Die Angst reist mit

Heute mal ein paar Worte etwas abseits vom Filmjournalismusthema, aber dafür zu einem der wichtigsten Themen überhaupt: Die Zukunft des Planeten.

Was bisher wohl nur Science Fiction-Lesern aufgefallen sein dürfte, ist, dass die Welt dieser Tage erstmals vor der kompletten Zerstörung stehen könnte. Ich spreche nicht von Umweltverschmutzung und Klimaverschiebung, ich spreche nicht von Verwüstung und Unbewohnbarkeit, sondern von der kompletten Vernichtung.

Die Wissenschaft steht derzeit nämlich davor, erstmals sogenannte Schwarze Mini-Löcher zu erzeugen, und zwar im Large Hadron Collider in Genf. (Hadron, nicht Hard-On…) Diese kleinen schwarzen Löcher stehen ihren natürlichen Verwandten physikalisch in nichts nach, sind aber wesentlich kleiner. Sie können aufgrund der im Teilchenbeschleuniger verwendeten Massen nur so groß werden wie Elementarteilchen, während die frei im Weltraum befindlichen nachgewiesenen schwarzen Löcher ab ca. 30 km Durchmesser haben. Die Frage, die uns auf den Nägeln brennt: Sind diese Schwarzen Mini-Löcher nun gefährlich?

Was der Laie über (normale) schwarze Löcher wissen sollte, ist schnell gesagt: Schwarze Löcher bestehen aus so viel Materie, dass deren Anziehungskraft (die ja von der Masse der Materie abhängt) so gut wie gegen unendlich geht. Die Gravitation eines schwarzen Loches ist so groß, dass selbst Licht oder andere Arten von Strahlung ohne Reflektion darin verschwinden. Dadurch ist ein einzelnes schwarzes Loch in der Lage, komplette Himmelskörper, Sonnensysteme oder gar ganze Galaxien nach und nach „aufzusaugen„. Schicke Hollywood-Explosionen gibt es (außer Röntgenstrahlung) keine, weil die Anziehungskraft ja so groß ist, dass nichts mehr zurück nach „außen“ dringt. Alle Masse wird ihr Ende wahrscheinlich eines Tages in einem schwarzen Loch finden, und wer weiß, vielleicht gibt das dann einen neuen Urknall. (Der letzte Satz ist reine Spekulation meinerseits.)

Bei Wikipedia findet sich die folgende, einfachere Definition:

Als Schwarzes Loch bezeichnet man ein astronomisches Objekt, dessen Gravitation so hoch ist, dass die Fluchtgeschwindigkeit für dieses Objekt ab einer gewissen Grenze, dem Ereignishorizont, höher liegt als die Lichtgeschwindigkeit.

Der Ausdruck „Schwarzes Loch“ wurde 1967 von John Archibald Wheeler geprägt und verweist auf den Umstand, dass auch elektromagnetische Wellen, wie etwa sichtbares Licht, den Ereignishorizont nicht verlassen können und es einem menschlichen Auge daher vollkommen schwarz erscheint.

Kaum waren die Wörtchen „schwarzes Loch“ im Zusammenhang mit „in einem Teilchenbeschleuniger erschaffen“ zum ersten Mal gefallen, galoppierten die Vorstellungen der Menschen dahin. Der amerikanische Physiker Walter L. Wagner erhob sogar Klage gegen die Inbetriebnahme des LHC (geplant für den 10. September 2008), um die Versuche zu stoppen, bis mehr Informationen über die Sicherheit und die Wahrscheinlichkeit der Bildung von schwarzen Löchern vorliegen. Diese Klage wurde gerade abgewiesen. Auch das P.M.-Magazin hat einige Befürchtungen:

Nun, ich bin selbst kein Physiker und trotz persönlichem wissenschaftlichem Interesse bei weitem nicht belesen und bewandert genug, um mir ein ernsthaftes Urteil erlauben zu können. Möglicherweise ist die Forschung mit dem LHC völlig ungefährlich. Möglicherweise entstehen solche Schwarzen Mini-Löcher und zerfallen nach einem kaum messbaren Sekundenbruchteil wieder zu Energie. Möglicherweise haben Walter Wagner oder pessimistischere Schwarzmaler aber auch Recht, und am 10. September geht die Welt unter, und zwar ungefähr so, wie dieses Video hier ausmalt:

Ich möchte hier im Blog auch gar nicht diskutieren, was nun am 10. September passieren könnte, denn ich bin zu keiner qualifizierten Aussage fähig, und ich nehme an, dass es dem größten Teil der Leserschaft ebenso geht. (Ich persönlich denke allerdings, dass nichts passieren wird und wir alle munter weiterleben werden.)

Aber ich möchte darauf hinweisen, dass der technologische Fortschritt der Menschheit sich nun langsam in eine Größenordnung entwickelt, die bald keine Fehler mehr zuläßt.

Was heute noch als unbegründete Angst von meist ungebildeten Paranoikern abgetan werden kann (früher die unbegründete Angst vor dem zu schnellen Reisen mit der Eisenbahn, heute zum Beispiel, dass genetisch veränderte Nahrungsmittel im Menschen Mutationen auslösen werden – puleeezeee!), wird bald ernsthaft bedacht werden müssen. Zwar werden die Einwände von ungebildeten Paranoikern auch in Zukunft keine weitere Beachtung finden, doch stößt auch das politische System an seine Grenzen.

