. Daß die finanzielle Stellung nichts mit dem Charakter zu tun hat, wissen wir alle. Wir sollten deshalb aufhören, von Arbeitslosen zu glauben, sie würden unserer Gesellschaft keinen Respekt entgegenbringen, nur weil sie von der Wirtschaftskraft anderer leben. Denn wirtschaftliche Leistung und gesellschaftliches Engagement sind zweierlei. Mir ist lieber, ein Reicher finanziert über das Arbeitslosengeld hundert Ehrenamtliche, als daß diese hundert Arbeitslosen für 1 Euro die Stunde eine Pseudo-Arbeit verrichten, nur damit das Planziel „Arbeit für alle“ erfüllt wird.

    Was heißt das in konkreter Politik? Man darf niemandem die Grundlage zum Leben (zum Leben, nicht nur zum Überleben) vorenthalten, denn wir sind eine Gesellschaft, eine soziale Gemeinschaft, deren Mitglieder untereinander mit Respekt begegnen sollten. Fehlt der Respekt vor den Mitbürgern, ist der ganze Respekt vor dem Staat leer und belanglos. ALG II sollte nicht nur ein Notnagel sein, sondern eine Grundsicherung, die eine soziale Teilhabe ermöglicht. Aber man darf – als Gegenzeichen des Respekts – erwarten, daß sich die Empfänger mindestens ebenso wie die Steuerzahler um die Gesellschaft bemühen. Wie gesagt: erwarten, nicht erzwingen. Denn soviel Glauben an den Anstand sollte man voraussetzen. Sonst können wir das ganze Projekt „Gesellschaft“ aufgeben und auf die Bäume zurückkehren, jeder für sich – dann wird auch bestimmt niemand mehr schmarotzen.

  14. Laut Frau Merkel soll sich ja der Hartz IV-Satz an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen orientieren. Julians bemerkenswerte Fleißarbeit, die einzelnen Posten des Satzes auseinanderzunehmen, zeigt jedem Menschen mit klarem Verstand das mit diesem Betrag nichts zu führen ist, das eine dauerhafte Teilhabe am sozialem, kulturellen Leben in DIESEM Land entspricht. Die Berechnungsgrundlage bleibt weiterhin nicht transparent und nachvollziehbar.

  15. @CommanderGna
    Wer nach unten tritt, ob aus eigener Abstiegsangst oder um eine triste Angestelltenexistenz vor sich selbst zu rechtfertigen, verstärkt die Spaltung dieser Gesellschaft ganz im Sinne derjenigen, deren Politik die Ursache des ganzen Schlamassels ist.

    Ich frage mich außerdem, wer hier wirklich „Sozialschmarotzer“ aus persönlicher Erfahrung kennt. Oder ob dieses vermeintliche Wissen nicht vor allem TV-Konsum beruht.

  16. Also ich kenne soche sozialschmarotzer durchaus auch persönlich. Solche leute gibt es nun mal. hat ja keiner gesagt, dass jeder arbeitsloser einer wäre.

  17. @Hadrian: Ich sehe es ganz genauso wie Du. Wobei ich allerdings denke, dass auch die niedrigsten Jobs durchaus mehr als € 3 die Stunde wert sind, da die Situation ja sonst eklig werden würde (Müllabfuhr zum Beispiel). Aber das ist ein Detail, außerdem brauchtest Du das ja für Deinen Gedankengang. Daher einigen wir uns doch einfach auf „Jobs der untersten Gehaltskategorie, welche alleine nicht fürs Leben reicht, und die bei höherer Bezahlung einfach nicht mehr gebraucht würden“. Ich denke, Deinen Kommentar kann man als Kommentar in einer Zeitung drucken.

    @Pete: Das Problem der Sozialschmarotzer im Sinne Deiner Definition ist, dass sie auch in einem Job nicht produktiv genug wären. Ich würde solche Leute einfach als der Gesellschaft nicht zuträglich definieren, aber sie einfach in Ruhe lassen. Es kann nicht jeder an vorderster Front für das Gemeiwohl tätig sein, und einen gewissen Prozentsatz solcher „Slacker“ wird es wohl immer geben. Ich denke, die sind kein Problem, denn der Rest der Welt ist produktiv genug, um diese Leute mitzuziehen (selbst bei gehaltsähnlicher Sozialhilfe), und diese Leute sind ja auch genügsam genug, und fordern weder Weltreise noch Segelkurs von der Gesellschaft. Sie sind halt einfach „da“, stören aber nicht weiter. (mich zumindest nicht)

    @alle: Vielen Dank für die anregende Diskussion! Ich kann an dieser Stelle nur Die Entbehrlichen empfehlen, ein Film zum Thema.

  18. ich finde es faszinierend das wieder mal so viele meckern das hartz4 nicht zum jubeln ist wenn man auf den kontoauszug guckt. sry aber schuhe gibts bei weitem billiger als 75euro (in meinem umfeld gibts leute mit schuhgröße 50 und selbst der mit seinen sonderschuhen bezahlen nicht so viel), du scheinst übergewicht zu haben (sonst würd ich mich schon wunder wie man 2 hosen in 8 monaten durchscheuer kann die btw. bei kik und woanders billiger zu haben sind) na klasse du musst ja anscheinend wirklich sehr hungern.. sry ich lebe auch von hartz4, mache eine 2 jährige umschulung und ich beschwere mich nicht pausenlos obwohl ich durch die umschulung noch mehrkosten habe. aber ich finde es lustig das dinge wie handy und internet mit drin stecken sollen in hartz4 und leute sich noch beschweren das ihre 90euro rechnung nicht komplett bezahlt wird. ich könnte jetzt noch zu jedem punkt was sage aber um ehrlich zu sein: sowas erbärmliches hab ich lange nicht mehr gelesen

  19. Hallo redbecky,

    interessanter Standpunkt. Nun, lass mich mal aufdröseln:

    Ich habe nie gesagt, dass ich selber Hartz IV beziehe.

    Mein Gewicht ist unerheblich, genauso wie das Gewicht jedes anderen Menschen, egal, ob Hartz IV-Empfänger oder nicht. Auch besteht der von Dir unterschwellig geforderte Zusammenhang, nämlich dass Arme dünn sein müssen, weil sie ja zu hungern haben, nicht. Heutzutage kann man derart kalorien- und fetthaltige Produkte essen, dass es selbst mit dem geringsten Einkommen möglich ist, fett zu werden. Du brauchst ja bloß an eine Packung Chips denken.

    Es gibt Leute, die trotz Armut und Hartz IV nicht bei kik und Konsorten einkaufen, weil sie es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, die Kinderarbeit und Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen in der Dritten Welt voranzutreiben. Das Argument „es ist aber billiger“ ist kein schlagendes, denn wo kämen wir denn hin, wenn eine Abhängigkeit vom Sozialsystem bedeutet, dass gewisse Menschenrechte auszusetzen sind?

    Ich fürchte, Du als Hartz IV-Empfängerin hast Dich schon so sehr in Dein Schicksal gefügt, dass Du gar nicht mehr aufbegehrst gegen die schiere Ungerechtigkeit, die dieses menschenverachtende System seinen Opfern aufoktroyiert. Tut mir wirklich leid für Dich!

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