Screenwriting vs. Hörspiel

Schon oft habe ich mich, öffentlich oder nicht, über schlechte Drehbücher aufgeregt. Überdurchschnittlich oft, so mein subjektiver Eindruck, kommen gestelzte Dialoge voller Redundanz in deutschen Produktionen vor.

Ein Kollege, mit dem ich das mal bei einem gemütlichen Mittagessen diskutierte, wies darauf hin, dass es hierzulande oft Einzelkämpfer sind, die das Drehbuch zu einer Produktion verfassen, während in Hollywood entweder Teams schreiben oder die Bücher auf Herz und Nieren geprüft werden, bevor überhaupt daran gedacht werden kann, sie in Produktion gehen zu lassen.

Das leuchtet ein. Bei uns schreibt obendrein der Regisseur oft selbst, und niemand traut sich, ihm zu sagen, wenn eine Szene Mist ist – oder vermag dies überhaupt zu erkennen. Beim Dreh ist es dann bereits zu spät, und – das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen – herrscht am Set nicht selten ein eitles Kompetenzgerangel unter lauter Pfauen und Gecken, die sich in ihrem Arbeitsbereich von absolut niemandem in die Suppe spucken lassen wollen. Hat man eine bessere Idee, ist aber nur der kleine Assistent, hat man das Maul zu halten und von den Großen zu lernen, selbst, wenn man in einer Sache sogar Recht hätte.

Letzten Sonntag habe ich dem Tatort eine neuerliche Chance gegeben, nun bin ich immer noch damit beschäftigt, meine Zehennägel wieder zu entrollen. Es ist leider ein absoluter Graus, was hierzulande als drehfähiger Dialog durchgeht. Ich hätte diese Unsitte gern „Erklär-TV“ genannt, doch viel besser ist die Wortwahl David Mamets, der in seinem mehr als lesenswerten Rundbrief an die Drehbuchautoren von The Unit diese ganzen unnötig detailreichen Dialogszenen schlicht und einfach, und dabei umso treffender als „Hörspiel“ bezeichnet.

Recht hat der Mann: die meisten Dialoge in deutschen Produktionen kommen voll und ganz ohne das dazugehörige Bild aus. Das mag z.B. bei Soaps (*schauder*) volle Absicht sein, wenn man die noch neben der Hausarbeit verfolgen können soll. Aber wenn auch Vorzeigeprojekte wie Tatort, die ja nicht nur mit auch meinen Gebühren entstehen, sondern auch noch das Aushängeschild für die Fähigkeiten der deutschen Medienlandschaft im Ausland sein sollen, ebenfalls dermaßen idiotensicher inszeniert werden, dann stimmt doch etwas nicht mit unserer Medienlandschaft.

Ich habe eine Szene des letzten Tatorts innerhalb weniger Minuten dramatisch verbessert (in meinen Augen zumindest), indem ich nur die Dialoge ein wenig umgeschrieben und als Untertitel eingesetzt habe. Kaum vorstellbar, was qualitativ noch alles möglich wäre, wenn man das, ordentlich koordiniert und ohne persönliche Animositäten, vor dem Dreh gemacht hätte und dann auch noch eine Inszenierungsqualität gewählt hätte, die nicht dem Takt einer Kaffeefahrt entspricht!

Hier die genannte Szene aus dem Tatort „Kaltes Herz“, bitte beim Ansehen die Anmerkungen aktivieren bzw. aktiviert lassen:

Nun holpert die Angelegenheit ja auch mit meinen Änderungen noch gewaltig, zum Beispiel wollten der Autor den Beamten vom Jugendamt ja sicher bewusst die Beamtensprache in den Mund legen. Da bedarf es natürlich des entsprechenden Kolorits, doch reden Beamte meiner Erfahrung nach nur selten so wie ihre Schriftstücke. Ich kenne bei Beamten eher Depression oder Galgenhumor über die Altbackenheit des Apparatus und die Entfernung der Pension.

In der Szene steckt keine Emotion, und nur wenig „Drive“. Wer obigen Rundbrief von David Mamet gelesen hat und sonst keine Vorbildung in Sachen Dramaturgie hat, wird verstehen, was ich meine. Die Szene plätschert belanglos dahin, die vermittelten Informationen treiben die Handlung nicht gerade aggressiv voran.

Anstelle des hier bisher zu findenden Beispiels einer perfekten Dialogszene aus Pulp Fiction nun stattdessen, wie in den Kommentaren erbeten, ein Beispiel aus CSI Miami. Auch hier handelt es sich um eine Krimiserie fürs TV mit polizeilichen Ermittlern und so weiter, daher fällt der Vergleich mit Tatort wesentlich leichter und ist zugegebenermaßen fairer.

Ich denke, es ist eindeutig zu erkennen, dass CSI wesentlich flüssiger „läuft“ als Tatort. Die Dialoge haben zwar bisweilen auch Hörspielcharakter, aber meiner Meinung nach weit nicht so aufdringlich, sondern wesentlich subtiler.

