Albert Schweitzer – Ein Leben für Afrika

Der Entscheid, dieses Biopic über Albert Schweitzer genau so und nicht anders zu machen und zu besetzen, kann versuchsweise gedeutet werden.

Ein Film über einen Weltstar der 50er Jahre soll bittschön aussehen wie ein Kino der 50er Jahre, also „altmodisch“. Man fragt sich, wieso. Es soll kein Kino werden, wie Soderbergh es am Biopic des Che Guevara glasklar vorgeführt hat.

Der Entscheid für die fast ununterbrochen schwere Musiksauce über den Szenen soll wohl einer für die Fühligkeit des Zuschauers sein.

Der Entscheid, die beiden Alberts, den Albert Schweitzer sowie dessen Freund Albert Einstein mit perückten Drittklasskomikern zu besetzen, die in manchen Momenten aussehen wie die Muppets, besonders Einstein in der Schwarzweiss-Fernsehsendung über Hiroshima, die in einem 50er Jahre-Interieur über den Bildschirm flattert, soll die Figuren wohl publikumsnah und lustig machen. Schweitzer wird dadurch als ein Medienstar nachgespielt; mit dem Need zur Figur Schweitzer, damit wird der Zuschauer nicht behelligt.

Schweitzers Theorie über den Respekt zur Natur wird nicht in Gestik und Haltung des Protagonisten zum Ausdruck gebracht, sondern als Zitate oder Lehrsätze, als Phrasendrescherei, soll ihr dadurch wohl die Schärfe nehmen.

Gestik und Haltung dieses Albert Schweitzers sind die eine Medien-VIPs. Wenn er beispielsweise auf der Kanzel in der neogotischen Kirche in New York die Hände demonstrativ bei gleichzeitigem Kopfnicken zusammenfaltet, dankbar den aufbrandenen Applaus und die Standing Ovation entgegennehmend. Oder wie er mit einem weissem Taschentuch den Eingeborenen zuwinkt, wenn er auf dem Flussboot Estelle wieder in Lambarene ankommt. Schon die Einführungsszene mit dem Pelikan ist sehr theatralisch, schon hier gibt uns der Protagonist zu verstehen, dass es ihn interessiert, die Berühmtheit zu spielen und nicht den Grund dafür uns zu verraten.

Entscheid der Macher für Nachbebilderung von biographischen oder vielleicht auch kolportierten Situationen. Das Problem, den zweiten Socken zu finden. Ein heute besonders im Fernsehen gerne verwandtes (und doch eher billiges) Verfahren (siehe zum Beispiel Sissi).

Noch so ein Starbeispiel, wenn er nach der Rückkehr aus New York farbige Freiheitsstatuen aus gebranntem Zucker an die Kinder zum Schlecken verteilt. Der gute Weisse und die kleinen Negerlein.

Es gibt aber nicht nur den Guten, es gibt auch die Bösen in diesem Film. Sie sind eindeutig böse. Besonders Herr Figgis, der vorgibt, ein Gönner zu sein, und in Wahrheit ein Spion ist. Entscheid der Macher für einfaches Weltbild. Damit vielleicht auch Analphabeten den Film verstehen.

Hinsichtlich dieses Figgis und seiner Hintermänner, die Schweitzer von seinem Urwaldspital entfernt wissen wollen, spricht er einen hochaktuellen Satz aus und das in einem normalen Gespräch, „sie bilden sich Gefahren ein und schaffen dadurch reale Gefahren“. Das ist ein Hinweis auf die aktuelle Terroristen-Hysterie. Ob das den Machern bewusst war?

Jedenfalls erscheint Schweitzer durch diese Entscheide der Produzenten auf der Ebene der unbewussten Wahrnehmung, der emotionalen Wahrnehmung gerade als der Scharlatan, als den sie ihn nicht dargestellt wissen wollten. Dieses Ziel scheinen sie nicht erreicht zu haben. Ob das Publikum mit soviel grundlegender Unklarheit leben kann? Höchst fragwürdig.

Nachbemerkung: es wird einem schon beim Vorspann schier schlecht, wenn man liest, wie ungefähr sämtliche deutschen Filmfördergremien in diesem Topf mitrühren, dass Degeto die Finger drin hat mit dem Herrn Jurgan, der bestimmt wieder eine schöne Helikopterreise an den Drehort auf Gebühren-Kosten gemacht hat. Aber die ersten Bilder, der Flug über Afrika, über den Fluss im leichten Nebel, mit dem Flugmotorengeräusch, das auch noch Zikaden hörbar lässt, na ja, versöhnen nicht gerade, die machen einen halt bereits auf den Mischmasch-Charakter dieses Biopics aufmerksam.

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