Schwerkraft

Der Inhalt lässt sich auf zwei Zeilen kondensieren: ein Bankangestellter muss mitansehen, wie ein Kunde, dem er eben die Kreditverlängerung verweigert hat, sich vor seinen Augen erschiesst; daraufhin beginnt der Banker ein Doppelleben.

Warum das kein bisschen spannend ist? Dazu mag ein Beispiel aus der Chemie beigezogen werden. Wer Wasser mit Kalium zur Reaktion bringt, der kann sein explosives Wunder erleben. Warum wir das spannend finden? Weil Wasser für uns lebenswichtig ist wegen gewisser Eigenschaften. Manche Eigenschaften aber kommen erst durch den Kontakt mit Kalium zur Geltung und bewirken eine zerstörerische Reaktion. Weil wir über diese Eigenschaften informiert sind, verfolgen wir solche Experimente jedesmal aufs Neue mit Spannung.

Im Film SCHWERKRAFT wird uns allerdings die Information über Eigenschaften der Hauptfigur, die diese aus der Bahn werfen könnten, vorenthalten. Sie wird während der Titel als absolut stereotype Banker-Karrieristen-Figur eingeführt: Dunkle Wohnräume, Couch, Fotos von einer Frau werden angeschaut, piekfeine Hemden und Anzüge im begehbaren Schrank, Hometraineraktivität, eine Frau kratzt sich, helle Küche, gestylt, ok, ein Polyp am Fenster passt nicht so ganz, Fahrt zur Arbeit im Mittelklassewagen, Gehupe, Geschrei wegen Parkplatz (Ellenbogenmentalität), Großraumbüro.

Nach unserer Lebenserfahrung, wir würden wahrscheinlich auf die Berichte über traumatisierte Lokführer zurückgreifen, würde der Typ durch das Erlebnis eines solchen Selbstmordes vermutlich der psychiatrischen Behandlung bedürfen, würde an einen Arbeitsplatz ohne Kundenverkehr versetzt.

Frederik aber, so heisst die Hauptfigur, fängt übergangslos ein Doppelleben an. Das ist dann in etwa so, wie wenn eine Kugel, die auf einem Gleis rollt, an der Stelle des Ereignisses auf ein anderes Gleis wechselt… Von Schmalspur auf Breitspur beispielsweise. Schwerkraft als ein physikalischer Vorgang. Schade nur, dass Schwerkraft an sich nicht dramatisch ist. (Wolfgang Staudte hatte einen Film mit dem Titel ROTATION gedreht, war sich aber der Probleme eines solchen Titels bewusst und hat den Begriff dramaturgisch wie inhaltlich und sinnbildlich fest im Film zementiert; da könnte der Herr Erlenwein vielleicht noch was lernen).

Frederik fängt also neben der Bank- noch eine Verbrecherkarriere an. Wie dies eingeführt und begründet wird, ist so an den Haaren herbeigezogen und knarzt dermassen im dramaturgischen wie auch im inszenatorischen Gebälk, dass man sich wundert, ob denn dem alten Hasen Jürgen Vogel diese eklatanten Schwächen des Drehbuches und damit auch die Begründung für seine Figur gar nicht aufgefallen sind. Denn laut Buch sind der Exknasti und Security-Man Vogel und der Bankkarrierist Frederik in der Schule Kumpels gewesen. Nach unserer Erfahrung paaren sich schon in der Schule Gleich und Gleich, Streber und Streber, Loser und Loser, Nichtsportler und Nichtsportler aber doch kaum künftiger Banker und künftiger Knasti. Unglaubwürdig.

Doch dieser Exknasti stellt sich nun ohne jeden Konflikt, und die verstehen sich auch gleich wieder, zur Verfügung, dem Banker eine Zusatzausbildung in Verbrecherei zu bieten. Uns bietet sich eher ein Einblick in ein etwas abgehobenes, leicht weltfremdes Filmstudentenhirn.

Aber um den Filmemacher muss einem nicht bange sein. Sein Produkt ist schon mit zwei wichtigen Filmpreisen und mit höchsten Jury-Elogen und auch Preis-Geld bedacht worden.

