Über Umfragen

BJV-UmfrageDer Bayerische Journalisten-Verband BJV lud mich heute zu einer Umfrage über Mitarbeiterhonorare ein. Ich finde es prima, dass mein Verband solche Datenerhebungen macht, denn das zeigt, dass die sich kümmern, und dass vielleicht was vorwärtsgeht mit der Bezahlung, die sich für (zumindest freie) Journalisten am Monatsende oft als lausig herausstellt.

Doch die Umfrage selbst ist meines Erachtens kaum mehr als ein schlechter Witz: Die Fragen sind offensichtlich auf das Erheben der gewünschten Daten hin getrimmt und erlauben auch eine freie Auswahl der Antwort, doch leider wurde (wie bei so vielen Umfragen) nicht an die Situation aus der Sicht der Befragten gedacht: Alle außer bei einer Redaktion fest angestellten werden ernsthafte Schwierigkeiten haben, diese Umfrage nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten.

Was aber noch schlimmer ist: Wir haben 2009, und die erwarten doch echt, dass man einfach die e-Mail zurückschickt und die entsprechenden Optionen ankreuzt! Von SSL (erfunden 1994) und Anonymisierung von Umfragedaten hat man beim BJV offenbar noch nichts gehört. Wahrscheinlich besteht die Anonymisierung darin, dass jemand die Umfrageergebnisse in eine Excel-Liste überträgt, dabei die Namen weglässt, und dann die Mail löscht. Hurra. (Datenschutz, anyone?)

Hier also die Umfrage mit einigen Anmerkungen von mir:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

in vielen Zeitungsverlagen wird immer massiver an Mitarbeiterhonoraren gespart.
Wir vom BJV versuchen durch diese Umfrage ein schärferes Bild der aktuellen Situation zu erhalten.
Bitte beantworten Sie die 6 Fragen, damit wir als Berufsverband gegen aktuelle Fehlentwicklungen gezielt vorgehen können.

1.) Bei uns in der Redaktion wird zunehmend an Mitarbeiterhonoraren gespart.
trifft gar nicht zu
trifft geringfügig zu
trifft weitgehend zu
trifft vollständug zu

Kann ich leider nicht wirklich beantworten, da ich als a) freier Journalist b) für mehrere Redaktionen arbeite und c) mit Honoraren nur insofern zu tun habe, als dass ich c1) tunlichst nicht über Geld rede, c2) dankend annehme, was mir geboten wird und c3) mir Anfragen nach Honorarerhöhungen wegen langjähriger guter Mitarbeit aus dem Kopf schlage, ich will ja keine schlafenden Hunde wecken oder mir (wieder) die Finger verbrennen. Die Option hab ich leider nicht gefunden, aber wenn man die Augen zusammenkneift, kommt „trifft vollständug zu“ der Sache am nächsten.

2.) Ich nehme kaum noch Terimne außer Haus wahr. Wir greifen auf Pressemitteilungen als Quelle zurück.
trifft gar nicht zu
trifft geringfügig zu
trifft weitgehend zu
trifft vollständug zu

Naja, als Filmjournalist ist man ja praktisch gezwungen, Termine außer Haus wahrzunehmen, da die Filme nunmal im Kino vorgeführt werden und nicht in den Redaktionen oder zuhause. Doch das ist hier wohl nicht gemeint, denn hier meint man natürlich Reportage-Berichterstattung vor Ort statt Telefoninterview oder Pressemeldung. Andererseits weiß ich noch von Redaktionen, bei denen ich früher gearbeitet habe, dass man natürlich während der Arbeitszeit nicht ins Kino geht, auch nicht (bzw. schon gar nicht) als Filmjournalist. Wo kämen wir denn da hin? Der Chef soll den ganzen Tag im doofen Büro sitzen, während die Filmjournalisten im Kino tolle Filme gucken? Nein, Ihr bleibt alle schön hier und schreibt natürlich blind. Ihr dürft aber als Entschädigung im Monat zwei oder drei Kinokarten als Spesen abrechnen.

