Nepper, Schlepper, Bauernfänger

Und wieder bin ich auf einen Artikel rund um die neuen Medien gestoßen, den ich ziemlich unverschämt finde. Über diesen Tweet wurde ich auf den Artikel „How to make money with Twitter“ von Mediadonis aufmerksam. Abgesehen davon, dass ich einen Nick wie Mediadonis für eher ungeeignet halte (in diesem Fall wegen eines scheinbar übermäßig ausgeprägten Selbstbewußtseins), ist der dahinterstehende Autor Marcus Tandler selbst Fachmann für Suchmaschinenoptimierung und ähnliches Online-Marketing. Er schreibt auf englisch, so ist anzunehmen, weil dann die mögliche Verbreitung seines Textes größer ist, also mehr potentiellen Benefit hat.

Im Artikel erklärt Tandler, wie man mit einfachen Mitteln und automatisierten Diensten schnell ein kleines Affiliate Marketing-Network aufbauen kann (oder sowas ähnliches) und so auf einfache Weise Provision für Verkäufe von irgendwelchem Zeug, mit dem man selbst nichts zu tun hat, abgreifen kann. Im Artikel benutzt Tandler als Beispiel das Thema Musik, Bands und den Verkauf von Klingeltönen.

Den Anlass für diesen Blogeintrag gab dieser Satz:

You will be amazed how many people (especially unexperienced!) will actually click on the link, and may even download the ringtone for a nice commission.

Ja toll. Ein Geschäftsmodell, das auf der Unerfahrenheit anderer basiert. Abgesehen davon, dass das schonmal grundsätzlich nicht besonders moralisch ist, ist es natürlich idiotensicher und zunehmend „in“ zur Zeit. Denn Unerfahrene wachsen ja nach (gerade als n00bs im Internet), sind leicht zu beeinflussen und überhaupt nur zu Klicken bzw. Wählen da.

Denkt man näher über die Sache nach, stellt man jedoch fest, dass die Wirtschaft eigentlich schon immer so funktioniert hat (ebenso die Politik). Stets wurden meist leere Versprechen gemacht und Dinge teurer verkauft als man sie eingekauft hat, denn „man muss ja auch leben“. Nicht erst seit kurzem ist es normal, dass noch ein fetter Gewinn „für die Rücklagen/das Unternehmen/die Anteilseigner“ obendraufgeschlagen wird, obwohl alle Beteiligten eigentlich schon längst gut leben. Die Gelackmeierten sind die Rohstofflieferanten (sie bekommen am wenigsten, haben aber die meiste Arbeit) sowie die Endverbraucher (sie müssen das alles bezahlen). Der Zwischenhändler selbst muss kaum was tun (er stellt nur das Gerüst, über das vertrieben wird) und verdient die meiste Kohle, und in den Fällen, in denen etwas aus den Rohstoffen produziert werden muss (Autobau usw.), werden die tatsächlich Arbeitenden (am Fließband) weniger gut bezahlt als der Handelszweig (die Manager, PRler, Key-Account-Leute usw.) desselben Unternehmens.

Beispiel Milchpreis: Letztes Jahr wollten die Bauern mehr Geld für ihre Milch bekommen und streikten, die Preise stiegen daraufhin an. Doch das zusätzliche Geld, das die sich informiert wähnende Bevölkerung bereitwillig „für die Bauern“ zahlte, ging natürlich nicht an die Bauern, sondern blieb bei den Lebensmitelkonzernen hängen.

Ganz ehrlich: Mich kotzt diese nichtmal ansatzweise beschämt versteckte Geldschneiderei der Gegenwart ziemlich an. Klar rennen alle Onliner mehr oder weniger auffällig den Klicks nach (ich überlege ja auch, ob ich Werbung in diesem Blog machen sollte, „für die Hostingkosten“), aber es ist das System, das so kaputt ist. Das System funktioniert ausschließlich auf der Prämisse, dass es Unerfahrene gibt, die ein Produkt kaufen, das sie eventuell gar nicht brauchen, und das dann auch noch zu einem Preis, der teurer ist als für „leben können“ nötig.

