Wir sind viel mehr, als wir dachten

Ich bin leicht zur Verzweiflung zu treiben. Nämlich, wenn ich mit wirtschaftlich denkenden Menschen diskutiere und mir deren Ansichten anhören muss. Da muss sich jede Alltagstätigkeit lohnen, rechnen und auszahlen, wird jeder Handgriff effektiviert, und wenn man dann in die Freizeit geht, bringt das auch noch Vorteile: Social Networking-Events mit Geschäftspartnern oder die berühmte „quality time“ mit der Familie, die es zu verteidigen gilt wie das letzte Stückchen Regenwald vor der Kettensäge.

Persönlich konnte ich noch nie viel mit dem Geldmachen anfangen. Zum einen, weil es mir nie so recht gelingen wollte, zum anderen, weil ich es nie ganz verstanden habe. Sicher, mehr Geld zu haben ist besser als weniger, aber letztendlich braucht man nur ein Bett und drei Mahlzeiten, egal, wie reich man ist. Meine Eltern arbeiteten beide in künstlerischen Berufen, meine Erziehung war antiautoritär – selbstredend biss mich nicht die Karrierefee schon in der Schulzeit und trieb mich in Folge durch die Uni und in einen Anzug. Stattdessen tat ich, was mir lag, wo ich dachte, mein Glück finden zu können, und grundsätzlich tat ich’s auch nur, wenn ich es mit meinem Gewissen vereinbaren konnte. Geld wollte ich natürlich auch immer haben, und dass man es sich mühevoll erarbeiten muss, war mir auch stets klar. Nur dass man es anderen Leuten aus der Tasche ziehen muss, mit welchen Tricks auch immer, das geht dann doch zu weit.

Ich bin ein Exot, das war mir immer klar. In meinem privaten Umfeld sprießen die Karrieren, meine Freunde aus der Schulzeit heiraten, bauen Häuser (von der kleinen Eigentumswohnung bis zum Palazzo Prozzo), Kinder schießen wie die Pilze aus dem Boden, nur ich bin unverändert da, wo ich nach meinem Abi auch schon war. Ich hab halt noch nicht die eine Lücke gefunden, in der ich mich zuhause fühle, und auf die Frauen wirkt das natürlich auch nicht besonders anziehend.

Andere verklagen Menschen oder schicken Ihnen Abmahnungen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, müssen ihnen mitteilen, dass sie an Krebs sterben werden, schleppen sich in Büros, die sie im Grunde hassen und buckeln vor Leuten, mit denen sie eigentlich keine Minute lang die Atemluft teilen möchten. Dann gucken sie sich Comedyshows an, wo darüber gewitzelt wird, wie schrecklich doch die Arbeit in solchen Büros ist, und lachen herzhaft darüber, weil sie das alles wiedererkennen. Mit ihren Berufen wirklich glücklich sind die wenigsten, die ich kenne.

Wir leben in einer angstgeschürten Kultur, die wir uns von den Geschäftemachern haben andrehen lassen. Angst vor Geldmangel durch Jobverslust. Angst vor Stigmatisierung durch Geldmangel. Angst vor sozialem Abstieg durch Stigmatisierung. Angst vor der Zukunft, Angst vor den Mitmenschen, Angst vor Fotos der Straßen und Gegenden, in denen man lebt. Angst vor Terror. Angst vor nicht genug freien Liegen in einer anonymen Hotelburg in der einen Woche Urlaub, die man sich im Jahr noch leistet. Angst vor der Nichtverfügbarkeit von Chicken McNuggets. Angst vor Zuwanderung, Angst vor Homosexuellen.

Nun hat sich die selbsternannte Crème de la Crème der Gesellschaft in der letzten Zeit endlich ins eigene Fleisch geschnitten. Global gesehen kann man wohl leicht vereinfacht festhalten, dass die Gier nach immer noch mehr Geld Unternehmer und Geschäftemacher dazu gebracht hat, Schritte zu unternehmen, die wirklich jenseits aller Vernunft liegen. Die Dotcom-Blase. Die Bauwut in Spanien (3 Mio leerstehende Neubauten, die meisten an Golfplätzen, weil sie dann mehr wert sind). Die aktuelle Finanzkrise (ausgelöst durch die Spekulationen auf dem amerikanischen Immobilienmarkt). Die Privatisierung von ungefähr allem außer Atemluft (Atomkraftwerke! Pharmaforschung! Trinkwasser!). Die absolut katastrophale Umwandlung der (unserer! Wir sind das Volk!) Bundesbahn in ein Konglomerat völlig unfähiger Unternehmen, die alle sparen optimieren, wo es geht (so auch beim Fahrpreis), woraufhin Radreifen und Achsen brechen, Klimaanlagen aufgeben, Türen einfach abfallen und wo jede Schneeflocke ein neues Abenteuer ist – übrigens auch in England. Das Verhalten eines von Lobbyismus völlig unterminierten Staatswesen gegenüber seinen Schwächsten: Den Alten, den Kranken und den vom Pech verfolgten (abwertend auch noch ‚Arbeitslose‘ genannt). Die Pleite von Quelle, von Karstadt, von Opel. Die konstruierte Empörung über den Weggang von Nokia. Ein staatlicher Rettungsschirm für Banken, die nun denselben Scheiß machen wie vorher, und einmal mehr mit unserem Geld. Die Arbeitsbedinungen bei Kik und Lidl sind nur die Spitze des Eisbergs. Und alles unter dem Deckmäntelchen der Demokratie.

Was ist passiert?

Dreh- und Angelpunkt der Angelegenheit, auf die ich gleich komme, ist meiner Meinung nach gewesen, dass an den Menschen selbst gespart wurde: Das große Plus der Festanstellung war ja immer die Jobsicherheit. Früher (ab Wirtschaftswunder) trat man in ein Unternehmen ein, verblieb sein ganzes Arbeitsleben lang in diesem Unternehmen, gründete eine Familie, baute ein Siedlerhäuschen, fuhr mit dem Auto nach Italien und das war’s. Man gab ein gewaltiges Stück seines Lebens auf für diese lebenslange Sicherheit; für den Deal, ein Gehalt zu haben, von dem man gut leben und eine Familie durchbringen konnte.