Es kommt also auf das Arbeitsverhältnis an: Der festangestellte Filmjournalist, dem meist eine höhere Kompetenz zugesprochen wird (er hat ja die Stelle bekommen, nicht der, der jetzt frei zu arbeiten gezwungen ist) wird möglicherweise weniger Filme sehen als der Freiberufler. Die Interpretation überlasse ich Euch. Wie die Frage zu beantworten ist, weiß ich nicht, weil ich a) Freiberufler bin und b) ohne einen Film gesehen zu haben, ohnehin nicht schreiben darf, das verbietet die Berufsehre. (Ja, sowas gibt’s.)

3.) Ich nehme kaum noch Terimne außer Haus wahr. Wir greifen auf Agenturmeldungen zurück.
trifft gar nicht zu
trifft geringfügig zu
trifft weitgehend zu
trifft vollständug zu

Mir fällt gerade auf, dass die ja von Terimnen reden, nicht von Terminen. Sind das nicht so kleine Südfrüchte? Oder war etwa dieses Nudelgericht gemeint?

Nunja, leider ist tatsächlich ein gewisser Trend festzustellen: Einige Publikationen sind sogar gewzungen, auf Agenturmeldungen zurückzugreifen. Im Filmjournalismus liegt das daran, dass die Verleiher die Pressevorführungen viel zu knapp vor Start ansetzen, so dass (im Extremfall) vor Drucklegung des Monatsmagazins natürlich keiner den Film sehen kann, der nicht privat den Regisseur kennt.

Auch nehmen sich die Filmverleiher und Presseagenturen heraus, im Presseheft meinungsbeeinflussend tätig zu werden. Ich zitiere beispielhaft und unverbindlich aus dem Presseheft (das erste, das ich zu greifen bekam hier am Schreibtisch) zu Die fast vergessene Welt mit Will Ferrell:

„Eine haarsträubend-witzige Genre-Parodie, die sich in ihren besten Momenten sogar selbst auf die Schippe nimmt. Mega-Fun mit einem Will Ferrell, der sich – augenzwinkernd – im Sekundentakt zum Narren macht. Ein grandioser Familienspaß!“

Ich bitte höflich um Entschuldigung, aber ist das nicht unsere Aufgabe? Sollten Attribute wie haarsträubend, witzig, Genre-Parodie, (die) besten (Momente), (sich selbst) auf die Schippe nehmen, Mega-Fun, augenzwinkernd, im Sekundentakt, (sich) zum Narren machen, grandios und Familienspaß nicht von den Filmkritikern vergeben werden anstatt vom Verleih? Natürlich ist Werbung nicht verboten, doch wenn a) die Filme zu spät gezeigt werden und b) griffige Formulierungen schon im Presseheft geliefert werden… honi soit qui mal y pense. Und nein, diese Zeilen waren kein (erkennbares) Zitat aus einer anderen Kritik. Sachlich richtig wäre gewesen: „Ein Film mit Will Ferrell, gedacht als Komödie für die ganze Familie„. Der Rest ist unser Job, also lasst bitte die Profis ran. Und nein, es gilt nicht, wenn die Autoren (ehemalige) Journalisten sind, die nun PR-Texte schreiben.

Ja, einige Redaktionen greifen im Filmjournalismus auf Agenturmeldungen zurück, Tendenz steigend. Der Grund: a) es ist billiger und die Zeiten sind hart, besonders für Print, b) sie kriegen sonst das Heft nicht voll c) es geht kaum noch anders, weil die Presse die Filme nicht mehr früh genug zu sehen bekommt.

(Alles Genannte ist natürlich nicht allgemein so, ich gucke zum Beispiel in ein paar Tagen einen Film, der im Januar starten wird. Es ist nur eine Tendenz, aber die ist nicht zu leugnen.)

4.) Unsere Berichtersattung wird zunehmend überregional und regionale Fakten gehen unter.
trifft gar nicht zu
trifft geringfügig zu
trifft weitgehend zu
trifft vollständug zu

Ich bin ja auch immer ziemlich satt, nach soviel Berichtersattung.

