Ich bin dann mal fertig

Ein paar meiner Freunde haben mich reingelegt. Eiskalt über den Tisch gezogen. Mich hintergangen und mir ins Gesicht gelogen. Weil sie mich so gerne haben.

Doch fangen wir vorne an: Die Freundin H. meines Freundes O. orientiert sich beruflich gerade um und kam so zu einigen freien Monaten. Während der Normalverbraucher in solchen Fällen gern mal die Füße hochlegt und sich auf den Balkon zurückzieht, erfüllte H. sich einen Traum: Leben und Arbeiten auf einer Berghütte. Ihre Wahl fiel auf ein Haus im hintersten Ötztal, und dort lebt und arbeitet sie nun in luftigen Höhen für die restliche Saison.

Vergangenen Samstag hatte H. Geburtstag, und O. hatte ein Geburtstagspaket für sie geschnürt: Wir alle, ihr Freundeskreis aus München, würden sie unangemeldet an ihrem Feiertag auf der Hütte überraschen. Wir, so stellte sich bei der Abfahrt am Samstagmorgen um kurz vor sieben heraus, das waren O., die vierköpfige Familie L. und ich. Der Rest hatte abgesagt.

Ich hätte auch fast abgesagt, denn man hatte mir nahegelegt, meine Fähigkeit, einen Berg zu besteigen, vorab zu beweisen. Damit ich die Gruppe nicht aufhalte durch einen Notfall oder ähnliches. Was für eine Frechheit, hatte ich mir letzte Woche noch gedacht, bin ich nicht jung und kräftig und aktiv und beweglich unter meinem zugegebenermaßen nicht mehr ganz zu ignorierendem Ranzen? Ich kann jederzeit Bäume ausreißen, so meine Selbsteinschätzung, und mein Kardiologe sagt mir auch immer wieder gerne „Sie sind stark wie ein Bär“. Wieso sollte ich also vorher einen Fitnesstest machen? Mit einer sakrischen Wut im Bauch begab ich mich also letzte Woche auf die Neureuth am Tegernsee, erklomm den 1241 Meter hohen Berg vom Parkplatz aus in zwei Stunden – statt einer, wie veranschlagt, aber gut, ich bin ja auch etwas langsamer. Nach rund 500 Höhenmetern endlich schwitzend und fluchend oben angekommen, durchströmte mich dieses „Na siehste“-Gefühl, und ich hatte bewiesen, dass ich es noch konnte. Immerhin war dies der erste Berg, den ich seit rund 15 Jahren tatsächlich selber hinaufgelaufen war, anstatt mit der Bahn zu fahren.

Die anderen freuten sich für mich, und meine Teilnahme an der Geburtstagsüberraschung für H. war gesichert. Ich war noch ein wenig nachtragend, hätten sie sich nicht gleich denken können, dass ich den blöden Berg schaffe?

Am Samstag um 11 standen wir dann also auf dem Parkplatz im hintersten Ötztal, bei den Rofenhöfen oberhalb von Vent, auf 2013 Metern Höhe über dem Meer. Das Tal der Rofenache, die von den Gletschern herabkommt, steigt von hier aus sanft nach Südwesten an und wird dabei stetig schmäler. Wir marschierten los, jeder in seinem Tempo. Die Route sollte uns am rechten Hang des leicht gewundenen Tals bis zur rund 6 km entfernten Hütte führen, wir würden zuerst eine langgezogene Links-, dann eine Rechtskurve laufen. Schon nach wenigen hundert Metern hatten sich O. und die Familie L. abgesetzt und ich trottete alleine hinterher. Das überraschte mich nicht, waren sie alle doch versierte Bergwanderer und ich nur der computeraffine Seilbahnfan.

Die erste Pause war zugleich auch unsere letzte gemeinsame: Etwa anderthalb Kilometer oberhalb der Rofenhöfe holte ich die anderen ein (sie machten ja gerade Pause), wir flezten dann noch ein wenig gemeinsam auf einem Felsen herum und erholten uns. Den Pulsfrequenzmesser, den man mir angelegt hatte, nahm man mir wieder ab, da die Batterie alle war. Direkt nebenan befand sich die krude Talstation der Materialseilbahn zur Vernagthütte, und ein Lattenzaun zog sich den Hang hinauf. Zwischen der Schlucht der Rofenache und den weiter oben gelegenen steinigen Einöden des Vorderen Brochkogel trennte er die zivilisierte Welt der bewirtschafteten Bergwiesen vom Geröll und den kargen Graslandschaften des Hochgebirges.

