Als Apple Computer heute vor 9 Jahren (!) den iMac DV einführte, ahnte wohl niemand (außer vielleicht Mr. Jobs selbst), welche Veränderungen die erste Verwendung eines Firewire-Ports in einem Heimcomputer für rund $1200 in den Medien hervorrufen würde. Plötzlich waren nämlich Hinz und Kunz in der Lage, digitale Videobearbeitung am heimischen PC vorzunehmen. Plötzlich schrumpfte der Preis für ein professionelles Schnittstudio von fünf- bis sechsstelligen Summen auf einen bezahlbaren vierstelligen DM-Betrag. Der Erfolg von YouTube und allen anderen privat gedrehten und geschnittenen Filmen wäre ohne diesen kleine Schritt der PC-Entwicklung nie möglich gewesen:

Auf der diesjährigen Photokina zeichnete sich eine ähnliche Revolution ab: Die Digitalen Spiegelreflexkameras haben das Filmen gelernt. Normale Consumer-Fotokameras können zwar schon eine ganze Weile filmen, doch hält sich die Bildqualität in Grenzen, was nicht zuletzt an den eher schwachen Objektiven dieser Kameras liegt. Nun entschlossen sich die beiden Branchenriesen Nikon und Canon, je eines ihrer Flagschiffmodelle mit einer Videofunktion auszustatten.

Nikon entschied sich dabei im Falle der D90 (12 Megapixel, ca. 970 Euro) für ein Videoformat mit 720 Zeilen, was zumindest von der Auflösung her dem mittleren HDTV-Format entspricht.

Den Oberhammer jedoch hat Canon mit der neuen EOS 5D Mark II (21 Megapixel, ca. 2500 Euro) gebracht: Abgesehen davon, dass die Kamera über einen Vollformatchip verfügt, der nicht nur eine höhere Bildqualität aufweist als die kleineren Chips, und dass man seine alten Objektive weiterverwenden kann, filmt die Kamera in Full HD-Qualität, also 1920 x 1080 Pixel mit der verlustarmen H.264-Komprimierung. Der Autofokus bleibt im Gegensatz zur Konkurrenz in Betrieb, auch lässt sich ein externes Mikro anschließen – mehr Vergleichsmomente hier. (PM hier)

Nun ist es also dem ambitionierten Laien erstmals möglich, für wenige Tausend Euro Videoaufzeichnungen in Kinoqualität herzustellen. Von der optischen Leistung her vergleichbar ist diese Kamera nur mit professionellen Filmkameras (digital oder analog). Jede Profi-TV-Kamera (und jeder Camcorder sowieso) dürfte gegen diese Leistungsmerkmale abstinken, da Helligkeitsempfindlichkeit und Objektive die Leistung der SLR-Kameras nicht erreichen. Und dass professionelle Filmkameras (digital oder analog) bei ganz anderen finanziellen Sphären losgehen, dürfte klar sein.

Es bricht also ein neues Zeitalter an: Wer bei der Filmhochschule abgelehnt wird, kann nun mit relativ geringem Aufwand einfach selber drehen. Dass eine Ausbildung dort keine zwingende Voraussetzung für Erfolg ist, haben Größen wie Steven Spielberg ja schon lange bewiesen. (Und dass eine Ausbildung dort noch lange kein kein Garant für Erfolg ist, lassen wir besser mal unter den Tisch fallen.)

Ich bin mehr als nur gespannt, welche ambitionierten neuen Projekte in Bälde entstehen werden und wann wohl die erste PV eines Filmes stattfinden wird, der mit einer digitalen Spiegelreflexkamera geschossen wurde. (Szenische Ausnahmen wie der Schießereischwenk in Matrix oder die Grubenfahrt in Indy II mal ausgenommen.) Man bedenke: Der oben erwähnte Full HD-Modus kommt schon ganz gut an die 2K-Auflösung heran, in der die Lord of the Rings-Trilogie für die Kinos ausbelichtet wurde:

About 3,100 shots (78% of the Super 35 film) were color graded at Colorfront in Wellington, NZ using 5D Colossus software after being scanned by an Imagica XE scanner full 2K resolution (2048*1536). The color-graded shots were then recorded on Kodak 5242 intermediate film by two Arri Laser film recorders at 10 bits per channel. Because only 78% of the film was digital, a digitally squeezed anamorphic print could not be made for the whole movie. Instead, the digital shots were recorded on an inter-negative hardmatted at 1.77:1, intercut with the non-digital original negative (which had been color timed by The Film Unit, NZ), and printed to 2.39:1 anamorphic Kodak film using an optical printer at Deluxe, LA. Fuji 3519-D was used for release prints.“ (via)

Was also gut genug für Peter Jackson ist, dürfte unsereins also keine Ausrede mehr bieten, keine guten Filme zu machen.