Auch kann ich diese Frage nicht beantworten. Filme sind natürlich überregional, strenggenommen sogar international, galaktisch, oder warum nicht gleich universal? Doch leider fehlt in dieser Umfrage die Option, die meine Situation erfasst. Entweder mache ich jetzt falsche Angaben oder ich schreibe einen Kommentar, der die Excel-Liste um eine Spalte erweitert, die Praktikantin, die selbige Liste ausfüllen muss, den Tränen nahe bringt und am Schluss dann doch rausfällt, weil es das Gesamtergebnis nicht beeinflusst: Isch ‚abe doch gar keine Auto!

5.) In meiner täglichen Arbeit finde ich immer weniger Zeit für fundierte Recherche.
trifft gar nicht zu
trifft geringfügig zu
trifft weitgehend zu
trifft vollständug zu

Was heißt „finde ich immer weniger Zeit“? Im Journalismus? Ich habe noch gelernt, dass ein Artikel eben braucht, so lang er braucht, wie das Getreide auf dem Feld.

Nachdem der offiziellen Lesung nun Rechnung getragen wurde und wir alle herzlich gelacht haben, hier die Wahrheit: a) Deadlines in großen Redaktionen sind gnadenlos, zumindest, wenn das Image oder Ego des Chefs dranhängt (egal, ob die Deadline tatsächlich existiert, zum Beispiel beim Andruck, oder ob sie nur eine willkürliche Angabe aus Profilierungsgründen von weiter oben ist), b) nur Streber und Schleimer geben früher ab (sie lernen dann, dass sie, je früher sie abgegeben haben, desto länger und öfter nachbessern müssen und dass in der letzten Version ungefähr das hineinverbessert wird, was in der ersten Version nachweislich schon drinstand, sie aber dennoch unrecht hatten) und c) ist die „fundierte Recherche“ allein eine moralische Frage für den Journalisten. Es gibt Dampfplauderer, die schreiben schnell irgendwas runter, was 95% der Leser okay finden, es gibt das Mittelding, der es wenigstens 98% der Leser recht machen will (zu denen zähle ich mich, wenn ich ganz ehrlich bin), und es gibt Journalisten, die so recherchieren, dass auch die restlichen 2 bzw. 5% die Augenbrauen hochziehen und der Arbeit Respekt zollen, bzw. bildungstechnisch dazu überhaupt in der Lage sind. (Vielzitierte Musterbeispielkollegen: Bob Woodward, Carl Bernstein.)

Nun, wieviel Zeit und Recherche wird heutzutage wohl einer Filmkritik zwischen 300 und 2000 Zeichen zugestanden? Im Angestelltenverhältnis schätze ich, dass hier für nicht wenige Redaktionen die Option „trifft vollständug zu“ gilt, und als Freier beiße ich mir meistens in den Arsch, dass ich eine verhältnismäßig hohe Moral habe und freiwillig besser recherchiere, auf meine Kosten also. Doch das wird natürlich in den Antwortoptionen a-d nicht erfasst. Dass ich weniger Aufträge bekäme, wenn ich schlechter, weil schneller arbeitete, ist ja auch nicht Sinn der Sache.

6.) Insgesamt wird die journalistische Qualität in unserer Redaktion immer schlechter.
trifft gar nicht zu
trifft geringfügig zu
trifft weitgehend zu
trifft vollständug zu

Diese Frage nicht-anonym per e-Mail mit einer anderen Antwort als Option a zu beantworten, noch dazu womöglich vom eigenen Arbeitsplatz in einer Redaktion aus, grenzt an Debilität kann den Karriere-Selbstmord bedeuten. Nicht nur, dass eine Kopie der Mail unter „gesendete Mails“ gespeichert wird, nein, sie läuft ja im Haus über wenigstens einen Server. Und seit Lidl, Deutscher Bahn und anderen Früchtchen wissen wir, dass möglicherweise der Chef, eine Detektei oder jemand anders mitliest.

Es ist meines Erachtens absolut unverantwortlich, so eine Umfrage noch quasi per Strichliste durchzuführen, anstatt verschlüsselt und anonym über eines der mannigfaltigen, vielfach auch kostenlosen Umfragetools im Internet. Der BJV kann sich sicher leisten, so ein Tool auf seiner Webseite unterzubringen, ebenso auch der Verband der deutschen Filmkritik, der Umfragen ebenso noch per Mail durchführt.