Nach der Pause zogen O. und Familie L. recht schnell von dannen, während A., die Frau und Mutter der Familie L., bei mir verweilte, damit ich nicht alleine wandern müsse. Sehr nett von ihr!

Ich hatte mich mit Google Maps auf die Tour vorbereitet und mir gemerkt, dass drei größere Gebirgsbäche zu überqueren sind, bevor das Hochjochhospiz, das Ziel unserer Reise, überhaupt in Sicht kommen würde. Der erste dieser Bäche stürzte auch direkt hinter dem Lattenzaun ins Tal, der Weg führte über ein großes Metallrohr, durch das der Bach geführt wurde, bergan.

Der zweite Bach ließ ebenfalls nicht lange auf sich warten, er war gleichsam durch eines dieser Rohre geführt worden und man konnte bequem darüber hinwegspazieren.

Spätestens hier wurde mir deutlich vor Augen geführt, dass eine Bergwanderung wie diese kaum zuhause geplant werden kann. Guckt man sich nämlich die Route mit Google Maps an, also von oben auf den Satellitenbildern, dann sieht der Weg aus wie ein Wanderweg entlang eines Wildbachs. Benutzt man Google Earth, kann also das ganze in 3D aus der Ich-Perspektive von einem höhergelegenen Standpunkt aus betrachten, sieht das Tal aus wie ein gleichmäßig flach ansteigender V-Einschnitt im Gelände, und der Weg wie ein bequem zu spazierender, leicht erhöht liegender Wanderweg am Fluss.

Steht man aber nach über drei Stunden Wanderzeit klatschnass geschwitzt, abgekämpft und keuchend auf einem Weg, der aussieht, als sei er lieblos aus schuhkartongroßen Steinbrocken aufgeschüttet worden, und das ganze 50 Meter über einer Schlucht mit reißenden, schäumenden und fauchenden Gletscherwassern darin, dann wird einem zumindest klar, dass Google zwar vieles kann, aber zur Wirklichkeit noch ein gewisser Unterschied besteht.

Eine weitere halbe Stunde später – mittlerweile musste ich alle zwanzig Meter kurz stehenbleiben und alle rund hundert Meter einen Schluck Wasser trinken – kamen A. und ich zum dritten Gletscherbach. Die anderen hatten wir schon über eine Stunde nicht mehr gesehen. Ich wusste, nun hatten wir zwei Drittel geschafft, es sind nun nur noch ca. 2 km Wegstrecke bis zur Hütte. Doch ich war fertig mit der Welt. Über den Bach, der eigentlich schon als Fluss durchgehen würde, war er doch locker ein Dutzend Meter breit, führte eine schmale Holzbrücke mit hüfthohen Geländern. Nach der Überquerung der schäumenden Wasser beschloss ich, eine größere Pause einzulegen und legte mich kurzerhand samt Rucksack in der Nähe eines Schildes in die Wiese. Auf dem Schild las A., dass das Land Tirol hier einen 170m hohen Staudamm zur Erzeugung von Wasserkraft errichten wolle und dass die Tiroler Bürger das zu verhindern suchten. Ich fand das Projekt prima, denn das bedeutete, dass es in Zukunft eine Straße bis hier hinauf geben würde und ich mich nie wieder kilometerweit durch dieses beschissene Trümmerfeld kämpfen würde müssen. Den Rest der Strecke würden wir dann in einem schneeweißen Segelboot auf dem Stausee zurücklegen und schließlich bequem zur Hütte spazieren.

Ich war also ganz offensichtlich am Ende meiner Kräfte und fantasierte vor mich hin, während ich auf dem Rücken lag wie eine umgekippte Schildkröte und mein Gesicht mit dem völlig nassgeschwitzten Schlapphut meines Vaters, den dieser schon durch Jordanien und Syrien geschleppt hatte, vor der Höhensonne schützte. Natürlich hatte ich mich eingecremt, LSF 50 ist das Mindeste für meinen zarten nördlichen Teint (ich war ja früher rothaarig), doch will man die Sonne halt nicht im Gesicht haben.

