Sherlock Holmes

Als ich erfahren habe, dass Robert Downey Jr. den einzigartigen Sherlock Holmes in einer aktuellen Verfilmung verkörpern wird, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen, danach zu fragen, welche der vielen hervorragenden Geschichten mit dem Detektiv denn nun verfilmt würde. Die Antwort ist verblüffend einfach: Gar keine. Man hat einfach eine neue geschrieben.

Hier erstmal der Trailer:


Sherlock Holmes

Nun, wahre Holmes-Liebhaber sind ja geradezu gezwungen, sich über eine derartige Verfehlung zu empören! Als ob irgendein heutiger Autor auch nur annährend eine authentische Holmes-Geschichte zu Papier bringen könnte! Keine Chance! Und wie man ja im Trailer schon sieht, geht es mal wieder ganz Hollywoodlike mit ordentlich Wumms zur Sache, die halbe Welt ist ein Gefahr (einzelne Leben zählen wohl nichts mehr), und Holmes beeilt sich. Beeilt sich! Wie kann denn das passieren? Das passt so überhaupt nicht zu dem kühlen Denker. In einer der Geschichten zum Beispiel erhalten Holmes und Watson einen Hilferuf per Telegramm: Eine Frau auf dem Land ist sicher, bald ermordet zu werden. Da an diesem Abend kein Zug mehr aufs Land geht, gehen Holmes und Watson stattdessen ins Theater. Am nächsten Tag ist die Frau tot – ganz normal, es ging halt nicht schneller. Das ist Serlock Holmes! Der beeilt sich nicht, und rennt schon gleich dreimal nicht! Auch wenn Hollywood das gern so hätte. Also bin ich nun leider skeptisch, was diesen neuen Film angeht. Schade, hätte nicht so sein müssen.

PS: Außerdem bin ich vom Kongress zurück, wie man unschwer erkennen kann. Es war sehr arbeitsintensiv, hat aber auch eine Menge Spaß gemacht. Derzeit kämpfe ich mich gerade durch die Abrechnung, gar nicht so einfach, aus fast zwei Wochen alten ungarischen Kassenzetteln herauszulesen, was man eigentlich wo gekauft hatte…

6 Gedanken zu „Sherlock Holmes“

  1. Wie… Holmes rennt nicht? Kühne Behauptung.

    „Never have I seen a man run as Holmes ran that night. I am reckoned fleet of foot, but he outpaced me as much as I outpaced the little professional. In front of us as we flew up the track we heard scream after scream from Sir Henry…“ (Aus Hound of the Baskervilles)

    Und, „kühler Denker“:

    „He had uttered a cry and bent over the body. Now he was dancing and laughing and wringing my hand. Could this be my stern, self-contained friend? These were hidden fires, indeed!“ (Auch Hound of the Baskervilles).

    Will sagen: Steht alles so geschrieben. Holmes ist als exzentrischer Bohemien charakterisiert, der selbst für Watson voller Überraschungen steckt. (Sorry für das fly-by-posting. Bin Holmes-Liebhaber und kann diesen Film kaum erwarten, aber ich kann auch diese „aber das ist nicht der Holmes, den ich kenne“-Sprüche über den Trailer nicht mehr hören, äh lesen.)

  2. Hi ElenaC,

    es freut mich, einen echten Holmes-Kenner zu treffen! Ich selbst habe die Geschichten ja gelesen und genossen, aber als Fachmann würde ich mich selbst noch lange nicht bezeichnen. Nun hast Du sicherlich recht und Holmes rennt doch und zeigt in der anderen Szene Gefühle – mein Fehler.

    Doch finden sich in beiden Zitaten auch Hinweise darauf, dass es sich bei diesem Verhalten eben um Ausnahmen zur Regel handelt: „Never … as Holmes that night“ bzw. „Could this be my stern, self-contained friend?“.

    Hier bröckelt natürlich meine Argumentation gegen den Film, denn natürlich würde Holmes in einem großen Hollywoodfilm in eine derart prekäre Situation kommen, dass Rennen angesagt ist – doch wirkt das Verhalten von Holmes (zumindest) im Trailer eben nicht „stern“ und „self-contained“. Aber wie gesagt, ich bin ja nur skeptisch, noch stehe ich allen Möglichkeiten, wie sich der Film entwickeln mag, ja völlig offen und neutral gegenüber. Also: Mal sehen.

  3. @ Julian: Hö, Holmes-Kenner, nunja… Habe nur die Geschichten so oft gelesen, dass ich sie streckenweise auswendig kann, aber ob mich das zu einem „echten Holmes-Kenner“ macht…

    Was mich persönlich an diesem neuen Streifen interessiert, ist die Behauptung seitens der Macher (Ritchie, und auch RDJ und JL), dass sie direkt ans Quellmaterial gegangen sind und alle anderen Interpretationen ignoriert haben (also alle Schauspieler post 1910, die die Kalabasch-Pfeife, den Inverness-Mantel und den Deerstalker erst bekannt gemacht haben). Auch die Interpretation von Holmes als Beinahe-Vulkanier, der nie Gefühle zeigt, ist da erst entstanden. In den Geschichten zeigt Holmes andauernd Gefühle („…pacing the room in irrepressible excitement…“, „…wringing his hands in agitation…“, „…wriggling in his chair, as was his habit when in high spirits…“ usw). Watson erwähnt auch was von „mask of stoicism“ oder so ähnlich, aber meist im Zusammenhang mit einer heftigen Gefühlsregung. Wir haben alle Rathbone/Brett im Kopf, wenn wir an Holmes denken, aber in den Geschichten ist durchaus nicht der gelackte Gentleman beschrieben, sondern ein Pragmatiker, der sich schon mal mit einer Hausangestellten verlobt, wenn er dadurch Infos über seinen Gegner erhält. Das klingt schon recht James-Bond-mäßig.

    Mein Haupteinwand gegen den Film ist das unrasierte Kinn – Watson sagt über Holmes, er hätte eine „catlike love of cleanliness“. Aber auch das kann man wegargumentieren. Immerhin sehen wir Holmes nur durch Watsons Augen, und wären sie beide nicht fiktiv, sondern wahre Personen, würde Watson über seinen Freund sicher nicht die schlechten Eigenschaften wie „bad hygiene“ publik machen. Außerdem ist es realistisch für jemanden „who hates all forms of society with his whole bohemian soul“, dass er sich hin und wieder mal gehen lässt.

    Jedenfalls: bin schon sehr gespannt. Von dem Trailer kann man sowieso nicht auf den Film schließen.

  4. So, jetzt ist genau das eingetreten, was ich befürchtet hatte: Sherlock Holmes wird als „der neue Action-Hit mit Robert Downey jr.“ vermarktet. Hier ein Screenshot aus dem Newsletter von Kino.de, der auch folgende Formulierung enthält:

    „So haben Sie den braven Superdetektiv noch nie gesehen! Robert Downey jr. spielt Sherlock Holmes wie einen Rockstar: Sex, Drugs & jede Menge Action.“

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