Renn, wenn du kannst

Die lautstärkste Ansage dieses Filmes scheint mir zu sein: Leute, ich Dietrich Brüggemann, Autor und Regisseur dieses Filmes, bin von einem unbeugsamen Stilwillen besessen, um das Drama um einen Rollstuhlfahrer konsequent gegen den Mitleids-Strich zu bürsten.

Sein stärkster Mitstreiter in dieser Absicht ist Robert Gwisdeck, der mit unerbittlicher Konsequenz die Figur Ben, die an den Rollstuhl gefesselt ist, als Zyniker am Rande zum Feldwebel durchzieht, dadurch einen grossen Verschleiß an Zivis hat, der teils fast dozierend die Thesen über Invalidität, Potenz, Liebe und auch die oft gelegentlich als Witze beabsichtigten Texte, die nicht immer lustig sind, mit hoher Sprechpräzision hochfahrend wegspricht. Das hat durchaus etwas Faszinierendes, umso mehr, als er auch die Körperlichkeit der Figur gnadenlos durchspielt.

Der Film leidet jedoch unter der typisch deutschen Drehbuch-Krankheit. Es wird viel zu viel erklärt. Kommt jemand in eine Szene, fragt sie oder er, was los sei. Das sind meist fernsehtaugliche Dialoge, die sich daraus entspinnen, wobei hier sicher mehr Feinarbeit geleistet worden ist.

Ein Running Gag, statt „geil“ „porno“ zu sagen, kommt sehr, sehr konstruiert daher. Genau so wie der Gag mit der Mozart-Büste total aufgesetzt und verkrampft und nicht mal überzeugend dargestellt, dazu noch irgendwie sinnfrei abgespult wird.

Die Überkonsequenz im Gegen-den-Mitleids-Strich-Bürsten der Hauptfigur hat allerdings auch zur Folge, dass sie so negativ rüber kommt, dass es einem überhaupt nicht weh tut, wenn Ben mit dem Rollstuhl ins Eis einbricht. Man gönnt ihm gleich den ewigen Frieden, denn einem rein zynischen Menschen zuzuschauen ist eben nicht sehr erhebend.

Es gibt allerdings einen Augenblick, der ist Kino pur, wenn er mit der Cellistin im Bett liegt und sie ihn fragt, was er wolle und er nach einer Gedankenpause mit von ihr abgewandtem Gesicht antwortet „Liebe“, und das für seine Verhältnisse leise, und wie dann die Kamera einfach auf ihm bleibt, das ist ein schöner Kinomoment, der aber in der übrigen Feldwebelei sehr einsam dasteht.

Das kann die anderen Szenen, in denen Ben durchaus als Neonazi durchgehen würde, nicht aufwiegen. Aber die jungen Filmmenschen dürfen in ihrem Enthusiasmus Fehler machen. Sie können auch nicht, und müssen es auch nicht, alles können. Sie dürfen sich dabei zuviel vornehmen und vielleicht lernen sie die Lektion, dass auch in so ein Projekt, wenn es von mehr als nur von professionell und freiwillig mit Behinderten Befassten gesehen werden soll, eben auch Charme einfliessen muss, Anrührung, Zwischentöne; und dass Schwarzer Humor noch nicht ist, wenn Ben meint, er könne mit Behinderten nicht oder Plattitüden, dass zwei Drittel aller Männer beim Öffnen des BHs schon scheitern.

Fazit: eher eine Etüde für die Fachwelt als Futter fürs breite Publikum.

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