Heute haben sich die Werte gewandelt: Von einem wird in der Festanstellung erwartet, sich mehr denn je für die Firma und die „Gemeinschaft“ dort aufzuarbeiten. Überstunden sind alltäglich, Anrufe von Vorgesetzten oder Auftraggebern zu jeder Tages- und Nachtzeitm, auch am Wochenende, völlig normal. Man hat ja froh zu sein, „noch“ dabei zu sein. Doch die Löhne werden gekürzt mit der Begründung, dass sonst das ganze Unternehmen dichtgemacht werden müsse, damit sei ja auch keinem geholfen. Wer sich beschwert, bekommt zu hören, dass er problemlos ersetzbar ist oder wird tatsächlich ersetzt. Und wenn irgendjemand Schwierigkeiten macht (Betriebsrat gründen ist da so ein Stichwort), riskiert, dass die komplette Produktion kurzerhand nach Bangladesh ausgelagert wird.

Es ist jedoch nicht so, dass die Welt plötzlich ein Haifischbecken geworden ist und wir alle den Schutz der weisen Geschäftsmänner und ihrer undurchschaubaren Finanzproduktkonstruktionen brauchen. Die Geschäftsmänner erzählen uns nur, dass wir ihren Schutz durch Anstellung brauchen, und die knappen Löhne aushalten müssen, weil sonst alles zusammenfällt, es stünde ja eh ständig Spitz auf Knopf. Dabei bin ich sicher, dass der durchschnittliche chinesische Wanderarbeiter, die durchschnittliche Näherin aus Bangladesh und die durchschnittliche Gemüse-Erntekraft in Spanien kein gesteigertes Verlangen danach hat, ins kalte Deutschland zu ziehen, hier sesshaft zu werden und uns mit seiner billigen Arbeit alle anderen arbeitslos zu machen. Diese Menschen wollen doch auch nur würdig leben, ihren Kindern ein Heim und feste Mahlzeiten geben und die Oma besuchen fahren können.

Analog zu Politik und Militär ist es in diesem Fall die wirtschaftliche Oberschicht, die uns normalen Menschen erklärt, wo der Feind sitzt und dass man ihn nicht gewinnen lassen dürfe. Doch auf der anderen Seite des Schützengrabens sitzen auch normale Menschen, die wiederum von ihrer Oberschicht gesagt bekommen, dass wir der Feind seien und nicht gewinnen dürften. Dann schlagen wir uns gegenseitig die Schädel ein (sprichwörtlich oder metaphorisch), während die Oberschichten zuschauen, dabei vielleicht ein Pfeifchen rauchend.

Die Welt ist kein Haifischbecken. Die wenigen Haie terrorisieren einfach nur uns normale Fische. Weil sie es können.

Kurzum: Die Jobsicherheit ist weggefallen, und der heute gezahlte Lohn ist derart gering, dass die Leute sich fragen, ob sie nicht doch verarscht werden. Und offenbar dämmert ihnen langsam die Erkenntnis, dass sie tatsächlich verarscht werden.

Ich hatte ja immer gedacht, ich sei ein Exot mit einer linken Fantasterei als politischen Traum (Grundeinkommen und weniger Privatisierung) bin, doch ich habe das nie besonders laut geäußert. Für den Fall, dass mich mal jemand fragt, ob ich Kommunist oder Sozialist sei, habe ich mir die Antwort zurechtgelegt, dass ich das nicht sei, aber grundsätzlich der Meinung, alles geht viel besser, wenn man zusammenarbeitet anstatt wenn man gegeneinander arbeitet. Denn beim Konkurrieren gibt’s zwangsweise immer einen Verlierer. Ich hatte immer gedacht, es gibt nur ein paar vereinzelte andere, die so denken wie ich. Und dann hab ich von dieser Umfrage erfahren (Zeit, Spiegel). Und nach der wünschen sich 88% aller Menschen eine neue Wirtschaftsordnung. Achtundachzig Prozent!! Neun von zehn Leuten!

Neun von Zehn ist ein gewaltiger Anteil. Neun von Zehn heißt so ungefähr ‚alle außer dem Management‘. Neun von Zehn heißt ‚die Nase gestrichen voll‘. Neun von Zehn heißt ‚Jetzt wird’s ernst‘. Neun von Zehn heißt ‚Sturm auf die Bastille‘. Neun von Zehn heißt ‚Kopf ab für Einen unter dem Jubel von Neunen‘.

Nun sind diese archaischen Zeiten natürlich vorbei, und ich will nicht wirklich Köpfe rollen sehen. Sprichwörtlich. Metaphorisch will ich das sehr wohl. Aber ich hoffe, dass Neun von Zehn in den nächsten Jahrzehnten die Muskeln spielen lassen und die Wirtschaftsordnung so umkrempeln, dass es endlich fair und gerecht zugeht bei uns. Ohne Angst, ohne Ausbeutung, ohne Unterdrückung und ohne die Möglichkeit, billig irgendwo im Ausland produzieren zu lassen, wo man noch Sklaven halten kann. Ich meine den ganzen Planeten, gleiches Recht für alle. Und, nicht weniger wichtig: Die gleiche Ausgangsbasis für alle, von Trinkwasser und Kanalisation bis Krankenversicherung. Eventuell ein Grundeinkommen, was sinnvoll ist, wenn weiter Arbeitsplätze wegrationalisiert werden. Und wir auf Kosten der anderen reich gewordene Industrienationen müssen den Anfang machen, denn wir können das nicht auch noch von den Armen und Ärmsten erwarten.

Und, wer von Euch ist dabei? Das wird ein Spaß!

Nachtrag vom 20.8.2010: Jetzt fordern Wirtschafts- und Unternehmerverband eine Verkürzung der bezahlten Urlaubszeit um zwei Wochen auf vier Wochen (also um ein Drittel), da ‚die Auftragsbücher voll sind‘, da ‚vier Wochen Urlaub reichen‘ und da ‚mehr Arbeit dem Aufschwung helfe‘.

Sehe ich das richtig: Wir sollen mehr arbeiten (für praktisch das gleiche Geld), damit die Geschäftsinhaber einfach nur mehr verdienen? Haben die den Arsch offen? (Stern, news.de, Google-Suche) Dabei ist das hier doch mal ein innovatives Arbeitszeitmodell. Jeder Student kennt es und kann damit umgehen.