Der einzige Punkt, der mich jedoch ein wenig irritiert, ist die Haptik so eines Fotoapparates: Im Gegensatz zu einer Filmkamera kann man ihn schlecht ruhig auf der Schulter führen. Doch da man aber üblicherweise sowieso nur mit Stativ dreht (zumindest im Profibereich überwiegend), sehe ich da nicht wirklich ein Problem. Oder man hängt sie sich Hawaiihemd-Touristenmäßig um den Hals und ist sein eigenes Stativ. Dicke sind hier auch noch im Vorteil, weil der Bauch das Objektiv waagerecht hält… 🙂

Hier noch einige Beispielvideos. Man sollte im Hinterkopf behalten, dass man bei YouTube selbst viele Filme in höherer Qualität sehen kann, als sie beim Einbetten in Blogs wie diesen haben. Also, hier bitte:

Ein Introvideo der Nikon D90:

Ein Beispielvideo der Nikon D90:

Diese Flughafenimpressionen der Nikon D90 erinnern an nichts geringeres als Black Rain:

Die Amerikaner nehmen die Nikon D90 auf eine Radltour mit (besonders imposant die Ich-Perspektive ab 2:25):

Von der Canon EOS 5D Mark II gibt es noch nicht so viele Videos, da diese erst später vorgestellt wurde. Hier eine Demonstration, offenbar durch einen Canon-Angestellten:

Aber einen schönen Werbespot haben sie:

Und hier wenigstens noch ein (vom MacBook Pro) abgefilmtes Full HD-Demovideo.

Ich geh jetzt sabbern. Und sparen. Danke an Kollegen AF, der die Photokina besucht hat, dort die Signifikanz der Entwicklungen mit eigenen Augen sehen konnte, und berichtete.

4 Antworten zu “Photokina: Die zweite stille Consumer-Revolution”
  1. iStammtisch sagt:

    MobileMe gratis!…

    Naja, ganz so kann man das nicht sagen, aber mich hat es so in den Fingern gejuckt, eine reißerische Schlagzeile auszuprobieren.
    Ich bin nun endlich ohne Rechner, öh, also, ich meine, dass ich meinen Rechner endlich zum Richten gegeben habe. iStammti…..

  2. Alex sagt:

    „…wann wohl die erste PV eines Filmes stattfinden wird, der mit einer digitalen Spiegelreflexkamera geschossen wurde….“ Ich weiß, die Antwort ist nicht ganz im Sinne der Frage, aber meines Wissens nach war das der wunderbare Corpse Bride von Tim Burton, der komplett mit der Canon EOS 1D Mark II fotografiert wurde..
    Wie heißt es auf der Info-Seite von Canon dazu: „…Digital SLRs are not designed with movie production in mind…“
    Alex

  3. Julian sagt:

    Wie Du ja schon selbst sagst, ist das nicht ganz im Sinne der Frage, da es sich ja um einen Stop Motion-Film handelte (oder war es Go Motion?), was mehr unter Effekt als Dreharbeiten fällt. Wie sieht es denn bei Wallace and Gromit aus, die mussten ja auch irgendwie fotografiert werden…

    Aber dass Corpse Bride (über den bisweilen als Corpse Pride geschrieben wurde) komplett mit DSLRs geschossen wurde, finde ich schon ziemlich interessant! Wußte ich gar nicht…

  4. Filmjournalisten.de sagt:

    Großes Kino mit kleiner Kamera…

    Wie ich ja schon zur Photokina geschrieben habe, ist es nun möglich, für praktisch kein Geld HD-Videos professionell herzustellen. Da ein Bild mehr sagt als tausend Worte, hier 25 (oder 30?) Bilder pro Sekunde, gefunden bei Vincent Laforet. Danke OG!

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