A. und ich saßen und lagen also bei zwei Drittel der Strecke und erholten uns. Wobei ich der Fairness halber zugeben muss, dass ich der einzige war, der Erholung nötig hatte, denn A. ist genauso fit wie ihr Mann und die Töchter, 12 und 14, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits gekühlte Getränke schmecken ließen, wie ich später herausfinden sollte.

Eine Kräfte-Inventur brachte kein gutes Ergebnis: Die Blasen, die ich mir auf der Neureuth geholt hatte, schmerzten, mein Puls wollte sich einfach nicht beruhigen und bumperte mit geschätzten 150 Sachen, mein Mund war strohtrocken, meine Haut schweißnass, meine Hände zitterten, mein Atem ging schnell und flach, und pinkeln musste ich auch nicht. Auch nach rund 10 Minuten hatte sich daran nicht viel geändert, doch A. drängte zum Aufbruch, damit der Kreislauf nicht zu sehr einbreche. Es hilft ja nichts, dachte ich mir, jetzt drehe ich auch nicht mehr um, also los.

Und hier begann meine persönliche Hölle.

Der Weg stieg weiterhin unschuldig flach an, ich konnte mir richtig vorstellen, wie ein Normalgewichtiger hier federnden Schrittes forsch bergan schreitet und sich an der Landschaft und der guten Luft erfreut. Ich stampfte dahingegen daher wie eine rostige Dampflok, keuchend und schnaufend, nach Luft schnappend, mit hochrotem Kopf, dampfend und funkenstiebend, einige mit Butter beladene Waggons ziehend. Dass ich zu schwer bin, weiß ich schon lange, den Nagel der Frechheit diesbezüglich auf den Kopf getroffen hatte eine fremde Wanderin gleich zu Beginn der Tour, die, als wir kurz vor Abmarsch noch eine Hängebrücke über die Schlucht besichtigten, auf meine Bemerkung „Hoffentlich wird’s nicht zu steil später“ antwortete mit „stimmt, Sie haben ja das Bierfass dabei“. Nun spürte ich also jede einzelne Fettzelle unter meiner Haut, die zwar massig Energie für harte Steinzeit-Winter liefern könnte, sich aber bei so kurzweiligen Anstrengungen eher passiv verhält und sich wie ein blinder Passagier zur nächsten Mahlzeit schleppen ließ, einfach nur so im Gewebe herumhängend wie in einer Hängematte. Ich verfluchte meine Lust am guten Essen mit jedem Höhenzentimeter, den meine tapferen Beine mein Becken und den darauf befindlichen Rest einmal mehr nach oben stemmten; ich hasste meine Gemütlichkeit und Bequemlichkeit und ich wollte einfach nicht glauben, dass von unserer 12-jährigen bis zu über 70-jährigen Fremden wirklich jeder mich auf dem Weg nach oben überholte, und das auch noch freundlich grüßend.

Während ich mich vorankämpfte, hinter mir stets treu fürsorglich und aufmunternd A., verschlimmerte sich die ohnehin schon nicht ganz unernste Kreislaufsituation. Es fiel mir zum Beispiel immer schwerer, mich auf den Weg zu konzentrieren. Ständig wanderte mein Blick hierhin und dorthin (alles innerhalb des schmalen Sichtfeldes, das ich mit hängende Kopf erkennen konnte), doch ich konnte den Weg und die zu vollziehenden Schritte nur mehr vage wahrnehmen. Es war ungefähr so, als wollte man betrunken einen Brief schreiben: Die Zeilen tanzen vor den Augen, und nach drei Worten hat man schon vergessen, wie der Satz angefangen hat, geschweige denn, wie er enden soll. Alle paar Meter brauchte ich eine Pause. Ich setzte mich auf nahezu jeden Stein am Wegesrand. Ich war dem Erbrechen nahe, schmeckte Galle. Eine Traubenzuckertablette, die A. mir gab, wollte ich am liebsten wieder ausspucken, weil der Orangengeschmack eine brutale Vergewaltigung meiner auf das Minimum geschrumpften Empfindungswelt darstellte, mir eine Dimension bot, die einfach nicht ins Bild passte, quasi eine Unwucht in mein Kern-Selbst brachte, auf das ich reduziert war. Ich konnte schon lange nicht mehr reden, hörte nur noch bruchstückhaft, was A. mir zur Motivation zurief, wusste, dass ich nun selbst Wasser nicht mehr behalten würde, wenn ich trinken würde.