15 Gedanken zu „Wir sind viel mehr, als wir dachten“

  1. Whoa! Hab ich das jetzt geschrieben oder doch „nur“ gelesen? Du spiegelst meine Weltsicht wider in einem Maße, dass es schon unheimlich wird. Stimme mit dem Inhalt des Artikels zu 100 % überein, und ich bin schon immer der Meinung gewesen, dass eines der Grundübel der Menschheit die Gier ist. Und dass die Gier in gleichem Maße gebannt, geächtet und bekämpft gehört wie die großen Übel der Vergangenheit (Rassismus, Nationalismus, Fanatismus, Epidemien).

    Danke.

  2. Naja, wenn man nicht fest angestellt ist, ist die Frage nach Verkürzung des Urlaubs eh nur eine theoretische.

    Was 9 von 10 betrifft: Klingt für mich so, als ob da die, die nicht so viel haben, es dem zehnten missgönnen. Dass manche für ihren Erfolg aber auch hart gearbeitet haben, kommt da nicht jedem in den Sinn. Sozialneid ist eine unschöne Sache.

    Darum haut auch das Grundeinkommen nicht hin. Wer sollte das denn bezahlen? Wohl die, die dann bereit sind, mehr zu arbeiten. Und was ist mit denen, die sich denken: „Grundeinkommen. Super. Da rühr ich die nächsten 50 Jahre keinen Finger mehr.“

  3. Hi Pete,

    Sozialneid ist nicht schön, nein. Doch ist es die unfaire Verteilung von Ressourcen? Was berechtigt zum Beispiel ein Unternehmen, Öl zu verkaufen, das seit 300 Millionen Jahren Bestandteil des Planeten ist? Oder Fische, die er aus dem Meer geholt hat?

    Ich habe nichts gegen Menschen, die sich ihren Reichtum erarbeitet haben, sei dies ein Michael Jackson, der das Album Thriller verkauft, oder der Erfinder des iPod oder auch nur ein Gastwirt. Aber ich habe was dagegen, wenn sich Menschen an anderen bereichern, indem sie in ihnen erst einen Wunsch erwecken und dann das Produkt dazu verkaufen, und sie damit ausnehmen. Das fängt mit der Tiefkühlpizza an (die kann man auch selber machen, aber in der Schnell-schnell-Gesellschaft lasse ich mir Convenience Food ja gerade noch eingehen) und reicht bis zur Luxuskarosse oder der Prada-Handtasche (keine Gnade).

    Daher sehe ich nicht jede abfällige Äußerung gegenüber Reichen automatisch als Sozialneid. Der Chef einer ausbeuterischen Kette von Discountkleidungsmärkten zum Beispiel ist auch reich, aber ist dies ganz klar auf dem Rücken seiner „Sklaven“ aus Bangladesh geworden. Sein Reichtum ist „tainted“, also beschmutzt, und unredlich erworben, der Mann verdient wahrlich keinen Respekt. (Siehe den Comic oben im Post, die darin behandelte Verantwortung kann man auch auf andere ethische Fragen anwenden.)

    Zum Grundeinkommen nur in Stichpunkten, mehr siehe hier und in dem Film dorten:

    -Das Grundeinkommen muss nicht „bezahlt“ werden, weil es ja verbraucht wird, also wieder zurück in die Wirtschaft fließt. Man kann also gewissermaßen sagen, dass nur die Flussgeschwindigkeit des Geldes erhöht wird, nicht aber die Geldmenge. Die Finanzierbarkeit ist erwiesen, lies nach.

    -Die, die nicht arbeiten wollen, müssen auch nicht mehr arbeiten, das ist ihr volles Recht. Sie werden entstigmatisiert. Es sind aber nur sehr wenige, die tatsächlich 50 Jahre lang keinen Finger mehr rühren werden, denn a) fällt dem normalen Menschen nach 6 untätigen Monaten zuhause ohnehin die Decke auf den Kopf, b) gibt es für die Übrigen bereits heute genug Möglichkeiten, nicht mehr zu arbeiten, wenn man partout nicht will (von Heirat oder Schwangerschaft bis Sozialhilfe) und trotzdem arbeiten die allermeisten, und c) befähigt das Grundeinkommen nur zum Überleben und zur sozialen Teilhabe, es ermöglicht aber nicht ein Leben als Privatier. Wer einen überdurchschnittlichen Urlaub machen will (also mal was anderes als Last Minute All Incl. in irgendeiner Pauschalklitsche) oder sich zur WM oder der Olympiade einen neuen Flachbildfernseher kaufen möchte, sieht sich früher oder später mit der Notwendigkeit konfrontiert, doch zusätzliches Geld heranschaffen zu müssen.

    -Ein weiterer Vorteil: Die, die nicht arbeiten wollen, stehen denen, die es wollen, nicht mehr im Wege. Wer sein Leben in der Bier-Klause oder an der Würstchenbude verbringen will, hat mit dem BGE die Freiheit dazu (zum wirtschaftlichen Wohle der jeweiligen Inhaber), und wer sich zusätzlich zum BGE verbessern will, dem stehen alle Möglichkeiten offen.

    Ich denke, die Zeiten, in denen man Arbeitslosen Faulheit vorwerfen kann, sind vorbei: Zuviele wurden schon von Maschinen ersetzt, haben ihre Stelle durch Outsourcing in Billiglohnländer verloren oder wurden einfach von „schlauen Businessköpfen“ einfach „zum Wohle der Rendite für die Anteilseigner“ herausgekürzt.

    Nicht vergessen: Der eigentliche Zweck der „Arbeit“, welcher auch immer, ist es ja, der gesamten Bevölkerung das Überleben zu ermöglichen. Die Erwerbsarbeit ist der siamesische Zwilling des Geldwesens, auf das wir unsere Gesellschaft aufgebaut haben. Wer anfängt, hier Erwerbsmöglichkeiten (vieler) für den schnellen finanziellen Gewinn (weniger) wegzurationalisieren, handelt zutiefst unethisch.

