Krabat

Die Pressevorführung zu Krabat fand bereits in der vorletzten Juliwoche statt, doch verbat mir eine Sperrfristklausel, vor dem 1. September darüber zu schreiben. Hier also eine Review aus dem Juli, auto-veröffentlicht zum September. Vielleicht bin ich zu diesem Zeitpunkt ja schon Lotto-Millionär und auf den Seychellen, während dieser Artikel hier brav online geht. Coole Vorstellung… (Nachtrag vom 1. September: War mal wieder nix…)

Dass Krabat eine absolute Pflichtlektüre für ältere Kinder und Jugendliche ist, steht außer Frage. Ebenso sollte jeder das Buch unbedingt gelesen haben, bevor er oder sie sich dieser oder jeder anderen Verfilmung hingibt.

Die Handlung ist hinreichend bekannt: Krabat, ein bettelarmer Junge von 14 Jahren, wird als Knecht bei einer großen, düsteren Mühle angenommen. Bald stellt sich heraus, dass der Müller nebenher auch noch Schwarze Magie unterrichtet, die anderen elf Knechte sind bereits seine Schüler. Krabat ist zunächst fasziniert von den Möglichkeiten, erkennt aber bald auch die Schattenseite der schwarzen Magie. Er stellt sich gegen den Meister, was nicht nur ihm das Leben kosten kann.

Technisch halte ich Krabat für einen der besten deutschen Filme der letzten Jahre. Bereits in der ersten Einstellung schweben computeranimierte schwarze Raben über einer kargen, winterlichen Landschaft. Die Raben sind perfekt animiert und verhalten sich wirklich so, wie man es von ihnen erwarten würde. Lediglich wirkten sie ein wenig ins Bild hineingesetzt, was aber auch an der Kopie für die Pressevorführung gelegen haben mag (die vielleicht noch „Work in Progress“ war). Doch die Eröffnung ist schonmal perfekt.

Die Kleidung der Darsteller ist ebenfalls fantastisch: Ein grindiger Umhang bedeckt Krabats Körper in den ersten Szenen (die eine Übernachtung ohne jegliches Feuer enthalten) nur spärlich, die Klamotten darunter ist die grobe und unregelmäßige, also in Handarbeit gewebte Kleidung armer Leute. Kein Wunder, dass die Leute damals gestorben sind wie die Fliegen.

Die Gesichter der Figuren sind den ganzen Film über dreckbeschmiert, wirken aber tatsächlich so, als sei dies während eines langen, ätzenden Tages passiert, die Finger sind schwielig und dreckig, die Fingernägel ein Graus. Gelbe Zähne (wenn überhaupt) und überall kleine Wunden, Abschürfungen, Risse und gerötete Stellen runden das Bild der allumfassenden Armut ab. Lediglich in den ersten Mühlenszenen war mir ein wenig zuviel Mehlstaub auf den Kleidern der Knechte. Ich raunte zu meiner Nachbarin, dass die wohl ein Leck im Mahlwerk hätten. Ich habe jedoch keine Ahnung vom mittelalterlichen Mahlen, und denke, dass der Materialverschleiß gewaltig gewesen sein muss.

Nur die Frauen, naja, zumindest Krabats namenlose Angebetete, sieht aus wie aus der Pro7-Märchenstunde. Das muss sie auch, denn wer sein Leben in so einem Dreck verbringt, auf den muss eine junge, hübsche Frau wirken wie ein Engel, der vom Himmel herabgestiegen ist. Einzig die Figur des Gevatters, einer mystischen, übernatürlichen Gestalt, ist mit einer grotesken Maske ausgestattet. Ich hätte ihn gar nicht gezeigt, so wie die Ringgeister beim Herrn der Ringe, oder unnatürlich bleich, aber nicht in einer Fratze wie dieser. Doch dies ist nur ein Wermutstropfen für mich.

Auch die Ausstattung ist fantastisch: Neben der wirklich düsteren Location der Mühle in einem abgelegenen Tal finden sich Wälder, Dörfer, Berge, die allesamt hervorragend ausgewählt bzw. erbaut wurden. Da stört es wenig, dass die Gräber der älteren Gesellen auf einem hochalpinen Plateau liegen, während von unten kein Berg weit und breit zu sehen ist. Die Wälder sind allesamt Monokultur, wie sie im frühen 18. Jahrhundert sicher fast nirgendwo anzutreffen waren. Doch gerade deswegen wirken sie sicher deutlich unheimlicher als ein gesunder Mischwald. Der Hof der Mühle ist, je nach Wetterlage, Schlamm von verschiedener Konsistenz. Auf alten Fotos sieht man manchmal, dass es in früheren Tagen tatsächlich so ausgesehen haben muss, auf mich wirkte dieser Schlamm allgegenwärtig. Als mir dann eingefallen ist, dass die alten Römer diesem Schlamm auch hierzulande durch großzügige Pflasterarbeiten Herr geworden sind, war ich ein wenig enttäuscht von unseren Vorfahren, die so vieles wieder vergessen hatten und deswegen nur noch im Dreck gewatet sind.

