Die deutsche Filmpresse, immer ganz vorn dabei

Journalisten müssen die Nase vorn haben, wenn es um die Berichterstattung geht. Der Vorsprung vor der Konkurrenz ist nicht nur bei politischen Themen täglich entscheidend, die Exklusivität ist sogar die ureigenste Triebfeder des Journalismus. Schauspielerisch sehr schön, wenn auch ein wenig überspitzt, wird diese Notwendigkeit, stets der erste mit einer Nachricht zu sein, und die dazugehörige Anspannung in der Redaktion übrigens in den Spider-Man-Filmen von J.K. Simmons als Chefredakteur des fiktionalen Daily Bugle auf den Punkt gebracht.

Nun ist das Feuilleton zugegebenermaßen eher der zahnlose kleine Bruder des (gemeinhin als „echten Journalismus“ empfundenen) Enthüllungsjournalismus und muss, zumindest auch im Filmjournalismus, mittlerweile als Produktberichterstattung bezeichnet werden. Firmen stellen der Presse weitgehend freiwillig ihre Produkte vor, in der Hoffnung, dass die Presse euphorisch über das neue Meisterwerk berichtet. Nun sind leider nicht alle Filme gut, und natürlich sind negative Kritiken selbstverständlich erlaubt.

Doch die Unternehmen versuchen (naturgemäß), die Berichterstattung dennoch so weit irgend möglich, nach ihren Wünschen zu steuern. Das ist die Aufgabe der PR, und diese ist leider weit besser finanziert als die Presse.

Da die Unternehmen ja keinen qualitativen Einfluss auf die Berichterstattung nehmen dürfen, versuchen sie es eben auf andere Weise. Zum Beispiel spielt der Zeitpunkt der Berichterstattung eine entscheidende Rolle. Je später über ein Produkt berichtet wird, desto geringer der Einfluss der Medien auf die potentiellen Kunden. Auch werden in Pressematerialien gern gefällige Formulierungen geliefert, so dass selbst Praktikanten ohne journalistische Vorerfahrung einen lesbaren Text zu einem Produkt zustande bringen – und das ohne weitere Recherche.

Anlass für diesen Blogpost ist die Münchner Pressevorführung von Alice im Wunderland, die mit den üblichen Sicherheitsvorkehrungen stattfindet: Nur, wer persönlich eingeladen wurde, findet Einlass. Wer verhindert ist und eine Vertretung schicken will, muss diese vorab namentlich anmelden. Elektronische Geräte müssen abgegeben werden, und man sollte spätestens eine Viertelstunde vor Beginn im Saal sein.

Abgesehen davon, dass mir keine Consumerkamera bekannt ist, die 3D-Bilder aus dem Kino abfilmen kann, sind diese Sicherheitsvorkehrungen völlig alltäglich. Denn sie stellen sicher, dass die Pressevorführung, die ja weit vor den ersten Publikumsvorführungen stattfindet, nicht zur Piraterie genutzt werden kann. Schon lange und mit nur noch wenig Groll beugen sich die Journalisten dieser Flughafenkontrolle und lassen sich auch während der Vorführung mit Nachtsichtgeräten beobachten. Was tut man nicht alles für die Kühlkette, damit Film und Filmkritik zugleich und unverdorben beim Publikum ankommt.

Nur leider ist dem nicht so. Denn während sich die Journalisten in ihrer vermeintlich exklusiven Vorabvorführung ihrer Arbeit widmen, können Krethi und Plethi ein paar Straßen weiter denselben Film, ebenfalls in 3D, in einer normalen Vorführung genießen, noch dazu mit Live-Übertragung von der Premiere in London. Und wahrscheinlich, ohne ihre Handys abgeben zu müssen. (offenbar war doch Handyverbot)

Nichts gegen Krethi und Plethi, das sollte nicht abwertend gemeint sein, doch wenn die Presse ein Produkt nicht mehr vorab begutachten kann (und damit ist weder die Stunde Unterschied beim Beginn dieser Vorführung gemeint, noch die immer mehr zum Standard werdende Praxis, PVs zu Beginn der Startwoche eines Films anzusetzen), dann wird der Filmjournalismus obsolet werden. Wollen wir das? Nein. Will die PR das? Sieht so aus. Denn Massen sind mit Anzeigen und anderen Kampagnen sicher leichter zu beeinflussen als mit dazwischengeschalteten Journalisten.

Nach der Vorführung: Und nichts gegen die Leute, die die Vorführung begleitet haben. Menschlich war alles top, auch vom Ablauf her hat alles bestens geklappt. Ich will ja eigentlich gar nicht mosern. Aber Pressevorführungen zum gleichen Termin wie Publikumsvorführungen sollten einfach die Ausnahme bleiben.

[Dieser Artikel geht automatisch zu einem Termin online, der die beiden im Bild ersichtlichen Vorstellungstermine nicht kompromittiert.]

Ein Gedanke zu „Die deutsche Filmpresse, immer ganz vorn dabei“

  1. Toller Artikel! Auch schlimm ist das bei Sneak Previews, gerade gesehen, dass EDGE OF DARKNESS und SORORITY ROW bereits letzte Woche in Sneaks liefen. Klar, die haben nicht den Vorteil der OV (oder Omu), und sowieso kann der Sneak-Gänger nicht als Zielgruppe verstanden werden, aber etwas regt mich das schon auf, doch. Zum Glück kommt es aber nur wirklich selten vor und nur bei „großen“ Filmen, dass die PV in der Startwoche ist. Dennoch, der PR gefällt das, keine Frage.

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