Transit (Filmfest München)

Romanze eines verspäteten Fernfahrers mit einer abgehauenen Nutte inclusive philosophischer Gespräche über den Fahrtenschreiber, einem Zuhälter, der ständig in einen weinerlichen Ton verfällt, mit viel Figur- und Dialogerfindung am Computer und wenig Recherche vor Ort (konträr zu Scorsese, AMERICAN BOY und AMERICAN PRINCE hier am Festival) als gewöhnungsbedürftiger Versuch der Bebilderung von zarten Streicher- und Pianoklängen des Babelsberger Filmorchesters, immerhin mit einen schön fotografierten Münchner Messeturm und dessen gewaltiger Betonumgebung. Es ist kaum zu erwarten, dass diese Bild-Musik-Kombination in den Gehirnen der Zuschauer Tsunamis der Fantasie oder der Erkenntnis auslösen wird.

7 Gedanken zu „Transit (Filmfest München)“

  1. Also bei dem wahnsinns Feedback, welches dieser Film bekommt, ist diese Kritik nur schwer nachvollziehbar. Das der Regisseur hätte besser recherchieren sollen, ist lustig, fuhr er doch selbst jahrelang LKW (!!!) wie überall zu lesen ist. Gerade die Beobachtung des Milieus mit all seinen Details wird ja von allen Seiten besonders gelobt. Vielleicht sollten Sie auch mal weg vom Computer und etwas mehr vor Ort recherchieren…;-)

  2. Lieber Manuel Schacher, vielen Dank für die Reaktion; da muss ich Ihnen recht geben, ich finde auch, ich sitze zuviel am Computer.
    Trotzdem werde ich versuchen, meine Review etwas verständlicher zu machen (leider schon wieder am Computer).
    Just an diesem Filmfest konnte man sehen, in „American Boy“, wie ein Martin Scorsese Feldforschung betrieben hat, wie er einen, der Szene kennen gelernte hatte, Steve Prince, quasi absaugte und im zweiten Film „American Boy“, war dann zu sehen, wie aus diesem Material berühmte Szenen im amerikanischen Kino geworden sind. Das Filmfest hat uns also eine hohe Messlatte an die Hand gegeben.
    Auf die Formulierung mit der Recherche kam ich dadurch, dass mir in einer Szene mit den LKW-Fahrern auf der Raststätte die Texte, die sie sagten, recht glaubwürdig vorkamen, ich habe ja nicht das Nicht-Vorhandensein von Recherche bemängelt, sondern ein zu Wenig an Recherche, und so habe ich mir ausgemalt, dass der Autor bestimmt ein paar Mal auf so eine Raststätte gefahren ist und entweder mit verstecktem Mikro aufgenommen hat oder sich heimlich Dialoge und Aussprüche notiert und das Material dann für die Szene im Drehbuch etwas frisiert und verwendet hat. Aber viel anderes kam mir doch sehr erfunden vor, vor allem die Geschichte mit der Nutte,und so auch die Dialoge, es wird mir zuviel erklärt und generell kommen die mir zu „vernünftelnd“, die philosophische Diskussion über den Fahrtenschreiber kam mir so, wie sie gespielt worden ist, auch erfunden vor (am Computer!). Oder der Umschwung bei der Nutte, von völlig kaputt auf hübsch und befreit, wie sie mit dem LKW-Fahrer dann unterwegs ist, nach allem was sie erlebt hat, innert kürzester Zeit und dann im nächsten Moment wieder so hysterisch, wenn der Zuhälter wieder auftaucht.
    Was mich in meiner Argumentation noch bestärkte war auch der Endruck, dass das Spannungsmoment der pünktlichen Lieferung zwar anfangs vom Chef deutlich gemacht worden ist, aber ich habe als Zuschauer nicht eine Minute mitgezittert, ob er die Ladung auch rechtzeitig schafft oder nicht. Das Thema war dann über weite Strecken wie ausgeblendet. Und wie er dann sein „Waterloo“ erlebte, dass die verspätete Lieferung nicht angenommen wurde, da habe ich mich gewundert, ob sowas wirklich vorkommt, das schien mir nicht plausibel, also erklärungsbedürftig, aber vielleicht lag das gar nicht an der Recherche, vielleicht ist sowas wirklich schon vorgekommen, aber dann lag es möglicherweise am Dialog und an der Inszenierung.

  3. Na, jeder hat natürlich das Recht, eine Meinung von einem Film zu haben, wenn er sich die Zeit dafür nimmt. Die Frage ist, ob diese Meinung eine öffentliche Kritik sein muss. Ich war nicht bei der Premiere, aber danach redete jeder auf dem Filmfest von Transit und ich habe ihn mir dann in einer Vorstellung angesehen wonach die Leute fast stehend applaudierten. Besonders der Realismus und die Beschreibung dieser Welt wird überall gelobt. Viele sagen, sie denken jetzt anders über diese Welt der LKW Fahrer. Und sowas mit einem Abschlussfilm zu schaffen ist beachtlich. Ich denke, es hat seinen Grund warum so viele bekannte Schauspieler ohne Gage bei einem Hochschulfilm mitmachen…

  4. Wer einen Film macht und den öffentlich zeigt, der muss akzeptieren, dass auch öffentlich darüber diskutiert wird. Kritik- und Meinungsverschiedenheitsvebot verbannen wir doch lieber in die Diktaturen. Und es ist eine besondere Qualität des Internets und gerade dieses Forums hier, dass auch auf jedes Argument, was ich hier zum Beispiel in meiner Betrachtung zu einem Film anführe, eingegangen und regiert werden kann. Sie gehen allerdings auf nicht eine meiner Beschreibungen ein.