Ich denke, die Frage, ob es bei deutschen Produktionen noch Verbesserungspotential gibt, ist damit grundlegend beantwortet. Zumindest, was meine persönliche Meinung betrifft.

Danke an Klaus für den Hinweis auf den Rundbrief.

(Ich blogge zur Zeit fast gar nicht, weil ich mich nach meiner Fahrt nach Nürnberg gewaltig erkältet habe und seither mit einem Atemwegsinfekt ringe. Wenn die Husterei vorbei ist und ich gesund bin, werde ich frühlingshaft aufblühen. Das hoffe ich zumindest…)

8 Gedanken zu „Screenwriting vs. Hörspiel“

  1. Nun ja, am liebsten wäre es Mamet der Memo zufolge wohl, wenn diese „Tatort“-Szene überhaupt nicht stattfinden würde. Sein Text ist ja ein einziges Plädoyer dafür, dass jede Szene maximal dramatisch sein soll, also voller Herausforderungen, mit einem klaren Ziel und die Handlung vorantreibend.

    THERE IS NO MAGIC FAIRY DUST WHICH WILL MAKE A BORING, USELESS, REDUNDANT, OR MERELY INFORMATIVE SCENE AFTER IT LEAVES YOUR TYPEWRITER. *YOU* THE WRITERS, ARE IN CHARGE OF MAKING SURE *EVERY* SCENE IS DRAMATIC.

    Was ist die dramatische Herausforderung des Tatort-Kommissars in dieser Szene? Das Behördendeutsch des Beamten zu entschlüsseln?
    Was tun diese zwei Charaktere? Was sagt Mamet dazu?
    ANY TIME TWO CHARACTERS ARE TALKING ABOUT A THIRD, THE SCENE IS A CROCK OF SHIT.

    Mamets Text hat mir noch mal schön klar gemacht, warum US-Serien wie „The Unit“ (wo er übrigens „Creator“ und Executive Producer ist), „The Shield“ oder „24“ so ein sauhohes Suchtpotential haben. Weil da aber wirklich überhaupt kein überflüssiges Gramm Fett mehr dran ist.

    Pulp Fiction als Beleg für Mamets Thesen heranzuziehen, ist insoweit gewagt, dass gerade Tarantino sich natürlich ständig sehr lange und gern mal ganz weit abschweifende Dialoge schreibt. Er kann das, und deshalb darf er das. Aber damit ist er eine große Ausnahme.
    (Und übrigens, die Szene aus dem Clip steht am Ende des Films (Schnittfassung) bzw. irgenwo in der Mitte der Handlung (chronologisch geordnet), jedenfalls nicht „gleich zu Beginn des Films“.

  2. Hi Klaus,

    ja, Du hast schon Recht, die Szene ist im Grunde überflüssig für den Tatort. Ich habe sie als Beispiel für meine stümperhaften Dialogversuche genommen, weil sie recht zu Anfang des Tatort kam und ich mich hier bereits zum wiederholten Mal über die Dialoge aufgeregt habe. Im Großen Ganzen müsste man den ganzen Krimi natürlich anders inszenieren, dann wäre diese Szene natürlich gar nicht drin, absolut meine Meinung.

    Die Szene aus Pulp Fiction habe ich deswegen gewählt, weil sie a) überhaupt im Internet zu finden war, b) zeigt, wie flüssig man schreiben kann (die zehn Minuten vergehen subjektiv genausoschnell wie die zwei quälenden Minuten der Tatort-Szene), und c) ich eigentlich weniger auf die Zielgerichtetheit der Dialoge hinauswollte, sondern mehr auf den Hypnosefaktor, oder wie Du sehr treffemd sagst, den Suchtfaktor: Man kann einfach nicht wegsehen, obwohl eigentlich nur gesessen und geredet wird, also sehr wenig „Action“ stattfindet, ganz ähnlich dem Tatort.

    Dass die Szene in Pulp Fiction hinten steht, mag sein, so genau habe ich ihn nun auch wieder nicht im Kopf. Ich ändere den Blogpost entsprechend.

  3. Ja, aus dem Holz in Dialogen deutscher TV-Produktionen könnte man so viel Papier machen, dass die Urwälder noch jahrzehntelang unberührt bleiben könnten…

    Ich bin zwar immer optimistisch, habe aber – insbesondere bei den rechtlich-öffentlichen – meine Hoffnung auf die Verbesserung fast verloren. Es gibt aber natürlich auch andere Beispiele, wie „Stromberg“, dessen Dialoge grandios, lakonisch und dramatisch sind. Nur sind solche Einzelexemplare schnell weg, als ob im Fernsehwelt eine höchst reaktionäre und konservative Atmosphäre herrschte.