Die blöde Hütte müsste doch bald in Sicht kommen! Vor nicht einer Viertelstunde hatten uns entgegenkommende Wanderer euphorisch mitgeteilt, dass es „nur noch rund eine Stunde“ dauern sollte. Ich hätte sie in die Schlucht geschleudert, wenn ich die Kraft dazu gehabt hätte. So schleppte ich mich den immer noch sanft, aber dennoch unerbittlich ansteigenden Weg entlang des Hanges nach oben. Das Tal bog weiterhin gemächlich nach rechts ab, und so ergab sich alle paar Meter ein neuer Horizont, der zwar nahe war, aber den Blick auf das heiß ersehnte Ziel versperrte.

Nach unzähligen Pausen, bei einer von denen ich tatsächlich vor Erschöpfung einschlief und von A. geweckt werden musste wie im Antakrtis-Expeditions-Abenteuerfilm oder bei Luis Trenker in der Gletscherspalte, kamen wir um eine weitere Kante im Gelände – und erblickten endlich das Hochjochhospiz! Die Freude! Leider währte sie nicht lange, denn was ich gesehen hatte, war ein kleiner Unterstand für die Schafe nebst Hütte für ein oder zwei Hirten, aber immerhin mit wehender österreichischer Flagge als Zeichen für notleidende Bergsteiger („hier ist gerade jemand da“). Die Berghütte selbst war jedoch gleichzeitig in Sicht gekommen, ich hatte sie nur nicht sofort bemerkt. Sie war klein wie eine Erbse, die am ausgestreckten Arm gehalten wird und lag nicht vor uns, sondern über uns, und zwar rund 150 Höhenmeter. Der Weg knickte an dieser Stelle auch brav nach oben ab und hielt schnurstracks auf die Hütte zu.

Meine Motivation verflog so schnell wie mein Schweiß verdampfte (von Verdunstung konnte an dieser Stelle keine Rede mehr sein), und so machten A. und ich uns auf den (für mich) so beschwerlichen Weg zur Hütte. Wie gehabt, musste ich alle paar Schritte eine Pause einlegen und lehnte mich auf die Wanderstöcke, die A. mir gleich zu Beginn der Tour überlassen hatte. Nach einer gefühlten Stunde für tatsächliche rund 400 Wegmeter erreichten wir, ich dem Delirium nahe, einen letzten Wegweiser, der andere Strecken auswies und von dem aus sich ein letzer Bogen des Pfades zur Hütte spannte. Hier stehend hatten uns die Töchter von A. entdeckt und sprangen uns nun entgegen. Sie hatten sich bereits seit rund zwei Stunden auf der Hütte aufgehalten, eine Runde geschlafen und getrunken. Die ältere bot mir an, meinen Rucksack zu nehmen, doch ich lehnte ab; diese paar Meter würde (und wollte) ich auch noch ohne Hilfe schaffen.

Und tatsächlich: Nach drei weiteren Pausen in frustrierender Nähe zur Hütte konnte ich mit der rechten Hand endlich das hölzerne Geländer der Sonnenterrasse ergreifen und wusste: ich hatte es geschafft!

Noch bevor ich die letzte Stufe des Weges nahm, um auf die Terrasse zu treten, bückte ich mich, wie ich war, unter den Zufluss des Holztrogs, der vor dem Haus stand und ließ mir das eiskalte Gebirgswasser durch die Haare, über das Gesicht und den Nacken fließen. Sicherlich eine volle Minute stand ich so da, fertig mit der Welt, hin- und hergerissen zwischen absoluter Glückseligkeit darüber, die Strecke geschafft zu haben und nackter Mordlust an meinen lieben Freunden, für die das alles nur ein Spaziergang war (und die eigentlich von hier aus am selben Tag noch eine Tour machen wollten).