Nun will ich hier nicht den Erzkommunisten und Menschenfreund herauskehren, der die Arbeiter in den Himmel lobt, und ebensowenig will ich die Idee der freien Marktwirtschaft schlechtmachen. Aber ich will darauf hinweisen, dass meiner Meinung nach das Augenmaß, die Balance schon vor langer Zeit verlorengegangen ist. Moral und Anstand gelten heute wohl als antike, verstaubte Wertvorstellungen, die man heute wahrscheinlich sogar nachschlagen muss. Man muss sich auslachen lassen, wenn man eine Gelegenheit, Geld zu machen, nicht „mitnimmt“. Am treffendsten hat das Problem wohl Mahatma Gandhi umrissen, als er sagte:

Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier.

Wann immer ein Unternehmer etwas „optimiert“, „verbessert“, „effizienter macht“ und so weiter, dann tut er das für sich und seine Firma, nicht für die Welt, auf (und von) der er lebt. Ein Beispiel: Der aktuelle Werbespruch der Postbank lautet „Unterm Strich zähl ich„, was im Umkehrschluss bedeutet, dass alle anderen weniger zählen als man selbst. Und dieser Gedankengang hat in meinen Augen eine erstaunliche Ähnlichkeit zu „Unser Volk braucht Raum“, was sich ja auch als nicht so zukunftsfähig herausgestellt hat.

Solange das nicht grundlegend verstanden wird, werden es immer Wenige sein, die aus ihrer besseren Position (Bildung) mit mehr oder weniger aufwendigen Konstrukten die Masse der „Unerfahrenen“ zum eigenen Vorteil ausnutzt. In der Welt, in der ich leben möchte, helfen diese wenigen den Unerfahrenen, Erfahrene zu werden, und zwar nicht durch die beliebte „Aus Schaden wird man klug“-Methode. In meiner Welt würden Sportstadien nicht nach Sponsoren benannt, sondern nach Ausnahmesportlern oder anderen Honoratioren. In meiner Welt würde am Ground Zero kein neuer Businesstempel entstehen, sondern eine Begegnungsstätte der Weltreligionen, inklusive der Atheisten, mit denen ich am ehesten sympathisiere. (Im Mittelalter wurden ständig mächtige Kirchen gebaut, wieso entstehen heute keine schönen öffentlichen Bauten mehr, keine Wahrzeichen?)

Ich bin nicht der einzige, der das so sieht. Passenderweise denkt der ehemalige französische Außenminister Michel Rocard ganz ähnlich in dieser Sache, zumindest was die wegen Unwissenheit nicht löschbare Gier der Menschen angeht. Auch zeigen sich im Netz bereits erste Abnutzungserscheinungen dieser Geschäftsmodelle, so wird zum Beispiel der URL-Abkürzungsdienst tr.im geschlossen, weil die statistischen Daten über Trends sich nicht mehr gewinnbringend verkaufen lassen. (Nachtrag: oder doch nicht)

Für mich ist die Sache klar: In der Mündigkeit aller Mitglieder der Menschheit liegt die Herausfoderung, und die Mündigkeit ist kein Problem der Schichten. Siehe Zensursula und die Unwissenheit selbst beim Spiegel. Wer aus der Unmündigkeit anderer unverhältnismäßigen Gewinn zu schlagen versucht, handelt amoralisch. Wer die Unmündigkeit anderer erhalten will, handelt kriminell.

Um die verkorkste Einstellung der Gewinnmacher an einem Beispiel aufzuzeigen, eignet sich meines Erachtens der Begriff Benefit, hinter dem sie alle ja immer her sind. Meines Erachtens (7 Jahre Latein in der Schule) kommt Benefit von bonum und facere, also Gutes und tun. Nur, haben Gewinne, die einem sicherlich gut tun, noch mit Gutes tun zu tun?

9 Gedanken zu „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“

  1. Hallo, Julian.

    Du solltest aber schon wissen, dass Du dem Herrn Tandler das Geschäft noch deutlich leichter machst, wenn Du ihn, sogar unter diesem aussagekräftigen Titel “How to make money with Twitter” verlinkst.

    Grüße

    Frank

  2. Hallo Frank,

    Du hast natürlich Recht, das hatte ich in meinem Anfall von Weltschmerz übersehen. Andererseits bietet der Autor selber ja keinen Dienst an, zumindest nicht direkt in seinem Artikel, und mir kann’s nur recht sein, wenn möglichst viele Gewinnmacher hierherkommen, um zu lesen, dass die Medaille auch eine Kehrseite hat. Diese SEOs (zumdinest die mit den automatisierten Content-Schleudern) kommen mir vor wie eine Clique von Schulhof-Rowdies, die sich untereinander absprechen, um möglichst effektiv möglichst vielen „Opfern“ möglichst viel Milchgeld abzunehmen, völlig ungeachtet der Tatsache, dass das eigentlich unfair ist.