Um es ganz deutlich zu machen: So eine Umfrage per Mail zu beantworten, ist ungefähr so prall, wie es dieses fiktive Beispiel von Online-Banking wäre:

e-Mail an mueller[at]bank.de: „Sehr geehrter Herr Müller, bitte überweisen Sie in meinem Namen von meinem Konto 12345, BLZ 123 456 78 die Summe von € 2000,00 mit dem Betreff „gewaschene Gelder September 2009“ an Firma Huber, Konto 54321, BLZ 876 543 21. Die TAN für diese Transaktion lautet 111 222, und wenn Sie meine PIN noch brauchen (ich weiß das immer nicht so genau, hihi), hier bitte: Bankkarte 9876, Online-Kennwort: California6Dreams. Vielen herzlichen Dank, Ihr…

Ich finde es wirklich unglaublich, dass derart grundsätzlich fähige Verbände die Netzkultur samt ihrer Möglichkeiten offenbar noch nichtmal ansatzweise verstanden haben.

Vielen Dank für Ihre Mithilfe. Über die Ergebnisse dieser Umfrage und daraus abgeleitete Maßnahmen werden wir im BJV-Newsletter, auf unserer Website und im BJV report berichten.

Mit freundlichen Grüßen

Ja, auch von mir freundliche Grüße. Ganz ehrlich, das sind nette Leute. Nur leider genügt hier eben nicht der Gedanke, bei solchen Themen wie so einer Umfrage sollte es schon was Substantielleres sein als eine e-Mail-Strichliste. Das denke ich, und zwar vollständug.

Und falls einer hier nachgoogelt: Keines der angedeuteten Erlebnisse hat mit Redaktionen zu tun, für die ich aktuell (ab 2008) arbeite.

Nachtrag: Dieser Post wurde bei BILDblog verlinkt. Vielen Dank!

PS, wen(n) es interessiert: Ich auf Twitter, dieser Blog (Autopilot) auf Twitter.

6 Gedanken zu „Über Umfragen“

  1. Bezüglich Punkt 3)

    Wenn ich solche Formulierungen wie das aus dem Presseheft vor mir habe, dann ist mir eigentlich sofort klar, dass dies derselbe Autor geschrieben hat, der auch für die kostenlosen Werbeblättchen im Kino schreibt, in dem es noch nie einem mittelmäßigen Film gegeben hat, von schlechten gar nicht zu reden.

    Wenn sowas dann 1:1 in eine Tageszeitung kommt, weil die Redakteure keine Zeit haben, wozu soll ich mir dann besagte Zeitung noch kaufen? Ich muss ja davon ausgehen, dass viele andere Beiträge dann auch nur gecopyundpastet sind.

    Damit schießen die sich letztendlich nur selbst ins Knie.

  2. @ DJ Doena: Naja, es ist ja nicht so, dass alle Publikationen alle Artikel irgendwo abschreiben. Das Kerngeschäft ist immer noch der „richtige“ Journalismus. Und die Werbeblättchen, die meist irgendwo ausliegen, unterscheiden sich dann doch noch deutlich von den Zeitungen. Ein gutes Zeichen ist stets, wenn bei einem Artikel ein Autorencredit zu finden ist.

    Was ich in meinem Post, der sich erst beim Schreiben in diese Richtung entwickelt hat, diesbezüglich kritisiere, ist, dass viele Publikationen gerade im Filmjournalismus vorsichtig dorthin bugsiert werden (sollen), gar nicht oder positiv zu berichten. So gab es zum Beispiel keine mir bekannte Pressevorführung von Isch kandidiere!, ein Kollege sagte gar, dass er noch nie von einer PV eines Kerkeling-Films gehört habe. Der Grund ist unbekannt, aber der Filmverleih hat das volle Recht, sich so zu verhalten.