Schließlich richtete ich mich auf, und wankte wie ferngesteuert auf die Terrasse, dann die Treppe zum Haus hoch, und dort durch die Tür ins dunkle Innere. Jemand grüßte mich, doch ich erinnere mich kaum an Details. Irgendwie zog ich meine (etwas zu kleinen, wie ich schmerzlich erfahren musste) Schuhe aus und kam in unser Lager im zweiten Stock (ein 5er-Zimmer für Familie L. und mich), trank den letzten Schluck meiner 3 Liter Aldi-Sprudel, besorgte mir eine Duschmarke, duschte (sogar warm), zog trockene Klamotten an und kam langsam wieder zu Sinnen, als ich gerade eine eiskalte, kristallklare, und überhaupt beste Apfelschorle aller Zeiten in einem Zug austrank. Ich war um 16 Uhr angekommen, nach 5 Stunden Wanderzeit, statt der angegebenen 2.5 Stunden (also mit demselben Faktor wie bei der Neureuth).

H. freute sich unbändig, mich zu sehen, denn dass ausgerechnet der Dicke aus unserer Runde diese Tour für ihren Geburtstag auf sich genommen hatte, galt viel. Familie L. und O. bekundeten einstimmig und mehrfach, dass sie unglaublich stolz auf mich seien, diesen Aufstieg geschafft zu haben. Ich glühte vor Stolz, gehörte ich denn offenbar noch nicht zum Ausschuss, und ich glühte tatsächlich, denn immer wieder fassten sie mir an die Unterarme und die Stirn, fasziniert darüber, wieviel Abwärme so ein Organismus doch produzieren kann (ich sag nur Kernschmelze). Tatsächlich trug ich den gesamten Rest des Tages nur ein T-Shirt und fror kein bisschen, während andere Bergsteiger in ihren teuren Klimajacken daherkamen und sich stumm fragten, wo denn nur der Hubschrauber stünde, mit dem der Dicke auf die Hütte gekommen sein musste. Es war ein tolles Gefühl der Gemeinschaft: Wer es auf die Hütte geschafft hatte, der war „drin“, egal wie schwer oder alt.

Lustigerweise hatte auch noch Thomas, der Hüttenwirt, an diesem Tag Geburtstag (er ist ein Jahr jünger als ich), und so feierten wir nach dem Abendessen ein wenig Geburtstag (das Halbpension-Essen, das wir alle wählten, um die Küche nicht zu sehr mit à la carte-Bestellungen zu belasten, bestand aus der Graupensuppe, dann Hackbraten mit Gemüse und Kartoffelbrei sowie Eis mit roter Grütze), dann zogen wir mit dem Wirt die Hüttenruhe, sonst streng bei 22 Uhr, mit Schnaps und Prosecco ein wenig nach hinten, während sich um uns die Tische leerten. Über den Abend hatte ich doch glatt nochmal 3 Liter Getränke zu mir genommen (Apfelschorle, Schiwasser (Himbeer-Zitrone-Sprudel), Cola, Radler und zwei Bier) und musste immer noch nicht pinkeln, und das Essen war sowieso das beste der Welt. Dass Deutschland gerade im kleinen Finale um Platz drei kämpfte, interessierte hier oben keinen, auch gab es keinen Fernseher in der Gaststube. In der Küche hatten sie einen, aber der zeigte ein anderes Bild, doch irgendwer musste Radio hören oder die Spielstände so mitbekommen, denn wir wurden von der Hüttencrew unauffällig auf dem Laufenden gehalten.

Schließlich wanderten auch wir auf unser Lager, und schlüpften in unsere mitgeschleppten Hüttenschlafsäcke. Meiner war zuletzt 1992 in einer irischen Jugendherberge am Ring of Kerry benutzt worden und lavendelfarben, und außerdem irgendwie recht eng geworden. Das Fenster von unserem Zimmer 36 hatten wir offengelassen, so rauschte die ganze Nacht die vom Gletscherwasser gespeiste Rofenache. Ich lag ganz an der einen Seite, neben der jüngeren Tochter der Familie L. (ich bin so eine Art Patenonkel der beiden), und da ich ihr nicht ins Gesicht atmen wollte, drehte ich mich zur Wand, was üblicherweise nicht meine Einschlafseite ist. Dies führte zu dazu, dass ich nur schlecht einschlafen konnte, und als ich endlich schlief, schreckte ich verschwitzt und benommen in meinem hölzernen Eck auf, und das immer wieder aufs neue. Ausgelaugt und todmüde, wie ich war, schloss ich messerscharf, dass ich in einer CO2-Lache liegen musste und mein Körper mich durch das Aufschrecken nun schon mehrfach vor dem Erstickungsod bewahrt haben muss. Kein Wunder, die Luft auf über 2500 Metern ist ja ohnehin schon dünn, und da draußen nur ein paar Gräser wachsen, ist Sauerstoff natürlich Mangelware, so meine schlaftrunkene Überzeugung. Also drehte ich mich um und verbrachte den Rest der Nacht mit dem Kopf am Fußende meiner Matratze, weckte zweimal die Familie L. durch Schnarchen, erhielt aber im Gegenzug auch ein paar Tritte meiner Nachbarin ins Gesicht.