Die Jury des First Steps Award 2009 hat in SCHWERKRAFT ein „Schwergewicht“ gesehen „großes Kino, unterhaltsam und mit Tiefgang“. Ist uns alles nicht aufgefallen. Sie hat weiter „eine hochexplosive Mischung“, die sich in Frederik aufbaut, gesehen – eben doch gerade nicht! Eben nicht wie oben Wasser und Kalium, ferner „eine dichte Erzählung mit brillianten Dialogen“ – die Dialoge sind zwar geschliffen, aber es sind Kieselsteine und keine Diamanten. Die Jury, die das alles gesehen hat, bestand aus: Marco Kreuzpaintner, Bernd Lange, Klaudia Wick, Katja Riemann und Ludwig Trepte. Vielleicht haben die einen anderen Film gesehen.

Und die Vergabe des Max Ophüls Preises an SCHWERKRAFT wurde unter anderem damit begründet, dass eine Nähe zu den Coen Brothers gesehen wurde (Donnerwetter!), dass der Film von den irrationalen Abgründen im menschlichen Charakter erzähle – doch gerade nicht, er erzählt eben nicht, er behauptet nur, drum ist das so unspannend! Ferner diagnostizierte die Saarbrücker Jury noch „Schwarzen Humor“ und eine „abgründige Charakterstudie“, außerdem ein „Casting bis in die kleinsten Rollen stimmig besetzt“ (richtig, kaum einer konnte den Namen Frederik verständlich artikulieren). Diese Jury bestand aus Iris Baumüller-Michel, Thomas Imbach, Marco Kreuzpaintner (der schon wieder!), Simon Verhoeven und Thomas Woschitz. Was die für einen Film gesehen haben mögen?

Die Jury-Zitate sind der Website des Filmes entnommen.

Wer jetzt in den Film geht aufgrund der Jurytexte und dann enttäuscht ist, der weiss, wo er sich beschweren muss.

Wer aber jetzt nicht in den Film geht, aufgrund dieses Textes hier, und dann von Kollegen erfährt, welches Weltwunder er eben verpasst habe, der soll sich bittschön an stefe wenden.

Natürlich ist es nicht nett, einen Film, dem man den Fleiß, den Schweiß und die Mühe ansieht, die in ihn investiert worden sind, als langweilig zu bezeichnen. Aber das wird er wohl ertragen und verdauen können, bei diesen großartigen Elogen von so berufenen Jury-Warten aus und dem schönen Preisgeld, noch dazu kommt diese Review aus einer Nische im Internet – was sind 300 Klicks täglich auf einer Website (laut bizinformation) gegen die Millionen, die bald in diesen sensationellen Film stürmen werden, der Schwerkraft gehorchen müssend.

Ach, du gute Einfalt!

8 Gedanken zu „Schwerkraft“

  1. Richtig, Julian, wo kämen wir da hin, wenn wir noch eine Gleichschaltung der Geschmäcker hätten!
    Ich habe halt versucht zu begründen, warum ich den Film nicht überzeugend finde, warum der mich nicht vom Hocker haut. Ich muss irgendwo empirisch andocken können an die Handlungen der Figuren. Das kann ich hier beim besten Willen nicht. Oder dann müssen sie so verrückt sein, dass sie wieder quasi dadurch überzeugen. Je mehr Distanz ich allerdings zu diesem Film habe, desto weniger sehe ich sowas.

  2. In einem Interview mit dem Tagesspiegel meinte Maximilian Erlenwein, der Autor und Regisseur von Schwerkraft, „das meiste ist ausgedacht“, „kann nicht sagen, dass die Entwicklung des Stoffes besonders recherchelastig war“. Damit pflichtet er in etwa dem Befund von stefe bei, der meinte, es handle sich eben vor allem
    um Behauptungen oder um Einblicke in ein „abgehobenes, leicht weltfremdes Filmstudentenhirn“.