    Glauben Sie denn, dass all diese Leute, die jetzt von diesem Film so begeistert sein sollen, überzeugt sind, dass LKW-Fahrer generell abgehauene Huren retten? Ist das die Message dieses Filmes?
    Sorry, mir ist auf dem Filmfest nicht einer begegnet, der über Transit geredet hat und somit nicht einer, der ihn gelobt hat.

    Sollen Abschlussfilme eines besonderen Kritikschutzes bedürfen? Dann sollten die vielleicht besser nicht auf einem internationalen Filmfest gezeigt werden.

    Für mich ist der Film eher der Beweis dafür, dass es noch kein Garant für einen guten Film ist, wenn einer LKW-Fahrer war und dann so eine unglaubwürdige Geschichte erfindet.

    Ich denke der Filmemacher hat sich übernommen damit, nicht nur die LKW-Fahrer-Welt, sondern auch noch die Hurenwelt zu beschreiben. Das ist Überfrachtung, Denken Sie an Spielberg, an DUEL von 1971, sein erster Spielfilm, den er mit minimalsten Mitteln produziert hatte und der ein grosser Erfolg an der Kasse war, auch eine Geschichte von der Landstrasse, die sich den Konflikt aus dem Umfeld der Autofahrer gezogen hat, der brauchte da nicht noch einen Hurenkonflikt und eine Liebesgeschichte.

    Noch eine Frage an Sie, worum meinen Sie, dass es in Transit geht, was halten Sie für den zentralen Konflikt?

  5. Ich gebe Ihnen Recht, dass jeder Film sich einer Kritik stellen muss, aber auch eine Kritik darf kritisiert werden. Ich glaube in dem Film geht es in erster Linie um Einsamkeit. Um eine Welt, die uns verborgen ist, obwohl sie doch zum Greifen nahe scheint. Viele sagten bei der Diskussion danach, dass sie nun ein neues Verständnis haben, was es bedeutet LKW Fahrer zu sein… Das die Hauptfigur nach Jahren der Einsamkeit sich damit zurechtfinden muss, plötzlich eine Frau in seinem LKW, seiner vermutlich letzten Hochburg zu haben, entlarvt doch auf spannende Weise, wie sehr dieser Mensch verlernt hat, mit anderen Menschen, besonders einer Frau zu interagieren. Die leben in ihrer eigenen Welt, weil sie von der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Ihr Argument (um darauf auch mal einzugehen ;-), dass der Film nun die Message verkauen, alle LKW Fahrer retten Huren, geht mir nicht auf. Oder glauben Sie, dass Taxidriver die Message verkaufen wollte, alle Taxifahrer retten jetzt Huren?!?!?!?!? Es ist eine Geschichte und es geht um den jeweiligen Menschen, der sich für etwas entscheidet. Wieso muss stellvertretend für alle sein?

  6. Gut, dann haben wir da schon mal einen Konsens, dass kritisiert und gegenkritisiert werden darf.
    Und Sie werden mir sicher zustimmen, dass gerade bei Abschlussfilmen unserer Film-Hochschulen das erst recht gelten sollte, da es sich bei diesen ausnahmslos um Elite-Institute handelt, die mit von den teuersten Ausbildungsplätzen des Landes bieten, die also eine grosse öffentliche Verantwortung tragen und mit entsprechend anspruchsvoller Messlatte angegangen werden sollten.

    Wenn Sie schon Taxi Driver in die Diskussion bringen, so kann ich mir kaum vorstellen, dass die Leute damals gesagt haben – was Sie zum Beweis der Qualität von Transit anführen – sie hätten ein neues Verständnis dafür gewonnen, was es bedeute, Taxifahrer in New York zu sein.

    Das Verhältnis zur Nutte hat bei Schrader/Scrosese nicht 90 % des Filmes eingenommen, da war doch sehr viel, sehr komplexe Beschreibung von Einsamkeit oder Gestörtheit drum herum, wobei auch Vietnam nicht zu vergessen ist. Travis wird gleich von Anfang an als Figur eingeführt, die nicht schlafen kann, der extreme Dinge erlebt haben muss, da er ja bereit ist nach Harlem zu fahren und dies sogar nachts. Da weiss man sofort, bei dem Typen stimmt was nicht. Obwohl er „so rein wie Nektar ist“, was die Vorstrafen betrifft. Vorbildung, ja, ich kann zählen, reicht das? Ehrenvoll entlassen worden beim Militär. Ledernacken. Er will arbeiten bis er umfällt. – dann lernen wir die Wohnung kennen … wieviel Information über den Typen, wie plastisch der nach wenigen Sätzen, nach wenigen Szenen, nach gerade mal fünf Minuten wird.. … dabei ist der Konflikt noch gar nicht ausgebrochen… dann sitzt er wieder im Taxi, wieder nachts, Blick zum Seitenfenster raus, Leute, dann kommt die erste Hure ins Bild… ganz nebenbei.. „wenns dunkel wird, taucht das Gesindel auf…“…hier wird die Absicht formuliert, er möchte diesen ganzen Abschaum in die Gosse spülen, warum das so ist, wissen wir nicht, aber das dürfte mit dem Hauptkonflikt zu tun haben. ..

    Von solch narrativer Einführung der Figur und der daraus sich entwickelnden Hurenrettung (der Taxidriver würde den Abschaum lieber, siehe oben) kann bei Transit nun wahrlich nicht die Rede sein; uns wird praktisch jeglicher Einblick in die Vorgeschichte, die das Verhalten des LKW-Fahrers erhellen könnte, vorenthalten, ausser dass er bisher zuverlässig war und zuletzt wohl unpünktlich. So simpel war das Problem bei Taxidriver nun wirklich nicht.

    Darum verstehe ich Ihren Satz vom LKW als seiner vermutlich letzten Hochburg überhaupt nicht 😉

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