    Wenn im Modell „Geld“ („auf diesem Planeten verwenden wir Geld, um unsere Güter und Dienstleistungen miteinander zu verrechnen“) die Möglichkeit, Geld zu verdienen, eingeschränkt wird und das Gleichgewicht zwischen Einnehmen können und Ausgeben können nicht mehr stimmt (und das tut es: Ausgeben kann man viel, Einnehmen ist sehr schwierig geworden), dann muss etwas geändert werden, denn es geht im Grunde um die Menschen, nicht um das Geld. Und das BGE sorgt dafür, dass man eben nicht unter ein gewisses Niveau fallen kann. Ab Einführung des BGE ist z.B. jeder Obdachlose, den man antrifft, garantiert freiwillig obdachlos.

  4. Man kann auch über den KIK-Gründer denken, was man will, aber ohne mir jetzt die Mühe zu machen, das nachzurecherchieren, vermute ich, dass der in Bangladesh auch nicht weniger bezahlt, als es dort vom Lohnniveau her üblich ist. Was im Rückschluss nur heißt: Die Leute arbeiten für Kik oder einen ähnlichen Konzern, oder gar nicht.

    „Die, die nicht arbeiten wollen, müssen auch nicht mehr arbeiten, das ist ihr volles Recht. “

    Wenn es ihr gutes Recht ist, dann sollen sie aber auch anderen nicht auf der Tasche liegen. Jeder ist selbst seines Glückes Schmied.

    Und das „Grundeinkommen“ muss in erster Linie erst mal bezahlt werden. Irgendjemand muss das Geld rausrücken, damit es dann wieder ausgegeben werden kann. Und da in deiner „Grundeinkommen“-Utopie die Bezieher eben dieses Grundeinkommens wohl kaum Steuern zahlen werden … ups, wer wird dann wohl fürs Grundeinkommen aufkommen müssen, hm? Zudem: von den in dem anderen Post angenommenen 1500 Euro. Das ist MEHR, als viele verdienen. Da kannst au absehen, wie viele sich dann denken: „Dann mach ich lieber gar nichts, ist ja besser bezahlt“

    Es ist auch vollkommen irrelevant, ob es fair ist, dass manche Leute reicher sind als andere. Die Welt dreht sich seit Millionen von Jahren. Und sie ist vieles, aber nicht fair! Es ist ein absoluter Irrglaube zu denken, alles müsse fair sein.

    Deine Beispiele sind auch ziemlich löchrig. Typisches Konzern-Bashing. Ein Konzern hat kein Recht, Fisch ausm Meer zu holen, der kleine Fischer an der Nordsee aber schon? JEDER hat das Recht. Und entsprechend der eigenen Ressourcen kann man das halt effektiver machen oder auch nicht.

    „denn es geht im Grunde um die Menschen, “

    Netter Gedanke, aber nicht realistisch. Noch nie in der Menschheitsgeschichte ging es um den Menschen. Sieh’s doch mal so: Wer in der Steinzeit nicht gearbeitet hat (jagen, sammeln, etc), der ist verhungert.

  5. Hi Pete,

    dem muss ich leider widersprechen. Da Du noch nicht informiert genug bist, hoffe ich, dass Du früher oder später wenigstens den Film dazu anschaust.

    -Ich wiederhole: Die Nicht-Arbeitenden liegen nicht den Arbeitenden auf der Tasche. Die Nicht-Arbeitenden sind eine logische Konsequenz der Industrialisierung, deswegen müssen sie in jedem Fall mitgezogen werden. Das ist keine Frage von Schuld und Sühne, sondern von unserem Selbstverständnis als Homo Sapiens. Mit der Betonung auf sapiens.

    -Das Grundeinkommen mag Dir wie eine Utopie vorkommen, aber auch dort werden Steuern bezahlt. Und zwar die sog. Verbrauchssteuer, die alle bisherigen Steuern (MwSt, Einkommenst., Umsatzst. usw.) ersetzt und beim Kauf von Produkten anfällt. Höhe: 50%.

    -Auch mag 1500 Euro mehr sein, als die Leute heute verdienen, aber davon müssen die Leute dann ja auch ihre Sozialversicherungen usw. bezahlen. Da bleibt nach Miete unter dem Strich auch nicht so irre viel übrig. Die ganzen anderen Subventionen würden ja durch das BGE ersetzt, nicht ergänzt. Lediglich Schwerbehinderte usw. müssten noch „verwaltet“ werden, nicht aber Arbeitslose.

    -Die Welt ist nicht fair, das stimmt. Aber das ist noch lange kein Grund, darauf die Argumentation aufzubauen, man bäruchte selbst ach nicht fair zu sein.

    -Der kleine Fischer an der Nordsee hat dasselbe Recht wie der Konzern, Fische aus dem Meer zu holen. Nur hat der Konzern wegen der gefangenen Stückzahlen auch die entsprechend größere Verantwortung, die Ausrottung der Fische zu verhindern. (So weit ist es schon, wir können Tierarten ausrotten, weil wir sie aufessen! Das muss man sich mal vorstellen! Und dann argumentiert man dagegen auch noch „Der Fisch war halt nicht stark genug, das ist halt Natürliche Auslese“!) Nachdem im galoppierenden Kapitalismus die Konzerne auch noch in Konkurrenz zueinander stehen, wird keiner freiwillig seine Fangquoten beschränken, was ihn ja schlechter stellen würde und der Konkurrenz mehr Fische übriglassen würde. Also wird gefischt, was das Zeug hält, und wenn die Fischart ausgerottet ist, sind natürlich die anderen schuld, und überhaupt die (natürlich völlig ahnungslosen, weil uninformierten) Endkunden, die den Fehler machen, Nachfrage zu stellen. Das Dilemma ist offenbar: Man müsste weltweit an einem Strang ziehen und sich bewusst beschränken, z.B. den Thunfisch mal zehn Jahre lang völlig in Ruhe zu lassen. Da spielt natürlich keiner mit, der einen persönlichen finanziellen Vorteil an dieser Situation sieht. Ergo müssen wir entweder damit einverstanden sein, unsere Nahrungsgrundlage bewusst auszurotten oder das System ändern.