    Ich hab den Post mal wieder viel zu schnell geschrieben, merke ich gerade, das würde ich so „ungeschliffen“ sicherlich nicht in den Druck geben. Doch der Tenor wird klar, denke ich.

    Viele Grüße,

    Julian

  3. Kurz gefasst und schon seit langem in Spruchform gegossen: „Und ist der Handel noch so klein, bringt er doch mehr als Arbeit ein!.“ Also: Nix Neues unter der Sonne.

  4. ‚Man muss sich auslachen lassen, wenn man eine Gelegenheit, Geld zu machen, nicht “mitnimmt”.‘

    Absolut, zumindest wird man nicht mehr für ganz zurechnungsfähig gehalten!

    Gestern Abend war ich in unserem ersten Biergarten nach bayrischem Vorbild wo man an einem Stand des gude bayrisch‘ Bier holt und direkt nebenan die Brotzeit. Gemacht, getan. So hat sich’s zugetragen:

    (*Weizen gekauft*; *zum Brotzeitstand gelatscht, das Weizen auf den Tresen abgestellt, weil in dem Moment niemand am Stand war und Hände in die Hosentaschen gestopft*; *Brotzeitwirt kommt*)

    Ich: „Mahlzeit, ich nehm‘ bitte die Bratwurscht.“

    Verkäufer: „Kein Problem, ich mach’s grad heiß. Haben Sie schon unser Angebot gesehen?“

    I: „Welches Angebot?“

    V: „Wenn Sie zu der Wurst noch ein Bier kaufen, dann bekommen Sie Rabatt.“

    I: „Oh, das ist prima, dann mach ich das.“

    V: „Dann holen Sie sich ruhig nebenan beim Chef das Bier und lassen sich dort den Rabatt anrechnen.“

    I: „Mh, ich habe das Bier schon gekauft.“ *auf das Weizen auf dem Tresen zeig*

    V: „Ah so. Hm, dann gehen Sie ruhig trotzdem zum Chef und lassen sich das nachträglich vergüten.“

    I: „Ah was, das muss nicht sein. Ist schon okay so.“ *abgezähltes Wurschtgeld in die Hand drück’*

    V: *Brotzeitwirt guckt mich ganz verdutzt an und spricht mit leicht irritierter Stimme*
    „Aber wir haben das doch extra für die Kunden gemacht, lassen Sie sich das ruhig anrechnen.“

    I: „Ach was, ihr müsst auch leben.“

    Wie auch immer, die Preise sind okay, der Wirt ist nett, die Wurscht hat geschmeckt, das Bier gemundet, die Sonne schien mir auf den Pelz und ich war zufrieden. 😉

  5. @How to make money with Twitter | Internet, Online Marketing

    Habe bei Dir im Blog folgenden Kommentar abgegeben:

    Mir ist natürlich klar, dass ein automatisierter Twitter-Account mit Affiliate-Links dahinter kein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt. Ich wollte jedoch hochhalten, dass man eben nicht gezwungen ist, aus der Unerfahrenheit anderer Kapital zu schlagen. Ich zum Beispiel hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich wüsste, dass wegen meiner Provision täglich hundert Teenager irgendwo in Deutschland tierischen Anschiss von den Eltern wegen der Handyrechnung kriegen. Damit könnte ich einfach nicht leben.

    @Roger: Kannte den Spruch noch nicht, aber er passt!

    @Spaulding: Ja, so kann man sie alle verdutzen… Prost! (Biergarten mach ich auch bald mal wieder, gute Idee!)

  6. alles klar ihr gutmenschen. ich hoffe, dass Ihr euch auch nur halb soviel für charity-initiativen engagiert wie der Mediadonis. danach können wir dann ja mal sachlich über online-marketing diskutieren.

  7. Hallo klm,

    Du sitzt da einem Irrtum auf: Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Mediadonis in der engeren Wahl für den Friedensnobelpreis sein, das macht die Art von Geldschneiderei auf dem Buckel von Unerfahrenen nicht weniger ehrlos.

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