Am nächsten Morgen konnte ich schon um halb sieben nicht mehr schlafen, wusch mich und zog mir die dritte und letzte saubere Garnitur an, die ich auf den Berg geschleppt hatte, dann ging ich frühstücken. Selbstgebackenes Brot mit Salami oder Käse stand zur Auswahl, dazu Joghurt, Müsli, Milch und Streichkäse. Keine Eier (die würden hier ewig kochen), keine Croissants und ähnlichen modernen Schnickschnack, wohl aber Filterkaffee oder verschiedene Teesorten. Ich wählte Schwarztee, den hatte Edmund Hillary sicher auch am Morgen des 29. Mai 1953. Außerdem bin ich ihn gewohnt von 30 Jahren Irlandreisen.

O., Vater L. und die ältere Tochter stiegen nach dem Frühstück noch schnell auf die Mittlere Guslarspitze (3126 Meter, also nochmal rund 700 Höhenmeter, ist ja kein Problem), während A., die jüngere Tochter und ich uns zum Abstieg bereit machten. Ich war gut erholt, hatte nun aber eine gewisse Nervosität im Bauch, nicht unähnlich einer massiven Prüfungsangst. Die wurde nicht besser, als das Mädchen mir sagte: „Du darfst den Abstieg auf keinen Fall unterschätzen, der kann genauso anstrengend sein wie der Aufstieg!“. Diese Weisheit war mir zwar auch schon lange bekannt (ich war ja nicht immer dick, und das ist auch nicht meine erste Bergtour), doch noch so eine Strapaze wie am Tag zuvor konnte ich mir nicht leisten. Übrigens liegt der Fundort von Ötzi quasi in Sichtweite der Hütte hinter einem Kamm, eine Gesellschaft, die einem ein gutes Gefühl für seit 5000 Jahren verbesserte Bergwanderbedingungen geben könnte, in diesem Fall für meine Stimmung aber eher abträglich war.

Doch zum Glück erwies sich der Abstieg als nur rund ein Zehntel so anstrengend für mich wie der Aufstieg – was sicher daran lag, dass ich mein „Bierfass“ nicht in die Höhe heben musste und dass meine Beine genau diese Bewegung (Lenken und Bremsen) bei jedem Schritt im Münchner Alltag sowieso trainieren. Beim Abstieg kamen wir recht flott voran, wobei wir natürlich auch ein wenig ins Schwitzen gerieten, doch ich jedenfalls längst nicht so brutal wie beim Aufstieg. Ich brauchte sogar nur drei Pausen insgesamt, plus einige kleine an den Stellen, wo es streckenweise wieder bergauf ging.

Nach drei Stunden waren wir wieder beim Auto angekommen. Ich wusch mich in einer weiteren Tränke (in voller Sicht der Gäste einer Restaurantterrasse, doch das war mir herzlich wurscht), zog mir eine vierte, im Auto gelagerte Garnitur sauberer Wäsche an und trank eine Apfelschorle im Restaurant. Nach zwei Stunden kamen die anderen vom Berg (sie hatten den Gipfel in drei statt fünf Stunden geschafft, auf dem Hochjochhospiz nochmal gegessen und waren dann doppelt so schnell wie wir abgestiegen, also viermal so schnell wie ich aufgestiegen bin), und wir fuhren ab Richtung Heimat.

Für mich ist dieses Wochenende an innerer Zerrissenheit kaum zu überbieten. Zum einen lockten meine Leute mich in die gemeine Fitness-Test-Falle, um mich zu motivieren, die weit anstrengendere Höhentour überhaupt anzutreten, zum anderen habe ich die Tour ja auch tatsächlich geschafft, wenn auch knapp. Mir tut heute noch alles weh, zum Glück nur noch leicht. Nur mein Rücken nicht, der scheint von der Gymnastik profitiert zu haben. Ich habe außerdem zwei fette offene Blasen an den Fersen, schreite nun aber mit geschwellter Brust und einem ganz neuen Selbstbewusstsein durch die Welt. Denn ich war oben. Ich gehöre dazu. Ich bin auf einen Berg gestiegen!