    -Wer in der Steinzeit nicht gearbeitet hat, ist verhungert. Das stimmt natürlich. Aber erstens haben wir keine Steinzeit mehr, und Du stimmst mir sicher zu, dass es besser ist, sozial zu handeln. Oder wärest Du damit einverstanden, wenn ein Kommando käme, um Deine Großeltern, die nicht mehr produktiv sind, zum Wohle aller von der Klippe zu werfen? Nein? Na gut, dann komm mir nicht mit Steinzeit und Natürlicher Auslese. (Dann wären alle, die eine Brille brauchen, ja auch ausgestorben mittlerweile)

    Nachtrag:

    -Du hattest unrecht (und ich damit implizit auch): In der Steinzeit war der Mensch bereits sozialer, als wir beide dachten.

    -Ein m.E. deutliches Indiz dafür, dass wir ausgebeutet werden, zeigt der Arbeitszeitvergleich zwischen früher und heute. ’nuff said?

  6. – Das Todeskommando für die Omas ist aber ganz fiese Polemik. Die Großeltern haben in der Regel ein Leben lang gearbeitet und sich ihre Rente verdient.

    – Ausrottung von Fischen: Ist traurig, keine Frage, aber 7 Milliarden Menschen, Tendenz steigend, fressen nun mal viel. Bessere Sozialversorgung bedingt größeres Menschenwachstum und führt zu größerem Verbrauch von Ressourcen.

    – Ich hab den KIK-Film gesehen. Der Punkt bleibt bestehen: Unterschreitet die Firma das lokal übliche Lohnniveau? Ja oder nein?

    – Industrialisierung: Darum gibt es auch die Dienstleistungsgesellschaft. Nicht jeder muss in der Fabrik malochen.

    – Man kann selbst durchaus fair sein. ich sehe es aber auch nicht als unfair an, wenn ein Konzern oder ein Manager nun mal mehr verdient als der Mann, der bei McDonalds die Hamburger brät. Das ist einfach der Gang des Lebens. Zu hoffen oder zu träumen, dass die menschliche Natur verändert werden kann, mag schön sein, wird aber auch nie etwas anderes als ein Luftschloss bleiben. Der Mensch hat sich in Jahrtausenden von seinem Naturell her nicht verändert. Sieht man immer wieder, wenn Kriege irgendwo auf der Welt das Korsett der Zivilisation zerfetzen. Dann zeigt sich, wie es um unsere Natur wirklich bestellt ist.

    – „Dann wären alle, die eine Brille brauchen, ja auch ausgestorben mittlerweile“
    Dem wäre auch so, wenn es keine Brille gäbe. Wer früher nicht gut sah, wurde leichter ein Opfer eines Raubtiers. Wer vor der Erfindung des Penicilins einen Infekt hatte, hatte auch schlechtere Chancen. Wie schon oben gesagt, bessere medizinische Versorgung bedingt auch ein Anwachsen der Population.

    – Hier spricht auch niemand von Schuld und Sühne bei Arbeitslosen. Gibt natürlich einige, die unverschuldet in die Arbeitslosigkeit kamen. Denen hilft der Sozialstaat auch. Will ja auch keiner abschaffen, aber Gleichmacherei durch ein Grundeinkommen … nö, das hat einen ganz fiesen Beigeschmack.

  7. Dass die Alten in der Steinzeit „mitgezogen“ wurden, war mir schon bekannt. Das waren alles große Familienverbände. Die Aufgaben der Alten bestanden dann darin, auf den Nachwuchs aufzupassen und dergleichen. Das System war (und ist in einigen Ländern ja immer noch so): Die Altersversorgung sind die Kinder, die man hat.

    Aber wenn in der Steinzeit die 20-jährigen Männer gesagt hätten „Nö, ich hab keinen Bock, heut Mammut zu jagen“ dann hätt’s auch nix zu essen gegeben. Und wenn das die hälfte der 20-jährigen Steinzeitmänner sagen, dann fängt das Verhungern recht zügig an.

  8. Ausbeutung und arbeitsstunden:

    13th century Adult male peasant, UK 1620 hours
    14th century Casual laborer, UK 1440 hours
    Middle Ages English worker 2309 hours
    1400–1600 Farmer-miner, adult male, UK 1980 hours
    1840 Average worker, UK 3105–3588 hours
    1850 Average worker, U.S. 3150–3650 hours
    1987 Average worker, U.S. 1949 hours
    1988 Manufacturing workers, UK 1855 hours
    2004 Average full-time worker, Germany 1480 hours [8]
    2008 Average worker, India 2817 – 3443 hours
    2010 Investment Banker, NY 5082 hours

    Heute deutlich weniger, wenn man Deutscher ist. Was Indien betrifft: hier fehlt der Vergleichswert von vor 500 Jahren. Und wenn man Investment Banker in New York ist, wird man scheinbar richtig ausgebeutet. 5000+ Arbeitsstunden. Scheiße, das sind lange Wochen.

  9. Och Pete, ich will doch nicht den ganzen Tag Kommentare kommentieren. Aber bitte:

    -Das Todeskommando hast Du ja impliziert mit Deiner „Jeder ist seines Glückes Schmied“-Mentalität. Du forderst also ein Sozialsystem (Großeltern sollen versorgt sein), ziehst aber eine willkürliche Grenze (denn sie haben ihr Leben lang gearbeitet). Ein Schwerbehinderter wird auch versorgt, aber an einem Arbeitslosen muss die Gesellschaft sich im Alter rächen, oder was? Alle oder keiner, so gehört das.

    -Der bewussten Ausrottung von Fischen trete ich energisch entgegen, nicht nur, weil ca. 50% aller produzierten Lebensmittel sowieso nie in den Mund des Endverbrauchers gelangen, sondern auch, weil nach der Ausrottung der Nahrungsquellen das Sterben der Menschen beginnt. Also: Hirn *vorher* einschalten, gleich vernünftig handeln. Stichpunkt: Nachhaltigkeit.

    -Dass eine Textilfirma wie Kik überhaupt in einem Land produzieren lässt, in dem diese Arbeitsbedingungen und dieses Lohnniveau möglich ist, ist ja das Problem. Da kann man nicht einfach sagen „Ich respektiere Bangladesh als eigenständige Nation und nutze nur deren Angebot, für das Ausland (also mich) zu produzieren“. Ich würde denen deutsche Gehälter zahlen (Nobelpreis) oder hlat gleich hier bleiben.

