2012 wirft seine Schatten voraus

Der halbwegs mündige Bürger verfügt ja im Normalfall über ein minimales wissenschaftliches Basiswissen. Dazu gehört, dass die Erde sich um die Sonne bewegt (und nicht andersherum), dass Massen sich gegenseitig anziehen, dass Materie aus Atomen besteht, die wiederum aus diversen Bestandteilen bestehen. Und, ganz wichtig, dass die Forschung noch lange nicht alle Geheimnisse des Universums geknackt hat und dies im Gegensatz zur Religion auch nicht für sich beansprucht.

Dass Roland Emmerich seinen neuerlichen XXL-Katastrophenorgasmus 2012 auch im Internet viral bewerben lässt, ist ja selbstverständlich. Doch ich hätte nie gedacht, dass es tatsächlich Menschen gibt, die offenbar ernsthaft einen Weltuntergang am 21. Dezember 2012 für möglich halten.

Im Film sorgt eine gewaltige Protuberanz auf der Sonne für eine stark verstärkte Emission von Neutrinos. Beim Erreichen der Erde dringen diese tief in den Planeten ein (das tun Neutrinos wirklich) und erwärmen das irdische Magma. Die erhöhte Temperatur lässt die unteren Schichten der Erdkruste schmelzen, was die tektonischen Platten instabil werden lässt. Dadurch gibt es überall starke Erdbeben, manche Platten sinken ab und werden vom Meer überspült, andere werden in die Höhe gehoben.

Während ich persönlich die tektonischen Konsequenzen der ganzen Geschichte für halbwegs realistisch halte (von fehlenden kontinentweiten, vernichtenden Druckwellen und einer Art globalem nuklearem Winter mal abgesehen), ist die Erwärmung des Erdkerns durch Neutrinos, die laut Film „wie Mikrowellen wirken“, natürlich absolut hirnverbrannter Käse.

Müsste ich für einen Film einen Planeten vernichten, würde ich ihn stilvoll in den Weg der Röntgenemission eines schwarzen Loches stellen. Dann wäre aber auch Schluss mit Lustig, Überlebende kann es nicht geben. Alles, was nicht so stabil wie Granit ist, dürfte bald verdampft sein. Im Gegensatz zum Neutrino-Mechanismus gibt’s das nämlich wirklich.

Doch zurück zu Roland Emmerichs viraler Leichtgläubigkeitsaufdeckungskampagne: Die NASA hat es doch glatt für nötig gehalten, ein Weltuntergangs-FAQ online zu stellen. Faszinierend. Ich hatte immer angenommen, dass jeder, der es bis ins Internet geschafft hat, automatisch helle genug ist, einen Weltuntergang dieser Form anzuzweifeln. Das Problem: Vielleicht regiert ja bis 2012 soviel Dummheit, dass die ansteigenden Zahlen dieser Neozombies einem Weltuntergang gleichkommen? Ich frag mich nur, wo die helleren Köpfe sich dann sammeln… Im Pentagon bestimmt nicht.

Ach ja: 2012 ist nett anzusehen. Der Film ist wie ein Super-Size-Menu von Burger King oder McDonald’s: Man weiß genau, was man kriegen wid; es handelt sich definitiv nicht um Gourmetküche; und nachher hat man für ein halbes Jahr wieder genug davon. Aber beim Völlern fühlt es sich unvergleichlich gut an, sofern man währenddessen seine Schuldgefühle unterdrücken kann zumindest.

Ich glaub, ich ruf mal die Wayans-Brüder an, ob ich an der Verarschung mitschreiben darf.

(via)

3 Gedanken zu „2012 wirft seine Schatten voraus“

  1. Was ich bei diesem Film wie bei allen Katastrophenfilmen schade finde: dort wo es interessant wird, wird abgeblendet.

    Ich mein.. ja klar, die Welt geht unter, ein paar Kiloeinwohner der Industrienationen bauen sich lustige Überlebenskapseln oder Bunker und überleben und sonst wird erstmal alles schön in Breitbild und Dolby-Surround platt gehauen.

    Aber was passiert danach? (Vorsicht SPOILER!) Wenn Afrika nahezu unbeschadet überstanden hat, denken die wirklich diese paar tausend reichen auf ihren 3 Schiffen fallen großartig auf? Wie entwickelt sich eine Zivilisation nach sowas?
    Oder noch besser: Wie will irgendwer moderne Technologie mit ein paar tausend Leuten aufrechterhalten? Microtechnologie zu produzieren wird ja schonmal nichts mehr werden, alle Fabriken sind kaputt und die Leute die überlebt haben, haben erstmal anderes zu tun als sich unterbrechungsfreie Stromversorgungen in ihren hochgradigen Reinraum auf einer tektonisch extrem stabilen Reinraum zu bauen. (um mal ein krasses Beispiel zu nennen)

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