    Ein Film ist ein Produkt, und der Hersteller allein darf entscheiden, ob, wann und wie das Produkt der Presse vorgestellt wird. Er darf auch die Werbetrommel rühren und sein Produkt selbst über den grünen Klee loben, den Säbelrasseln gehört dazu (Beispiel Apple). Doch er sollte die Presse nicht zu beeinflussen versuchen, das mögen wir ganz und gar nicht. (Und doch gibt es in meiner Vergangenheit einige Auftraggeber, die klargestellt haben, dass sämtliche Besprechungen positiv zu sein haben.) Die Grenzen zwischen Journalismus und PR sind nur grob abgesteckt, mit einer Menge Scharmützeln versuchen nun beide Seiten, möglichst viel Land zu nehmen. Das ist zwar nicht Thema dieses Blogeintrages, aber dafür zum Beispiel sehr wohl dieses Eintrags.

    @jw: Danke, das (vor dem Ausrufezeichen) hört man gern!

  3. Ich habe keine Nähe zum Filgeschäft an sich, außer Fan zu sein, aber dass Pressevorführungen immer näher an den Premierentermin geschoben oder ganz gestrichen werden, davon habe ich in den letzten Jahren aber schon öfter gehört.

    Manchmal bekommt man da den Eindruck, dass der Film nicht schon am Startwochenende floppen soll (sondern erst wenn die Mundpropaganda einsetzt?) und man deshalb keine Berichterstattung wünscht – weil man weiß, dass der Film im Prinzip Murks ist.

    Mir ist natürlich bewusst, dass ich in den kostenlosen Kinoheftchen keine wirkliche Kritik lesen werde – das erwarte ich auch gar nicht. Aber gerade in den kleineren Zeitungen lesen sich die Besprechungen manchmal genauso – und das meinte ich mit ins eigene Knie schießen.

    Wenn ich in den üblichen Fanforen aber lese, dass der Film keine Pressevorführung bekam (das spricht sich rum im Web), dann werde ich schnell hellhörig.

    Auf der anderen Seite gibt es aber auch Reviews wie die eines Rüdiger Suchsland (Telepolis, Spiegel Online), die dann mal eben im Nebensatz die größten Spoiler auspacken oder gar das Ende verraten – solche Journalisten gehören dann aber auch gevierteilt (virtuell versteht sich).

  4. Lieber Kollege,

    ich verstehe ja ganz gut, worauf Sie hinauswollen. Allerdings finde ich ein Pauschalurteil über „den Verband“ und seine IT-mäßige Rückständigkeit etwas schief, denn wenn man will, dass der eigene Berufsverband zeitgemäßer und IT-fitter wird, kann man sich und sein Know-how ja auch mal selbst ehrenamtlich einbringen. Im BJV, in dem wir beide Mitglied sind, kommen zu den Versammlungen aber immer viel mehr angestellte (oder gewesene) Redakteure mit extrem langer Beruuuuuuuufserfaaaaaahhhhrrrrrunggggggg als Freie und Junge. Recht selten kandidieren Junge und Freie für Ehrenämter, und darum werden die gewählt, die nun mal gewählt werden.

    Böse Zungen sagen: Jedes Mitglied bekommt den Verband, den es verdient. Das ist natürlich falsch, aber die Sottise hat einen wahren Kern. In Wahrheit bekommen alle Mitglieder den Verband, den die Karteileichen verdienen. Dagegen hilft nur: Zusammentun und zusammen tun. Besser machen, nicht meckern. Bloggen ändert nix.

    Übrigens möchte ich zu Ehrenrettung der BJV-Geschäftsstelle anmerken, dass zumindest einer Ihrer Kritikpunkte überzeichnet ist. Seit der Vorstand vor einigen Jahren begonnen hat, die E-Mail-Kommunikation zu forcieren, sammelt die Geschäftsstelle gezielt Adressen, die sich für die vertrauliche Korrespondenz zwischen dem Arbeitnehmer und seiner Gewerkschaft eignen. Daher ging auch die heutige Mail an die Adressen, die die Mitglieder für solche Zwecke mitgeteilt haben. Normalerweise legen die Kollegen selbst Wert darauf, dass das nicht über Wege läuft, die der Chef kontrollieren könnte. Wenn aber jemand so dumm oder IT-analphabetisch ist, alles über den Server des Arbeitgebers laufen zu lassen und auch noch die Antwort via Dienstaccount zu verschicken, kann man diese Blödheit (die gewiss nicht ausgeschlossen ist) nicht einseitig dem Verband anlasten. Ich finde es sogar sympathisch, dass mein Verband seine Mitglieder nicht für kommunikationstechnische Vollpfosten hält.