  3. Tatsächlich. Vielen Dank für den Hinweis, Rudi. Das ist doch in der Tat bemerkenswert.. In dem Interview sagt Erlenwein sogar, er hätte sich überlegt, ein Praktikum zu machen – aber, man höre und staune: in einer Bank. Das ist schon grotesk, da macht einer einen Film ganz eindeutig zum Thema Trauma – oder dieser Frederik ist eine so abgebrühte Sau, dass der Selbstmord eines Kunden ihn nicht im geringsten traumatisiert, denn die Verbrecherlaufbahn kann nun bestimmt nicht als Ausleben oder Verarbeiten eines Traumas interpretiert werden – und der Autor will zwecks Recherche ein Bankpraktikum machen. Nicht aber sich mit seinem Thema, nämlich dem Trauma beschäftigen. Da kann ich nur wiederholen, auch hinsichtlich der Juries, ach du gute Einfalt!
    Oder falls er sich nicht mit dem Thema Trauma beschäftigen wollte, warum führt er den Ausbruch des Protagonisten aus dem bürgerlichen Leben mit einem Ereignis herbei, das jeden halbwegs sozialisierten Menschen traumatisieren würde? Oder falls er das absichtlich so gemacht hat, dann hätte er uns Frederik vorher als einen traumaresistenten Typen vorstellen sollen. Das hat er aber nicht getan. Insofern ist der Film mindestens schlecht durchdacht. Die Zuschauer dürften das kaum honorieren.

  4. Zunächst: Fand den Film ziemlich gut und ich hab noch lange drüber nachgedacht! Daher muss ich mal äußern, denn was du so schreibst, Stefe, schnall ich nicht.
    Weil er ein Praktikum in einer Bank machen wollte, hat sich der Regisseur nicht mit dem Thema Trauma beschäftigt? Aha. Das macht echt Sinn. Und weil du dich mit Filmen beschäftigst stehst du nur auf fette Weiber? Verstehe den Zusammenhang nicht. Wie kommst darauf? Und seit wann kann man eine Verbrecherlaufbahhn nicht als Verarbeitung eines Trauma interpretieren? Warum nicht?
    Nur weil die Hauptfigur ungewöhnlich ist und anders tickt als so viele langweilige Nullachtfünfzehn Filmfiguren, ist das noch lange nicht schlecht durchdacht. Im Gegenteil. Und: Der Typ hat doch eine Vorgeschichte! Hast du das verpasst? Die Ex-Freundin sagt doch, dass sie früher Angst vor ihm hatte. Er war also, bevor er in der Bank angefangen hat, ganz anders drauf. Und jetzt kommt das wieder raus. Daher ist es auch nicht unglaubwürdig dass sich Jürgen Vogel und er früher Freunde waren!!
    Außerdem hatte der Film einen tollen Humor! Darauf bist du gar nicht eingegangen.
    Schade für dich, dass du nur „empirisch“ an Figuren andocken kannst. Ich docke mit dem Bauch an.

  5. Hallo Karl, Danke für das Feedback!

    Bei genauer Lektüre müsste mein Text zu schnallen sein.

    Auch das mit dem Praktikum, was ich auf den Hinweis von Rudi hin geschrieben habe. Ich will es nochmal erläutern. Nichts gegen ein Praktikum bei einer Bank, aber ich wunderte mich, wenn er schon ein Praktikum anpeilte, warum dann nicht eines mit Trauma-Zusammenhang (wobei ich jetzt abgründig bemerken könnte, das Bankpraktikum wäre vielleicht Trauma genug). Denn im Film wird doch behauptet, es gehe um Traumabewältigung. Es gibt amerikanische Kriegsheimkehrer, die fangen in Amerika an, auf Menschen zu ballern, durchaus als Traumafolge. Aber in Schwerkraft, sorry, das ist für mich keine Traumabewältigung. Da will einer ausbrechen, das ist schon klar. Aber als Begründung dafür ein traumatisches Erlebnis zu nehmen, das leuchtet mir nicht ein. Das meinte ich mit schlecht durchdacht. Dabei bleibe ich.

    Zu Deiner Frage, seit wann man eine Verbrecherlaufbahn nicht als Verarbeitung eines Traumas interpretieren könne, da würde ich dann doch um ein Beispiel aus der Praxis bitten wollen.

    Der Typ ist nebst vielen stereotypen Karriereattributen, ich habe sie erwähnt, mit einer einzigen ungewöhnlichen Sache vorgestellt worden, ich habe den Polypen am Fenster angeführt. Sagt die Ex-Freundin den Satz wirklich schon in der Exposition? Aber selbst dann ist das eine rein theoretische Information, zuwenig um als Zuschauer bildlich und in der Fantasie und mit dem Gefühl eine Ausgangsposition beziehen zu können, wie ich es mit dem Kalium-Experiment meinte. Das reicht mir nicht, um das Bild des glatten Strebers ernsthaft anzukratzen, um unkalkulierte Reaktionen für möglich zu halten und diese dann auch entsprechend zu goutieren. Das wären aber für mich nötige Informationen, um die Geschichte plausibel zu erzählen. (Es war einmal ein Mann, der war ein glatter Karrierist. Aber ihn ihm steckte eine ganz andere, dunkle Vergangenheit, die drohte bei der kleinsten Unebenheit hervorzubrechen und alles zu zerstören…. Wobei es dann bestimmt raffinierter wäre, wenn es nicht eines so massiven Auslösers wie eines Selbstmordes bedürfte).