In der Mühle, die mit der größten Akribie gestaltet wurde, deutet nichts auf eine Beteiligung moderner Technik am Bau hin. Ich wiederhole: nichts! In vielen Filmen bemerke ich oft, dass Balken maschinell gesägt wurden, da sie ein ganz regelmäßiges Muster aufweisen, das auf einen maschinellen Vortrieb beim Sägeprozess hindeutet. Hier sind die Balken und Bretter nicht nur offenbar handgearbeitet, sondern auch noch wettergegerbt und augenscheinlich Jahrhunderte alt – oder diese Mühle steht echt irgendwo so herum. Die Treppenstufen sehen aus, als wären sämtliche besagten alten Römer einmal komplett über sie einmal hinauf- und wieder hinuntergeschritten. Die Abnutzung, wie man sie ja von den Türschwellen alter Kirchen kennt, ist geradezu genial: Selbst an der Stelle, wo die Treppe eine Kurve macht, sind die Stufen in einer Weise abgenutzt, die einem zeigt, dass hier Menschen über Jahrhunderte den Schritt mit dem Außenfuß auf die bequemer zu erreichende Außenkante der Treppenstufe setzten. Krabat ist voll von solchen Kleinigkeiten. Zäune aus Weidengeflecht, altes, schwarzes Stroh in den tieferen Schichten der Erde des Hühnerstalls, alles da. Fantastisch. So müssen Filme gemacht werden! Keine Kompromisse bei der Ausstattung, das ist schonmal ein sauguter Anfang.

Die Schauspieler legen sich gewaltig ins Zeug, um unauffällig zu sein. Damit meine ich, dass niemand auch nur versucht, sich an die Spitze zu spielen. Sämtliche Knechte, Mädchen und natürlich der Meister sehen wirklich so aus, als hätten sie gerade zwölf Stunden Getreide- und Mehlsäcke gewuchtet, bzw. einen echt harten Tag in jener Zeit verbracht. Gerade Daniel Brühl und Robert Stadlober halten sich zurück und lassen Krabat-Darsteller David Kross den Vortritt. Der macht seine Sache hervorragend, finde ich. Ich kenne seine anderen Arbeiten (bis auf Knallhart) nicht, daher kann ich nicht beurteilen, ob seine relativ stoische Mimik gespielt war oder so gewachsen ist. Egal, zu Krabat paßt’s.

Auch die Kameraarbeit ist dezent und unaufdringlich. Es gibt jedoch zwei nennenswerte Kameraspielereien: Der eine ist eine subjektive Aufnahme, wie sich eine Entität (im Film ist das deutlicher nachzuvollziehen, ich will das nicht verraten) in schneller Geschwindigkeit von außen durch die Türen der Mühle ins Innere, dann die Treppen hinauf bis zum Quartier der Gesellen bewegt, in etwa einem Reißschwenk vergleichbar oder einem dieser schnellen Zooms (= simulierter Fahrten) in manchen Western. Die zweite ist die Kampfszene, in der die Gesellen dem Dorf Schwarzkolm bei einer Auseinandersetzung gegen marodierende Soldaten beistehen. Regisseur Marco Kreuzpaintners Hauskameramann Daniel Gottschalk liefert hier offensichtlich eine Hommage an die Arbeit von Janusz Kaminski in Saving Private Ryan (oder John Mathieson im späteren Gladiator). Die genannten entschieden sich bei Schlachtszenen und Kampfgetümmel für extrem kurze Belichtungszeiten und möglicherweise eine etwas niedrige Bildfrequenz (z.B. 18 B/s statt 24 B/s, wie von Super 8 bekannt, dann aber wieder hochkopiert auf 24 B/s), was dem Kampf einen abgehackten Look gibt. Dieser Look, der vielen Discobesuchern in ähnlicher Form durch Stroboskop-Effekte bekannt ist, wirkt auf den Zuschauer ein wenig wie eine subjektive, aber traumatische Erfahrung, und vor allem wie erhöhte Aufmerksamkeit unter Adrenalin.

In epischen Schlachten, seien dies die Invasion der Normandie durch die Alliierten in Spielbergs Meisterwerk oder die Kampfkünste der römischen Armeen in germanischen Wäldern in Scotts Meisterwerk, oder auch bei gekonnt choreographierten Einzelkämpfen wirkt dieser Effekt geradezu mesmerisierend, weil er auf recht subtile und für den Zuschauer nicht sofort nachvollziehbare Weise die Aufnahme der Bildinformationen verändert. Im Falle von Krabat fürchte ich, gefällt mir der Effekt jedoch nicht besonders: Zum einen handelt es sich rein choreographisch um eine stümperhafte Schlägerei (die im Zusammenhang mit der Handlung auch durchaus in dieser Form berechtigt ist, handelt es sich doch um kampfunerfahrene Müllergesellen), zum anderen soll der recht grob eingesetzte und daher sehr gut zu erkennende Effekt wohl darüber hinwegtäuschen, dass wenig wirklicher Kontakt im Kampf passiert. Gut, die Zauberlehrlinge können mit ihren Stöcken berührungslos kämpfen, doch wird man den Verdacht nicht los, dass die Kampfszene einfach nicht so gut inszeniert wurde wie der Rest des Films. Im Grunde wirkt die Kampfszene sehr gestellt, die Stundleute fallen drehbuchgerecht vom Pferd, aber ein Kampf findet nicht wirklich statt, und der Zuschauer wird auch durch den Effekt nicht unbedingt davon überzeugt.