    -Natürlich verdient der Manager mehr als der Burgerbräter. Auch beim Grundeinkommen, da kommt ja das jeweilige Arbeitsgehalt oben drauf. Die Frage ist halt nur, ob die sog. „Topmanager“ auch ihre Millionen wirklich *verdient* haben. Und das haben sie m.E. nicht. Wenn der Burgerbräter mit 2000 netto heimgeht und dessen Chef mit 3000, ist das fair. Wenn der Topmanager einer Bank aber 3 Millionen im Jahr bekommt, stinkt etwas.

    -„Gleichmacherei durch BGE hat einen fiesen Beigeschmack“? Du WILLST also Ungleichheit? Wow. Ich nicht. Ich lasse Erfolge zu, lebensbedrohliche Mißstände sollten jedoch der Vergangenheit angehören – weil wir es können.

    -Die Steinzeitmänner haben sehr wohl gesagt, dass sie keinen Bock zu jagen haben. Nämlich, wenn sie satt waren, wenn noch genug da war. Heute wird ja „gejagt“, also produziert, als gäbe es kein morgen. Geh mal Samstags zum Einkaufen, die Leute drehen alle durch, weil die Läden einen Tag geschlossen haben werden. Dieser Überfluss ist doch krank! Erdbeeren aus Südamerika zu Weihnachten? Was soll das?

    -Der Investmentbanker unterliegt natürlich einem starken Gruppenzwang und ist garantiert geldgierig. Er arbeitet sich wenige Jahre auf, um dann mit 40 in den „wohlverdienten“ Ruhestand zu gehen. Er hat nur Papier geschachert und kein einziges Iota Arbeit, mit der er „handelt“ selbst gemacht und lebt nur von „Gebühren“ und Gewinnen, die in etwa sowas sind wie Reibungshitze. Der (Investment)banker ist gewissermaßen die Lichtmaschine der Gesellschaft (Auto), doch wenn die zu groß ist, zieht sie zuviel Energie, und das Auto fährt nicht mehr / nicht mehr gut / nicht mehr ruhig.

  10. Dann solltest du die Kommentarfunktion deaktivieren 😉

    Ich geh’s mal der Reihe nach durch.

    – „Ein Schwerbehinderter wird auch versorgt, aber an einem Arbeitslosen muss die Gesellschaft sich im Alter rächen, oder was?“
    Niemand spricht von Schuld und Sühne, niemand spricht von Rache an irgendjemandem. Wir haben ein Sozialsystem, es funktioniert. Wer arbeitslos wird, erhält Hilfe.

    – „Dass eine Textilfirma wie Kik überhaupt in einem Land produzieren lässt, in dem diese Arbeitsbedingungen und dieses Lohnniveau möglich ist, ist ja das Problem. Da kann man nicht einfach sagen “Ich respektiere Bangladesh als eigenständige Nation und nutze nur deren Angebot, für das Ausland (also mich) zu produzieren”. Ich würde denen deutsche Gehälter zahlen (Nobelpreis) oder hlat gleich hier bleiben.“

    Sorry, Julian, aber das ist absolut weltfremd. Du willst doch ein Geschäftsmann sein, du hat Dich doch an deiner eigenen Firma versucht. Aber mit der Einstellung wird jede Firma, die du anpackst, über kurz oder lang tot sein. In anderen Ländern herrschen nun mal andere Lohnniveaus. Je mehr die sich europäischen Ländern annähern, desto mehr wächst auch dieses Niveau. In der deutschen Nachkriegszeit gab’s hier auch noch weniger Geld. Das entwickelt sich nun mal. Aber zu sagen, ich geh nach Bangladesh und zahl jedem den Lohn, den er für vergleichbare Arbeit in Deutschland bekäme, ist ehrlich gesagt so … merkwürdig, dass es nicht mal mehr als Grundlage für eine Diskussion reicht.

    – „Wenn der Topmanager einer Bank aber 3 Millionen im Jahr bekommt, stinkt etwas.“

    Nö, tut’s nicht. Wenn die Leistung stimmt. Das Problem ist, dass Boni-Zahlungen etc. auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtet sind. Das muss geändert werden. Wer jedoch eine Firma über längere Zeit zum Erfolg führt ,der hat sein Geld schon verdient.

    – „Du WILLST also Ungleichheit? Wow. Ich nicht. Ich lasse Erfolge zu, lebensbedrohliche Mißstände sollten jedoch der Vergangenheit angehören – weil wir es können.“

    Lebensbedrohlich? Wird hier niemand mehr krankenversorgt, oder wie? Und ich will garantiert nicht in einem Land der Gleichen leben. Du kennst „Animal Farm“? Da siehst du, was passiert, wenn man davon träumt, dass alle gleich sind. Das sind sie nämlich nicht. Fakt des Lebens. Muss man nicht mögen, aber akzeptieren.

    – „Geh mal Samstags zum Einkaufen, die Leute drehen alle durch, weil die Läden einen Tag geschlossen haben werden.“

    Schon mal daran gedacht, dass die Leute samstags einkaufen gehen, weil sie da frei haben?

    – „Der Investmentbanker unterliegt natürlich einem starken Gruppenzwang und ist garantiert geldgierig. “

    Klar, alle Banker sind geldgierig, alle Anwälte sind verkommen, jeder Journalist ein Lump. Hab ich ein Klischee vergessen? Menschen arbeiten – und es liegt in der Natur der Sache, dass sie versuchen, dafür eine Entlohnung zu erhalten, die so gut als möglich ist. Das ist für den Investmentbanker nicht anders als beim Gemüsehändler um die Ecke. Gier gibts freilich auch, denn JEDER Mensch ist anders. Wir sind nun mal nicht alle GLEICH.

    – „r hat nur Papier geschachert und kein einziges Iota Arbeit, mit der er “handelt” selbst gemacht und lebt nur von “Gebühren” und Gewinnen,“

    Natürlich ist das auch Arbeit. Es ist anmaßend von Dir, die eine Arbeit als wertig, die andere als nichtexistent zu bezeichnen.

  11. Hi Pete,

    Deine Sachlichkeit freut und ehrt mich, Du hast Recht: Solange ich die Kommentarfunktion nicht deaktiviere, muss ich mich auch stellen. Also los.

