OFF, Tag 4 – Great Danes

Das Frühstück hab ich nach dieser Nacht natürlich mal wieder verpasst, auch zeigen sich langsam erste Ausfallerscheinungen: Meine Füße tun weh (was muss ich jemandem auch den Moonwalk beibringen wollen), das Fach mit der Schmutzwäsche im Hotelzimmer ist voller als das mit dem Vorrat frischer Wäsche. Doch der Festivalgeist ist ungebrochen, die Leute strömen auch weiterhin in die verschiedenen Filmprogramme (die meist je zweimal gezeigt werden). Auch sind gestern eine Menge weiterer Kollegen eingetroffen, die alle kennengelernt werden wollen.

Das Sympathische am Odense Filmfestival ist, dass alle Veranstaltungsorte (mit ganz wenigen Ausnahmen) sich auf einen Ort konzentrieren, nämlich die schon oft erwähnte Brandts Klædefabrik – wie bei einer Uni mit einem ordentlichen Campus. Das Festival steht am Übergang von einem kleinen zu einem größeren Filmfest, diese Zunahmen an Bekanntheit bringt unter anderen mit sich, dass die Festivalkinos langsam zu klein werden: Immer wieder stehen Leute vor veschlossenen Türen.

Noch gehört das Kribbeln der Unsicherheit, ob man an einer Vorführung teilnehmen kann oder zu spät war, zum Charme dieses „kleinen“ Festivals, aber sollte das OFF weiter wachsen (wonach es derzeit deutlich  aussieht), muss dem Rechnung getragen werden. Auch ist es eher unüblich, dass akkreditierte Gäste sich mit den normalen Zuschauern eine halbe Stunde anstellen müssen. Oftmals haben diese gar nicht so viel Zeit, weil sie zuvor noch in einem anderen Programm saßen oder ähnliches. Eine Möglichkeit, dem zu begegnen, wäre zum Beispiel, ein bis zwei Sitzreihen pauschal für Akkreditierte zu reservieren und fünf Minuten vor Start die letzten verbleibenden freien Sitze für die regulären Zuschauer freizugeben. Nicht, dass ich mich nicht gern anstelle, schon vorgestern habe ich mich so eine ganze Weile angeregt mit zwei jungen Französinnen unterhalten, aber akkreditierte Gäste haben oft mehr Termine auf so einem Festival als die Besucher.

Heute jedoch gab es eine geführte Tour rund um die größten Söhne der Stadt: St. Knud, dessen Gebeine in der gleichnamigen Kirche aufbewahrt werden, die angeblich auch über eine der bekanntesten Orgeln des Planeten verfügt und natürlich Hans Christian Andersen. Der Vater von Märchenklassikern wie Die Prinzessin auf der Erbse, Däumelinchen, Der standhafte Zinnsoldat, Das hässliche Entlein und Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern wurde in Odense geboren und wuchs dort auf, bis er 14 Jahren nach Kopenhagen ging.

Das Haus, das als sein Geburtshaus gilt, wurde samt umgebender Armensiedlung erhalten und beinhaltet nun ein Museum, das sich ausschließlich dem Leben und Werk des großen Dichters verschrieben hat. Das Museum wirkt streckenweise ein wenig einseitig, findet man auch Dinge wie Andersens Taschentuch, Andersens Aderlassbesteck, Andersens Dritte sowie das 9-Meter-Seil, das der Dichter auf Reisen immer dabeihatte, um sich aus brennenden Hotels abseilen zu können (was nie nötig war). Doch natürlich ist genau dieses Museum der richtige Platz, um all diese eigenwilligen Memorabilia aufzubewahren.

Besonders beeindruckend ist ein Raum mit zehntausenden von Andersen-Ausgaben aus der ganzen Welt (in einer Unzahl von Sprachen) und aus allen Zeiten. Hier findet ein jeder sicher auch das Buch, aus dem einem als Kind vorgelesen wurde, ein Moment, der ganz besondere Emotionen weckt.

Später nahm ich die Videobar des OFF in Augenschein, wo man sich sämtliche Festivalfilme, in bequemen Aufblasmöbeln flezend, auf nagelneuen iPads und mit Kopfhörer anschauen kann. Da der Raum aus offensichtlichen Gründen stockdunkel gehalten wurde, gibt es hiervon nur ein schwer verwendbares Foto.

Ich halte die Videobar für die maximal innovative Möglichkeit, an einem Filmfest teilnehmen zu können – endlich mal keine DVDs oder Kassetten und Kabinen, sondern eine ordnetliche Lounge. Verpasst man ein Programm oder möchte sich gezielt einzelne Filme anschauen, kein Problem. Ich habe hier gleich mehrere Filme angeschaut, man klickt sie in einem Menü einfach an. Ich denke, mit soviel Ideenreichtum und Drive hat das Odense Filmfestival gute Aussichten, ein sehr bekanntes internationales Kurzfilmfestival zu werden.

Im Hotel habe ich übrigens aufgegeben, zu versuchen, den roten Leuchtknopf vom Lift, der „in Bewegung“ bzw. „kommt“ anzeigt, zu fotografieren. Schade, denn eine rote Warnleuchte unter „Elevator“, auf der „Fart“ steht, käme beim Failblog sicher gut an. Leider ist der Lift so schnell, dass die Kamera nicht schnell genug scharfstellen kann, und das Lämpchen geht wieder aus, noch bevor ein ordentliches Foto gemacht ist.

Morgen ist der große Tag: Am Abend verleihen die Jurys die Preise auf einer Gala, meine Eintrittskarte liegt schon bereit. Ob es wieder fünf Uhr morgens wird? Ich hoffe nicht, denn ich muss am Samstag meinen Flieger erwischen. So schnell naht auch schon wieder das Ende meiner Reise. Leider.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.