Würde zu jeder noch so kleinen Entscheidung frei demokratisch abgestimmt werden (können), würde die Welt nicht mehr funktionieren. So würde zum Beispiel jeder, der einen Lottojackpot nicht gewonnen hat, dafür stimmen, dass der Gewinner diesen mit allen anderen teilen muss. Hemmungslose Demokratie führt also zu purem Kommunismus. Auch das berühmte T-Shirt mit dem Aufdruck „Filmmaking is not a democracy“ bringt die absolut notwendige Hierarchie an einem Set herrlich auf den Punkt.

Das Fazit ist einfach: Wenn jeder überall mitreden darf, geht nichts mehr vorwärts.

So wie heute die Politiker uns unwichtiges Volk wie Vieh lenken, hegen, pflegen und melken, so wie Wirtschaftsgrößen den Lauf der Kapitalwirtschaft und somit unser täglich Brot bestimmen, so arbeiten Wissenschaftler direkt und ohne Zwischenschritt an der Zukunft.

Nur: Politische Entscheidungen können meist rückgängig gemacht werden. Raffgierige, unfähige Manager können gefeuert werden. Doch echt grobe Schnitzer der Wissenschaft können ab einer bestimmten Entwicklungsstufe einer Zivilisation tatsächlich planetarische Folgen bis hin zur absoluten Vernichtung des Heimatplaneten haben.

Manch Science Fiction-Autor erwähnt gerne süffisant im einen oder anderen Nebensatz, dass diese oder jene Rasse von Außerirdischen (oder eben auch die Menschen) ihre eigene technologische Entwicklung überlebt hat. In dem Moment, in dem Antimaterie, schwarze Löcher oder ähnliche Technologien greifbar werden, liegt es an Vernunft und Vorsicht der anderen Disziplinen (Politi, Wirtschaft, Moral…), die Forschung auf eine sichere Weise zu ermöglichen und Großmachtsgedanken (Drohgebärden durch Aufrüstung) zu unterdrücken.

Eine hochinteressante Situation, wie ich meine. Nun (oder ab den nächsten, noch gefährlicheren Forschungsprojekt) hängt es von Moral ab, nicht mehr von Forschungswillen oder Geld, wie es mit uns weitergeht auf unserer Kugel hier im All. Die Menschheit ist nun gezwungen, erwachsen zu werden. So langsam. Nennen wir diese Situation doch einfach den ersten Pickel der Pubertät.

Dazu gehört innere Größe:

Diese wichtigste aller Disziplinen der Menschheit (ohne die Wissenschaft wären wir sicherlich nicht „sapiens“) ist nun also, wie gesagt, an einem kritischen Punkt angekommen: Nun darf es bei manchen Forschungsprojekten keine Fehler mehr geben. Die Physik darf keine „richtigen“ schwarzen Löcher erschaffen, die Genetik darf kein widerstandsfähigeres Ebola-Virus erschaffen, die anderen Disziplinen dürfen ebensowenig diese individuelle Grenze überschreiten.

Laien dürfen sich nicht mehr anmaßen, überall mitzuentscheiden, nur weil sie ja auch da sind. So wenig, wie der Passagier mit einem unguten Gefühl im Bauch jederzeit das Flugzeug verlassen darf, so wenig darf Otto Normalverbraucher dem Kernphysiker dreinreden. Er trägt sein Geld ja auch auf die Bank und findet die lahmen Zinsen fürs Festgeld okay, während die Bank selbst mit dem Kapital die fünffache Rendite einfährt.

Auch mich schmerzt es bei dem Gedanken, mein gefühltes Mitbestimmungsrecht an allen Belangen des Planeten nicht auszuüben, nicht gefragt zu werden. Aber ich überlasse die Entscheidung der Medikation ja auch dem Arzt, wenn ich krank bin. Der ist sozusagen die Werkstatt für meinen Körper. Ich selbst sitze nur am Steuer.

Also lassen wir die Jungs und Mädels in Genf machen, was sie studiert haben und hoffen, dass sie Recht behalten. Sorgen wir dafür, dass die Zukunft nicht allein den wirtschaftlichen Interessen weniger dient, sondern uns allen. Sorgen wir dafür, dass die Politik stimmt und Friede herrscht. Wir sollten stets bei unseren Leisten bleiben, auch wenn der Ritt bisweilen gefährlich werden kann. Wir sollten beiseite stehen und diesen weltgeschichtlich einmaligen Moment beobachten, mit dem vollen Wissen, was theoretisch passieren könnte, aber auch mit der Gewissheit, dass die schon wissen, was sie tun.

Denn wenn Politik und Wirtschaft man wieder fett Scheiße gebaut haben und man plötzlich doch noch retten will, was noch zu retten ist, ist es mal wieder die Wissenschaft, die unseren Arsch retten wird.

CERN stellt sich vor:

Zur weiteren Info hier noch eine innovative Video-Hausaufgabe zu schwarzen Löchern, hier eine kleine, nicht unbedingt aufwendige P.M.-Doku zu schwarzen Löchern, eine BBC-Doku zum LHC sowie ein beunruhigender Beweis, dass man auch in der Nachbargalaxie eines schwarzen Loches nicht unbedingt sicher ist, und dann noch diese Doku über supermassive Schwarze Löcher.

Das tolle an dieser Situation: Wenn wir in knapp zwei Wochen alle sterben sollten, gibt’s eh keine Diskussionen mehr…

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