    -„Wir haben ein Sozialsystem, es funktioniert. Wer arbeitslos wird, erhält Hilfe.“ – Jein. Unser Sozialsystem ist würdelos. Menschen können nicht auf Standby-Geldmenge betrieben werden, und der BGH hat ja ebenfalls festgestellt, dass Hartz IV zu niedrig ist. Grundsätzlich haben wir ein System, das Bedürftige nicht hinten runterfallenlassen will, das es aber nicht leisten kann. Die Verwaltung ist ein riesiger Wasserkopf, es wird zu wenig Geld zu spät ausbezahlt, die Betroffenen haben wahrlich nicht den „Rücken frei“, sich in Ruhe eine neue Stelle oder sonst ein Auskommen zu suchen. (Viel interessanter Lesestoff hier)

    -Der Punkt zu Kik (et al.) ist ja, dass sie deutsche Löhne nicht zahlen wollen, weil sie sonst nicht soviel Gewinn machen würden, oder sonst in dieser Form aufgeben müssten. Das heißt, dass solche Konzerne ja absichtlich darauf zählen, das Lohngefälle auszunutzen. Das ist m.E. nur bedingt mit dem Nachkriegsdeutschland zu vergleichen. Natürlich ist es eine satirische Utopie (daher auch meine Nobelpreis-Anmerkung) gewesen, deutsche Löhne für Bangladesh zu fordern, aber „landesüblich“ verbessert deren Situation halt nicht. Die Wahrheit liegt dazwischen. Und wenn ich mir anschaue, welche Dumpinglöhne es mittlerweile hierzulande gibt, haben wir das Problem offenbar reimportiert (und es mit uns machen lassen).

    -Okay, Boni-Zahlungen müssen anders gestaltet werden. Doch wo bitte stimmt die Leistung? Der Bankkunde kriegt 2% auf sein Guthaben, die Bank macht damit fett Geschäfte (oftmals auf Kosten der Dritten Welt, siehe Let’s Make Money), und worin besteht die Leistung des Managers? Die Aktienkurse in die Höhe getrieben zu haben? Hatten wir nicht genug Seifenblasen? Ein Ackermann könnte mit 100.000 Euro im Jahr auch in Saus und Braus leben, nur halt ohne Privatjet. Ein Steve Jobs zum Beispiel muss jeden Rechner verkaufen, um sich sein Gehalt leisten zu können, da gibt’s wenigstens einen Bezug. Aber ein Banker, dem ich mein Geld gebe, und der mir 2 % gibt, für sich aber 30% rausholt, das ist unfair. Wenn eine Bank sagen würde: „Geben Sie uns Ihr Geld, wir teilen den Gewinn, aber auch den Verlust 50-50 mit Ihnen“, das wäre mal was.

    -[lebensbedrohliche Mißstände] Ich rede vom ganzen Planeten, nicht nur von Deutschland. Uns geht’s gut genug, dass wir was abgeben könnten, ohne gleich selbst am Hungertuch zu nagen. Ich rede nicht vom Spenden, sondern von Patenschaften usw. Auch erwarte ich nicht, dass alle gleich sind, das wäre vermessen. Doch es ist nunmal so, dass netto auf dem Planeten genug von allem für alle da ist, es wird nur nicht so verteilt, dass jeder wenigstens nicht sterben muss, weil wir leider das Geld erfunden haben. Weil es sich nicht rechnet. Das finde ich leider völlig „sick & twisted“, einfach nur noch pervers.

    -[Samstags Einkaufen] Mag schon sein, dass sie unter der Woche keine Zeit zum Einkaufen haben. Nur: Warum? Jetzt haben die Läden schon bis 20 Uhr offen, und es reicht immer noch nicht? Weil die Leute ja ständig noch länger und mehr arbeiten müssen (und meinen, es zu wollen), wie ich ja im Post schon geschrieben habe. Das ist ein Teufelskreis. Die Lösung ist sicher nicht die Aufhebung der Ladenschlusgesetze. (Es gibt ja auch Diskussionen über die Frage, was man machen würde, wenn es Medikamente gäbe, die das Schlafen überflüssig machten. EIn großer Teil der Leute, die mit dem Thema in Berührung kommen, sagt sinngemäß: „Geil, dann kann ich ja mehr arbeiten!“. Da kann ich nur noch den Kopf schütteln, echt.)

    -[Verallgemeinerung der gierigen Banker] Gut, Du hast Recht, das war ein Vorurteil. Sicher gibt es integere Banker, die nicht auf die schnelle Kohle aus sind. Ich hab die beiden auch schon mal im Fernsehen gesehen, glaube ich.

    -[Papierschachern ist keine Arbeit] Auch hier, ein Vorurteil von mir (das meine ich völlig ernst). Du hast Recht, da habe ich mich verrannt. Doch findest Du es nicht auch ein wenig komisch, dass der Olivenbroker um ein Vielfaches mehr Geld macht als der Olivenbauer, ohne den das alles nicht funktionieren würde? Sicher, es braucht viele Olivenbauern und nur wenige Olivenbroker, aber das Verhältnis stimmt immer noch nicht. Sieh es als Bauernhof: Fünf Leute kümmern sich um die Ernte, eine weiterer sitzt im Haus und kontaktiert die Märkte der umliegenden Städte, um den Verkauf der Oliven zu ermöglichen, zu regeln. Wieso sollte der eine mehr Anteile am Erlös bekommen als die anderen Leute, die an der Ernte beteiligt waren?

  12. – „Menschen können nicht auf Standby-Geldmenge betrieben werden, und der BGH hat ja ebenfalls festgestellt, dass Hartz IV zu niedrig ist. “

    Mag der BGH so sehen, halt ich aber für überzogen. Mag noch angehen, wenn es sich um Singles handelt, aber Familien mit zwei Kindern, die Hartz IV beziehen, haben in der Regel nicht weniger (manchmal sogar noch ein bisschen mehr), als ein normaler Arbeiter, dessen Frau die Kinder großzieht. Arbeitslosigkeit darf niemals stärker honoriert werden als Arbeit. Ansonsten wird nicht mehr gearbeitet.

    – „kik: eil sie sonst nicht soviel Gewinn machen würden, oder sonst in dieser Form aufgeben müssten. “

    Das ist ein Teil der Wahrheit und der Gleichung. Es gibt da draußen nun mal Leute, die nur ein geringes Einkommen haben. Die brauchen auch die Möglichkeit, kostengünstige Kleidung erstehen zu können.