    Gegen den erwartbaren Einwand, warum ich diesen sogenannten „tollen Humor“ nicht erwähnte, habe ich mich gleich zweifach abgesichert.

    Erstens mit dem Versuch herauszufinden warum ich den Film (aus dem Bauch heraus!) keinesweg spannend fand, siehe Review. .. wobei ich mir das so erklärte, ich wiederhole mich jetzt, dass ich empirisch nicht andocken konnte und dieses auf die grundsätzlich nicht schlüssige dramaturgische Konstruktion zurückführte.

    Zweitens mit dem Satz, der Film könne dieses Nicht-Nettsein angesichts der Jubelarien der Juries etc. … das ist auch oben nachzulesen, das brauche ich jetzt hoffentlich nicht wiederkauen… bestimmt vertragen.

    Denn für mich bleibt dieses grundsätzliche Konstruktionsproblem, und ich möchte eine Filmschule, an der das offenbar keinem Drehbuchprofessor auffällt, niemandem empfehlen. Denn ich wage zu behaupten, wenn die Grundkonstruktion überzeugender wäre, hätte auch der Humor erfolgreicher funktioniert. Insofern tut mir das leid für den Film, den Studenten und auch die Schauspieler (Vogel siehe Review ausgenommen), die andere, die’s besser hätten wissen müssen und dafür auch anständig bezahlt werden, geradewegs in den Misserfolg an den Kinokassen haben rennen lassen.

  6. Ich widerspreche auf ganzer Linie.
    Zu dem Interview: Nur weil er ein Praktkum in einer Bank anstrebte, heißt das nicht, dass er sich nicht auch mit Traumata beschäftigt hat. Das ist eine Unterstellung von dir.
    Und dazu, dass dir die armen Mitwirkenden Leid tun: Fabian Hinrichs ist mit dem Film für den deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller nominiert worden. Und der Regisseur, der von seinen Professoren nicht anständig betreut würde, hat den First Steps Award und den Max Ophüls Preis mit seinem ersten Film gewonnen. Die brauchen dir nicht leid tun!
    Ob der Film ein Misserfog an den Kinokassen wird, weiß ich nicht! Glaube ich aber nicht. Wenn man sich die andern Kritiken im Netz so anschaut, scheinst du ziemlich einsam mit deiner Position da zu stehen. Nichts für ungut. Ich fand den Film super.

  7. Für den Film ist das sicher schön, einen so hartnäckigen Verfechter wie Dich zu haben. Nur kann Hartnäckigkeit nicht Argumente ersetzen. Die Frage nach dem Praxisbeispiel für den Casus hast Du mir nicht beantwortet. Und wenn andere Rezensenten andere Meinungen haben, damit kann ich leben, in diesem Fall ist wirklich viel Positives geschrieben worden, aber nichts was meinen Befund widerlegt hätte, soweit ich andere Reviews überflogen habe.

    Auszeichnungen für einen Film garantieren lange noch keine Qualität, da spielen oft politische Überlegungen, Protektionen und dergleichen eine Rolle, Verbandelungen der diversesten Art. Bei den erwähnten Juries ist in diesem Falle ein bestimmter Name aufgefallen, der beide Mal vertreten war. Wer sowas bemerkt, der darf ungeniert spekulieren. Und die Lobhudeleien schienen mir sehr übertrieben. So habe ich mir erlaubt, darauf einzugehen.

    Nachsatz: Unterstell mir bitte keine Unterstellungen. Ich habe dem Autor doch nicht unterstellt, er habe sich nicht mit dem Thema Trauma beschäftigt. Ich habe lediglich verwundert festgestellt … und hier genügt es, meinen Satz von der letzten Replik vielleicht einmal genau durchzulesen.

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