Bei Licht betrachtet sieht die Sache jedoch anders aus. So bin ich leider tierisch unfit für mein Alter, und viel zu schwer. Die Tour war mit 400 Höhenmetern (von 2013 auf 2413) im Grunde gar nicht so gewaltig, wenn auch die dünne Luft ein Malus für Untrainierte darstellt.

Doch was wichtig ist: Ich war dabei, es hat mir Spaß gemacht, und wenn meine Freunde mir abgeraten hätten, wäre ich sicherlich eingeschnappt gewesen. So war die Angelegenheit eine Zwickmühle für sie wie für mich, und die Lösung über die kleine Flunkerei war ideal. Ich bedanke mich! Vor allem bei A., ohne die ich es sicher nicht geschafft hätte. Und gehe von nun an öfter ins Gebirge (brauche aber erstmal ordentliche Wanderschuhe, die mir keine Blasen garantieren). Und mal sehen, vielleicht geht auch was in Richtung Abnehmen. Aber ich verspreche gar nichts…

Und nun bitte ich um Dicken-Bashing, Moppel-Mobbing und Fetten-Flaming in den Kommentaren!

5 Gedanken zu „Ich bin dann mal fertig“

  1. War sicherlich eine tolle Tour auch wenn es sich zeitweise so liest als hättest Du die gesamte Welt dafür gehasst, dass man Hütten auf einen Berg baut und Du da auch noch hoch „musst“ 😉
    Bei der Neureuth haben Dani und ich vor zwei Jahren im Winter EXAKT die gleiche Strecke genommen wie Du, allerdings lagen bei uns ca. 1,5 bis 2m Schnee. Und wir haben da oben auch nicht das Essen (es war Ruhetag), sondern eine Tupperdose gesucht.
    Vielleicht solltest Du doch mal mit Geocaching anfangen, eigentlich wollten wir da doch mal ’ne kleine Tour machen in der ich Dir das alle zeige, denn scheinbar hängt bei Dir viel von der Motivation ab und gerade Wander- und Bergtouren sind für mich mittlerweile sehr viel einfacher, wenn ich weiß, dass ich am Ende des Tages meine Statistik (ich bin nunmal doch statistikgeil) besser aussieht und ich wieder eine Dose mehr gefunden habe!

  2. @Iris: Danke! Du hast die Tour sicherlich schon ein paarmal gemacht – in wenigen Sekunden, nur ein paar Kilometer weiter oben… 🙂

    @Markus: So war es auch, ich empfand Zugzwang bei der ersten Tour, der sich aber bei der zweiten Tour rückwirkend als absolut gerechtfertigt herausstellte. Aber ich spreche das ja deutlich genug aus und gestehe meine Verfehlungen brav ein… Wenn Du die Neureuth-Tour nochmal machst, und dabei Dani trägst, dann hast Du ungefähr eine Vorstellung davon, wie es mir ging. Jungejunge, das ist ein Geschleppe ständig. – Geocaching ist definitiv eine Idee. Zuerst möchte ich ein paarmal auf kleine Berge wie z.B. die Neureuth, dann brauche ich auch noch ordentliche Schuhe, und wenn das alles stimmt (und die Kohle auch), dann such ich mir ein Mac-kompatibles GPS-Teil und es kann losgehen. Finde ich super, und ich komme auch gern auf Dich zurück. Zunächst möchte ich mich aber ein paar Meter bewegen können, ohne kreislaufmäßig sofort in den roten Bereich zu kommen…

  3. Ich bin schwerstens beeindruckt. Vielleicht könnten wir ja so was kleineres zum Üben mal zusammen angehen? Das müsste dann halt was sein, wo die Mäuse mitlaufen können- für einen Anfang vielleicht gar nicht schlecht. Und wenn es nette Begleitung durch dich und vielleicht auch noch ein schönes Ziel gibt, könnten wir meinen Göttergatten sicher auch dazu bringen… 😉

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