    Und dass eine Gewerkschaft wissen will, in welchen Häusern die Zustände wie sind, kann man ihr auch nicht vorwerfen. Wenn alles komplett anonymisiert erhoben würde, wäre das Ergebnis von rein statistischem Wert und würde keine Ansatzpunkte zum Gegensteuern liefern. Dann könnte der BJV eine jammervolle Pressemitteilung mit Daten herausgeben, über deren statistische Validität gestritten würde, aber er wüsste nicht wirklich, was wo Sache ist. Ein bisschen Vertrauen in die eigene Gewerkschaft, dass sie den Daten- bzw. Informantenschutz beachtet, darf schon sein.

    Was die Technik betrifft: SSL ist nicht das Thema, sondern z.B. GNUPG. SSL wäre EIN Thema bei einem Web-Fragebogen, doch da wäre bei anonymer Erfassung erst einmal sicherzustellen, dass nicht irgendwer (Arbeitgeber?) geschönte Fake-Daten eingibt. Streng genommen dürfte man im Zeitalter der IP-Vorratsdatenspeicherung ja eh keine Online-Befragungen machen.

    So bleibt am Ende nur das Rätsel, warum auch Freie wie Sie und ich diesen Fragebogen erhalten haben, dessen Adressaten eindeutig die Redakteure in den Tageszeitungsverlagen sind. Vielleicht damit es auch die Pauschalisten lesen, die die Fragen perfekt beantworten können, ohne Angestellte des Verlags zu sein? Am Montag zur Bürozeit dürfte sich auch dieses Rätsel lösen lassen. Fragen Sie einfach den Absender der Umfrage, Herrn A.

  5. @ Ulf J. Froitzheim:

    Ich verstehe die Aufforderung zum ehrenamtlichen Einbringen im Verband natürlich vollkommen. Niemand erwartet von einem Berufsverband Dienstleistungen in einer Größenordnung, wie man sie z.B. von einer Steuerkanzlei erwarten würde. Und es ist absolut sinnvoll, sich zu engagieren, wenn man denn möchte. Dass aber ein berechtigter Kritikpunkt wie der meine ausgesprochen (dürfen) werden sollte, versteht sich ebenso wie von selbst. Und wenn ein Verband eben eine Umfrage derart unsicher durchführen möchte, wo die Gründe dafür auch immer liegen mögen, so muss der Verband sich die Kritik an der Umfrage auch anhören. Denn auch wenn ich nicht ehrenamtlich aktiv bin, ist es immer noch mein Berufsverband.

    Zur Ehrenrettung: Meinetwegen hätte der Verband die Daten ja auch verlagsbezogen oder sogar nicht-anonym erheben können, doch sollte man dies deutlich klarstellen und eben dafür Sorge tragen, dass Überraschungen mit dem eigenen Arbeitgeber aufgrund der IT-Fitness einer oder beider Parteien minimiert werden.

    Zur Technik: Mag sein, dass es ein speziell geeignetes Protokoll oder eine sonstige Technologie für die Erhebung von Umfragedaten gibt, dies ist mir nicht geläufig. Ich spiele IT-fitnessmäßig im oberen Mittelfeld, aber wenn man gegen (befürchtete) Abhörmaßnahmen und gezielt nach solchen Kündigungsgründen suchenden Vorgesetzten anstinken muss, sollte man schon auf Profis setzen.

    Abschließend möchte ich noch anmerken, dass ich mich durchaus von dem Fragebogen angesprochen fühle. Denn seit nicht wenigen Jahren stellen die Verlage immer weniger ein, und setzen verstärkt auf Freie. Die wollen ja auch bezahlt werden und stehen im Konkurrenzdruck zu PR-Texten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.