Die Spezialeffekte im Film können sich sehen lassen. Hierbei meine ich einen geisterhaften Auftritt, sämtliche Verwandlungen der Gesellen in Raben und zurück, eine Mehlstaubexplosion (die, meiner Feuerwehrerfahrung nach, wirklich echt realistisch aussieht – nämlich nicht übertrieben) und ein paar kleine magische Tricks. Nichts davon ist übertrieben, die Effekte wurden exakt so verwendet, wie sie gedacht sind: Zur Förderung der Geschichte, nicht zum Beeindrucken.

Nun zum Film selbst: Krabat ist leider nicht besonders spannend. Die düstere Stimmung ist gut eingefangen, aber der Konflikt von Krabat selbst bleibt mir zu sehr im Hintergrund. Die schon angedeutete emotionale Kühle der Schauspieler spielt hier gegen den Zuschauer. Wenn den Gesellen der Kragen platzt und sie endlich Gefühle zeigen (dürfen), ist der Film schon sehr weit fortgeschritten. Die zuvor herrschende Atmosphäre der Angst drückt meines Erachtens nicht intensiv genug. Auch ist die Geschichte natürlich nur stark gekürzt wiedergegeben. Daher schon der eingangs erwähnte Tipp, das Buch mit aller Gewalt noch vor dem Film zu lesen, falls dies nicht schon geschehen sein sollte.

Nichtsdestotrotz ist Krabat sicherlich ein (schon lange nötiger) Meilenstein des deutschen Kinos. Angefangen bei einem lokalen Thema aus der Gegend und Geschichte, schon vor langer Zeit in Romanform niedergeschrieben durch einen lokalen Autor, lokal verfilmt von einem lokalen Team – toll. Krabat kann sich sehen lassen, auch international.

Wer sich auf die Tatsache einläßt, dass Krabat für die Leinwand adaptiert werden musste, und dann auch noch mit den Erwartungen eines noch nicht so Kino-versierten Jugendlichen ins Kino geht, wird definitiv ganz großes Kino erleben.

Ganz ähnlich hat es auch Otfried Preußler empfunden, dessen Brief vom 15. Juli am 7. August an die Journalisten verschickt wurde.

3 Gedanken zu „Krabat“

  1. Lieber Julian, danke, dass du so ausführlich berichtet hast. Ich stimme dir eigentlich in allen Punkten zu, bis darauf, dass die Schauspieler zu wenig Emotionen zeigen. Der Film gefällt mir wirklich außerordentlich gut und meinen Freunden auch. Ich kann ihn nur empfehlen!

  2. Moin Julian,

    ich finde, du hast die Schwächen und Stärken des Filmes hervorragend getroffen. Auch ich kam aus dem Kino und hatte erstmal was zu meckern. Das Buch hatte mich (ich habe es selbst erst vor drei, vier Jahren gelesen) in aller Form Gefangen genommen und fasziniert, vor allem, weil es so unsagbar wenig deutsche Fantasy-Stoffe gibt. Das hat der Film leider nicht geschafft.

    Und dennoch mochte ich ihn sehr. Den Grund habe ich erst nach nochmaligem Sehen erfassen können: Er ist in allen Teilen seiner Geschichte, seinen Orten, seinen Figuren und deren Biografien immer treu und bleibt ehrlich und damit wahr. Und das ist Kreuzpaintners großes Talent. Wenn er in filmischer Form nichts hinzuzufügen hat, dann lässt er es bleiben.

    Nur so ist für mich auch der wundervolle Brief Preußlers zu erklären, der sein Werk angemessen umgesetzt sah. Das, bei aller Kritik, finde ich nach wie vor auch!

  3. Ja, ich finde, Krabat ist eine Art „würdige Parallelversion in Filmform“. Ich denke, wenn man einen Film als auf ein Buch folgend betrachtet, dann kann man nur enttäuscht werden. Wenn man aber den Film als alternative Erzählform einer Geschichte zuläßt, dann kann der Film auch seine ihm eigenen Stärken ausspielen. Da Bücher natürlich weit anregender sind als Filme es je sein können (beim Lesen benutzt man immer sein Hirn, im Kino kann man sogar schlafen), hat ein Film natürlich immer einen schlechten Stand, wenn der „Empfänger“ schon das Buch kennt. Man muss von diesem Toleranz erwarten dürfen, aber darf auch bei der Verfilmung nicht am Anspruch sparen.

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