    – „eutsche Löhne für Bangladesh zu fordern, aber “landesüblich” verbessert deren Situation halt nicht. “

    Wenn die Löhne landesüblich sind, dann ist das vollkommen in Ordnung. Die Situation verbessert sich langfristig. Wenn heute 50 Euro im Monat okay sind, können es morgen nicht schon 500 sein. Sozialer Aufstieg des einzelnen, aber auch des Staates ist ein über Jahrzehnte stattfindender Prozeß.

    – Manager

    Banken sind ja nicht die einzigen Gewerbe. Generell wird ja gerne auf alle Manager eingeschlagen. Ich wäre vorsichtig damit, bei anderen Einkommensforderungen zu stellen (100k für Ackermann). Bin mir ziemlich sicher, dass du auch nicht willst, dass man dir vorschreibt, was Du für einen Artikel kassieren darfst.

    – „Mag schon sein, dass sie unter der Woche keine Zeit zum Einkaufen haben. Nur: Warum? Jetzt haben die Läden schon bis 20 Uhr offen, und es reicht immer noch nicht? “

    Reicht sicher, denke aber eher, dass man an einem Samstag ohne Zeitdruck entspannter an die Sache herangehen kann.

    – „In großer Teil der Leute, die mit dem Thema in Berührung kommen, sagt sinngemäß: “Geil, dann kann ich ja mehr arbeiten!”. Da kann ich nur noch den Kopf schütteln, echt.“

    Persönliche Einstellung. Manche Leute lieben ihre Arbeit. Und haben eben auch keinen Bock auf starres 8-bis-17-Uhr-Werkeln. Da steh ich auch nicht drauf.

    – „Wieso sollte der eine mehr Anteile am Erlös bekommen als die anderen Leute, die an der Ernte beteiligt waren?“

    Hängt zum einen davon ab, dass manche Talente einfach lukrativer umgesetzt werden können als andere, andererseits auch davon, dass das Plfücken der Oliven deutlich einfacher ist als das erfolgreiche Verscherbeln irgendwelcher Oliven-Wertpapiere. Es gibt nun mal Jobs, die besser bezahlt sind, weil a.) mehr Ausbildung vonnöten ist oder b.) ein Talent nötig ist, das auch nicht jeder hat.

  13. Hi Pete,

    ich muss weg, daher nur ganz kurz: Ich bin einfach nur dagegen, dass wir „Westler“, die es weitgehend auf dem Rücken anderer Länder zu ansehlichem Wohlstand gebracht haben (Kolonialismus, Rohstoffe, Sklaven) nun die Verantwortung ablehnen, denen, auf deren Schultern wir letztlich gestanden haben, zu helfen.

    Abgesehen davon bin ich grundsätzlich der Ansicht, dass man anderen Menschen helfen sollte, auch wenn sie „anders“ sind als man selbst (Religion, Sitten, politische Einstellung). Grenzen würde ich da erst ganz spät ziehen, zum Beispiel beim Kannibalismus und bei der arrangierten Ehe. Aber es ist für mich zum Beispiel keine Frage, ob der Iran ein Atomkraftwerk haben darf. Natürlich, wieso sollten wir eines haben und ein anderer Staat nicht? Die dortigen katastrophalen politischen Verhältnisse (Steinigungen, Terrorregime) haben ja nichts mit dem Strombedarf von Millionen von Menschen zu tun.

    Auch bin ich m.E. ein moralischer Mensch, daher ist mir wirklich nicht klar, wieso jemand mit einer besonderen Fähigkeit automatisch exorbitant mehr Geld bekommen sollte als ein normaler Mensch. Albert Einstein kam gut zurecht mit seinem sicherlich eher gemäßigtem Gehalt, dieses ganze VIP-Getue von heute geht mir gegen den Strich.

    Ich bin auch nicht faul, wenn ich etwas will und möchte, dann bin ich teilweise die halbe Nacht wach, um voranzukommen. Aber das sollten andere nicht ausnützen dürfen und nach dieser Bereitschaft weniger die Arbeitszeiten anderer festlegen. Ich sehe schon, ich bin vielleicht eher ein Träumer als Du, aber ich beruhige mich in solchen Fällen hiermit. (Unter jenen bin ich ein ganz klitzekleiner. Hoffe ich zumindest.)

  14. Spannnedes (Wort)gefecht, was ihr beide euch da liefert.
    Ich gebe Julian ja im idealistischen Sinne absolut recht, allerdings tun sich solche Prinzipien, die auf gesellschaftlichen Verträgen fußen, leider sehr schwer mit dem Funktionieren über einen längeren Zeitraum.

    Nimm als Beispiel die Krankenversicherung.
    Alle sind bestrebt, für ihre Zahlungen auch möglichst das Maximum an Ansprüchen geltend zu machen (Kur, Medikamente, Arztwahl etc.) anstatt das ganze auch nur für einen Moment mal als das zu sehen, was es ursprünglich war: ein gesamtgesellschaftlicher Vertrag für alle Bürger, wo es naturgemäß denn welche gibt, die mehr (an Leistung) erhalten als sie einzahlen. Wenn jeder aber bestrebt ist, für seine Zahlung möglichst einen Gegenwert zu erhalten (ohne wirklich krank zu sein – ich denke hier an das beliebte „Massagen und Krankengymnastik-Paket“ etwa) kann so ein System nicht funktionieren. Und ein Grundeinkommen würde an ähnlichen menschlichen Prinzipien scheitern.

    Nimm als Beispiel irgendeine größere Gruppe (also so 30-60 Personen), in der die Aufgaben nicht gleich verteilt sind, z.B. das Team eines Low Budget Films. Und jetzt zahlst du allen das gleiche. Und jetzt läßt du dieses Team mal drei oder vier Produktionen in dieser Konstellation machen. Und dann guckst du mal wie die soziale Stimmung ist. Ich glaube, Aufstand, Mißgunst und Neiderei werden nicht ausreichen, um die Zustände auch nur annährend zu beschreiben. Aber das ist nur meine Meinung dazu.

    Von theoretisch-idealistscher Seite hast du meine volle Unterstützung.
    Viel Spaß in Odense.

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