    Ein weiteres gutes Beispiel (ist zwar nicht Deutschland, sondern Österreich): Stockinger. Dieser Witz, diese Dynamik und Ironie, das ist es, was den meisten bierernsten TV-Produktionen aus DE fehlt. Warum diese Kulleraugen? Warum diese Sprechenden Köpfe? Warum diese gespielte Emotionen? Man möchte wahrscheinlich sachlich und professionell wirken, auch bei Unterhaltung. Das ist aber völlig jenseits von Gut und Böse…

    Als ob die alte Generation es auf einmal vermasselt hat, aber der neuen TV-Generation es nicht erlaubt, anders (sprich: besser) zu sein…

  4. Also, ohne hier den Tatort an sich verteidigen zu wollen, aber vergleicht ihr hier nicht alle ein bisschen Äpfel mit Birnen?

    Ich meine: Eine der sicherlich dümmsten Szenen aus einer wöchentlich erscheinenden Krimiserie mit einer Kernszene aus einem nicht zuletzt wegen seiner Dialoge weltweit erfolgreichen Spielfilm zu vergleichen ist doch irgendwie schief. Ein Vergleich mit einem Durchschnittsdialog aus — sagen wir doch mal … „C.S.I. Miami“ — würde sicher weit weniger spektakulär ausfallen.

    Ihr wisst schon, Super-Dialoge wie: Typ sitzt in abgedunkeltem Labor am Computer, wo unter wildem Piepen viele Gesichter durchrauschen. Frau stellt sich hinter ihn: „Hey, was machst du gerade?“ — „Ich gleiche die Daten von dem Datenträger, den wir gefunden haben, mit den Daten in unserem Computersystem ab …“ — „Und?“ — „Bisher negativ …“ — „Und was ist das da?“ (piep, piep, piep!!) — „Das ist unser Mann!!“ (greift zum Jackett) — „Nichts wie los!!“

    😉

  5. Bin ich eigentlich der Einzige, der CSI so strunzlangweilig findet, dass er noch nie eine ganze Folge durchgehalten hat?

    Übrigens, in den Kommentaren zum von Julian verlinkten Text wundert sich auch jemand, dass CSI so erfolgreich ist, wo es doch gegen alles verstößt, was Mamet fordert.

  6. Roland, Du hast völlig recht, Pulp Fiction gegen Tatort ist wie Mike Tyson gegen einen beliebigen Sechsjährigen. Ich gucke mal, ob ich einen entsprechenden Ausschnitt finde und werde den Beitrag dann nachbessern.

  7. Ich habe die Pulp-Fiction-Szene nun gegen CSI Miami ausgetauscht, dem ich auch Anmerkungen zugefügt habe. Die Anmerkungen werden allerdings erst sichtbar, wenn YouTube sie als Video-Layer gerendert hat. Die Szene aus Pulp Fiction ist jedoch weiterhin im Text verlinkt, denn sie ist natürlich immer noch ein zeitloses Musterbeispiel für perfektes Screenwriting.

  8. Ich selbst sitze öfter als mir lieb ist relativ fassungslos vor dem Tatort und ähnlichen Dialog- und Strukturverbrechen, muss hier aber mal eine Lanze für meine Kollegen brechen: In Deutschland haben so viele Köche die Finger beim Drehbuch mit im Spiel (Produzent, Redaktion, Regisseur, Schauspieler, die alle leider mehr zu sagen haben als der Autor, der eigentlich der Experte sein sollte), dass die Drehfassung im seltensten Fall etwas mit dem Buch zu tun hat, das der Autor in monatelanger Arbeit und (oft) mit jahrelanger Erfahrung zu Papier gebracht hat.
    Insofern bitte ich darum, bei aller durchaus berechtigter Kritik an den Drehfassungen mittelmäßiger und schlechter Filme und Serien nicht zu vergessen, dass dies nicht unbedingt auf schlechte Arbeit der Autoren zurückzuführen ist, sondern leider viel zu oft das Ergebnis kreativen Kompetenzgerangels, „politischer“ Entscheidungen und der Unsicherheit vieler Redakteure und des Erfolgsdrucks auf selbige ist, deren Chefs immer öfter aus der Buchhaltung kommen und nur noch auf die Zahlen gucken.

    In dem Zusammenhang noch eine für mich interessante Beobachtung, die ich gerne teile:
    Eigentlich sind sich alle Film- und Fernsehprofis einig, dass man zwar aus einem guten Buch einen schlechten Film machen kann, aber aus einem schlechten Buch im seltensten Fall einen guten Film. Dennoch wird eine als positiv wahrgenommene Produktion fast immer primär der Regie zugeschrieben, kommt sie schlecht an, wird überdurchschnittlich häufig das Drehbuch erwähnt, obwohl die Autoren normalerweise Mühe haben, überhaupt wahrgenommen zu werden. Da stellt sich die Frage an die Filmjournalisten: Wie kommt’s?

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